Zeitung Heute : „Ich dachte, die Kinder spielen Indianer“

Madrid kommt nicht zur Ruhe: Entsetzen im Vorort Leganés, wo sich die Hauptverdächtigen in die Luft sprengten

Werner Herzog[Madrid]

Die Hausfrau Concha war in ihrer Wohnung, als es losging. Als sie die ersten Schüsse hörte, glaubte sie, dass die Kinder in dem kleinen Garten im Innenhof wieder einmal Feuerwerkskörper gezündet hätten. „Ich ging ans Fenster und sah Männer mit Pistolen. Die spielen Indianer mit den Kindern, dachte ich mir. Dass es in meinem Haus eine echte Schießerei gibt – auf diese Idee kam ich einfach nicht.“

Concha wohnt in der Avenida de Rosa Chacel im Madrider Vorort Leganés, in einem der Wohnblöcke, die alle erst vor wenigen Jahren gebaut worden sind. Zu den Häusern gehören Garten und Schwimmbad, eigentlich ein ruhige Gegend – bis zum Samstagnachmittag jedenfalls: Um 18 Uhr rückten dort Sondereinsatzkräfte der Polizei zu einer Razzia an, Beamte in Zivil, sie umstellten die Nummer 40 der Avenida Carmen Martin Gaite, ein fünfstöckiges Wohnhaus. Doch der Plan der Polizei, das Gebäude zu stürmen und die Terroristen festzunehmen, ging nicht auf. Es kam zur Schießerei: Die Terroristen, unter ihnen auch der Kopf der brutalen Anschläge vom 11. März, eröffneten das Feuer.

Die 14-jährige Sandra befand sich zu diesem Zeitpunkt im Garten. „Ich spielte gerade mit Freunden“, sagt sie. „Da hörte ich plötzlich das Geschrei. Einige Araber brüllten etwas in ihrer Sprache, dann schossen sie. Ich habe mich in eine Ecke verdrückt.“ Die Männer mit den Pistolen neben Sandra waren Polizisten, die das Feuer aus dem ersten Stock erwiderten. Um diese Zeit ratterten schon Helikopter über Leganés. Erste Tankwagen tauchten auf. Polizisten begannen, die Straßen um den Kampfherd in einem Umkreis von 500 Metern zu sperren und die Einwohner durch die Gegensprechanlagen in ihren Wohnungen anzuweisen, die Rollläden herunterzulassen und sich in die inneren Zimmer zurückzuziehen. Das umkämpfte Haus wurde evakuiert. „Ich war auf der Terrasse meiner Wohnung. Zuerst sagte die Polizei, wir sollten die Läden runterlassen und uns verstecken, dann befahlen sie uns, die Wohnung zu verlassen, schauen Sie nur, ich bin im Pyjama und stecke in Pantoffeln“, sagt José Luis Ruiz. Der Schrecken steht ihm auch noch Stunden später ins Gesicht geschrieben. „Ich wollte meine 73-jährige Mutter rausholen, doch die Polizei ließ mich nicht durch. Ich stand im Sirenengeheul und wusste nicht, was tun“, berichtet der Kellner einer Bar gegenüber.

Drei Stunden dauerte die Aktion in Leganés. 40 Mann der Elite-Einheit Geo versuchten zunächst, durch die Tür der Wohnung im ersten Stockwerk mit den Verschanzten zu verhandeln, sie zum Aufgeben zu bewegen. Die Antwort waren Schüsse und Allah-Rufe. Dann kontaktierten die Einsatzkräfte einen Freund der Belagerten. Auch dieser konnte sie in einem Telefongespräch nicht zur Aufgabe bewegen.

Um 21 Uhr 3 beschlossen die Geo-Spezialisten den Angriff. Sie sprengten die Tür und drangen in die Wohnung ein. In diesem Moment gab es eine mächtige Explosion. Der vorderste Polizist starb, dem zweiten wurde ein Bein weggerissen, zehn andere wurden verletzt. Die Nachfolgenden fanden totale Verwüstung vor. Drei Terroristen lagen zerfetzt in der Wohnung, ihre Sprengladung hatte das Innere und die Fassaden von drei Stockwerken weggerissen, die Eisenträger zwischen den Stockwerken verbogen. Die schockierten Zuschauer sahen durch die Wohnungen hindurch. Über hundert Menschen mussten die Nacht bei Familienangehörigen verbringen. Um Mitternacht leerten Feuerwehrleute ein Schwimmbad im Innenhof, um herauszufinden, ob sich darin die Leiche eines vierten Terroristen befand.

Der Nachbar Alberto hatte die Terroristen gesehen, wie er der spanischen Zeitung „El Mundo“ sagte. Er lebte zwei Stockwerke über ihnen, ohne etwas zu ahnen. „Die waren erst vor zwei oder drei Wochen eingezogen“, sagt er, „sie hatten immer die Kragen hochgestellt, den Kopf eingezogen und trugen Mützen.“ Doch wie die anderen Nachbarn hatte er nichts Schlimmes vermutet. „In dieser Stadt leben viele marokkanische Einwanderer, kaum jemand legt sich mit ihnen an.“ Der Nachbar vom gleichen Hausflur konnte sich nur erinnern, dass in dieser Wohnung viele Leute ein und aus gingen, dass es dort immer still war und aus der Tür der Geruch von stark gewürzten Speisen drang.

Einer der insgesamt mindestens vier toten Terroristen heißt nach den Vermutungen der Polizei Serhane Ben Abdelmajid Fakhet. Der Tunesier soll die Gruppe der marokkanischen Sprengstoffattentäter der Todeszüge vom 11. März angeführt haben. 12 Kilogramm Dynamit derselben Sorte hatte ein Angestellter der staatlichen Eisenbahn am Vortag der Selbstmorde von Leganés in einer Tasche auf der Trasse des Hochgeschwindigkeitszuges Madrid – Sevilla zwischen den Bahngleisen gefunden. Die Sprengstoffladung musste kurz vorher angebracht worden sein, einen Zünder hatte sie noch nicht. Dennoch wurden sechs Waggons des Zuges stundenlang auf offener Strecke angehalten, und 15000 Passagiere mussten in Bahnhöfen warten und konnten ihren Osterurlaub nicht beginnen.

In diesem Osterurlaub wollten die Hauptstädter eigentlich die Schreckenstage nach dem 11. März ein wenig vergessen. „Aber wir kommen nicht zur Ruhe“, sagt eine Frau, „ich bin sicher, dass auch die Hochzeit von Prinz Felipe im Mai unter dem Zeichen des Schreckens stehen wird. Jetzt kontrollieren Sondereinheiten schon die Kanalisation bei der Almudena-Kathedrale, wo die Hochzeit sein soll.“

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