Zeitung Heute : „Ich bin der Liebling der polnischen Frauen“

Zwischen Polen und Deutschen gibt es vor allem Vorurteile und Missverständnisse. Steffen Möller kann das alles erklären: Es geht um Politik, Wurst und Achselhaare.

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Steffen Möller, 36, ist der einzige deutsche Fernsehstar in Polen. Er moderiert dort Shows wie „Wetten dass...“, und in einer Seifenoper gibt er den trotteligen deutschen Bauern. Nebenbei tourt er als Kabarettist durchs Land. Möller studierte Philosophie und ging vor zwölf Jahren als Deutschlehrer nach Warschau.

Interview: Stefanie Flamm Herr Möller, Sie sind der bekannteste Deutsche in Polen, noch berühmter als Franz Beckenbauer …

. .. aber leider nicht so wie der Papst. Ich glaube, Benedikt XVI. ist im Moment der allerberühmteste Deutsche in Polen ...

… und gleich danach kommen Sie. Die Seifenoper des polnischen Fernsehens „M jak Milosc“ – L wie Liebe – in der Sie seit vier Jahren den glücklosen deutschen Bauern Stefan Müller spielen, hat märchenhafte Einschaltquoten von 30 Prozent. Spüren auch Sie die aktuelle Verstimmung zwischen beiden Ländern?

Im Alltag merke ich von diesen Querelen nichts. Ich arbeite ja jeden Tag mit Polen zusammen, und die hätten genug Gelegenheit, an mir ihre Wut auszulassen. Ich habe in den letzten Jahren nur einmal etwas von Missstimmigkeiten mitbekommen. Kürzlich ging es um eine Kampagne von Mediamarkt, die sofort zurückgezogen wurde. In dieser Werbung sah man Polen an der Kasse stehen und der deutsche Geschäftsführer hatte die Panik: „Oje, die wollen sicher wieder alles klauen!“ Nein, die Polen im Spot sind begeistert, wie billig es im Mediamarkt ist. „Hier brauchen wir gar nicht zu stehlen“, sagen sie. In der nächsten Einstellung steht der Geschäftsführer dann ohne Hosen da. Diese Werbung hat in Polen große Empörung verursacht.

Dieser Ärger ist nicht bis Deutschland vorgedrungen. Auch die Debatte über die Vertriebenenausstellung in Berlin wird vor allem in Polen geführt.

Diese Ungleichgewicht ist der Wahnsinn. Erika Steinbach von der CDU zum Beispiel ...

... die Initiatorin der Vertriebenenausstellung ...

... gilt in Polen als wichtigste deutsche Politikerin nach Angela Merkel. Mir glaubt kein Mensch, dass viele Deutsche gar nicht wissen, wer Frau Steinbach ist. Es ist eben so, dass die Polen sich viel mehr mit Deutschland beschäftigen als umgekehrt. 25 Prozent aller Polen haben dort Verwandte, fast alle kennen jemanden, der da arbeitet. Doch welcher Deutsche arbeitet freiwillig in Polen? Das Land hat das schlechteste Image von allen in Europa.

Polen ist einer der größten Wachstumsmärkte in Europa, die Wirtschaftsleistung nimmt jedes Jahr um mindestens fünf Prozent zu. Der Zloty gilt im Moment als stabilste Währung in der EU …

… und Warschauer Shopping-Malls sind auch viel besser als in Berlin. Es weiß nur keiner. Ich merke das an meinen deutschen Freunden, die kommen mal, wenn sie in Deutschland keine Karten fürs Rolling-Stones-Konzert gekriegt haben und in Warschau gibt’s noch welche. Sie sind total überrascht, wie lebendig und modern dieses Land ist.

Als Sie vor zwölf Jahren kamen, war Polen dunkel, arm und rückständig. Was hat Sie daran fasziniert?

Wer sich Anfang der 90er Jahre für Mitteleuropa interessierte, ging nach Prag oder Budapest, weil es dort so schön ist. Aus Trotz habe ich einen Polnischkurs in Krakau belegt. In Warschau war ich anfangs Deutschlehrer am Österreichinstitut, in den letzten fünf Jahren hatte ich dann nur polnische Arbeitgeber. Darauf bin ich ziemlich stolz.

Was gefällt Ihnen an den Polen?

Ihre Offenheit und ihr Humor. Die Deutschen lächeln nicht und wollen keine Witzchen im Alltag, höchstens wenn sie sich eine Karte fürs Kabarett gekauft haben. Ich fühle mich da mittlerweile richtig fremd. Kürzlich, am Bahnschalter, hatte ich wieder so eine Begegnung: Ich hatte mir Geld aus dem Automaten gezogen, das ziemlich frisch aussah. „Gerade selbst gedruckt“, sagte ich zu der Bahnangestellten. Die Frau hat dann jeden Schein einzeln begutachtet. Das ist doch nicht zu fassen!

Eine Polin hätte anders reagiert?

Sicher, sie hätte gelacht oder einen blöden Spruch gemacht. Als ich endlich im Eurocity nach Warschau saß, habe ich mich richtig befreit gefühlt. Es war wahnsinnig heiß im Speisewagen, der Schaffner riss fluchend alle Fenster auf: „Das ist die Klimaanlage der polnischen Bahn!“ Die Polen haben diese wunderbare Alltagsironie.

Davon merkt man auf der politischen Ebene rein gar nichts: Staatspräsident Lech Kaczynski sagt ein Treffen mit Merkel ab, weil ihm eine Glosse in der „taz“ nicht gefallen hat – und deren Autor wird vom Präsidenten wegen Beleidigung verklagt. Das Stadtmuseum Warschau muss auf Druck von oben Exponate aus der Vertriebenenausstellung zurückbeordern, weil das Leiden der Polen im Zweiten Weltkrieg angeblich nicht gebührend gewürdigt wird.

Die meisten Polen finden das übertrieben. Die Absage des Besuchs bei Merkel wurde in Polen so scharf kommentiert wie noch nie das Verhalten eines Politikers. Alle sieben Außenminister, die das Land seit ’89 hatte, haben den Präsidenten in einem offenen Brief gerügt. Doch in Deutschland tut man so, als würden alle Polen sein Verhalten gutheißen.

Er ist der gewählte Präsident des Landes – und sein Zwillingsbruder Jaroslaw ist Regierungschef.

Er wurde aus innenpolitischen Gründen gewählt. Die Polen hegen ein Misstrauen gegen ihre Politiker. Wie in allen postkommunistischen Ländern denken sie, dass die sich doch alle nur bereichern. Die Kaczynski-Zwillinge gelten als Sheriffs, die hart durchgreifen. Ihnen nimmt man den Kampf gegen die Korruption ab. Sie leben sehr bescheiden, und das ist im Land ganz wichtig: Sie haben prinzipiell etwas gegen Eliten.

Der Journalist Adam Soboczynski schreibt im Buch „Polski Tango“, die Polen litten an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland, weil es ihnen immer größer und mächtiger vorkommt.

Viele leiden darunter, dass die Deutschen ihnen mit so einem onkelhaften Ton begegnen. Der äußert sich in tausend Kleinigkeiten. So hat sich beispielsweise noch kein deutscher Politiker richtig laut über Polen geärgert. Die Menschen haben deshalb das Gefühl, sie würden behandelt wie der kleine Junge, den keiner ernst nimmt.

Merkel hätte nach der Absage des Treffens in Weimar gleich den polnischen Botschafter einbestellen sollen und sagen: So nicht!

Vielleicht wäre das besser gewesen. Die deutsche Gelassenheit empfindet man hier als Geringschätzung. Es hat ja in Deutschland auch niemand begriffen, warum die Kaczynskis im Wahlkampf eine Kommission bestellt haben, die zusammengerechnet hat, was die Deutschen im Krieg zerstört haben und wie hoch eine eventuelle Reparationsforderung ausfallen müsste.

Polen hat 1958 offiziell auf Reparationen verzichtet.

Sicher, als Deutscher greift man sich da an den Kopf. Es sind 60 Jahre vergangen, Willy Brandt ist niedergekniet, und es ist viel passiert. Doch die Kaczynskis haben damit auf die Forderungen der Preußischen Treuhand reagiert, die Leute vertritt, die ihre Güter in Polen zurückhaben wollen.

Die Kaczynskis reagieren auf Ambitionen von Privatleuten, die in der Bundesregierung wenig Unterstützung genießen. Wieder so ein Missverhältnis.

Meine Theorie ist: Die Zwillinge haben das Gefühl, dass erst sie das wahre Polen repräsentieren, das bisher immer betrogen wurde. Von den Kommunisten, auch von den ersten Nachwenderegierungen. Vor allem Leszek Balcerowicz, der Anfang der 90er Jahre Finanzminister war und die Privatisierung der Wirtschaft eingeleitet hat, steht am Pranger. Heute ist er Präsident der Nationalbank. Die Zwillinge wollen überprüfen, ob sich damals jemand bereichert hat. Das ist Wildwest-Stil. Diese Kommission gefährdet das polnische Wirtschaftswachstum enorm. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo ich arbeite, ist es auch ganz extrem. Dort wurde innerhalb von Monaten der gesamte Fernsehrat ausgetauscht und sämtliche Chefs. Und überall werden neue Leute installiert. Es gibt schon eine Form der inneren Zensur. Bei uns im zweiten Programm darf das Wort „kleinwüchsig“ nicht mehr benutzt werden, weil es als Witz über die Kaczynskis verstanden werden könnte.

Und da soll man sich keine Sorgen machen? Selbst der liberale polnische Soziologe Pawel Spiewak warnt: Die größte Gefahr, die von den Kaczynskis ausgehe, liege in ihrer Radikalität, in ihrer Unfähigkeit zum Kompromiss.

Ach, das halte ich für übertrieben. Die Zwillinge sind ein Jahr nach ihrer Wahl noch im revolutionären Rausch, vieles wird sich abschleifen.

Jetzt reden auch Sie onkelhaft.

Ja, das ist der Wahnsinn, wie schnell man da reinrutscht. Über Franzosen würde man nie so reden.

Ihnen nimmt man das offensichtlich nicht übel. Die Leute verehren Sie, auch hier im Warschauer Café Bristol. Jetzt kommt schon wieder einer an den Tisch, der Ihnen die Hand schütteln will …

Das erlebe ich ständig. Letztens setzte sich ein Mann in der Straßenbahn zu mir. Er sagte, dass sein Vater Zwangsarbeiter war und dass er mit einem absoluten Deutschenhass aufgezogen wurde. „Aber seit ich Sie im Fernsehen sehe, habe ich meine Meinung geändert.“ Es ist fast paradox, dass ich gerade von Leuten aus der Kriegsgeneration oft angesprochen werde. Mir gefällt es, wie offen die Menschen sind. Im Zug, wenn die Passkontrolle kommt, ist das besonders lustig. Die deutschen Zöllner kennen mich natürlich nicht, die Polen sagen gleich: Möller, lass den Pass stecken.

Wie erklären Sie sich Ihre Beliebtheit?

Die Leute spüren, dass ich Polen wirklich mag und die polnische Sprache. Sie zischt so schön und ist wunderbar schwierig, wie Latein. Es gibt sieben Fälle, zwei Verbalaspekte und 870 Ausnahmen. Außerdem finden sie meinen Akzent süß.

Es ist vermutlich der gleiche Akzent, den die deutschen SS-Offiziere im Historienfilm spielen.

Nicht ganz. Mir wurde vor kurzem von einem bekannten polnischen Schauspieler, Radoslaw Pazura, gesagt, dass er erst durch mich kapiert hat, wie ein Deutscher Polnisch spricht. Die deutschen Soldaten im Film wurden ja immer von polnischen Schauspielern synchronisiert, und die haben den Akzent völlig albern karikiert. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass jedes Klischee zwei Seiten hat. Es gibt diese Karikatur vom Deutschen mit Stahlhelm und SS-Uniform. Aber es gibt auch ein viel älteres, positives Deutschlandbild. Gerade die Westdeutschen werden doch sehr bewundert, weil sie so ordentlich, so verlässlich und so gut organisiert seien. Wenn ich in meiner Kabarett-Show in Warschau erzähle, dass es auch bei uns Korruption gibt, der Kölner Sumpf ist ja nur ein Beispiel, sind die Leute ganz enttäuscht. Was, es gibt Korruption in Deutschland!

Die Figur, die Sie in „L wie Liebe“ spielen, passt weder auf das eine noch auf das andere Klischee. Der Bauer Stefan Müller ist eher lebensuntüchtig.

In der Serie bin ich ein Pechvogel, aber sehr hilfsbereit. Wenn im Dorf einer krank wird, bringe ich ihn mit meinem Mercedes zum Arzt. Der Mercedes muss doch sein, und einen Hund habe ich auch, aber keinen Schäferhund, einen Retriever. Am Anfang waren die Bauern im Dorf gegen mich, weil sie dachten, ich will ihnen das Land wegkaufen, doch dann haben sie begriffen, dass ich meinen Kartoffelacker nur gepachtet habe. Außerdem geht es nur um Liebesgeschichten, da klappt bei mir nichts. Die erste Frau ist mir am Traualtar abgehauen, die zweite hat mich auch schon verlassen, weil sie sich emanzipieren wollte und nach Warschau gezogen ist. Ich war der ein bisschen zu soft, zu langweilig.

Ein deutscher Frauenversteher.

So kommt, ganz indirekt, in Polen durch, dass sich seit 1968 bei uns einiges geändert hat.

Dieser Typ gefällt den Polinnen offenbar nicht so gut.

Doch, ich bin der Liebling der polnischen Frauen. Weil ich so soft bin, nicht trinke, nicht schlage, immer allen helfe. Tja, und dann gilt man eben schon als naiv. In der aktuellen Staffel hat mein Alter Ego Stefan Müller ein Pub aufgemacht und seine Kellnerin geheiratet. Doch die polnische Damenwelt macht sich schon wieder Sorgen um mich. Es besteht der Argwohn, dass diese Ela nur mein Geld will. Manchmal, wenn ich beim Metzger einkaufe, raten mir ältere Damen: „Sie könnten ruhig mal härtere Töne anschlagen, das würde nicht schaden.“

Apropos hartes Wort. Harald Schmidt hat man seine Polenwitze lange sehr übel genommen. Dürfen Sie in Ihren Kabarettshows welche erzählen?

Natürlich. Wollen Sie einen hören?

Gerne.

Im Himmel soll ein neues Tor gebaut werden. Petrus holt in ganz Europa Kostenvoranschläge ein. Ein Italiener sagt, das kostet 900 Millionen. „Warum so teuer?“, fragt Petrus. Ganz einfach, sagt der Italiener. „300 Millionen für das Material, 300 Millionen Arbeitskosten und 300 Millionen für mich.“ Dann fragt Petrus den Deutschen. Der will 1,5 Milliarden. Warum so teuer? „500 Millionen für solides deutsches Material, 500 Millionen für solide deutsche Arbeit und 500 Millionen für mich.“ Der Pole verlangt 3,9 Milliarden. „Eine Milliarde für Gott, eine für Petrus, eine für mich. Und für 900 Millionen macht der Italiener die Arbeit.“

Gibt es auch für Sie in Polen Tabus?

Ja, drei. Ich arbeite gerade an einem Buch, das soll im Herbst erscheinen und „Polen kann man mögen“ heißen. Da versuche ich mich an einem. Die polnischen Frauen. Die Polen sind der Meinung, sie hätten die schönsten Frauen der Welt. Nicht durch Zufall wird hier im Herbst die Miss World gekürt, das Land hat sich sehr intensiv um diesen Wettbewerb beworben. Ich sage aber: Sicher, ihr habt schöne Frauen, aber die deutschen sind auch ganz hübsch. Und sie rasieren sich sogar, oh Wunder, unter den Achselhöhlen.

In Polen geht man davon aus, dass sie das nicht tun?

Die achselbehaarte Deutsche ist ein ganz altes Bild. Ich glaube, das kommt noch aus der Vorkriegszeit. Die deutsche Frau gilt in Polen als eine, die putzt, die Früchte für den Winter einweckt, ihr Brot selber bäckt, aber keine Ahnung von Lippenstift hat.

Sie kämpfen also gegen Windmühlen?

Diese Windmühle tue ich mir an, zwei andere umgehe ich lieber: den Papst und die polnische Wurst. Über den neuen Papst darf man wieder lachen, der ist ja Deutscher und war, haha, in der Hitlerjugend. Sein Vorgänger Wojtyla ist dagegen heilig. Und dann ist auch noch die polnische Wurst sehr heilig. Die Polen glauben nicht nur, dass sie die schönsten Frauen haben, sondern auch die beste Wurst der Welt. Das stimmt nun gar nicht. Aber das gestehe ich nur hinter vorgehaltener Hand: Deutsche Wurst und deutsches Brot sind besser.

Abgesehen von Brot und Wurst, was stört Sie hier?

Der Handkuss, für mich wirkt das wie die reine Schleimerei. Es fällt mir schwer, darin nur eine Höflichkeitsform zu sehen. Dabei gefällt mir die polnische Höflichkeit an sich sehr gut, sie ist so schön altmodisch. Wenn Sie hier zur Rushhour in eine rappelvolle U-Bahn kommen, sind garantiert immer ein paar Plätze frei. Warum? Weil die Leute häufig zu zweit oder zu dritt in die Bahn steigen und es ein Unding wäre, wenn sich nur einer setzen könnte. Deshalb stehen lieber alle.

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