Zeitung Heute : „Ich bin es gewohnt zu kämpfen“

Ayaan Hirsi Ali hatte ein Diplom, ein Haus, einen Freund. Das reichte ihr nicht. Sie will die Freiheit aller muslimischen Frauen - und zahlt dafür einen hohen Preis.

-

Interview: Stefanie Flamm und Anna Kemper
Ayaan Hirsi Ali, 36, zählt für das „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt. In ihrer Autobiografie „Mein Leben, meine Freiheit“ (Piper) beschreibt sie ihre Entwicklung von einer gläubigen Muslimin zu einer Kritikerin des Islam. Sie war bis Mai Mitglied des holländischen Parlaments und lebt heute in den USA.

Sie haben Ihre Autobiografie Ihrer Familie gewidmet. Glauben Sie, dass die das Buch lesen wird?

Meine Großmutter und meine Mutter können nicht lesen und schreiben. Sie haben auch überhaupt kein Verständnis für das, was ich mache. Meine Mutter ist sogar davon überzeugt, dass ich verflucht bin. Mein Vater kann lesen, aber er hat nach meiner Abkehr vom Islam mit mir gebrochen. Doch mein Bruder wird das Buch sicher lesen, und er wird den anderen davon erzählen. So, wie ich ihn kenne, wird er ihnen die unangenehmen Stellen allerdings verschweigen.

Zu Ihrem Bruder haben Sie also noch Kontakt?

Er hat sich im Mai während dieser Staatsbürgerschaftsaffäre plötzlich bei mir gemeldet …

... Ihre Parteifreundin, die liberale Integrationsministerin Rita Verdonk, wollte Ihnen die niederländische Staatsangehörigkeit entziehen, weil Sie im Asylverfahren vor 14 Jahren gelogen haben ...

... ich habe damals nicht meinen richtigen Namen Ayaan Hirsi Magan angegeben, damit meine Familie mich in Holland nicht so schnell aufspüren konnte, und ich habe gesagt, ich sei direkt aus dem Bürgerkriegsland Somalia in die Niederlande gekommen. Das war aber längst bekannt. Meine Anwälte haben 94 Interviews gezählt, in denen ich das nach meiner Wahl ins niederländische Parlament erzählt habe. Und Rita behauptete nun, sie sei von mir getäuscht worden! Die Angelegenheit schlug solche Wellen, dass mein Bruder in Kenia davon erfuhr. Er sagte am Telefon: „Du wirst immer meine Schwester sein.“ Das ist für einen gläubigen Muslim eine sehr moderne Haltung. Schließlich bin ich eine Ungläubige und habe die Familienehre beschmutzt.

Nicht nur das. Sie fordern die Emanzipation der muslimischen Frau und werfen dem Koran vor, Mütter zu „Söhnefabriken“ zu degradieren. Über Ihre Familie, die strikt nach diesem Glauben lebt, äußern Sie sich dennoch mit großer Empathie.

Ich verurteile meine Familie ja nicht, sondern die archaischen Regeln, an die sie sich hält.

Ihre Großmutter hat Sie und Ihre Schwester heimlich beschneiden lassen, als Ihre Eltern länger außer Landes waren. Das nehmen Sie ihr nicht übel?

Als junger Mann war mein Vater ein sehr fortschrittlicher Muslim, der die Beschneidung von Frauen ablehnte. Er hat in den Vereinigten Staaten studiert und in Somalia Ende der 60er-Jahre eine Alphabetisierungskampagne ins Leben gerufen. Ihm verdanken wir, dass unsere Mutter uns nicht mit der ersten Menstruation von der Schule genommen hat, wie es in vielen Familien üblich war. Meiner Großmutter war das unheimlich. Sie lebte einen sehr ländlichen, unreflektierten Glauben. Sie war der Überzeugung, uns mit der Beschneidung einen großen Gefallen zu tun.

Indem sie Ihnen im Kindesalter die Klitoris entfernen und die Schamlippen zunähen ließ, damit die künftige Schwiegermutter vor der Hochzeitsnacht überprüfen kann, ob Sie noch Jungfrau sind?

Unbeschnittene Frauen gelten in Somalia als haram, unsauber. Meine Großmutter war in großer Sorge, dass wir deshalb nie einen Mann bekommen würden. Und das war schließlich das einzige Ziel im Leben einer Frau: Sie sollte ihrem Mann gehorchen. Etwas anderes konnte meine Großmutter sich gar nicht vorstellen. Ich hege deshalb keinen Groll gegen sie.

Und gegenüber Ihrer Mutter? Sie hat in den 60er-Jahren die Scheidung von ihrem ersten Mann durchgesetzt und Ihren Vater aus Liebe geheiratet. War Ihre Mutter einmal ein Vorbild?

Sie hat nur geputzt, gekocht, die Kinder versorgt. Sie war immer ihrem Mann oder uns zu Diensten und hatte kein eigenes Leben. Ihre Ehe lief nicht gut, mein Vater war nie da und hatte später eine andere Frau. Meine Mutter ist heute sehr verbittert, weil das, was sie vom Leben erwartete, nicht eingetroffen ist. So wollte ich nicht enden.

Sie sind vor 14 Jahren am Bonner Hauptbahnhof in einen Zug nach Amsterdam gestiegen, anstatt zu Ihrem künftigen Ehemann nach Kanada zu fliegen. „Ich war eine junge Frau, die einfach nur sie selbst sein wollte“, schreiben Sie. Ist Ihnen das gelungen?

Ja, es gab eine Zeit, in der ich mich wirklich frei gefühlt habe. Zehn Jahre, nachdem ich in Holland angekommen war, hatte ich mein Politologiestudium abgeschlossen und einen Job bei der Arbeiterpartei bekommen. Ich besaß ein Haus in Leiden und lebte seit fünf Jahren mit einem Mann zusammen. Hätte man mich gefragt, ob ich an Allah glaube, hätte ich das damals noch bejaht. Aber ich hatte seine Regeln verdrängt. Im Frühling bin ich damals oft mit meinen Freundinnen nach Katwijk geradelt. Dort haben wir am Strand gelegen, gelesen, geschwommen, gegessen, getrunken. Wie die Kinder! Das wäre heute undenkbar.

Seit dem Mord an Theo van Gogh im November 2003, für dessen islamkritischen Kurzfilm „Submission Part I“ Sie das Drehbuch geschrieben haben, werden Sie rund um die Uhr bewacht. Was ist das für ein Leben?

Es ist sehr kompliziert geworden, meine Freunde sagen, ich hätte mich verändert. Sie haben manchmal den Eindruck, dass ich allen gehöre, weil so viele „wichtige Leute“ bekunden, sie seien mit mir befreundet. Dabei hat niemand mehr meine Telefonnummer, außer den Sicherheitsleuten weiß keiner, wo ich wohne. Ohne meine Sicherheitsleute kann ich nirgends hingehen.

Wenn wir Sie heute Abend zum Essen einladen würden, wie viele Leute würden dann kommen?

So genau darf ich das nicht sagen, das hängt von der Gefährdungssituation ab. Aber machen Sie sich keine Sorgen, für die Sicherheitsleute müssen Sie nicht kochen. Die kümmern sich selbst um ihre Mahlzeiten.

Haben Sie ein gutes Verhältnis zu den Beschützern?

Wir sind mittlerweile befreundet. Das geht auch gar nicht anders. Diese Menschen sind immer bei mir, sie setzen ihr Leben für mich aufs Spiel. Ich weiß, dass das ihr Job ist und dass sie vom Staat dafür bezahlt werden, trotzdem finde ich es beeindruckend. Einen, der schon lange bei mir ist, habe ich gefragt, warum er das macht. „Du riskierst dein Leben doch auch“, hat er geantwortet. Das ist die alte Idee von Polizei und Armee: Manche riskieren ihr Leben, um andere zu schützen.

Sie bekommen bis heute Todesdrohungen. Fragen Sie sich nie, ob es das wert ist?

An schlechten Tagen, wenn nichts so läuft, wie ich will, denke ich manchmal, dass ich ohne diesen ganzen Sicherheitsapparat glücklicher wäre. Nur ist der Sicherheitsapparat ja nicht das Problem, er ist das Symptom. Als ich begonnen habe, den Islam öffentlich zu kritisieren, habe ich eine hochsensible Debatte angestoßen, die Debatte zwischen westlicher und islamischer Weltsicht, zwischen Vernunft und bedingungslosem Glauben. Würde ich mich aus dieser Debatte wieder ausklinken und mich bei den muslimischen Führern entschuldigen, brauchte ich vielleicht keine Sicherheitsleute mehr.

Aber das wäre wohl keine Option für Sie?

In den Wochen nach Theos Ermordung habe ich darüber nachgedacht. Doch dann habe ich beschlossen zu kämpfen. Freiheit ist für mich nichts Selbstverständliches. In meiner Heimat ist niemand frei, du kämpfst die ganze Zeit, im Kleinen und im Großen. Meine Großmutter ist in der Wüste aufgewachsen. Dort gab es wilde Tiere, Schlangen, Hunger und Durst. Man musste kilometerweit laufen, um an Wasser zu kommen. Wäre ich 1969 im Westen geboren worden, wäre ich wohl anders.

Was meinen Sie mit Westen? Europa, wo Sie 14 Jahre gelebt haben, oder die Vereinigten Staaten, wo Sie nun als Stipendiatin des konservativen Amercian Enterprise Instituts arbeiten? Oder gibt es da aus Ihrer Sicht keine Unterschiede?

Die Unterschiede sind mir gleich aufgefallen. In Washington sah ich eine alte Frau, die mit ihrem ganzen Oberkörper in einer Mülltonne verschwunden war, um darin etwas Essbares zu suchen. Es ekelt mich, wie das reichste Land der Welt mit seinen alten Menschen umgeht. Man hat mir gesagt, die alte Frau habe es eben versäumt, Geld fürs Alter zurückzulegen! Da hatte ich wieder mehr Respekt vor dem europäischen Wohlfahrtsstaat, obwohl er die Menschen träge macht.

Was reizt Sie dann an Amerika?

Ich bewundere das radikale Verständnis von intellektueller Freiheit, den Mut zur Kontroverse. Es gibt kein soziales Netz, aber es gibt auch keine soziale Kontrolle. Der Himmel ist die einzige Grenze. Das finde ich aufregend.

Ihre Autobiografie hat es in der ersten Woche schon auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft, Ihr Buch „Ich klage an“ hat sich in Deutschland über 100 000 Mal verkauft. Doch erreichen Sie auch die muslimischen Frauen, für deren Befreiung Sie kämpfen?

„Ich klage an“ wurde ins Türkische übersetzt. Doch ich glaube nicht, dass sich diese Ausgabe sehr gut verkauft. Wie auch? Wir sind erst ganz am Anfang. Wenn ich etwas über die Emanzipation der westlichen Frau lesen will, finde ich ganze Bibliotheken. Muslimische Frauen fangen gerade erst an, ihre Geschichten aufzuschreiben, aber sie werden immer mehr. Ein Buch ergibt das nächste, und diese Bücher sind wie kleine Saatkörner, die irgendwann aufgehen. Ich habe als Schülerin in Kenia …

... wo Ihre Familie im Exil lebte, weil Ihr Vater zur Opposition gegen den somalischen Diktator Siad Barré gehörte ...

...die Geschichten von Enid Blyton und die Mädchenkrimis von Nancy Drew gelesen. Die waren voll von Heldinnen, die taten, was sie wollten, sie reisten und erlebten Abenteuer. Diese Bücher haben mir schon im Kindesalter gezeigt, dass es ein anderes Leben gibt als das meiner Mutter.

Trotzdem sind Sie in der Pubertät einer Muslimbruderschaft beigetreten und waren sehr religiös.

Mein Vorbild war damals Schwester Aziza. Sie war eine ganz andere Muslima als meine Mutter. Meine Mutter befolgte die Regeln des Koran, weil man eben Regeln befolgt. Schwester Aziza sagte uns immer, du musst wissen, ob du bereit dafür bist. So habe ich freiwillig den Hijab getragen in dem Bewusstsein, dass jeder Flecken meiner Haut die Männer auf der Straße in den Wahnsinn treibt. Darüber, dass auch ich Männer begehren könnte, wurde nicht gesprochen. Weibliches Verlangen war mit großer Scham verbunden.

Bevor Ihr Vater einen Bräutigam für Sie gefunden hatte, haben Sie heimlich einen Mann geheiratet, weil Sie Sex mit ihm haben wollten.

Ich hatte die Ehe mit Mahmud zum Instrument meiner Hormone gemacht und fühlte mich elend. Und es war nicht einmal schön. Das erste Mal ist bei beschnittenen Frauen selten schön. Danach hasste ich meinen Körper, wusch ihn immer wieder. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn es mir gefallen hätte. Vielleicht wäre ich abhängig von Sex geworden wie von Heroin. Und dann: einen Tag Vergnügen, einen Tag Scham. Später in Holland, als ich das Kopftuch ablegte, mir die Haare abschnitt und ein Fahrrad kaufte, kam zur Scham noch das Gefühl zu sündigen. Emanzipation ist ein sehr individueller Prozess. Auch Frauen, die nicht mehr von ihren Familien verheiratet werden, müssen allein mit ihrem Gewissen klarkommen. Dabei hilft einem keiner. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe auch Verständnis dafür, wenn Muslimas sich nicht trauen, den Islam zu kritisieren. Trotzdem ist das falsch.

Anders als die meisten muslimischen Frauenrechtlerinnen sagen Sie: Der Koran ist das Problem, nicht seine Auslegung.

Unterwerfung ist darin ein zentraler Begriff. Weil die Muslime sich weigern, die Lehren des Propheten in Frage zu stellen, unterdrücken sie selbstständiges Denken. Es gibt eine tiefe Kluft zwischen der Religion und der Vernunft.

Das Gleiche hat Papst Benedikt in seiner umstrittenen Regensburger Rede gesagt. Fühlen Sie sich ihm verwandt?

Ich habe die ganze Rede des Papstes gelesen und gedacht, dass man da wirklich über vieles streiten kann, aber nicht über diesen Punkt. Er zeigt, dass Benedikt XVI. fest entschlossen ist, seiner Verantwortung nachzukommen und die Konfrontation mit der muslimischen Welt aufzunehmen. Das rechne ich ihm hoch an.

Wie beim Karikaturenstreit gab es weltweite, teilweise blutige Proteste. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Intendantin der Deutschen Oper aus Angst vor einem Anschlag jetzt Mozarts „Idomeneo“ abgesetzt hat?

Überhaupt nicht. Es geht um die Freiheit der Kunst. Auch Moslems müssen sich daran gewöhnen, dass ihr Prophet Gegenstand von Kunst sein kann. Und es gefällt mir wirklich sehr, dass die von Innenminister Schäuble geleitete Islamkonferenz verkündet hat, dass sie sich die Inszenierung gerne anschauen würde. Es kommt nicht oft vor, dass Muslimführer freiwillig eine Oper besuchen, in der Mohammed geköpft wird. Aber Spaß beiseite. Es ist ein Unding, wie kaltschnäuzig die islamischen Führer mit unterschiedlichem Maß messen. Wenn zu mir ein arabischer Botschafter käme, um sich wegen Beleidigung seiner religiösen Gefühle zu beschweren, würde ich ihm die Tür vor dem Kopf zuschlagen. Denn was passiert, wenn Sie, sagen wir in Saudi Arabien, mit einer Bibel auf der Straße erwischt werden? Es will mir nicht in den Kopf, warum der Westen tolerant gegenüber einer Religion ist, die seine Werte verachtet.

Null Toleranz gegenüber dem Islam – das fordern auch viele rechtspopulistische Parteien. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Äußerungen von der falschen Seite missbraucht werden?

So empfinde ich das nicht. Ich weiß, dass manche Menschen meine Argumente aus dem Zusammenhang reißen und sie für ihre eigene Sache benutzen. Aber dagegen kann ich mich wehren. Als der populistische Vlaams Blok, heute Vlaams Belang aus Belgien sich an mich wandte, habe ich gesagt, nein wir reden nicht. Ihr seid auch nicht besser als die radikalen Muslime. In solchen Momenten habe ich immer die Stimme meiner Großmutter im Ohr: Wenn du dich missbraucht fühlst, bist du ein Opfer, und Opfer sind eine leichte Beute.

Ihre Großmutter scheint Sie sehr geprägt zu haben. Sie sprechen oft von ihr.

Sie war sehr hart, zu hart, fand ich als Kind. Wenn meine Schwester und ich durstig aus der Schule kamen und sie uns Wasser gab, das nicht ganz kalt war, haben wir gejammert und geschrien. Wir bekamen eine Tracht Prügel und gar kein Wasser. Jetzt, als erwachsene Frau, verstehe ich sie besser. Großmutter hat uns beigebracht, nicht zu klagen und hart zu arbeiten, weil man nichts geschenkt bekommt. Ich habe ihr viel zu verdanken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar