Zeitung Heute : ICANN: Einer wird gewinnen

Markus Ehrenberg

Man könnte Fallschirmspringen wie Möllemann. Billig-Benzin an Tankstellen verkaufen wie die CDU. Oder Tanzen beim Rockkonzert wie Boris Jelzin. Wer Wahlen gewinnen will, schreckt vor nichts zurück. Alles ist erlaubt. Hauptsache, es bringt Stimmen und Aufmerksamkeit. Auch bei Wahlen im Internet?

Drei Deutsche haben zur Zeit gute Chancen, Europa-Direktor bei einer Internet-Regierung namens ICANN zu werden - wenn sie die erste weltweite, politische Abstimmung per Mausklick bestehen. Um "Internet-Minister" zu werden, müssen über 70 000 Wähler überzeugt werden - in einem virtuellen Wahlkampf, der auch bei Tagesspiegel online läuft.

ICANN, I can, mitwählen, gewählt werden - so das flotte Motto der Internet-Abstimmung. Aber lohnt es sich überhaupt, in eine Organisation gewählt zu werden, deren Struktur bislang so demokratisch war wie die Wahl des IOC? Noch ist das 1998 gegründete Kontrollorgan nicht mehr als eine zentrale Verwaltungsbehörde mit Sitz in Kalifornien, die das technische Herz des Internets beherbergt: einen zentralen Rechner, auf dem das Internet-Adressensystem verwaltet wird. Hauptaufgabe der "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers" ist die Vergabe der Top-Level-Domains wie .com, .org oder .net. Darüber wachen 18 Direktoren, allesamt aus dem politisch-industriellen Bereich. Von demokratisch legitimierter Regierung kann da noch keine Rede sein. Vertreter aus der weltweiten Community? Fehlanzeige.

Ein Hacker und eine Politologin, beide aus Berlin, wollen das ändern, wollen in die ICANN-Spitze gewählt werden. Sie haben sich bei mehrwöchigen Vorwahlen im Internet durchgesetzt und betreiben seit kurzem virtuellen Wahlkampf für die endgültige Abstimmung zwischen dem 1. und 10. Oktober: Andy Müller-Maguhn, Pressesprecher vom Chaos Computer Club, und Jeanette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

Mit dem Straßen-Wahlkämpfer Möllemann haben die beiden Berliner Kandidaten wenig gemein. Und mit Fallschirmen und Billig-Benzin lockt man sowieso keinen Surfer hinter seinem Computer vor. Den interessieren ganz andere Fragen. Plötzlich soll es demokratisch werden im herrschaftsfreien Raum Internet. Zwei im Internet gewählten Anwärtern (Müller-Maguhn und Hofmann) stehen fünf von der ICANN nominierte Kandidaten gegenüber. Nur einer kann europäischer Direktor werden.

Im Prinzip rührt diese ICANN-Wahl an das Selbstverständnis des Internets und seiner Benutzer, an die Grundfrage von Regellosigkeit und Einflussnahme, von Macht und Ohnmacht, von Geld und freier Web-Szene. Von daher wird es spannend, wenn ein Telekom-Manager mit dem Hacker und der Politologin konkurriert, der seine Kandidatur der ICANN verdankt: Winfried Schüller.

Wie fährt man dem Telekom-Mann in die Parade? Wie erzielt man Aufmerksamkeit und Stimmen im Netz? Die 70 000 bei der ICANN eingetragenen Internet-Wähler sind gesichtslose Masse. Denen kann man nicht so einfach mit seinem Fallschirm vor die Nase springen. Die Werbetrommel wird im Internet gerührt. Auf Mailing-Listen wie fitug.de, einem virtuellen Forum, auf dem sich die Kandidaten per E-Mail vorstellen. User fragen - ihr Kandidat antwortet: Wie sieht die Zukunft des Internet aus? Wieviele Adressen-Endungen wie .sex brauchen wir noch? Ist das Internet überhaupt regierbar? "Dieses Forum ist eine Art Stiftung Warentest für uns", sagt Jeanette Hofmann, die bei diesen virtuellen Kontakten fleißig Wahlkampfpunkte sammelt.

Im Gegensatz zu Bürgergeschenken an der Zapfsäule sind solche Netz-Aktionen billiger Wahlkampf. Richtig teuer wird es für die drei erst mit dem ICANN-Amt. Dann heißt es: flexibel sein, auch im Minister-Job, ohne Gehalt übrigens. Es warten Tagungen und Reisen nach Nordamerika, Japan, Australien, die teilweise selbst finanziert werden müssen. "Das klingt abenteuerlicher, als es ist", wiegelt Jeanette Hofmann ab. Warum sich die Politologin das alles antun will, erklärt sie auf ihrer Homepage: "Die Schnittstelle zwischen Technik und Politik im Internet ist seit 1994 mein Forschungsthema. Jetzt ist es Zeit, den Beobachterposten zu verlassen, damit die privaten Nutzer ihre Rechte an der Netzinfrastruktur geltend machen können. Dazu müssen sie sich in der ICANN besser organisieren."

Auch Winfried Schüller rückt sich im Web ins rechte Licht. Auf seiner Homepage plädiert er für ein "konstruktives Miteinander von Industrie und Nutzer". Weiter wimmelt es von Begriffen wie Meinungsfreiheit, Säulen der Kommunikation und Gleichberechtigung - die Homepage als Wahlplakat. Das erinnert ein wenig an das Blabla der politischen Parteien im Wahlkampf. Und hat wohl auch mit der Ungewissheit zu tun, was denn die neue Internet-Regierung wirklich ist und tun kann. Vielleicht hat Andy Müller-Maguhn deswegen keine Homepage. Ob es ihm schadet?

Kaum. Den Ausschlag geben die 70 000 Netz-Wähler in der übernächsten Woche. Deren Herz dürfte auf der Seite der Hacker schlagen. Winfried Schüller tritt bei der ICANN-Wahl zwar als "Privatmann" an. Die Telekom hat aber zugegeben, ihrem Manager "jede Unterstützung" zukommen zu lassen. Das mögen die Netz-Bewohner nicht.

Was aus der Internet-Regierung werden soll, was die Kandidaten wollen, darüber kann man sich am Montag ein eigenes Bild machen. Die drei Deutschen tragen ihren Wahlkampf auf Tagesspiegel online aus, in Zusammenarbeit mit kulturserver.de: der Hacker, die Politologin und der Telekom-Mann in einem Streitgespräch, das ab 15 Uhr live im Netz übertragen wird.

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