Zeitung Heute : Ich bau mir ein Schloss

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Am meisten Angst hatte ich, bevor Noah geboren wurde, vor Bauklötzchen. Ich muss dazu sagen, dass ich zu Bauklötzchen ein gestörtes Verhältnis habe, das mir wohl meine Mutter in die Wiege gelegt hat. Meine Mutter hasste es, mit uns Kindern Bauklötzchen zu spielen. Sie fand es einfach langweilig, und das machte ihr ein höllisch schlechtes Gewissen. Ich selbst hatte als Kind kein besonderes Interesse daran, also nahm ich ihr die Sache nicht übel. Im Gegenteil: Als ich Teenager war und meine Mutter mir ihre kleine Schwäche gestand, wurde das B-Wort zwischen uns zu einer Art Code. Bauklötzchen standen in unseren Augen für unemanzipierte Frauen. Ich wollte viel vom Leben, einen spannenden Beruf, einen Mann, Freunde, die Welt sehen, alles Mögliche, sehr entfernt dachte ich auch schon immer an ein Kind. Ein Kind, das Bauklötzchen hasst.

Ich gehörte nie zu den Frauen, die entzückt aufschreien, sobald ihnen ein Kinderwagen vor die Füße fährt. Ich konnte nie verstehen, wenn andere Frauen in Ekstase versetzt wurden von schokoladenverschmierten Kindermündern und -händen; ich dachte meist bloß: Hoffentlich bleibt das Kind, wo es ist, meine Hose ist frisch gewaschen. Wenn ich einem Sechsjährigen begegnete, fragte ich mich oft, was ich mit ihm reden sollte. Ich hatte nur die diffuse Ahnung, dass ich mich mit der Frage „Und, wie gefällt es dir in der Schule?“ nicht beliebt machen würde. Von Babys hielt ich mich meist fern. Ich dachte, ein Baby müsste sowieso anfangen zu schreien, wenn man es einer fremden Frau, noch dazu einer wie mir, in die Arme legt.

Ich fand mich mit Kindern einfach ungeschickt, und manchmal zweifelte ich daran, ob ich für den Mutter-Job überhaupt geeignet war. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Angst, dass Kinderkriegen ansteckend ist, dass man, sobald man einem Kind zu nahe kommt, sofort auch eines haben will. Vermutlich habe ich in einem unvorsichtigen Moment doch einen Blick zu viel in Richtung der Kinderwagen geworfen. Die ersten Freunde bekamen Babys, ich wurde Tante und merkte: Kinderkriegen ist ansteckend.

Als Noah neun Monate alt war, fragte mich Frau M., seine Tagesmutter, was sie ihm zu Nikolaus schenken könnte. Vielleicht ein paar Bauklötzchen? Ich sagte Ja, und ich glaube, meine Stimme hat nur ein ganz klein wenig gezittert. Ich dachte wohl, es sei nun an der Zeit, diesen Schritt im Leben von Mutter und Kind zu gehen. Noah wusste zunächst nichts Rechtes mit seinem Geschenk anzufangen, also zeigte ich ihm, wie das geht. Inzwischen konstruiere ich große Schlösser, futuristische Meisterwerke der Baukunst, die ich am liebsten bei einem Architektenwettbewerb einreichen würde. Vielleicht könnte ich, wenn mir für diese Kolumne mal nichts mehr einfällt, sogar eine zweite Karriere als Architektin starten, wenn nicht Noah meine pompösen Bauten nach jeweils zwei Minuten mit einem jubelnden „Aaaaaah“ abreißen würde. Manchmal, wenn ich wieder an etwas ganz Großem dran bin, versuche ich, Noah mit ein paar Klötzchen abzuspeisen. Ich sage: Guck mal, mit denen musst du spielen, drehe ihm den Rücken zu und mache mich an die Arbeit. Wenn er sich meinem Werk nähert, zische ich: „Ach Mensch, jetzt lass mich doch mal…“

Kinderhaben, ein bisschen ist das die Rückkehr der eigenen Kindheit und auch die Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen. Vor kurzem kam Noahs Patenonkel zu Besuch. Er stand in der Tür mit einer neuen Lego-Grundplatte und grinste. Guckt mal, ich hab uns was mitgebracht.

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