Zeitung Heute : „Ich bin die Wenderoman-Polizei“

Er verteidigte den Sozialismus und griff bei der NVA bis zum Ellbogen ins Klosett. Heute ist Thomas Brussig vom Ostetikett genervt. Er würde lieber über Frauen reden.

-

Herr Brussig, nach einer neuen Umfrage wünscht sich jeder fünfte Deutsche die Mauer zurück. Für welchen Teil würden Sie sich entscheiden?

Das ist eine komische Sache. Auf der einen Seite bin ich aus dem Osten, auf der anderen Seite bin ich kein Transferempfänger, sondern auch Zahler. Und wenn sich jeder Fünfte die Mauer zurück wünscht, dann sollte man die alle sammeln und ihnen eine Gegend in Deutschland zuteilen, wo sie ihre Mauer wieder errichten können. Da sich aber sowohl Ostler als auch Westler die Mauer zurückwünschen, würden die sich da alle wieder treffen.

Der Satz von Bundespräsident Köhler, man müsse mit den unterschiedlichen Lebensverhältnissen in Ost und West leben, wurde heftig diskutiert.

Köhler hat etwas Wichtiges gemacht. Er hat angefangen, die Lebenslügen und Illusionen zu zerstören. Dass jetzt diese lieb gewonnenen Illusionen zurechtgerückt werden, finde ich in Ordnung. Gleiche Lebensverhältnisse gibt es weder im Osten noch im Westen. Es gibt Arme und Reiche im Osten wie im Westen.

1250 Milliarden Euro sind von West nach Ost geflossen. Sie haben ein Sommerhaus in Mecklenburg. Gibt es dort jetzt überall neue Straßenlaternen und schöne Fahrradwege?

Nö. Die Dorfstraße ist holprig, und es gibt einen sturen Bauern, der den ABM- Kräften nicht erlaubt hat, Fahrradwege auf seinem Land anzulegen. Die Lage dort ist wirklich trist. Wenn man sich mit den Leuten unterhält, heißt es: „Und was macht Ihr Sohn?“ – „Im Winter ist er in Österreich und im Sommer auf Rügen.“ Es gibt viele, die keine Arbeit haben und anfangen zu trinken. Die werden nie mehr aus der Arbeitslosigkeit rauskommen.

Das klingt nach Verwahrlosung.

Da ist etwas krachen gegangen. Meinen ersten Kontakt zu Einheimischen hatte ich mit der Freiwilligen Feuerwehr. Mein Umzugswagen war im Schlamm stecken geblieben, und sie hat mir weitergeholfen. Später habe ich die Bürgermeisterin angerufen und gefragt, was ich für die Männer tun könnte. Sie sagte nur, es sei gut gewesen, dass sie einfach mal wieder etwas zu tun gehabt hätten.

Fühlen Sie sich als gut situierter Schriftsteller dort nicht wie ein Außerirdischer?

Ich wohne nicht mitten im Dorf, sondern etwas abseits. Und ich fühle mich sehr wohl, weil die Mecklenburger sehr freundlich sind. Der Mecklenburger gilt ja eher als stur und unhandlich. Sicher, die Sprüche gegen die Polen gibt es, aber das ist nicht pausenlos Thema. Und alle sind Fan des „Sonnenallee“-Films, das macht vieles leichter. Und frische Eier gibt’s auch, und zwar von dem sturen Bauern.

Sie haben jetzt zum zweiten Mal ein Buch über die Wende geschrieben. Welcher ist denn nun der ultimative Wenderoman?

Ich habe mal etwas Intelligentes über „Helden wie wir“ gelesen. Da schrieb jemand, dass dieses Buch einen neuen Stil im Beschreiben der DDR eingeleitet hätte – komisch bis lächerlich und nicht den unbedingten Wahrheiten verpflichtet. „Helden wie wir“ kommt ja als einzige Lüge daher, da stellt sich jemand hin und sagt, dass er die Mauer allein eingerissen hätte. Über meinen neuen Roman hat der Lektor gesagt, das sei „die Walpurgisnacht der Wende“. Mit anderen Worten: Wir warten weiter auf den großen Wenderoman.

Wie lange noch?

Na, mit „Wie es leuchtet“ liegt die Latte ziemlich hoch. Mit diesem Roman wird aber hoffentlich ein Sogeffekt eintreten. Andere Autoren, sicher auch westdeutsche, werden begreifen, dass die Wendezeit eine Fundgrube von Geschichten ist.

Andere haben es auch versucht, Ingo Schulze, Jens Sparschuh, Falko Hennig, Jakob Hein...

...aber wir reden von der Wende – dem deutschen Jahr! Was kam denn in diesen Büchern vor? „Alles nur geklaut" von Falko Hennig ist ja kein schlechtes Buch. Aber unter einem Wenderoman verstehe ich schon etwas mehr. Wenn wir über einen Wenderoman reden, setze ich andere Maßstäbe an. Diese Beschleunigung der Ereignisse, die Achterbahnfahrt der Gefühle, die Erregung, die Unsicherheiten, die Ängste und Hoffnungen und dieser Zustand, in dem die Karten neu gemischt wurden – das muss da alles rein. Jawohl: MUSS! Sonst kommt die Wenderoman-Polizei von Thomas Brussig und sagt: „Fahren Sie rechts ran. Das ist kein Wenderoman!“ Ein 110-Seiten-Büchlein, in dem jemand schreibt, wie ihm bei seiner Dissertation über Hölderlin die Wende in die Quere kam, ist nicht der Wenderoman.

Brauchen wir unbedingt einen Wenderoman?

Ja. Diese Zeit haben viele Deutsche, auch ich, als etwas Einziges, Wichtiges und sehr Schönes erlebt.

Gibt es unter den Literaten eine Art Wettbewerb: Wer schreibt als Erster den Wenderoman?

Ich würde jetzt einmal frech behaupten, dass ich mit „Helden wie wir“ der Erste war, der die DDR mit Komik demontiert hat. Mit „Sonnenallee“ habe ich mich hingestellt und gesagt: Ich erzähle jetzt mal die DDR schöner, als sie gewesen ist – und das war ebenfalls neu. Jetzt bin ich jedoch in einer ungewohnten Situation: „Good bye Lenin!“ erzählt von derselben Zeit, um die es auch in meinem Roman geht. Der Erfolg dieses Films beruht darauf, dass eine emotionale Leerstelle besetzt wurde: der Abschied von der DDR. Mein Buch muss sich jetzt mit diesem Film die Gefühle teilen. Dennoch weiß ich nicht, ob „Good bye Lenin!“ die DDR emotional entsorgt, beerdigt – oder sie reanimiert und interessant gemacht hat.

Haben Sie Abschied von der DDR genommen?

Ja, mit meinen Büchern. 1989 ging alles so schnell. Da gab es eine DDR, die ich kannte und die mich anödete – und die war plötzlich weg. Dann war eine DDR da, die ich nie für möglich gehalten hätte – und die war genauso schnell weg. Dann war plötzlich der Westen da, den ich nicht kannte, und da musste ich mich erstmal zurechtfinden. Für einen Abschied war da einfach keine Zeit. Ich habe jetzt das erste Mal das Gefühl, dass ich mich nicht mehr an der DDR abarbeiten muss. Nur wenn mal wieder einer ganz genau wissen will, ob ich weiter über die DDR schreibe, werde ich trotzig Ja sagen. Günter Grass hat so lange über Danzig geschrieben, bis ihn niemand mehr gefragt hat, ob er ewig über Danzig schreiben will.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie in der DDR bis zur 10. Klasse „stramm dabei gewesen“ sind.

Ich war Grundorganisations-Agitator, ich habe die anderen Agitatoren angeleitet, Informationen weitergegeben und Schwerpunkte bestimmt. Ich habe mich für Politik interessiert und dafür, was in unserer Welt passiert. Wer ist an Kriegen schuld und solche Sachen... Bis zu meinem 16. Lebensjahr habe ich es nicht verstanden, wie man gegen den Sozialismus sein kann. Die Oppositionellen, das waren für mich vom Westen verhetzte Typen. Das hat sich erst in der Lehrlingszeit geändert. Da gab es welche, die ein bisschen kesser waren. Wir haben den Staat einfach mal beim Wort genommen, und das gefiel ihm gar nicht. Später bei der Armee habe ich die Seiten gewechselt. Das war finster. Da dachte ich, wenn so etwas durch die Obrigkeit gedeckt wird, gehöre ich nicht mehr dazu – diese absichtlichen Demütigungen und das Ausspielen von Macht. Ich will jetzt nicht von irgendwelchen Putzorgien reden. Das wäre kleinlich.

Waren Ihre Eltern überzeugte DDR-Sozialisten?

Meine Eltern waren beide parteilos, aber der Meinung, dass man in der DDR am richtigen Ort ist, um ein erfülltes Leben zu leben.

Gab es so etwas wie einen Generationenkonflikt?

Den gab es eher vor der Wende. Weil ich erst nicht wusste, was ich werden sollte. Ich dachte, lieber werde ich ein freier Geist und verzichte auf Studium und Karriere. Es bedrückt Eltern, wenn Kinder ihre Talente brach liegen lassen und sich statt dessen in irgendwelchen Jobs verschwenden. Ich war ja auch nicht glücklich mit meiner Situation, aber als Portier im Palasthotel habe ich zumindest ordentlich verdient und bin mir nicht wie der totale Loser vorgekommen. Ich musste ja irgendwie das Kunststück hinkriegen, trotz meiner Verweigerung nicht gleich mein Leben total zu versauen. Dass ich schrieb, habe ich meinen Eltern nicht gesagt. Erst als mein erstes Buch fertig war und klar war, dass es auch veröffentlicht wird. Mutter und Vater waren ganz stolz auf mich.

In „Wie es leuchtet“ sagt ein West-Berliner zu einem Ostdeutschen: „Ihr seid so beschädigt.“

Der sagt das Weihnachten ’89, und er sagt es nicht polemisch. Das war historisch ein kurzer Moment, in dem es denkbar war, über Beteiligung und Verantwortung zu sprechen. Das war eine Situation, in der offene Gespräche möglich waren und die Stasizugehörigkeit noch nicht als Universalkrücke für das Verdikt schuldig/nicht schuldig entdeckt war. Natürlich hat die DDR eine Lebensweise hervorgebracht, die zu Verbiegungen führte.

Fühlen Sie sich selbst beschädigt?

Ich will’s mal so sagen: Was ich eben meinte, ist leider nicht von mir, sondern von dem Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz im „Gefühlsstau“ beschrieben. Mich hat dieses Buch angesprochen wie selten eines. Maaz sagt: Wenn wir uns diesen Beschädigungen nicht stellen, laufen wir weiter mit ihnen durchs Leben. Dieses Buch wurde wahnsinnig viel gelesen – und hat doch viel zu wenig ausgelöst. Das hat mich empört und zugleich inspiriert. Man muss sich dem eigenen Versagen stellen, damit man es nicht wiederholt.

Wobei haben Sie versagt?

Diese Frage stelle ich mir heute nicht mehr. Eigentlich hätte das vor der Vereinigung kommen müssen. Dass sich jeder fragt: Was gibt es, das ich getan habe und nie wieder tun will? Eine Art Wahrheitskommission für jeden Einzelnen. Maaz nannte es die „psychologische Revolution“. Doch dann kam die Einheit und war mit einem solchen Stress verbunden, es wäre Luxus gewesen, sich solchen Problemen zuzuwenden.

Einmal haben auch Sie gegen die Regeln verstoßen. Sie haben während Ihrer Armeezeit ein Tagebuch geführt. Das war in der NVA verboten.

Ja, und sie haben mich erwischt. Einmal gab es Alarm und ich hatte vergessen, meinen Schrank abzuschließen. Er wurde dann durchschnüffelt, das Tagebuch gefunden und die Sache an die große Glocke gehängt. Irgendwann landete es beim Militärstaatsanwalt.

Stand denn etwas Aufrührerisches drin?

Es ging um den Armeealltag. Ich habe das Tagebuch für meinen Bruder geführt, der sich, weil er Abitur machen wollte, für drei Jahre verpflichtet hatte. Und ich wollte ihn davon abbringen. Einmal haben sie das Tagebuch auch laut vor der Truppe vorgelesen, Passagen, in denen es um andere Soldaten ging. Mein Kompaniechef hatte mich sowieso auf dem Kieker. Seine Kompanie war eine Vorzeigekompanie und hielt den sogenannten Besten-Titel. Um diesen zu bekommen, durfte er keine negativen, disziplinarischen Vorkommnisse melden.

Und Sie haben es versaut.

Hätte mich der Militärstaatsanwalt bestraft, wäre der Besten-Titel futsch gewesen. Also haben sie mich nach Leipzig versetzt, zu einem Sauhaufen.

Die Versetzung war ein Befreiungsschlag für Sie?

Eigentlich ja. Bevor ich nach Leipzig versetzt wurde, haben sie mich nachts aus dem Bett geholt und mit Gasmaske putzen lassen. Im Februar musste ich gegen Mitternacht irgendwelche LKWs auf dem Kasernenhof bewachen. Ich kann mich erinnern, dass ich einem Kumpel in einem Brief geschrieben habe, dass ich der glücklichste Kloputzer der Welt bin: Dann greife ich eben bis zum Ellbogen ins Klosett, danach wasche ich mich und lache den Vorgesetzten wieder ins Gesicht.

Sie arbeiten gerade mit Leander Haußmann zusammen an dem Film „NVA“. Eine späte Rache?

Ich habe noch nie mit Rachegefühlen geschrieben. Dabei würde nichts Ordentliches herauskommen. Ich war jetzt bei den Dreharbeiten nach 20 Jahren das erste Mal wieder auf einem Kasernenhof. Und ich habe mich gefühlt wie der Sieger: Jetzt wird hier das gemacht, was ich will. Mir war auch klar, dass Tausende, wenn nicht Millionen über diese Kasernenhöfe gegangen sind, und was für ein Privileg des Schicksals es ist, dass ausgerechnet ich nun für alle sprechen darf. Wenn der Film kommt, soll allen, vor allem den Frauen, klar werden, was ein Mann bei der Armee durchgemacht hat. Das ist etwas, worüber sich, obwohl es ein unvergesslich unschönes Erlebnis ist, schwer sprechen lässt. Dass man es erlebt hat, hilft nicht, es zu begreifen.

Ist nach dem neuen Roman und dem Film das Thema Osten für Sie nun vorbei?

Ich bin ja froh, dass Sie Osten und nicht DDR gesagt haben. Ich habe für das Theater schon zwei Gegenwartsstücke geschrieben, die als „DDR-Stück“ wahrgenommen wurden.

Kränkt Sie das?

Die Perspektive ist: Ich war lange „ein junger Autor aus den Neuen Ländern“. Bald werde ich sicher „ein nicht mehr ganz so junger Autor aus den nicht mehr ganz so Neuen Ländern“ sein. Aber dass ich ein deutscher Schriftsteller sein werde, erlebe ich wohl nicht mehr. Gerade Westmedien wollen sich mit mir immer nur über Ost-West unterhalten. Wilhelm Genazino, der nur über Westdeutschland schreibt, wird nie gefragt, ob er immer nur über Westdeutschland schreiben wird. Das Ostetikett geht mir auf die Nerven. Deutschland geht eben nur vom Rhein bis zur Elbe. Bei der ARD ist es besonders schlimm, da redet man immer von der Ostsicht, vom Ostbonus, als ginge es um Behinderte.

Sie profitieren auch davon.

Es liegt auf der Hand, dass ich gefragt werde, wenn es um den Osten geht. Aber man kann sich mit mir auch über andere Dinge unterhalten.

Über Frauen?

Oh, das wäre ein interessantes Thema gewesen. Aber diese deutsche Einheit bewegt die Gemüter und nicht nur meins. Günter Grass kam 1995 auf der Buchmesse zu mir und sagte: „Da habt Ihr Autoren aus dem Osten aber jetzt ein Thema, das könnt Ihr ein Leben lang ausschlachten.“ Der hat einen Knall, dachte ich. Ich bin doch Deutscher und will am bundesdeutschen Geschehen teilnehmen. Aber je mehr Zeit verstreicht, desto mehr merke ich, dass Grass Recht hat.

Vielleicht vereint die Krise die Deutschen auch. Alle haben nun ähnliche Probleme: Jobs, Geld, Rente.

Kann sein. Das Hochwasser vor zwei Jahren hat gezeigt, dass die Deutschen in der Krise zusammenfinden. Doch wenn ich in einer Talkshow sitze, wendet sich der Moderator garantiert zu mir und sagt: „Kommen wir mal zum Subventionsgrab Ost!“ Als ob ich das Subventionsgrab Ost bin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!