Zeitung Heute : „Ich bin ein Berliner“

Direkt am S-Bahnhof Charlottenburg betreibt Vladimir Dik rund um die Uhr einen Lebensmittelladen. Der Weg von Almaty nach Charlottenburg war weit. Aber jetzt ist der Wolga-Deutsche angekommen

Doswidanja! – Mit einem herzlichen „Auf Wiedersehen“ verabschiedet sich Julia Gert auf Russisch von der Anruferin. Auf dem Tresen der Verkäuferin stapeln sich DVDs und Zeitschriften. Kyrillische Buchstaben dominieren die bunten Titelseiten der Illustrierten. Es gibt Postkarten, die den Kreml zeigen. An der Wand hängen Plakate russischer Filmhelden. Im Fernsehapparat läuft ein russisches Programm. Flyer bieten unzählige Kurse der slawischen Weltsprache in sämtlichen Schwierigkeitsstufen an. Herzlich Willkommen am S-Bahnhof Charlottenburg.

Die Kundschaft besteht zum Großteil aus Russen, aber auch Polen und Deutsche kommen gern hierher erzählt Julia, die Verkäuferin, und sie muss schmunzeln: „Die Deutschen wollen vor allem das Video ,Wolf und Hase’ haben.“ Im Originaltitel ,Nu pogodi!’, bedeutet es übersetzt so viel wie ,Na warte!’. Die sowjetische Zeichentrickserie, in der ein Hase von einem Wolf verfolgt wird, hat offenbar Kultstatus unter den Fans und lief im DDR-Fernsehen in den 1970er und 1980er Jahren regelmäßig. Warum die Streifen hier so beliebt sind, erklärt sich Julia so: „Wahrscheinlich gibt es die Filme in Deutschland nicht auf DVD".

Weitaus mehr Platz als Bücher und Videos beansprucht das üppige Sortiment an frischen Lebensmitteln und Delikatessen aus dem einstigen Zarenreich. Steigt man am Stuttgarter Platz aus der S-Bahn, fallen einem gleich die blau-weiß-roten Fahnen Russlands auf. Am Eingang dieses Lebensmittelladens gibt es große Auslagen mit Obst und Gemüse. Im Laden riecht es nach frischen Salaten, Brot – und nach Süßem. In den Regalen finden sich typisch russische Lebensmittel und Delikatessen. Süßigkeiten und Bonbons, vor allem „Mischka-Konfekt“, ein charakteristisches Schokoladenkonfekt. Natürlich gibt es hier auch viele Sorten Kaviar, Pelmeni– gefüllte und in Wasser gekochte Teigtaschen – sowie Tintenfisch-Ecken und eingelegte Scampi, dazu diverse Sorten Fleisch. Hinter der großen Frischtheke mit Oliven finden sich leckere Salate in vielen Zubereitungsarten: Krabbensalat, Karottensalat auf koreanische Art und Weißkohl-Salat. Auch eingelegte Melonen sind hier zu bewundern.

Man muss kein Sprachgenie sein, um die Etiketten der Waren lesen zu können. Sämtliche Bezeichnungen sind neben Russisch auch auf Deutsch vermerkt. Gleich hinter der Theke stehen an einer großen Wand über 20 Sorten des russischen Nationalgetränks Wodka aufgereiht – wie in einer Cocktail-Bar. Auch Bier und Wein sind hier zu haben und zwar immer: Von Montag bis Sonntag, 24 Stunden am Tag hat der Laden am Stuttgarter Platz geöffnet, auch an Feiertagen. Ladeninhaber Wladimir Dik beschäftigt 14 Angestellte, damit die Tür immer offen ist. Den wohl bekanntesten Berliner Russen, den Schriftsteller und Organisator der Russendisko, Wladimir Kaminer, kennt Dik persönlich. „Auch er hat schon bei mir eingekauft“, sagt Wladimir Dik stolz. Auch der russische Schwergewichtsboxer und Ex-Weltmeister Nikolai Valuev hat hier schon vorbeigeschaut.

Die deutschen Kunden schätzen vor allem die kundenfreundlichen Öffnungszeiten. Nachts decken sich hungrige Taxifahrer hier mit Essbarem ein.

An die 100 000 Russen leben nach Schätzungen in Berlin. Bereits in den 1920er Jahren lebten viele Russen in Charlottenburg; der Bezirk wurde gelegentlich Charlottengrad genannt. Stimmt denn das Klischee, dass so viele Russen hier in Charlottenburg leben? „Oh ja“, bestätigt Wladimir Dik. Er wohnt mit seiner Familie auch ganz in der Nähe. Mit 17 Jahren kam der heutige Geschäftsmann nach Berlin, zusammen mit seiner Familie, den Eltern und Großeltern. Das ist inzwischen 16 Jahre her. Wladimir Dik stammt ursprünglich aus Kasachstan, seine Familie siedelte 1992 nach Berlin über – sie sind Wolga-Deutsche. Aufgewachsen ist Dik in Almaty, früher Alma-Ata genannt, der ehemaligen Hauptstadt Kasachstans. Sie liegt im Südosten des zentral-asiatischen Landes. Bis 1991 zur Sowjetunion gehörig, ist das Land seit Dezember 1991 eine unabhängige Republik.

„Mit gerade einmal zwei Koffern bin ich in Berlin angekommen“, sagt Wladimir und muss grinsen. „Mehr konnten wir nicht mitnehmen.“ Natürlich denke er auch oft an die Heimat zurück, an die alten Schulkameraden und Freunde. Was er denn am meisten vermisse? – „Das warme Klima Kasachstans“, sagt er. Für ihn ist der Winter in Berlin manchmal nicht leicht zu ertragen, denn Temperaturen unter Null Grad kannte er früher nicht.

1996 betrieb Dik zunächst mit seiner Familie gemeinsam Lebensmittelläden in Spandau und in Marzahn. Seit 2005 hat er jetzt seinen eigenen, hier in Charlottenburg. Der gelernte Tischler und Vater zweier Kinder führt den Laden zusammen mit seiner Frau Ekaterina. Sein Bruder und sein Vater betreiben das Geschäft in Marzahn. Seine Beweggründe, einen russischen Lebensmittelladen in Berlin zu eröffnen, formuliert Wladimir so: „Ich habe gemerkt, dass viele Landsleute ein Stück Heimat vermissen, daher wollte ich ihnen durch den Laden ein Stück zurückgeben".

Nicht nur das Wetter lässt Wladimir ein ums andere Mal sehnsüchtig an die alte Heimat denken: „Ich vermisse auch das asiatische Essen.“ Sein neues Zuhause ist und bleibt jedoch Berlin, hier kennt er sich bestens aus, hier hat er seine Frau kennen gelernt. Und die Großstadt gefällt ihm einfach gut: „Ich fühle mich als echter Berliner, habe hier ja die meiste Zeit meines Lebens verbracht.“ Spricht und winkt schnell noch einem Kunden zu, der gerade mit zwei voll bepackten Einkaufstüten und zufriedenem Lächeln das „Rossia“ verlässt.

Rossia, Stuttgarter Platz 36,

24 Stunden täglich geöffnet.

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