Zeitung Heute : „Ich bleibe auf alle Fälle hier“

Die Lage ist unübersichtlich. Sind amerikanische Truppen schon in Bagdad? Wie groß ist der Widerstand der irakischen Soldaten? Vor Ort sind immer noch viele Journalisten. Aber die haben mit großen Problemen zu kämpfen. Ein Interview mit der Reporterin Antonia Rados.

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DER KRIEG UND DIE MEDIEN

Frau Rados, haben Sie schon amerikanische Soldaten in Bagdad gesehen?

Nein. Wir haben eine große Tour durch die Stadt gemacht. Was wir gesehen haben, waren relativ unbedeutende Verteidigungspositionen überall, voll gepackte Autos, in denen Möbel wegtransportiert wurden – aber keine USTruppen. Wenn die Amerikaner in Bagdad gewesen sind, dann am Stadtrand, aber auf keinen Fall im Zentrum, wo wir sind. Hier ist kein GI, kein Panzer aufgetaucht.

Wie ist die Atmosphäre in der Stadt?

Bagdad ist in einem Zustand von Betäubung, völlig gelähmt. Dann beobachte ich aber immer wieder, wie Haubitzen vor unserem Hotel vorbeifahren oder Autos herumfahren, aus denen Saddam-Fotos oder irakische Fahnen herausgehalten werden, um uns und den Leuten zu zeigen, dass das Regime noch hält. Unglaublich.

Können sich die Korrespondenten mittlerweile frei bewegen?

Nein. Ich habe momentan den Eindruck, wir leben zwischen zwei Welten, in einer Zwischenzeit. Wir wissen nicht genau, ob wir uns eigenständig bewegen können, ohne dass die irakischen Behörden uns mit Sanktionen bestrafen. Mal sagen uns die Funktionäre vom Informationsministerium, das für uns zuständig ist, was wir drehen können und was nicht, dann haben wir größten Ärger mit Milizen, wieder andere an anderen Stellen in Bagdad sagen, „it’s over“.

Wie stellen Sie sich darauf ein?

Ich habe sehr aufmerksam hingehört, als der irakische Informationsminister Sajiid al Sahaf mit dem Einsatz „unkonventioneller Waffen“ gedroht hat. Man muss schon sehr leichtsinnig sein, wenn man sich nicht vorbereitet. Ich habe gerade noch einmal meine Gasmaske gecheckt.

Sie denken jetzt in alle Richtungen?

Wir schauen von Stunde zu Stunde. Ich bleibe auf alle Fälle hier, komme, was wolle. Arbeiten, drehen, senden, aber so vorsichtig wie möglich und lieber auf einen Bericht verzichten und überleben. Den Bericht kann ich auch noch einige Stunden später machen. Ich habe keinen heldenhaften Mut.

Was ist mehr zu fürchten? Dass der Amerikaner kommt, oder dass er nicht kommt ?

Das ist eine Mischung. Das ist ein explosiver Cocktail, der sich hier zusammenbraut. Das sehen sie in den Augen eines jeden einzelnen Einwohners von Bagdad. Es ist alles möglich. Die Spannung kann sich nach allen möglichen Seiten entladen. Dass alles in Anführungszeichen „friedlich“ und schnell zu Ende geht, es ist möglich, dass es einen Bürgerkrieg enormen Ausmaßes gibt, dass es zu Plünderungen kommt, dass die angedrohten unkonventionellen Waffen eingesetzt werden. Es herrscht totale Ungewissheit.

Rücken die ausländischen Journalisten enger zusammen?

Es ist eine ganz tolle Truppe hier, überhaupt keine Abenteuertypen, die auf Teufel komm raus berichten wollen. Wir sind alle sehr solidarisch. Wir kriegen von den Kollegen Batterien, wir haben ja keinen Strom mehr, wir müssen jetzt irgendwie herumbasteln mit unseren Generatoren. Von den Norwegern über die Griechen ist hier im „Hotel Palestine“ alles friedlich vereint.

Saddam Hussein und seine Gefolgsleute geben sich nach wie vor siegesgewiss. Glaubt das Regime wirklich noch an den Sieg?

Ein Teil des Regimes ist davon überzeugt, dass es nicht dem Ende zugeht, dass man die Sache wie in der Vergangenheit wieder einmal irgendwie regeln wird können. Die Hardliner werden auch nach dem Sturz des Regimes von der Sache der Baath-Partei vollkommen überzeugt sein. Das hängt für die nicht von der Regierungsmacht ab. Sie werden bis zum Ende weiterkämpfen, ob mit Worten oder mit Waffen, wird nur von der Lage abhängen. Auf der anderen Seite gibt es keine hundertprozentige Unterstützung für die Amerikaner.

Waren Sie dabei, als sich Saddam Hussein angeblich wieder in den Straßen Bagdads gezeigt hat?

Kein ausländischer Korrespondent war dabei. Keiner von uns war zu diesem wichtigen Ereignis eingeladen worden. Sie können sich einen Reim darauf machen, warum. Ich habe die Szenen im Fernsehen gesehen. Mich interessiert mehr, was die Iraker davon halten. Erst einmal sind sie fest davon überzeugt, dass es der echte Saddam Hussein war, der sich feiern ließ. Einer hat gesagt: „You see, this is, how our president is.“ („Hier kannst du sehen, wie unser Präsident ist.“)

Was hat er damit gemeint?

Er war stolz darauf, dass sich Saddam das getraut hat. Die Amerikaner bombardieren Bagdad, und Saddam Hussein geht auf die Straße und bietet den Herausforderern die Stirn. Das ist eben auch psychologisch interessant: Es zeigt, dass Patriotismus und Nationalismus eine große Rolle spielen – selbst bei denen, die nicht unbedingt Saddam-Fans sind, die aber sagen: Er ist immerhin unser Präsident.

Wann erwarten Sie das Ende des Krieges?

Ich wage keine Prophezeiung. Nicht jetzt.

Das Gespräch führte Joachim Huber.

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