Zeitung Heute : "I love you" verursachte Schäden in Milliardenhöhe. Die Versicherungen zahlen nur einen Teil

Raoul Fischer

Die neuen Varianten des Internetvirus "I love you" heißen "Funny News" oder "Joke". Um einen Witz handelt es sich dabei allerdings nicht. Jedenfalls um keinen zum Lachen für die Internetbenutzer, die am Donnerstag und Freitag auf die Botschaften hereingefallen sind. Allein der E-Mail-Virus "I Love you" hat nach Schätzung von EDV-Spezialisten weltweit mindestens drei Millionen Rechner befallen. Darunter die Computersysteme der Expo 2000 und großer Unternehmen wie Siemens oder Microsoft. Wie hoch der Schaden ist, ist noch nicht abzusehen. "Es übertrifft alles bisher Dagewesene", sagte ein Sprecher der Virenschutzfirma Symantec einen Tag nach dem ersten Auftreten des Schädlings. Weltweit seien 90 Prozent aller Unternehmen betroffen.

Dabei besteht der eigentliche Schaden weniger im Verlust der Daten, als darin, dass durch die Funktionsstörung im Computer stundenlang nichts mehr geht. Die Versicherungswirtschaft sieht Schadenersatzansprüche auf sich zukommen. "Wie hoch, können wir noch nicht genau sagen", erklärt Norbert Graser von der Tela Versicherung. Bei Gerling in Köln rechnet man dagegen mit keinen größeren Forderungen. "Wir bringen eine Versicherung gegen Schäden durch Hacker erst nächste Woche auf den Markt", sagt Gerling-Sprecher Christoph Groffy.

Ein Fall für neue Versicherungen

"Man konnte sich bisher schon gegen Viren versichern", sagt Sigfried Brockmann, Sprecher des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Aber nur für den Fall, dass Daten zerstört oder unbrauchbar gemacht würden. Durch das Virus "I love you" sei aber vor allem eine Funktionsstörung bewirkt worden. "Das wird zwar immer im Einzelfall entschieden", sagt Brockmann, "aber eigentlich ist es die gleiche Sachlage wie beim Jahr-2000-Problem".

Wenn der Computervirus in einer Flaschenabfüllanlage das Kühlsystem lahm gelegt hat und dadurch eine Brand entstanden ist, dann müssten Versicherungen zahlen. "Hat es nur einen Verdienstausfall gegeben, zahlen Versicherungen nicht", sagt Brockmann. Es sei denn, der Kunde hat sich gegen einen Ertragsausfall durch Software-Schäden versichert. "Das bieten aber bisher nur einige Unternehmen an", sagt er. Eigentlich gelte das Prinzip: Für Schäden haftet der Verursacher. "Aber von dem wird ja nichts zu holen sein", vermutet der GDV-Sprecher.

Inzwischen wird als Urheber des "I love you"-Virus ein 23-jähriger Philippiner verdächtigt. Der Programmierer des Virus habe zwei E-Mail-Adressen der Firma Supernet verwendet. Ein Sprecher der Firma SKYInternet sagte, offenbar habe derselbe Mann bereits zuvor versucht, in ihre Computer einzudringen. Dem 23-Jährigen sei am 1. April der Zugang anhand seiner Telefonnummer in Manila gesperrt worden. Der Adressinhaber sei sehr geschickt vorgegangen, sagte der Supernet-Sprecher. Er habe sich Benutzerkennungen von verschiedenen Internet-Anbietern illegal angeeignet. Es sei deshalb sehr schwer gewesen, ihn zu orten. Hinweise auf seine Identität sollen aus Gesprächsforen (Chatrooms) im Internet gekommen sein. Aus philippinischen Polizeikreisen verlautete, die philippinische Bundespolizei habe inzwischen auf Bitten der US-Bundespolizei FBI Ermittlungen aufgenommen. Das FBI hatte schon am Donnerstag die Ermittlungen zu dem Computervirus aufgenommen. Nach dessen Informationen hatte der nicht nur weltweit unzählige E-Mail-Server blockiert, sondern sogar in den Systemen des Weißen Hauses, im Pentagon, in Senat und Kongress für Störungen gesorgt.

Das FBI ermittelt, das BKA nicht

Auch in Deutschland ist in vielen Bundesbehörden der E-Mail-Verkehr lahm gelegt worden. Das Bundeskriminalamt ermittelt allerdings noch nicht. "Bisher ist nicht bekannt, dass eine Staatsanwaltschaft den Auftrag dazu erteilt hat", sagt BKA-Sprecher Dirk Büchner. Die Behörde könne aber erst dann tätig werden, wenn ein solcher Ermittlungsauftrag vorliege. Und auch in Berlin hält man sich an das Tatortprinzip: "Das Verbrechen ist ja nicht in unserem Bereich verübt worden", sagt ein Polizeisprecher.

Bundesinnenminister Otto Schily hat bereits im Februar eine Task-Force eingesetzt, die "das Bedrohungspotenzial klären soll und Maßnahmen zur besseren Bekämpfung derartiger (Hacker-)Angriffe vorschlagen und koordinieren soll", heißt es in einer Mitteilung des Hauses. In Deutschland müsste ein Täter mit Konsequenzen rechnen. Das reicht von Schadensersatz bis Freiheitsstrafen. "In diesem konkreten Fall können wir nichts sagen, weil wir keine Informationen haben", sagt eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums.Mehr Informationen im Internet

Beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik unter www.bsi.de

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