Zeitung Heute : "Ich bin nicht böse" - Abschied vom Harald-Schmidt-Humor

Das Radiojahr 1999 geht zu Ende. Wird 104.6 RTL se

Arno Müller hat als Programmdirektor bei 104.6 RTL die Morningshow "Arno und die Morgencrew" geschaffen - und sich damit quasi unentbehrlich gemacht. Mit dem 37-jährigen Saarländer sprach Joachim Huber.

Das Radiojahr 1999 geht zu Ende. Wird 104.6 RTL sein Ziel, Marktführer in Berlin zu sein, erreichen?

Es sieht gut aus. Wenn unser Trendbarometer stimmt, liegen wir in Berlin wieder vorne. Wir hatten vor zwei Jahren eine falsche Entscheidung getroffen, die wir aber revidiert haben: Wir waren bei der Musikwahl zu alt geworden, zu sehr an den Geschmack der bis zu 49-Jährigen gerückt. Damit haben wir die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen vernachlässigt. Man kann eine Hörergruppe schnell verlieren. Sie wieder zu gewinnen, dauert länger, was uns aber im letzten Jahr gelungen ist. Bei den 25- bis 39-jährigen Hörern sind wir wieder auf Platz 2.

Sie sprechen immer von der Musik-Programmierung. Vielleicht sagen aber immer mehr Hörer "Tschüss" zur Morningshow und Frontmann Arno?

Erst einmal: die Musik ist die Basis. Wenn die Musik nicht stimmt, ist das Programm verloren. Nur wenn die Zielgruppe mit der Musik zufrieden ist, kann man mit der Morningshow und der Promotion dazu gewinnen. Umgekehrt funktioniert das nicht. Jetzt zu Arno und der Morgencrew. Ich glaube, dass Beständigkeit und Bekanntheit einer Morningshow fundamental sind für den Erfolg. Beides für 104.6 RTL neu herzustellen, würde sehr lange dauern und wäre auch sehr teuer. Wenn an unserer Morningshow etwas nicht stimmt, bin ich der Erste, der etwas ändert. Unsere Hörerforschung bestätigt jedoch unseren Programm-Kurs.

Prima. Nun ist Arno Müller Stimme, Star, Moderator und Programmdirektor in einer Person. Kann Programmdirektor Arno Müller seinen Moderator Arno Müller entlassen?

Ja. Die Gesellschafter und die Berater unseres Senders wissen: Wenn sie nicht mehr zufrieden wären, genügte ein Wort, und der Moderator Müller stünde vor der Türe.

Trotzdem verstärkt sich der Eindruck, dass sich Moderator Arno an seine Hörer ranschmeißt. Sie duzen jetzt.

Ja. Wir haben Hörer zwischen und 18 und 35 Jahren gefragt, wie sie angesprochen werden wollen: mit Sie oder mit Du. Eindeutig mit Du. Eine solche Änderung nehmen wir nicht einfach mal so vor, sondern wir testen vorher, womit wir auf Sendung gehen.

Das Du ist das eine, Ihr Witz das andere. Der geht auf Kosten von Minderheiten. Trauen Sie sich an Mehrheiten nicht ran?

Ich bin nicht böse oder bösartig

... weil Weihnachten ist?

Nicht weil Weihnachten ist. Auch hier hat unsere Marktforschung eine Änderung im Geschmack der Hörer ermittelt: Der Harald-Schmidt-Humor kommt morgens nicht mehr an. Beispielsweise habe ich mich früher mit meiner Co-Moderatorin Katja immer gekabbelt. Das geht nicht mehr. Die Hörer sagen, dass sie das nicht mehr mögen. Es gibt eine Werteveränderung bei den jungen Leuten. Sie wollen inzwischen wieder Harmonie zwischen Mann und Frau, nicht dieses ewige Hin und Her. Darauf haben wir uns eingestellt. Wir machen eine Morningshow, die in ganz viele Richtungen gehen kann. Wenn wir herausfinden, dass mehr Journalismus und Information gewünscht sind, dann hätten wir das in einer Woche im Programm umgestellt.

Immer am Hörer: bedeutet das Radio als Gleitmittel.

Nein. Wir machen das Programm für die Hörer. Also das, was die Hörer haben wollen.

Laufen Sie den Hörern hinterher oder ihnen voraus?

Wir laufen mit den Hörern.

Also ein Schattenradio?

Schatten ist falsch. Wir gehen mit dem Hörer und ein kleines Bisschen voraus, um ihm auch etwas anbieten zu können. Der ganz normale Berliner soll uns als hip empfinden und dieses Gefühl hat er auch.

Gibt es im Radio das, was im Fernsehen gang und gäbe ist - nämlich Zappen?

Ja. 25 bis 30 Prozent sind Exklusivhörer, zwei Drittel sind Zapper. Aber auch hier gibt es eine statistische Erkenntnis: Zirka 80 Prozent der Zeit, die jemand Radio hört, hört er seinen ganz persönlichen Lieblingssender.

Gemessen an der Zahl der guten Gags, müssen Gags rar sein.

Es gibt viele Gagschreiber, die uns aus allen Teilen des Landes ihr Produkt anbieten. Meist ist das aber wenig zielgerichtet, zu wenig auf das jeweilige Publikum, den jeweiligen Senderkunden zugeschrieben. Da herrscht fast generell zu wenig Feingespür. Ich habe gewisse Grenzen bei Worten und Begriffen, die Gagschreiber von draußen häufig nicht haben. Die meisten der angelieferten Jokes sind einfach nicht so gut, auch, weil sie für unsere Hörer zu gemein sind.

Wir arbeiten besser und fast ausschließlich mit unseren eigenen Gagschreibern, die im Hause sind. Die kennen unsere Hörer und deren Geschmack, so dass sie bedarfsgerechter arbeiten können.

Hat der Geschmack unter den Hörern Ihrer Morningshow zugenommen?

Es gibt wirklich einen Wertewandel. Die Jugendlichen sind viel, viel konservativer geworden. Familie, Zusammenhalt, Harmonie bedeuten wieder etwas. Das sind eigentlich wieder die Werte der Großelterngeneration. Darauf muß man sich einstellen. Junges Radio heute ist zum Beispiel so etwas wie unser "Flirt-Freitag". Da können sich Singles übers Radio kennenlernen. Das kommt sehr gut an. Fünfzig Prozent der Paare, die sich so bei uns getroffen haben, sind jetzt zusammen und wollen das auch bleiben.

Heißt junges Radio "Radio im Internet"?

Ein spannnendes Thema. Keiner weiß aber, wo die Reise hingeht. Das Internet kann Radio verändern, aber wie, weiß keiner genau. Vorerst heißt Radio im Internet: Wege für den User zum UKW-Radio aufzeigen. Internet-Radio hat andere Regeln. Da wird jeder seine eigene Playlist zusammenstellen. Von der homogenen Gruppe der Hörerschaft geht es zum Individuum, zum Einzelnen. Der wird sich sein eigenes Programm bauen. Der Hörer wird Programmdirektor.

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