Zeitung Heute : Hypochonder sind bodenständig

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Der Psychiater und Verhaltenstherapeut Gernot Langs arbeitet seit zehn Jahren mit Hypochondern. Seit fünf Jahren ist er Oberarzt in der Klinik Bad Bramstedt.

Dr. Langs, wer kommt in Ihre Klinik ?

Unsere Patienten kommen aus ganz Deutschland, vor allem aber aus der Nordhälfte und dem Osten der Republik. Besonders häufig suchen uns Herzphobiker auf. Im Gegensatz zum eher sorgengeplagten Hypochonder überfallen ihn die Angstzustände panikartig. Viele unserer Patienten leiden aber auch unter der Angst vor Krebs oder vor der schleichend verlaufenden Multiplen Sklerose. Die BSE-Angst dagegen ist seltener geworden, da in den Medien weniger darüber berichtet wird. Auf unserer Station sind Männer und Frauen etwa gleich häufig vertreten. Sie kommen aus allen Einkommens- und Bildungsschichten und sind zwischen 25 und 45 Jahre alt. Bei älteren Menschen hat die Furcht vor Krankheiten meist eine andere Ursache: Depressionen, die eine ganz andere Behandlungsform erfordern.

Neigen fantasievolle Menschen eher zur Hypochondrie?

Nein, das konnte ich nicht beobachten. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Meist handelt es sich um rational denkende, bodenständige Menschen, die den Beruf eines Technikers oder Buchhalters ausüben und nicht etwa den eines Malers, Schriftstellers oder Entertainers.

Wie gehen Sie bei der Behandlung vor?

Wir stellen zunächst fest, woran der Patient leidet und untersuchen ihn genau auf die Krankheit, die er zu haben glaubt. Wenn wir eine körperliche Ursache ausschließen können, beginnen wir schließlich, mit dem Patienten nach anderen Erklärungsmodellen zu suchen. Was könnte also diese Bauchschmerzen noch hervorrufen? Dabei soll der Patient wieder eine Sache lernen: dass Zwicken und Zwacken zum täglichen Leben gehört. Eine vollkommene Beschwerdelosigkeit gibt es nämlichnicht.

Haben Sie sich dennoch nicht gelegentlich ein Lächeln verkneifen müssen?

Nein, ich lache zwar gern, aber niemals über meine Patienten, sondern höchstens mit ihnen. Im Laufe der Therapie kommt das vor – etwa wenn ich einem Patienten einen Artikel über Darmkrebs aushändige und ihn frage, für wie wahrscheinlich er es hält, dass das Lesen dieses Artikels bei ihm Darmkrebs verursacht. Dann erhalte ich als Antwort meist ein Lachen.

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