• „Ich bin in manchen Dingen nicht hart genug“ Wäre er nicht ein guter Bundespräsident geworden? Es sollte nicht sein.

Zeitung Heute : „Ich bin in manchen Dingen nicht hart genug“ Wäre er nicht ein guter Bundespräsident geworden? Es sollte nicht sein.

Lassen wir Wolfgang Schäuble doch an dieser Stelle über Deutschland reden.

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Herr Schäuble, das GoetheInstitut und der deutsche Sprachrat sind derzeit auf der Suche nach dem schönsten deutschen Wort…

Für mich ist das schönste Wort Heimat. Erst einmal ist es etwas sehr Deutsches, ich glaube, in einigen Sprachen gibt es das gar nicht. Übersetzen Sie das mal ins Französische oder Englische.

Im Englischen: vielleicht home?

Das ist nicht Heimat. Ich höre, dass im Ausland manchmal das Wort Heimat, wie etwa Angst und Sauerkraut, als Germanismus verwendet wird. Das drückt so viel aus von dem, was mir wichtig ist: Man braucht Wurzeln. Das hat etwas mit Tradition und mit Herkunft und mit Nähe zu tun. Ich betone das gelegentlich in den Grundsatzdebatten um den europäischen Verfassungsvertrag: Wir brauchen Nähe, weil Nähe motiviert, weil Nähe auch Zuversicht und Vertrauen schafft. Heimat spiegelt die Vielfalt wieder, die Deutschland so liebenswert macht, Städte, Landschaften, der Föderalismus… Also, Sie merken schon, über Heimat könnte ich Aufsätze schreiben.

Max Frisch hat einmal die Frage gestellt: Worauf könnten Sie eher verzichten, auf Heimat, auf Vaterland oder auf die Fremde?

Der Verzicht auf Heimat würde mir am schwersten fallen. Wenn ich meine Antwort prüfe, muss ich sagen, auf die Fremde darf man nicht verzichten wollen, sonst verliert man die Neugier.

Also, am ehesten der Verzicht auf Vaterland?

Alle drei sind wichtig. Aber sicher, ich habe vorhin ja nicht Vaterland gesagt, sondern Heimat. Vaterland ist nur die eine Ebene, Heimat ist mehr. Wir bestehen ja alle aus vielen Identitäten.

Vaterland hat so einen militärischen Unterton.

Ja, auch deswegen sage ich, Heimat ist der umfassendere Begriff. Die Menschen sind in früheren Zeiten auch für ihre Heimat in den Krieg gezogen und gestorben. Wichtige Dinge wie Vaterland oder Heimat erfordern Einsatz. Zum Glück leben wir in Zeiten, wo uns der ultimative Einsatz, jedenfalls in der Regel, erspart bleibt. Genau das beschreibt uns als eine glückliche Generation.

Sie sprechen von der besonderen Bedeutung von Nähe. Dass ausgerechnet Sie das tun, überrascht.

Wieso? Für mich bedeutet Nähe Vertrautheit, deswegen ist Familie wichtig. In existenziellen Krisen rückt die Familie in den Mittelpunkt. Ich habe neulich mit einem Bekannten gesprochen, der mir sagte, er müsse sich um seinen schwer erkrankten Bruder kümmern. Dann sagte ich: Hat der Familie? Ja, hieß die Antwort, aber als Bruder habe ich eine eigene Geschichte, eine eigene Verantwortung. Ich finde das schön, wenn man unter Geschwistern ein solches Verhältnis hat, auch in unserem Alter. Ich habe das auch, ich habe ja zwei Brüder.

Einmal ist das öffentlich geworden. Mitten in Ihrer harten Auseinandersetzung mit Helmut Kohl hat Ihr Bruder Thomas, Innenminister von Baden-Württemberg, in scharfer Form für Sie Partei ergriffen.

Ja, ja… Aber, wissen Sie, Nähe ist auch wichtig, wenn wir uns den Kopf darüber zerbrechen, wie wir mehr Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit bekommen, wie wir unser Land flott machen können. Das geht nur, wenn die Menschen das Gefühl haben, ich kann selbst was tun, ich muss selbst was tun. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem Architekten unterhalten. Der Baubranche geht es auch nicht besonders gut. Wenn irgendein Großprojekt gebaut werden soll, braucht es Investoren. Er erzählte von einer Klinik, irgendwo zwischen Niedersachsen und Westfalen, die in Konkurs gegangen ist. Keiner wollte Geld geben. Und nun? Man macht das Gelände platt und stellt Eigenheime hin. Dafür gibt es Investoren. Für ein eigenes Haus gibt man seinen letzten Euro aus, aber für eine Klinik? Nee, das soll der Staat machen. So geht es nicht weiter. Wir müssen wieder lernen, uns für das Allgemeine zu engagieren… aber, entschuldigen Sie, jetzt habe ich eine Frage.

Bitte.

Sie sagten, es überrascht Sie, dass ich von der Bedeutung von Nähe spreche. Dies überrascht wiederum mich. Wie kommen Sie darauf?

Nun, im Verlauf der Kandidatendiskussion um die Bundespräsidentenwahl wurde behauptet, dass Sie manchmal kalt, hart und unnahbar seien. Und deshalb in den eigenen Reihen Feinde hätten.

Ich habe das gelesen. Ich kann mich nur wundern. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich sehr emotional sein kann. Ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit fällt mir schwer.

Hat Ihnen das in mancher politischen Auseinandersetzung letztlich geschadet?

Das kann sein. Ich bin vielleicht in manchen Dingen nicht hart genug. Aber ob das wirklich ein Schaden ist? Ich weiß das gar nicht.

Wird man im Alter zynischer?

Die Gefahr besteht. Zynischer, distanzierter, skeptischer zu werden, weil man so viele Erfahrungen gemacht hat. Aber erstens stimmt es ja nicht, dass man hauptsächlich negative Erfahrungen macht. Bei mir war das jedenfalls nicht so. Und zweitens glaube ich fest daran, dass man der Versuchung, zynisch zu werden, widerstehen kann. Man kann sich sagen: So will, so darf ich nicht werden.

Kommen wir noch mal zurück zum Thema Heimat. Heidegger hat seine Definition von Heimat so formuliert: Er hat den Weg in seiner Lieblingslandschaft zu einer Bank beschrieben, mitten im Wald. Was haben Sie für ein Bild im Kopf?

Es wäre künstlich, wenn ich das auf einen bestimmten Blick zuspitzte. Aber das Bild, das Sie von Heidegger erwähnen, ist mir nahe. Meine Heimat ist der Schwarzwald. Wenn ich mit meinem Rollstuhlfahrrad durch den mittleren Schwarzwald fahre, denke ich, das ist wie in meiner Kindheit zu Hause, die Bäume, die Vegetation, wie das alles zusammengehört. Das genieße ich sehr.

Hat Heimat für Sie auch einen bestimmten Geruch?

Die Küche meiner Mutter. Der Geruch von schwäbischen Maultaschen. Wie sie in der Küche steht und Maultaschen macht.

Gibt es ein Licht, eine Jahreszeit, die Sie mögen?

Also jetzt, Anfang Mai, denke ich, das ist die schönste Zeit, das leichte Grün, das ich in meiner Erinnerung mit Maikäfern verbinde. Im Spätsommer sage ich, das ist die schönste Zeit. Im Herbst, wenn das Laub sich färbt, und dies im Mischwald, also nicht nur Tannen… und ja, so eine richtig dunkle Dezembernacht hat auch was…

Sie geraten ja richtig ins Schwärmen.

Ich mag viel an Deutschland. Und wenn darüber geredet wird, was alles schief läuft in diesem Land, dann kann ich darüber nicht unbeteiligt reden. Deutschland bin ich auch immer selbst.

Was würden Sie einem ausländischen Gast von Deutschland zeigen, damit er dieses Land versteht?

Ich würde ihm Gegensätze zeigen. Berlin-Kreuzberg, aber auch die Mecklenburgische Seenplatte. Großstädte und eine typische Kleinstadt, und meine Landschaft zu Hause würde ich ihm zeigen.

Was hat den jungen Wolfgang Schäuble geprägt?

Zunächst mein Elternhaus, mein Vater…

…der Abgeordneter im badischen Landtag war…

…ich hatte das Glück, was nicht alle meiner Generation haben, ein ungebrochenes Verhältnis zu meinem Vater zu haben. Er war schon vor dem Krieg politisch aktiv, mit dem Nationalsozialismus hatte er aber nichts zu tun. Ich erinnere mich, wie er nach dem Krieg seine Bürgersprechstunden in unserem Wohnzimmer abhielt. Da kamen auch viele Altnazis, und ich fragte meinen Vater, warum bist du so normal zu denen, die waren doch böse. Da sagte er, nein, da muss man unterscheiden, zwischen den Tätern und Mitläufern, die zu schwach waren. Denen müsse man das nachsehen.

Die verfluchte deutsche Geschichte…

Es wird unfassbar bleiben, dass eine hochzivilisierte Gesellschaft, und zwar nicht nur ein paar Verbrecher, sondern eine gesamte Gesellschaft, zu solchen Verirrungen fähig ist. Aber in der Aufarbeitung dieses Albtraums sind wir Deutschen gar nicht so schlecht. Jedenfalls heute kann man behaupten, dass wir uns mit diesem Teil der Geschichte offen und nicht mehr sehr verkrampft auseinandersetzen und auseinandergesetzt haben. Da muss nicht mehr viel tabuisiert werden.

Lassen Sie uns über deutsche Kultur reden. Nennen Sie uns bitte ein paar Bücher, die Sie geprägt haben.

Ich sage lieber: Bücher, die mich beschäftigen. Da ist „Die Geschichte des 19. Jahrhunderts“ von Nipperdey. Die gesellschaftlichen Strukturen damals waren unseren 50er Jahren sehr ähnlich. Sonst? Das ist eine Zeit her, aber Böll, ja, Heinrich Böll hat einen schon stark beeindruckt.

Gab es da ein besonderes Buch?

Zuerst mal waren es „Das Brot der frühen Jahre“, dann „Die Ansichten eines Clowns“. Weniger „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

Was hat Sie an Böll fasziniert: Das Traurige? Das Düstere? Das Katholische?

Wissen Sie, als Protestant war mir diese Seite fremd, das Katholisch-Rheinische, auch das Melancholisch-Ironische. Bei Böll faszinierte mich mehr das Gebrochene dieser Generation, das ich so nicht erleben musste.

Gibt es DEN deutschen Dichter?

Früher, wie gesagt, vielleicht Böll. Heute, mit aller Vorsicht, Martin Walser, und zwar in seiner Mischung aus Positivem und Negativem. Gerade wegen seiner Widersprüche, je älter er wird.

Gehen Sie auch ins Kino?

Gelegentlich. „Good bye Lenin“ habe ich gesehen, das hat mich sehr bewegt.

Sie haben geweint?

Weinen würde ich es nicht nennen. Feucht sind die Augen geworden. Das hängt damit zusammen, dass ich als Chef des Kanzleramtes mit der DDR zu tun hatte. Da sind Erinnerungen hochgekommen. Ich bin weit davon entfernt, an der DDR irgendetwas gut zu finden, aber ich kann nachfühlen, wie schlimm es sein mag, wenn man diese Heimat – samt aller Ideologie – verloren hat.

Frisch fragt auch: Kann Ideologie Heimat sein?

Für viele ist das so, sicher. Für mich nicht. Ich war nie anfällig für Ideologien.

Ist die Politik für Sie Heimat?

Nein, so würde ich das nie nennen. Politik ist ein Teil meines Lebens, ja. Aber Heimat? Nein.

Zurück zur Kultur. Sie sind ein großer Musikfreund. Wer steht Ihnen näher: Bach oder Wagner?

Eindeutig Bach. Mit Wagner konnte ich lange gar nichts anfangen, erst als ich in Bayreuth war, habe ich etwas davon verstanden. Ich habe ja in der Jugend Geige gespielt, da standen die Bach-Kantaten auf dem Programm. Bach ist großartig, die Goldberg-Variationen oder das Wohltemperierte Klavier. Und Weihnachten höre ich mir jedes Jahr das Weihnachtsoratorium an, und zwar Teile 1 bis 6 an einem Abend mit Pause, nur dann ist es gut, nicht wie in Berlin an zwei Abenden.

Was hören Sie sich an, wenn’s Ihnen nicht gut geht?

Nicht Bach. Sondern die Sonaten von Beethoven. Und manchmal Mozart.

Hat Politik etwas mit Musik zu tun? Mit Rhythmus, mit Tempo-Wechseln, mit Dirigieren?

Die Frage ist mir zu artifiziell. Aber sicher, als Erstes fällt mir die Bedeutung der Wiederholung ein. In der Musik ist eines der Geheimnisse die Wiederholung. Auch der Spannungswechsel. Das gilt auch für eine politische Rede. Man könnte nachdenken über die Bedeutung des Publikums, aber, wie gesagt, wir wollen nicht übertreiben.

Kommen wir zu einem anderen kulturellen Thema: Fußball. Daniel Cohn-Bendit sagt, schuld am schlechten deutschen Fußball ist die Ausländerpolitik der Regierung Kohl: Wir Deutschen haben keine Einwanderer wie Frankreich oder Holland.

Cohn-Bendit hat die Fähigkeit, hübsch zu formulieren. Es ist natürlich Quatsch. Die Probleme liegen woanders. Im Grunde ist die Situation im deutschen Sport genauso wie in der Wirtschaft. Um es vorsichtig zu sagen: Wir sind nicht mehr so leistungsorientiert, wie wir mal waren.

Woran liegt das?

Die Franzosen haben früher gerne gesagt, der Deutsche lebt, um zu arbeiten, bei den Franzosen sei das umgekehrt. Diese Kritik haben wir uns zu Herzen genommen. Nur müssen wir Deutschen alles immer übertreiben. Man muss es so sagen: Die Deutschen sind satt geworden.

Und sind kaum zu Veränderungen zu bewegen?

Ja. Denn wer satt ist, wird müde. Es hat mit den Brüchen des letzten Jahrhunderts zu tun. Wir haben unendlich viel geleistet. Den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, die Wiedervereinigung. Jetzt müssen wir uns neu aufstellen. Wir müssen wieder lernen, dass die soziale Marktwirtschaft kein Selbstbedienungsladen ist. Eine wichtige Rolle spielen die Eliten. Es ist fatal, wenn gerade die Eliten die Selbstbedienungsmentalität vorleben. Das kann man nicht genug kritisieren.

Haben Sie in Ihrem Leben schon mal daran gedacht, Deutschland für längere Zeit zu verlassen?

Nein, nie. Ich bin ja früh Bundestagsabgeordneter geworden, da hatte sich das Thema erledigt.

Angenommen, Sie könnten sich jetzt ein anderes Land aussuchen: Welches wäre es?

Ich vermute mal, Schweiz oder Österreich lassen Sie als Antwort nicht gelten.

Stimmt.

Ich würde nach Frankreich gehen, in den Südwesten, tolle Gegend. Landschaft ist mir wichtig, ich bin zu sehr ein Kind des ländlichen Raums. In Paris oder New York würde ich wohl krank werden.

Wo leben Sie in Berlin?

Im Grunewald. Der gefällt mir gut. Da kann ich mit meinem Handbike fahren, direkt von meiner Wohnung los, die Havel runter, das ist sehr schön. Das macht Berlin auch liebenswerter als zum Beispiel Paris und New York: das Dörfliche.

Wenn man mit Ihnen unterwegs ist, Herr Schäuble, hat man den Eindruck, die Menschen begegnen Ihnen mit großer Freundlichkeit.

Ja, das stimmt. In Berlin vielleicht mehr als in Bonn…

Wegen Ihrer Rolle beim Hauptstadtbeschluss?

Die Freundlichkeit hängt wahrscheinlich auch mit meiner sichtbaren Behinderung zusammen. Ich versuche mit vielen Leuten ins Gespräch zu kommen. Das war übrigens am Anfang eine große Umstellung für mich: Im Sitzen zu reden, von unten nach oben zu schauen. Heute denke ich: Es gibt schlimmere Arten zu kommunizieren.

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