• „Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch“ Er ist seit 38 Jahren mit derselben Frau zusammen. Gegen seinen Vater wehrte er sich, auch körperlich. Und er war oft zu sensibel. Ein Gespräch mit Dieter Pfaff.

Zeitung Heute : „Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch“ Er ist seit 38 Jahren mit derselben Frau zusammen. Gegen seinen Vater wehrte er sich, auch körperlich. Und er war oft zu sensibel. Ein Gespräch mit Dieter Pfaff.

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Herr Pfaff, haben Sie die Begabung, im Rückblick das eigene Leben zu verschönern?

Ich glaube, dass man die wirklich beeindruckenden Situationen im Leben verdrängt, dass sie einem gar nicht bewusst sind. Bei mir ist das so. Es gab in meiner Jugend einen schlimmen Moment, den ich komplett verdrängt hatte. Eines Tages hat mir mein Bruder davon erzählt. Ich dachte erst, das kann doch nicht sein. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich die Bilder wieder genau vor mir hatte.

Was war das für eine Situation?

Ich war 17. Ich habe mich gegen meinen Vater gewehrt, auch körperlich. Eine extreme Tabuverletzung. Mein Vater war völlig überrascht. Aber grundsätzlich denke ich, ob man seine Vergangenheit verschönert oder verschlimmert, hängt sehr vom Heute ab, davon, wonach ich mich im Augenblick sehne. Das weiß jeder, der mit Freunden über eine gemeinsam erlebte Situation spricht. Da kommen völlig verschiedene Geschichten heraus.

Wenn Sie heute an Ihren verdrängten Wutausbruch denken…

…dann denke ich an meinen Vater, für den das sicher nicht einfach war. Aber es war richtig. Mein Vater war ein harter Mann, der nicht viel redete. Ich mochte ihn sehr. Aber Worte waren nicht seine Welt, man musste ihm buchstäblich körperlich entgegentreten. Im Nachhinein bin ich sicher, dass mir dieser Schritt viel Kraft gegeben hat.

Haben Sie mit ihm darüber geredet?

Nein. Das ist eine Generation gewesen, die eher schweigsam war. Diese Männer kamen aus dem Krieg und haben weder ihren Frauen noch ihren Kindern erzählt, was sie erlebt haben. Aus Scham, aus Schrecken. Dominik Graf…

…der Regisseur, mit dem Sie oft zusammenarbeiten…

…hat einen wunderbaren Dokumentarfilm über seinen Vater gemacht, den Schauspieler Robert Graf. Dieser Film zeigt eine ganze verstummte Generation. Dieses kollektive Schweigen hatte sogar Auswirkungen auf den Schauspielerberuf. Es gab damals so einen unterkühlten Spielstil. Mein Vater gehörte auch zu dieser Kriegsgeneration.

Bedauern Sie es, dass Sie dieses Schweigen nicht brechen konnten?

Einerseits, ja. Andererseits kann ich heute respektieren, dass er das nicht wollte. Wir 68er haben das damals natürlich anders gesehen. Heute denke ich: Wir waren genauso arrogant wie die Autoritäten, gegen die wir uns aufgelehnt haben.

Heute sind Sie die Autorität – im Fernsehen jedenfalls: Sie spielen Psychologen, Pfarrer, Kommissare, Polizisten, lauter Autoritäten, aber trotzdem sind es Figuren, durch die ein Riss geht.

Mein Vater war Polizist, das hat mir geholfen beim Entwickeln solcher Figuren: Einerseits hatte mein Vater den Ordnungsberuf schlechthin, andererseits hatte er auch eine gewisse Anarchie in sich, eine Sehnsucht nach Unordnung. Wenn ich meinem Vater etwas zum Geburtstag geschenkt habe, dann hat er immer gesagt, Junge, das hätte ich dir doch billiger besorgen können. Ich erinnere mich noch gut – wenn ich ihn auf der Wache besucht habe, gab es immer einen Kollegen, der ein Geschäft machen wollte, von einem Schnäppchen erzählte. Daraus ist eine Figur geworden.

Damit fing Ihre Schauspielkarriere an: der kleine Beamte Otto in der Fernsehserie „Der Fahnder“.

Ja, an dieser Figur habe ich eine Menge herumprobiert. Ich weiß noch, wie ich auf dem Set stand und dachte, hoffentlich merkt jemand, dass ich gut bin.

Das haben ein paar Leute gemerkt. Einer davon war Dominik Graf.

Da hatte ich Glück. Graf hat in meiner Laufbahn eine enorme Rolle gespielt. Wir drehten den ersten Kommissar Sperling zusammen. Als ich den dann gesehen habe, da wusste ich – das bin ich. Nicht eins zu eins, sondern ich mit meinen Träumen, Albträumen, Sehnsüchten. Ich war da plötzlich drin, wie ein Maler, der ein Bild gemalt hat und sagt, das bin ich, das ist meine Seele.

Was ist das für ein Gefühl?

Das ist ein Geschenk. Mir sind in meinem Leben ein paar Dinge geschenkt worden.

Zum Beispiel?

Mir ist geschenkt worden, dass ich seit 38 Jahren mit derselben Dame zusammen bin. Bei allem Bemühen, was auch dazugehört, ist das etwas, wofür ich nichts kann.

Wissen Sie noch, wann Sie Ihre Frau zum ersten Mal gesehen haben?

Das war 1961 im Schwimmbad. Seit 1965 sind wir zusammen.

Wen haben Sie damals im Schwimmbad gesehen?

Eine wunderschöne junge Frau, sie hatte einen Lackmantel an und hohe Pumps. Ich war 14 und sie auch. Ich wollte sie nach Hause bringen, aber meine Eltern holten mich ab.

Warum hat es noch vier Jahre gedauert?

Ich war ein kleiner spindeldürrer blonder Junge, der sich bei dieser Frau keine Chancen ausrechnen konnte. Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Es hat gedauert, aber irgendwann war es klar.

Wissen Sie, womit Sie Ihre Frau letztlich gewonnen haben?

Sie wollen ein Rezept? So funktioniert das nicht.

Gut, nächste Frage: Was ist Ihnen noch geschenkt worden?

Im Beruf ist mir wichtig, dass meine inneren Vorgänge außen sichtbar werden, dass man ihnen zuschauen kann. Ich musste dafür nie viel arbeiten. Meine Nerven enden außerhalb meiner Haut. Manchmal hat das auch unangenehme Folgen. Ich habe neulich jemanden gespielt, der hatte eine Fischvergiftung. Sie glauben nicht, wie schlecht es mir ging. Am schlimmsten war es, als ich mal jemanden spielte, der einen Herzinfarkt hatte. Am Ende lag ich mit Puls 200 auf der Intensivstation.

Das hört sich ja furchtbar an.

Keine Sorge, das sind Ausnahmen. Eigentlich habe ich eine ganz gute Technik, wie ich meine Rollen da lasse, wo sie hingehören. Wenn ich nach dem Drehen in die Maske komme, nehme ich einen heißen Lappen, der in einem Gemüsedünster aufgeheizt wird. Diesen Lappen lege ich auf mein Gesicht und dann wische ich mit ihm die Rolle und den Tag weg.

Herr Pfaff, wir wollen mit Ihnen über Sehnsucht sprechen: Als Sie den Beruf ergriffen haben, geschah das auch aus der Sehnsucht, ein anderer zu sein?

Weil ich körperlich so stark bestimmt bin, hatte ich großen Ehrgeiz zu zeigen, dass ich sehr verschieden sein kann. Aber alles, was ich tue, muss meinen Kern enthalten. Das heißt für einen Schauspieler ist es eine ganz wesentliche Frage: Wer bin ich, was macht mich aus?

Wie hat das angefangen, wie kamen Sie zum Theater?

Mit vier konnte ich alle Schlagertexte auswendig – und im Moment des Vorsingens spürte ich eine große Euphorie und eine große Angst. Mein Großvater war Schreiner und hatte ein Amateurtheater, und eigentlich war mir schon als Junge klar, dass ich auch so was machen wollte. Später, nach dem Abitur, bin ich in Dortmund ins Theater und habe gesagt: Ich will zum Theater, wie kann ich das machen? Da haben die in der Dramaturgie gesagt: Wenn Sie schon hier sind, können Sie Zeitungsausschnitte aufkleben. Sie brauchten plötzlich noch einen Regieassistenten für eine Produktion, das habe ich eben gemacht. Und dann wurde ein Schauspieler krank, da hat eben der Regieassistent, der ja alle Texte kannte, die Rolle übernommen.

Sehnsucht – was bedeutet dieses Wort für Sie?

Sehnsucht hat immer mit etwas Unerfüllbarem zu tun. Freddy Quinn hat gesungen: Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong habe ich Sehnsucht nach der Ferne, aber dann in weiter Ferne habe ich Sehnsucht nach Zuhaus. Das trifft es ganz gut. Man hat Sehnsucht nach einem Gefühl, nie nach der Wirklichkeit. Das ist wie beim Verliebtsein: Man will das Gefühl, und es hat gar nichts mit dem Anderen zu tun. Deshalb gehen ja solche Beziehungen schnell wieder zu Ende. Der andere kann nie halten, was man alles auf ihn projiziert hat. Ich glaube, Sehnsucht kann sich nie erfüllen.

Man kann sich ja auch nach einem Menschen sehnen, obwohl er da ist.

Sehen Sie, das ist genau, was ich meine.

Kennen Sie dieses Gefühl: Man sehnt sich nach der Kindheit, nach vergangenen Zeiten?

Nein, eigentlich hat der Traum für mich auch mehr Bedeutung. Träume sind für mich ein Motor, egal, ob die Erfüllung dann so toll ist. Sehnsucht ist etwas Autistisches, da kocht man in sich selbst.

Herr Pfaff, täuscht der Eindruck? Sie haben sich mit dem Thema Sehnsucht viel beschäftigt?

Ja, als Ihr Anruf kam, habe ich angefangen, nachzudenken. Wissen Sie, was ich bemerkt habe?

Erzählen Sie.

Früher haben sich Gesellschaften Menschen geleistet, die über den Zustand einer Gesellschaft und ihre Perspektiven nachdenken. Heute will man keine Vordenker mehr haben. Man will sich nicht sagen lassen, wie es um uns steht. Angenommen, man würde kluge Menschen damit beauftragen – dann würde nämlich herauskommen, wie kaputt unser Alltag ist.

Woran mangelt es denn?

Respekt, Demut, Rücksichtnahme. Ich wage ja gar nicht an Kant zu denken, aber an den Paragraphen eins der Straßenverkehrsordnung: Jeder Teilnehmer im öffentlichen Straßenverkehr hat sich so zu verhalten, dass kein anderer behindert oder verletzt wird. Wenn man wenigstens das berücksichtigen würde. Ich bin sehr berührt gewesen von der letzten Rede des Bundespräsidenten Rau. Ich finde, er hat tolle Worte gefunden, für das, was bei uns nicht in Ordnung ist.

Herr Pfaff, Sie haben mal gesagt, am meisten haben Sie aus Niederlagen gelernt.

Stimmt.

Erzählen Sie uns davon.

Ich habe in den siebziger Jahren mal an einem Theater inszeniert, wo wir versuchten, im Kollektiv zu arbeiten. Anfangs habe ich mich entzogen, indem ich meine Inszenierungen außerhalb des Theaters vorbereitete. Doch dann sagte das Ensemble eines Tages, so geht das nicht, das machen wir alles zusammen. Es herrschte ein einziges Chaos und zur Gruppenbildung gehörte auch, eine Autorität in den Dreck zu treten. Diese Autorität war ich. Das war furchtbar für mich. Die sind über mich hergefallen, der Boden unter meinen Füßen war weg. Diese Krise dauerte zwei Jahre. Unlängst habe ich den damaligen Leiter dieses Theaters zufällig wiedergetroffen. Du warst zu sensibel für unsere politischen Auseinandersetzungen, hat er gesagt. Da hatte er Recht.

Wie sind Sie da herausgekommen?

Irgendwann war ich an dem Punkt: Egal, wer mich in diese Situation gebracht hatte, ich bin der, der nicht damit fertig geworden ist. Ich muss für diese Schwäche die Verantwortung übernehmen. Das war eine wichtige und bleibende Erkenntnis.

Sie waren auch mal Schauspielprofessor in Graz.

Ja, sieben Jahre lang, als ich anfing, war ich erst 33, gleichzeitig habe ich auch gespielt. Es war eine gute Schule, das, was ich meinen Studenten vermitteln wollte, gleich an mir selbst in der Praxis zu überprüfen.

Warum haben Sie aufgehört?

Ich habe das auch gemacht, weil ich eine Familie zu ernähren hatte. Aber irgendwann wollte ich nur noch spielen.

Was hat Sie noch geprägt? Welche Bücher?

Ganz sicher Brecht, ganz sicher Schiller. Am Theater fand ich „Kabale und Liebe“ unheimlich aufregend. Da ist dieser Ferdinand, der hat Sehnsucht nach dem Gefühl, ein kleines bürgerliches Mädchen zu lieben. „Lass Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen." Das sind schöne Worte eines gebildeten jungen Mannes, aber eben nur Worte. Denn dann kommt eine Hofschranze, und es wird eine Intrige gelegt und schon schwenkt er ab von seiner Liebe. Das ist keine Liebe, das ist die Sehnsucht nach einem Gefühl. Das haben die Klassiker ganz wunderbar gewusst.

Wenn Sie sagen, dass Sie Schiller schätzen, die Klarheit, die Vernunft, was sagen Sie dann zur Romantik, zum Rausch? Ist das etwas, wonach Sie Sehnsucht haben?

Das ist schwierig. Ich bin ein zur Sucht neigender Mensch. Vor ein paar Dingen habe ich mich gehütet. Auch weil in meiner Umgebung eine ganze Menge Leute daran gestorben sind. Gleichzeitig habe ich Sehnsucht nach Rausch.

Wie hütet man sich denn?

Vielleicht hat mich auch das Schauspielern bewahrt: wenn es richtig funktioniert, wenn die Energie frei fließt, dann nenne ich das den Zustand des Fliegens. Vielleicht bin ich so schwer geworden, damit mich das am Boden hält, dann kann ich mein Fliegen besser kontrollieren, ich weiß nicht.

Kontrollverlust macht Ihnen Angst?

Ja, damit habe ich Schwierigkeiten. Es fasziniert mich, aber ich habe ziemlichen Respekt davor.

Der Psychologe Bloch, den Sie spielen, hat sich ja auch nicht immer in der Hand.

Ja, der Bloch hat Probleme, er ist auch ein Kotzbrocken, keine heile Gestalt, aber er hat gelernt, mit seinen Problemen umzugehen.

Geht mit Ihrem Beruf eine besondere Gefährdung einher?

Ja, weil jede Kritik direkt bei einem selbst landet. Deshalb ist dieser Beruf, wenn man nicht irgendwann auch erfolgreich ist, der schlimmste der Welt. Gleichzeitig liegt da auch die Triebfeder – dass man vielleicht ein unstillbares Liebesbedürfnis hat. Ich mache mir seit Jahren klar, dass alles endlich ist – und dass das vielleicht die größte Herausforderung ist: Loslassen können, wenn man nicht mehr gewollt wird, nicht in die Knie gehen, sondern die Kraft für etwas Neues finden.

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