Zeitung Heute : Ich bin Deutscher Der Autor Axel Hacke ist hier zu Hause

– das ist nicht immer ganz leicht. Warum er den Sound des Deutschen trotzdem mag.

Axel Hacke

„Was ist deutsch? An dieser Frage können sich Akademien übers Wochenende zergrübeln – und ich verstehe das auch. Warum fragt man immerzu: Was ist deutsch? Weil man es nicht weiß! Die Frage ist nicht erst für uns aktuell, sie ist es seit Jahrhunderten.“

Als ich geboren wurde, war der Krieg gerade elf Jahre vorbei. Man sah seine Folgen noch überall.

Ich fing Frösche in kreisrunden Teichen im Wald. Diese Teiche waren von britischen Bombern angelegt worden. Sie waren trichterförmig. Über dem Wald hatten die Bomber jene Last abgeworfen, die sie über der Stadt nicht losgeworden waren und nicht wieder mit zurücknehmen wollten. So erzählte man es mir.

Ich spielte mit Kindern, die mit ihren Eltern in engen Baracken auf der anderen Straßenseite wohnten, ein ganzes Lager für Vertriebene und Spätaussiedler.

Oft war samstagmittags um zwölf Probealarm der Sirenen; sie heulten pünktlich, und ich lernte den Unterschied von „Fliegeralarm“ und „Entwarnung“. Wofür, fragte ich mich, musste ich das wissen? Weil auch ich vielleicht einen Krieg erleben würde?

Abends erzählten die Eltern immer wieder mal von Ausgebombtsein und Gefangenschaft. Und der Onkel, der noch zu jung gewesen war, um Soldat zu werden, der nur noch zum „Arbeitsdienst“ einberufen worden war, dieser Onkel, der vielleicht deshalb der Heiterste und Unbeschwerteste der ganzen Familie war, dieser Onkel also berichtete, wie nach einem Bombenangriff einmal ein Pferd tot auf der Straße lag, wie der Metzger kam und ihm den Kopf abschnitt, es auf der Straße zerlegte und das Fleisch im hohen Bogen auf seinen Wagen warf.

Ich hatte, wie viele, einen Vater, der kriegsverletzt war. Und ich lernte, dass mein Vater noch einen Bruder gehabt hatte, der war Bäckergeselle gewesen und dann Soldat. Er starb in einem Krankenhaus unserer Heimatstadt, war zurückgekehrt aus der Gefangenschaft und hatte nicht mehr richtig essen können, „alles gab er wieder von sich“, wie es immer hieß. Onkel Hans. Er lebte als Bild an der Wand in unserer Familie weiter, und er existierte fort in der absurden Angst meiner Großmutter, ich, der älteste Enkel, könnte auch irgendwie verhungern. Immer musste ich essen, wenn ich sie besuchte. Auch wenn ich gerade vom Essen kam, musste ich bei ihr noch einmal essen, sie zwang mich regelrecht dazu. Widersetzte ich mich, war sie richtig verstört.

Ich erfuhr in der Schule, dass in Deutschland die Juden verfolgt und ermordet worden waren, und dass der ganze Krieg von Deutschland ausgegangen war, der zweite nun schon in wenigen Jahrzehnten. Juden selbst begegnete ich erst als Erwachsener. Zu Hause beklagte sich mein Vater manchmal über „diese jüdische Hast“, wenn ihm etwas zu schnell ging. Als wäre nichts geschehen. Als könne man das Wort „jüdisch“ noch einfach so benutzen.

Ich lernte, meinem Land zu misstrauen. Nie wich dieses Gefühl, die eigenen Eltern seien an all diesen Verbrechen irgendwie beteiligt gewesen. Nie konnten sie sich ganz erklären. Nie verstand ich sie wirklich.

Ich suchte nicht nach dem, was mich mit ihnen und mit meinem Land verband. Ich suchte das Trennende. Ich wurde Deutscher, aber ich wurde es nicht gern. Franzose zu sein, wäre mir lieber gewesen.

Jene Zuneigung, die andere anderswo für ihr Land empfinden, jene Geborgenheit und Nähe und das unwillkürliche Zugehörigkeitsgefühl, das anderen anderswo ihr Land gibt – es war schwer, das in Deutschland zu spüren. Nein: Es war unmöglich.

Die Folgen merkt man heute noch.

„Deutsch“, dieses Wort hat keinen guten Klang.

Als wir für mein neues Buch nach Fotos über „Deutschland“ suchten, als wir viele Fotografen baten, Bilder zu schicken, die sie mit dem Wort „Deutschland“ verbanden – es kam fast nichts Schönes. Nur die ewigen Stereotypen: Gartenzwerge, Schilderwälder, hässliche Wohnzimmer, stereotype Reihenhaussiedlungen …

„Deutsch“ – man kann das Wort abwertend benutzen. Vor einer Weile stand ich in einem der schwedischen Möbelhäuser, in denen sich halb Deutschland einrichtet. Ich wartete in einer Schlange an der Kasse. An allen Kassen standen solche Schlangen, nebeneinander. Plötzlich wechselte die Frau vor mir die Schlange; sie ging mit zwei Schritten nach nebenan, wo ihr Mann anstand: Sie hatten sich getrennt angestellt und gewartet, wo es schneller gehen würde. (Seltsam: Dass die Deutschen oft so eine Angst haben um ihren Platz in der Welt, dass sie immer fürchten, man wolle ihnen etwas nehmen. Es sind ja auch die Deutschen, die an den Swimmingpools der Welt ihre Liegen mit Handtüchern reservieren, vor dem Frühstück.)

„Das ist so deutsch“, zischte jemand hinter mir, als er die Frau plötzlich in der Schlange nebenan sah, nicht mehr vor uns. Er meinte es nicht gut.

Es sind immer die Deutschen, die verächtlich sagen, etwas sei „deutsch“, „sooooo deutsch“ oder „sehr deutsch“. Es ist nämlich sehr deutsch, das Deutsche zu verachten. Immer stehen die Deutschen ein bisschen neben sich und urteilen und mögen dies nicht und jenes auch nicht.

Vor einer Weile beschimpfte der italienische Staatssekretär Stefani (kurioserweise war er für Tourismus zuständig) die Deutschen als ein Volk von „Superblonden“, das sich seine Freizeit am liebsten mit „Rülpsgelagen“ vertreibe. Die Sache führte in Deutschland bekanntlich zu einiger Aufregung, das ganze Land war schwer beleidigt – zumal kurz zuvor der italienische Ministerpräsident einen deutschen Europa-Abgeordneten mit einem SS-Kapo verglichen hatte. Schließlich sagte der Bundeskanzler seinen Sommerurlaub in Italien ab, und Stefani trat zurück.

Bemerkenswert ist, wie die Deutschen auf diesen verrückten Staatssekretär reagierten. Als ich mich unter Freunden umhörte, war die Reaktion immer in zwei Punkte gegliedert. Erstens: Dieser Mann gehört aus der Regierung entfernt, es ist gut, dass der Kanzler daheim bleibt, „irgendwo ist eine Grenze“. Zweitens: Er hat Recht, „mal unter uns gesagt“, dieser Staatssekretär, die Deutschen benehmen sich im Ausland ja wirklich unmöglich, „schau sie dir an, in Rimini oder wo, diese Horden“.

So ist der Deutsche: stets auf Seiten des eigenen Volkes und gleichzeitig dagegen. Alles, was er für „deutsch“ hält, mag er nicht. Deutscher bleibt er natürlich trotzdem.

Was ist deutsch? An dieser Frage können sich Akademien übers Wochenende zergrübeln – und ich verstehe das auch. Warum fragt man immerzu: Was ist deutsch? Weil man es nicht weiß! Die Frage ist nicht erst für uns aktuell, sie ist es seit Jahrhunderten, musste es immer sein für Bayern, Sachsen, Preußen und Westfalen, die nach etwas Gemeinsamem suchten und suchen, das es rechtfertigte, sie in einem Staat zusammenzufassen.

Es gibt ja kaum ein Volk, das so ängstlich-aufmerksam darauf hört, was die anderen denken. Das so gern betrachtet, analysiert, gelobt werden möchte. Und das auch so leicht die Urteile anderer über sich übernimmt.

Ich glaube wirklich, dass viele Deutsche sich selbst für ein wenig humorlos halten, weil zum Beispiel die Engländer gern behaupten, die Deutschen seien humorlos – dabei zeige uns einmal einer ein paar Dichter und Zeichner auf der Welt, die komischer schreiben und komischer zeichnen als Loriot, Gernhardt, Waechter, Bernstein und ihre Schüler!

Ich glaube auch, die Deutschen halten sich selbst für besonders ehrlich und anständig, weil ihnen von den Italienern so oft gesagt wird, sie seien ehrlich und immer anständig – dabei zeige uns mal einer herrlichere Korruptionsfälle als den Flick-Skandal, die bayerischen Amigo-Affären, die Kölner Müllprozesse…!

Und wenn die Franzosen sagen, die Deutschen seien immer noch besonders anfällig für Antisemitismus, dann halten sich auch die Deutschen selbst für sehr antisemitismusgefährdet – dabei könnte man darauf verweisen, dass ein Drittel der Franzosen den Antisemiten Le Pen am liebsten als Staatspräsidenten gehabt hätten, dass aber bei uns der Abgeordnete Hohmann und der General Günzel sehr schnell aus ihren Ämtern entfernt wurden.

Wenn Deutschland ein Mensch wäre, würde man sagen: Was ist eigentlich mit seinem Selbstwertgefühl? Hätte man nicht über diesen Staatssekretär auch einfach lachen können? Hätte man nicht ganz gelassen fragen können: Hey, was ist das für ein seltsamer Idiot? Hoffentlich liegt er am Strand nie neben mir…

Nein, gelassen – das geht nicht. Wenn unser liebes Deutschland ein Mensch wäre, würde man sagen: Daran muss er noch arbeiten.

Auf der anderen Seite: Es hat den Deutschen ja gereicht, dass ihr Kanzler nicht nach Italien gefahren ist in jenem Sommer. Von privater Seite ist mir kein Fall von Umbuchung bekannt geworden. Und der Kanzler hatte angeblich sowieso in Hannover bleiben wollen und nur nach einem Vorwand gesucht. So sind wir dann auch wieder. Sehr pragmatisch hinter dem Grundsätzlichen. Wenn man so will, dann ist das doch: gelassen.

Herrje, das ist alles nicht besonders interessant, was? Wirklich interessant finde ich an den Deutschen nur das Gespaltene, Zerrissene. Dass dieses Land einerseits immer ein normales Land sein soll wie alle anderen, dass es das aber nun mal nicht ist, mit seiner Geschichte. Dass es so lange geteilt war und nun wieder langsam zusammenfindet. Dass es sich selbst manchmal so fremd ist.

Ich bin Deutscher. Das habe ich mit 82 Millionen Menschen gemeinsam.

Es ist bloß… Das Gemeinsame interessiert mich persönlich nicht besonders, nirgends. An den Menschen ist doch nur das Besondere von Bedeutung, das Gemeinsame verströmt immer eine Langeweile, etwas Nivellierendes, Gleichmachendes, Einebnendes. Wenn einer auf Reisen war, in Asien, Amerika oder sonstwo in der Welt, und er kommt zurück und erzählt mir von „den Asiaten“ oder „den Amerikanern“, ach bitte, da steigt in mir ein Gähnen auf.

Wenn er aber sagt: Weißt du, da habe ich einen getroffen, der war Japaner, und von dem muss ich dir eine Geschichte erzählen…

Schon beuge ich mich vor und lausche.

Von dem Schauspieler Walter Schmidinger, einem Österreicher, habe ich mal ein Interview gelesen, in dem er auf die Frage antwortete, was er als sein größtes Talent empfinde. Schmidinger sagte: „Mein größtes Talent ist es, bewundern zu können. Ich bewundere an Menschen ihre Liebesfähigkeit, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung und Not, ihre Hoffnungen, ihren Irrsinn. Ich bewundere, wie jeder Mensch in seinem Leben, in seinem Beruf besteht, wie er das aushält, was er bewerkstelligt, was er macht, was er wünscht und was ihm nicht gelingt. Ich bewundere das. Restlos.“

Ist das nicht ein hinreißender Satz?

Aber was hat er mit Deutschland zu tun?

Es ist so: Ich bin Deutscher seit 48 Jahren, ich habe fast immer unter Deutschen gelebt, es gibt keine Sprache, die ich besser spräche. Es gibt hier die Berge und das Meer, es gibt die Heide und das Moor, es gibt Seen und Flüsse, und es gibt Landschaften, von denen ich ohne zu zögern sagen würde, dass ich sie liebe. Es gibt hier eine Sprache, die mich entzückt und deren Variationsfähigkeit in sehr vielen Dialekten … Ach, das ist einfach wunderbar! Bitte, wenn wir uns zum Beispiel über die Präpositionen im Bayerischen unterhalten würden, über den Gebrauch so wunderbarer kleiner Wörter wie auffe, umme, obe, hintre und füre… Ich mag das, endlos. Und ich mag den Sound des Deutschen, in Gedichten von Rilke oder meinetwegen auch Freiligrath.

Aber das ist es nicht. Worauf es wirklich ankommt, ist etwas anderes: Nirgends kann ich die Liebesfähigkeit der Menschen, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung und Not, ihre Hoffnungen und ihren Irrsinn besser verstehen, ihre Voraussetzungen besser nachvollziehen, ihre Bedingungen besser einordnen, ihre Konsequenzen besser absehen als in Deutschland. Nirgends kann ich besser nachfühlen, was einen Menschen treibt in dieser Welt, was ihn bedroht und was er liebt, was ihn oberflächlich werden lässt, und was ihn in der Tiefe bewegt, was seine Seele öffnet, und was sie verschließt.

Ich wünschte, ich könnte das auch in Italien oder Frankreich oder Amerika. Aber eigentlich kann ich es nur in Deutschland. Das Gemeinsame ist sozusagen die Voraussetzung, um das Besondere wirklich zu verstehen.

Darauf kommt es mir an, wenn ich sage, dass ich Deutscher bin.

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