Zeitung Heute : IBG: Diener vieler Herren

Ralf Schönball

Mindestens vier Milliarden Mark frisches Kapital benötigt die Bankgesellschaft Berlin. Davon braucht sie rund zwei Milliarden für die Immobilien- Bau- und Managementgesellschaft der Bankgesellschaft Berlin, kurz IBG. So geriet die IBG bei der Suche nach Verantwortlichen für die Misere ins Kreuzfeuer der Kritik. Zuletzt mit einer Gerüchte-Kampagne gegen deren ehemaligen Chef Manfred Schoeps. Bei der Suche nach Verantwortlichen für das Desaster des Bankenkonzerns bietet sich die IBG als Opfer vorzüglich an. Doch das täuscht darüber hinweg, dass das Immobilienimperium ein politisches Instrument war. Es erlaubte dem jeweiligen Senat, ehrgeizige Entwicklungsprojekte durchzusetzen. Die IBG diente ferner den Teilbanken der BGB als Auffangbecken für faule Kredit-Engagements.

Politische Visionen. Anfang der Neunziger Jahre hatte Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) große Pläne. Berauscht von den Prognosen der Wirtschaftsforscher - Berlin werde sich zu einer Metropole wie London und Paris entwickeln - plante er neue Siedlungen am Wasser. In Spandau und auf der Halbinsel Stralau sollten mehrere Tausend Wohnungen entstehen. Auch private Investoren mit eigenem Kapital hoffte man zu gewinnen. Planung und Entwicklung der Siedlungen übernahm eine IBG-Gesellschaft im Auftrag des Senats. Sie gehört zu den Immobilien-Töchtern des Bankenkonzerns.

Doch die Champagnerlaune verflog, Berlins Bevölkerung nahm nicht zu, sondern ab. Deshalb war auch der Bedarf nach Wohnungen gering. Als erste standen Immobilien leer, die in weiter vom Zentrum entfernten Gebieten wie den Wasserstädten liegen. Dennoch wurden die ehrgeizigen Planungen weitergeführt. Aufgrund der politischen Vorgaben errichtete die Bavaria Wohnungen, die keiner mieten wollte. Dass die Bankentochter Geld für aussichtslose Projekte auftreiben konnte, war einem wirkungsvollen Werkzeug zu verdanken: den Geschlossenen Immobilienfonds. Zwischen ertragreichen Wohnungen, Kaufhäusern und Seniorenstiften fielen die problematischen Immobilien der Wasserstädte weniger auf. So konnte das tatsächliche Ausmaß der wirtschaftlichen Pleite an der Wasserstadt Oberhavel kaschiert werden.

Erst mit dem Beginn der Affäre um die Bankgesellschaft Berlin wurden die Folgekosten des Projektes deutlich. Obwohl das Land Berlin insgesamt 900 Millionen Mark in die Wasserstadt Oberhavel als Fördermittel pumpt, wird das Bauprojekt die Landesbank Berlin zur Abschreibung von vermutlich 30 Millionen Mark zwingen. Diese Summe ist bei der Gesellschaft GEG aufgelaufen, an der das Land mittelbar beteiligt ist. Bei den Fonds der IBG stehen ein Drittel der Wasserstadt-Wohnungen leer. Das kostet.

Politische Lösungen. Zu Mauerzeiten musste sich das Land Berlin um den Bau von Wohnungen zu bezahlbaren Preisen selber kümmern. Dazu bezahlte der Senat Zuschüsse an Bauträger und setzte Wohnungsbaugesellschaften ein. Zu ihnen gehörte auch die Arwobau. Einige Jahre nach dem Fall der Mauer wurde die Arwobau zum Sanierungsfall. An die Öffentlichkeit gelangte dies nicht. Denn die Rettungsaktion für die angeschlagene Gesellschaft führte die IBG-Gruppe durch. Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahme wurden erst jetzt bekannt: durch den Bankenskandal. In einem Schreiben an den Chef des Bankenkonzerns Wolfgang Rupf halten die Gutachter der BDO-Warentreuhand fest, dass bei der Arwobau rund 111 Millionen Mark Verluste drohen. Schon zuvor musste die Immobilien-Tochter der Bank weitere rund 69 Millionen Mark zur Seite legen, um vorzusorgen für die bei der Arwobau drohenden Risiken.

Ab Mitte der neunziger Jahre forderte der CDU-SPD-Senat von seinen Wohnungsbaugesellschaften Sonderausschüttungen. Mit diesem Geld sollten die landeseigenen Gesellschaften ihren Beitrag zur Sanierung des Berliner Haushaltes leisten. Doch die Wohnungsbaugesellschaften verfügten nur in wenigen Fällen über genug Kapital, um den Forderungen des Finanzsenators nachzukommen. Deshalb mussten die Unternehmen ihre Wohnungen verkaufen. Interessenten waren teilweise schwer zu finden. Denn die Mieter landeseigener Wohnungen genießen einen besonders guten Schutz vor Kündigungen und Mieterhöhungen. Viel Mieterschutz, bedeutet wenig Gewinn-Aussichten und daher geringes Interesse privater Investoren an den Immobilien. Die IBG musste einspringen. Die Bankentochter erwarb Wohnungen von den Berliner Wohnungsbaugesellschaften Stadt und Land, Gehag und Hellersdorf. Kostenpunkt: mehrere hundert Millionen Mark.

Partei- und Personal-Politik: SPD. In der Baupolitik herrschte in den Neunziger Jahren Kontinuität. Wolfgang Nagel war ab 1989 Chef der im Berlin-Boom wohl mächtigsten Behörde der Stadt: dem Bausenat. Zu den Staatssekretären von Wolfgang Nagel zählte Hans Görler. Nach seinem Ausscheiden aus dem Senat wechselte er in die Wohnungsbaugesellschaft Gehag. Später ging er zur IBG. Dort brachte er es zum Geschäftsführer. Er schied im März diesen Jahres aus. Ebenfalls in den Reihen der IBG-Gesellschaften ist Günter Fuderholz. Auch er kommt aus der SPD-geführten Bau-Behörde und war dort als Abteilungsleiter tätig unter Wolfgang Nagel. Als Nagel 1996 als Bausenator zurücktreten musste, war die Position des ausgewiesenen Wohnungsbauexperten und SPD-Mitglieds geschwächt. Schoeps warb ihn ab. Einen neuen Schreibtisch fand er bei der IBG-Tochter DSK. Zum Kreis um Hans Görler zählt auch Reiner Nittka. Er wurde Prokurist bei der Bavaria. Ausgeschiedenen Staatssekretären boten IBG und Wohnungsbaugesellschaften vielfältigte Beschäftigungsmöglichkeiten.

Partei- und Personal-Politik: CDU/CSU. Auf Wolfgang Nagel folgte Jürgen Klemann als Bausenator. Auch der CDU-Intimus von Eberhard Diepgen bediente sich der IBG-Tochter Bavaria. In diesem Fall für eine lautstark angekündigte "Bauausstellung". Kurze Zeit später blies Klemann das Projekt ab. Die IBG blieb auf Planungskosten sitzen. Nachdem Klemann seinen Posten 1999 an Peter Strieder abgeben musste, wechselte er in den Vorstand der Gehag. In die ehemals landeseigenen Gesellschaft gelangte er dank des Landes Berlin, dem die Gesellschaft zu 25 Prozent gehört und das über eine Sperrminorität Entscheidungen blockieren kann.

Dem selben politischen Lager gehört IBG-Chef Manfred Schoeps an. Er ist Mitglied der CSU. Klaus Landowsky, ehemals für Immobilien im Konzern der Bankgesellschaft Berlin zuständig und Berlin-Hyp-Chef, ist CDU-Mitglied. Schoeps und Landowsky traten bei den Jahrespressekonferenzen der Immobilien-Tochter des Berliner Bankenkonzerns als Gespann auf. Die Frage nach parteipolitisch durch Landowsky beeinflusste Entscheidungen weist Manfred Schoeps von sich und verweist auf die Besetzung maßgeblicher IBG-Stellen mit SPD-Mitgliedern.

Der IBG-Chef brauchte Kontakte in beide Parteien hinein. In die SPD, wenn sie den Bausenator stellte. In die CDU, wegen der von Landowsky gesteuerten Immobilien-Interessen der Bankgesellschaft. So kam die IBG bei Pleiten von Stadtentwicklungen wie beim Landsberger Tor in Marzahn zum Einsatz. Dort sollten Wohnungen in großer Zahl entstehen. Als mehrere Bauträger in die Knie gingen, sprang die IBG ein. Die CDU wiederum bediente sich des Unternehmens, um faule Kredit-Engagement zu sanieren. Der Fall Aubis ist das Paradebeispiel. Aber auch Projekte des Bauträgers Porsch musste die IBG für die Berliner Bank sanieren: eine Wohnungsanlage in Stahnsdorf.

Schoeps sagt: "Wir sind bei verschiedenen schwierigen Projekten als Feuerwehr aufgetreten und haben Strukturpolitik gemacht." Dies sei zwar nicht sehr ertragreich gewesen, doch habe es immer zu der Besonderheit der IBG-Gruppe gezählt.

Die Bank profitierte nach einem Gutachten der BDO-Warentreuhand aber auch von Finanzierungen. Die Prüfer stellten fest, dass die Teilbanken des Konzerns Kredit-Verträge mit der IBG auffallend schleppend bearbeiteten. Zum Vorteil der Bank: In dieser Zeit kassierte sie die höheren Zinsen für die Zwischenfinanzierungen. Das verbesserte ihre Bilanz, schwächte aber die der IBG. Da alle Unternehmen unter einem Dach standen, war dies so lange nicht von Belang, wie die Risiken bei der IBG nicht auftauchten.

Die Finanzierung war nicht die einzige Einnahmequelle aus den IBG-Geschäften für die Banken. Sie profitierte auch, indem sie höhere Provisionen für den Verkauf der Fondsanteile einstrichen als andere Vertriebspartner. Außerdem erhielt die Landesbank Berlin Gebühren für eine so genannte Treuhandschaft.

In diesem Spannungsfeld zwischen den Interessen des Bankenkonzerns und den politischen Begehrlichkeiten versuchte die IBG die Risiken über die Fonds zu verteilen. So enstand ein Rückstellungsbedarf in Höhe von rund zwei Milliarden Mark. Dieses Geld reicht, um die garantierten Renditen auch dann noch zu zahlen, wenn alle Immobilien aller Fonds etwa ein Jahr völlig leer stehen. Ein undenkbarer Fall. Gelingt dagegen weiterhin ein vernünftiges Fondsmanagement, dann kann die Bank die Milliarden irgendwann wieder als außerordentliche Erträge verbuchen. Ob das Geldhaus dann aber noch Berlin gehört, ist heute völlig offen.

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