Zeitung Heute : „Ich bin sexuell verwirrt“

Bret Easton Ellis kann keine Frau heiraten und schon gar nicht Treue versprechen. Doch er ist sich mit allen Konservativen einig: Nur die Familie kann die Welt retten.

-

Bret Easton Ellis, 42, gilt seit über 20 Jahren als Stimme seiner Generation. Seinen ersten Roman „Unter Null“ schrieb er mit 19, sein berühmtestes Werk „American Psycho“ wurde als „jugendgefährdend“ eingestuft. Ellis hat lange mit Drogenproblemen gekämpft und vor kurzem seinen sechsten Roman „Lunar Park“ veröffentlicht.

Interview: Stefanie Flamm Herr Ellis, stimmt es, dass Sie New York verlassen haben?

Noch nicht ganz. Ich befinde mich in einem merkwürdigen Prozess. Seit drei Jahren ertappe ich mich dabei, immer mehr Zeit in Los Angeles zu verbringen. New York ist nicht mehr meine Stadt. Sie hat sich verändert, und ich habe mich auch verändert.

In welcher Hinsicht?

Letztes Jahr kam ich noch einmal zurück, um in New York Werbung für mein Buch „Lunar Park“ zu machen. Es war furchtbar, als ich nach 19 Monaten Los Angeles meine dortige Wohnung wiedersah. Ich stand mit 41 Jahren in dem Loft eines 22 Jahre alten Erfolgsschriftstellers, und mein erster Gedanke war: Mach, dass du schnell hier rauskommst!

Sie haben einmal geschrieben, New York sei ein guter Ort für Leute, die jung und reich sind. Sehen Sie das immer noch so?

Jung und reich – das ist die ideale Kombination, aber vor allem reich muss man sein. Arme Leute sind unglücklich in New York, auch wenn sie jung sind. Aber alte Leute haben es auch schwer. Viele meiner Freunde haben die Stadt verlassen, als sie Familien gegründet haben. Sie wollten dort keine Kinder großziehen, und das verstehe ich sehr gut.

Weil New York zu gefährlich ist?

Nicht für alle, aber für Leute wie mich ist es gefährlich. Wenn ich in New York bin, fange ich sofort wieder mit den Drogen an. Ich habe dort einen Dealer, und alles ist sehr, sehr einfach. Die ganze Stadt ist voller Drogenkonnotationen. Ich sehe eine Bar und denke: Mensch, was hatten wir da für einen Spaß. Ich gehe durch eine Straße und erinnere mich an eine Wohnung, wo wir auf dem Klo unendlich viele Nasen Kokain reingezogen haben, oder an ein Apartment, wo die Lines über den ganzen Küchentisch lagen. Das ist überall so. Auch meine Wohnung gehört in dieses Kokseruniversum. Da hingen oft die ganze Nacht Leute rum, die ich gar nicht kannte.

Journalisten, die Sie dort besucht haben, sagen, es sei bitterkalt gewesen.

Es war nur ein einziger großer Raum, fast ohne Möbel. Ein riesiges Loft in Manhattan. In der letzten Zeit habe ich dort nicht mehr geheizt. Ich wollte nicht, dass sich jemand bei mir wohl fühlt. Ich trage mich mit dem Gedanken, die Wohnung zu verkaufen.

New York ist Schauplatz Ihrer wichtigsten Romane „American Psycho“ und „Glamorama“ – und das intellektuelle Zentrum der Vereinigten Staaten. Wird Ihnen da nicht immer etwas fehlen?

Ich habe diesen Literaturbetrieb satt. Diese Buchpartys, auf denen man die neuesten Gerüchte austauscht, dieses Sehen und Gesehenwerden. Das interessiert mich alles nicht mehr. Ich habe in New York getroffen, wen ich treffen wollte, und erlebt, was man erleben kann. Mir reicht das.

Sie gelten als Stimme Ihrer Generation. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ hat „American Psycho“ vor ein paar Jahren zum „wichtigsten Buch der 90er Jahre“ ernannt. Ist der Druck zu groß geworden?

Mir hat es immer gefallen, die Stimme meiner Zeit genannt zu werden. Es hat mir sogar geschmeichelt, wenn man mich einen politischen Autor genannt hat, obwohl das überhaupt nicht stimmt. Ich war noch nie wählen. Aber im Ernst: Ich glaube, dass ich den Erfolg verdient hatte. Mein erstes Buch „Unter Null“ war ja wirklich ein Buch über meine Generation …

… über College-Studenten aus reichen Familien, die in einem Mix aus Partys, Drogen und Gewalt verzweifelt nach einem neuen Kick suchen …

…und so etwas verkauft sich eben besser als ein Roman über eine depressive Mutter und den heroinsüchtigen Bruder, die echt Probleme haben. Viele erfolglose Bücher waren besser geschrieben als meine. Wenn Sie so wollen, war mein erstes nur Journalismus.

Truman Capote ist an dem Ruhm zerbrochen, den er mit dem ersten journalistischen Roman „Kaltblütig“ hatte. Er hat nie mehr etwas veröffentlicht.

Capote ist nicht am Ruhm zerbrochen, das ist totaler Unfug. Er ist an der Art zerbrochen, wie er zu diesem Ruhm gekommen ist. Capote hat die beiden Männer in der Todeszelle, über die er geschrieben hat, dem Tod ausgeliefert. Sie mussten sterben, damit er seine Pointe hatte. Damit ist er nicht fertig geworden. Am Ende hat sein Meisterwerk ihn selbst zerstört. Und diese Vorstellung macht mich doch fertig.

Weil Sie sich fragen, ob Sie sich genauso verhalten hätten?

Weil ich glaube, dass ich es genauso gemacht hätte. Die meisten Autoren hätten es gemacht. Wegen mir ist noch niemand gestorben, aber ich habe auch Leute verraten. Die Protagonisten aus „Unter Null“ waren meine Freunde. Ich habe sie benutzt und wurde auf ihre Kosten berühmt.

Haben Ihre Freunde Ihnen das übel genommen?

Sehr sogar. Das Buch hat mein ganzes Leben verändert, meine Beziehung zu anderen Menschen. Alte Freunde waren keine Freunde mehr, bei den neuen Freunden wusste ich nie, wo ich dran bin. Berühmte Leute liebt niemand lange. Wenn du langweilig wirst, suchen sie nach deinen Macken. Ich zum Beispiel war genau ein Jahr lang der Goldjunge des Literaturbetriebs, seither gelte ich als der Prinz der Finsternis.

Können Sie mit Kritik umgehen?

Mit Kritik schon, aber ich bin immer sauer, wenn jemand über mich als Person schreibt. Es gab in den letzten 22 Jahren nur ein einziges Porträt, in dem ich mich wieder gefunden habe. Chris Heath vom „Rolling Stone“ hat es geschrieben. Die anderen Reporter waren mir tagelang auf den Fersen und haben nur die falschen Fragen gestellt.

Was wäre jetzt eine richtige Frage?

Ich würde mich fragen, warum ich auf Lesereise nach Deutschland gekommen bin, obwohl ich so irrsinnige Flugangst habe. Und warum ich Flugangst habe, obwohl Auto fahren doch viel gefährlicher ist.

Warum also kommen Sie auf Lesereise nach Europa, obwohl Sie solche Flugangst haben?

Wegen des Geldes. Es wurde bei der Vertragsunterzeichnung so verhandelt. Der deutsche Verlag zahlt ein viel besseres Honorar, wenn man sich verpflichtet, das Buch selber vorzustellen und in einer Hotelsuite Fragen von Journalisten zu beantworten.

Dann können wir ja in Ruhe weitermachen: Man hat Ihnen immer wieder vorgeworfen, dass Sie einen Lifestyle kritisieren, den Sie selber leben. Was sagen Sie dazu?

Diesen schlecht gelaunten Vorwurf habe ich nie verstanden. Ich weiß halt, wovon ich spreche. Vor gut zwei Jahren habe ich „American Psycho“ noch einmal gelesen. Und ich war erstaunt, wie unprätentiös das geschrieben ist. Als ich daran gearbeitet habe, dachte ich, es sei ein wahnsinnig prätentiöses Buch, darauf war ich irre stolz. Das stimmt gar nicht. Es ist ganz schnell erzählt. Aber was ich sagen wollte: Ich hatte es als Abrechnung mit meinem Vater konzipiert. Doch dann musste ich feststellen, dieser Patrick Bateman …

… ein markenbesessener Wallstreet-Broker, der versucht, allen Konventionen der Gesellschaft zu entsprechen, und gleichzeitig ein sadistischer Mörder ist …

… hat auch ziemlich viel von mir damals. Er ist ein furchterfüllter junger Mann, ein typisches Opfer der 80er Jahre.

Die großen Ängste der 80er Jahre waren: die Angst vor einem Atomkrieg, vorm Wettrüsten, vor der nuklearen Katastrophe. Darum ging es bei Ihnen überhaupt nicht.

Natürlich nicht. Es ging um die andere Seite der 80er Jahre. Im Nachhinein denke ich manchmal, dass ich mit dem Buch viel zu früh dran war. Die 80er Jahre und ihr Markenfetischismus, das war ja Kinderkram im Vergleich mit dem Börsenboom der 90er Jahre. Die 22 Jahre alten Jungs, die damals am Neuen Markt ein paar Milliarden am Tag verdient haben, das waren die richtigen Patrick Batemans.

Aber die haben sich vor nichts mehr gefürchtet. Die 90er Jahre waren ein ziemlich übermütiges Jahrzehnt.

Nicht für mich. Ich habe immer Angst, seit ich zwei Jahre alt bin. Das liegt an meiner Familiengeschichte. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo die Angst regierte. Mein Vater, ein erfolgreicher Immobilienmakler, war schlimmer Alkoholiker. Er hat die ganze Familie tyrannisiert. Meine beiden Schwestern und ich wussten nie, was er als Nächstes machen wird. Ist er oben? Ist er unten im Gang? Wird er dir gleich die Scheiße aus dem Leib prügeln? Wenn Sie so groß werden, ist der Atomkrieg ein sekundäres Problem. Ich war fast 30 Jahre in Therapie.

Wann haben Sie damit aufgehört?

Vor drei Jahren ungefähr. Es zog sich ein bisschen hin. Meine schlimmste Phase hatte ich im Sommer 2001, da lief wirklich gar nichts. Ich war hochgradig depressiv, und dann hatte sich auch noch ein aggressiver Stalker, eine Frau, die mit mir sterben wollte, Zugang zu meiner Wohnung verschafft. Erst im Herbst ging es mir endlich besser, die Stalkerin war weg, und die Sitzungen zeigten Erfolg. Es ist total verrückt, aber ich weiß noch genau, wie ich mich am 10. September mit meinem Kollegen Jonathan Lethem zum Abendessen getroffen habe. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit langem wieder völlig gesund und glücklich. Wir gingen dann noch auf eine Party. Und wissen Sie, ich hatte seit Jahren nicht getanzt und plötzlich stand ich auf der Tanzfläche. In der Nacht zum 11. September!

Hat Ihre Entscheidung, New York langsam zu verlassen, etwas mit den Terroranschlägen zu tun?

Überhaupt nicht. Nach dem 11. September war ich sehr patriotisch. Ich habe mir geschworen, die Stadt nie zu verlassen. Und es war auch eine großartige Zeit, alles war wie neu, alles hatte mehr Bedeutung. Jede blöde Party, jeder langweilige Film kam uns klasse vor. Wir waren so glücklich, dass wir überlebt hatten. Aber ich muss mich langsam damit abfinden, dass meine Jugend vorbei ist. Das Leben, das ich all die Jahre in New York geführt habe, bringt einen irgendwann um. Ich habe in den letzten Jahren viele Freunde und Liebhaber verloren.

Ihr Freund ist an einem Herzstillstand gestorben.

Da waren legale Drogen im Spiel, kein Kokain. Michael wurde übermedikamentiert. Seine Eltern bestreiten das, aber ich bin mir sicher, dass ihm zu viel Aderol verschrieben wurde. Das ist eine Art legales Speed, das man nimmt, um die Nebenwirkungen anderer Medikamente zu lindern. Es verscheucht Depressionen, ich glaube, er hat das missbraucht. Ein anderer Freund hat eine Überdosis Heroin nicht überlebt. Das alles trübt meine Erinnerung an diese Jahre.

Der Held in Ihrem neuesten Buch „Lunar Park“, ein drogensüchtiger Erfolgsschriftsteller namens Bret Easton Ellis, flieht vor seiner Vergangenheit in ein Familienidyll am Stadtrand. Aber das geht nicht lange gut. Glauben Sie, dass Sie es in Suburbia aushalten würden?

Im Buch geht es nicht gut, weil der Held nicht will, dass es gut geht. Das muss nicht die Regel sein. Viele Freunde von mir sind mit ihren Stadtrandfamilien glücklich geworden. Sie sind mittlerweile erwachsen, übernehmen Verantwortung. Das gibt einem Halt.

Und danach sehnen Sie sich auch?

Wollen Sie mich verarschen? Kein Mensch, der halbwegs bei Trost ist, sehnt sich nach Verantwortung. Ich befinde mich einfach in einer schlimmen Midlifecrisis und suche nach einem Platz, an dem ich sein kann.

In Deutschland wird gerade die „neue Bürgerlichkeit“ ausgerufen. Die Menschen glauben wieder an Traditionen, Tugenden und Familienwerte. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Natürlich, denn wer will schon als einsamer Single alt werden? Ich kenne niemanden. Keine Frau und keinen Mann. Und wenn man zusammenlebt, kann man auch heiraten, mit Kindern ist das sowieso das Nächstliegende. Nennen Sie das neue Bürgerlichkeit oder wie Sie wollen. Wir haben keine Alternative zur traditionellen Familie. Dieses Modell besitzt keine Erfolgsgarantie, aber es ist das Einzige, das zumindest funktionieren könnte. Die anderen sind definitiv gescheitert.

Familiengründung käme auch für Sie in Frage?

Wie denn? Ich wünsche mir zwar eine Familie, aber das geht nicht. Ich bin sexuell ziemlich verwirrt. Ich kann keine Frau heiraten und Kinder mit ihr haben. Ich kann ihr nicht ewige Treue versprechen, das müsste schon eine sehr, sehr moderne Ehe sein, moderner als alle Formen des Zusammenlebens, von denen ich je gehört habe. Außerdem bin ich als Schriftsteller an ein sehr einsames Leben gewöhnt. Ich weiß von vielen Schriftstellerfreunden, dass sie, als die Kinder da waren, die Dinge ein bisschen anders sahen. Anstatt des Romans, den sie geplant hatten, schrieben sie eine Sitcom, weil einfach schnell Geld rein musste und weniger Zeit da war. Die Gefahr, dass man sich in der eigenen Familie verliert, ist groß.

Wie unterscheidet sich Ihr neues Leben in Los Angeles denn von dem alten in New York?

Viele Freunde sind dorthin gezogen, meine Schwestern und meine Mutter leben in L. A. Ich fahre wieder Auto, was mir große Freude macht, das Wetter ist immer gut. Los Angeles ist eine ganz andere Stadt als New York. Die Leute machen Filme, sie stehen um fünf Uhr auf, um pünktlich in der Maske zu sein. Wenn ich mich mit Freunden zum Essen treffe, falle ich danach sofort ins Bett. Natürlich gibt es auch in Los Angeles Partys, aber die beginnen pünktlich um sieben Uhr, die Restaurants schließen um zehn, weil danach sowieso keiner mehr kommt. Wer beim Film ist, muss gut aussehen, er darf nicht über die Stränge schlagen. Das kommt mir im Moment entgegen.

Sie sind eitel geworden.

Nicht besonders. Wenn ich keine Termine habe, laufe ich den ganzen Tag in Badeschlappen und Trainingshose herum. Aber seitdem ich in Los Angeles lebe, färbe ich mir die Haare. Das machen dort alle. Mit grauen Haaren käme ich mir komisch vor.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben