Zeitung Heute : „Ich dachte, mein Vater sei Tarzan”

Wenn Autos zu schnell durch seine Straße fuhren, warf er Bierdosen hinterher. So beschützte John Irving seine Söhne. Nun hat er über seine Kindheit geschrieben.

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John Irving, 64, ist mit seinen elf Romanen einer der meistgelesenen amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Er gewann 2000 einen Oscar für das Drehbuch zu seinem Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Irving lebt mit seinem jüngsten Sohn und seiner Frau auf dem Land in Vermont.

Von Christine Meffert und Clemens Wergin Herr Irving, Sie haben mit Mitte 60 das Bekenntnis abgelegt, dass Sie als zehnjähriger Junge von einer Frau missbraucht wurden, die über 20 war. Warum diese späte Offenheit?

Mein neues Buch „Bis ich Dich finde“ handelt unter anderem von einem Kind, das mit einer älteren Frau schläft. Ich wusste, dass mich alle fragen würden, haben Sie das auch erlebt? Diesmal dachte ich, jetzt sage ich es gleich: Ja, das ist mir passiert.

Und warum haben Sie das Thema überhaupt gewählt?

Ich glaube nicht, dass der Autor sich sein Thema sucht. Es ist umgekehrt: Das Thema sucht sich den Autor. Und es ist selten so, dass Romane aus guten Erlebnissen heraus entstehen, meistens sind es miese, verstörende Erfahrungen, die einen zum Schreiben bringen. In meinen Büchern geht es ja immer um dominante Mütter, abwesende Väter und verlorene Kinder. Nur diesmal ist es direkter, sowohl die Suche nach dem verschollenen Vater, als auch der Kindesmissbrauch. Aber das Eigenartige ist, ich fühlte mich nicht missbraucht.

Wie kommt das?

Ich hatte Sex, bevor ich überhaupt wusste, was Sex ist. Aber als ich alt genug war, um selbst die Initiative zum Sex zu ergreifen, war meine Überraschung groß: Oh, merkte ich – es ist nicht mein erstes Mal, das hatte ich schon mal.

Und dennoch treibt Sie dieses Erlebnis bis heute um.

Ich fühlte mich lange zu älteren Frauen hingezogen. Ich fand die Mütter meiner Freundinnen attraktiver als meine Freundinnen. Und ich fühlte mich schuldig deswegen, das war das Schlimmste. Aber es war schwer für mich zu verstehen, woher das kam, obwohl es eigentlich auf der Hand lag. Ich glaube, der springende Punkt ist, dass man sich nicht weiterentwickelt, man bleibt Kind. So ging es mir jedenfalls bis in meine Zwanziger hinein. Ich hätte nie daran gedacht, mich einer älteren Frau zu nähern, aber ich wusste, wenn sie sich mir näherte, würde ich Ja sagen und mitgehen wie ein fügsames Kind. Das war ein sehr hilfloses Gefühl. Und ich musste über 30 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass ich mich eben genau wie ein zehnjähriges Kind fühlte.

Sie müssen die Frau gehasst haben, die Ihnen das antat.

Nein, als Kind nicht, aber als ich einen eigenen Sohn hatte, dachte ich, wenn eine Frau meinem Jungen das antun würde, würde ich sie umbringen.

Wie hat Ihre Mutter reagiert?

Sie hat nichts davon gewusst. Niemand hat davon gewusst. Die Frau war eine Bekannte unserer Familie, alle hielten sie für eine ganz normale und nette Person.

Haben Sie denn niemandem etwas erzählt?

Nein, niemandem, es war ja ein Geheimnis. Ich habe es erst viel später erzählt, erst meinem eigenem Sohn, um ihn zu warnen. Als er zehn war, sagte ich ihm, als ich in deinem Alter war, passierte mir das und das, also nimmt dich in Acht.

Nicht mal Ihre Frau wusste davon?

Nein. Meiner ersten Frau habe ich es erst im vergangenen Jahr, kurz vor der Veröffentlichung des Buches gesagt, ich wollte nicht, dass sie es in der Zeitung liest. Mann, war die wütend. Sie sagte: „Du hast es den Jungen gesagt und nicht mir.“ Ich antwortete ihr: „Ich glaube, du warst nicht in Gefahr durch ältere Frauen.“

Sie lachen, aber was haben Sie Ihren Söhnen denn geraten?

Ich sagte zu ihnen: Seid misstrauisch, wenn ein Erwachsener sagt, das darfst du niemandem erzählen, das ist unser Geheimnis. Wahrscheinlich habe ich meine beiden älteren Söhne verrückt gemacht. Ich ließ kein Auge von ihnen. Sie dachten bestimmt, ich sei paranoid.

Paranoid?

Zum Beispiel bin ich, wenn ein Auto zu schnell an unserem Haus vorbeifuhr, rausgerannt und habe Bierdosen hinterhergeworfen. Oder ich habe es verfolgt. Wenn der Fahrer nett war, entschuldigte er sich. Aber wenn er mir den Finger zeigte, hat er das nächste Mal Steine abgekriegt. Meine Großmutter sagte immer: Sei zweimal nett. Das ist im Prinzip eine gute Regel. Aber wenn es um die Kinder ging, war ich es nur einmal.

Macht das einen guten Vater aus, dass er seine Kinder vor der Welt beschützt?

Vielleicht wollte ich sie zu sehr beschützen, aber ich habe allen Grund, stolz auf meine Kinder zu sein. Am stolzesten bin ich darauf, dass sie heute selbst gute Väter sind. Sie wollen gute Väter sein, weil ich ihnen ein guter Vater war, das macht mich glücklich. Ein guter Vater ist für mich einer, der sich kümmert, der aktiv ist, der die Kinder nicht einfach der Mutter überlässt.

Mit Ihrer zweiten Frau haben Sie noch einen Sohn bekommen, Everett, er ist jetzt 14. Sind sie gelassener bei Ihrem dritten Sohn?

Nein, aber Everett hat den Vorteil, zwei ältere Brüder zu haben. Er kann sie um Rat fragen, und sie können ihm sagen, ja, du hast Recht, unser Vater ist ein bisschen ängstlich.

An Ihren eigenen Vater haben Sie keine Erinnerung. Er ließ sich von Ihrer Mutter scheiden, als Sie zwei waren. Haben Sie ihn vermisst?

Als ich sechs Jahre alt war, heiratete meine Mutter wieder, einen Russischlehrer. Ich liebe meinen Stiefvater, ich war sehr froh, als er in mein Leben kam, er ist ein guter Typ. Wenn ich einen grausamen oder kalten Stiefvater gehabt hätte, hätte ich vielleicht nach meinem Vater gesucht. Aber ich war auch ängstlich, ich dachte, was ist, wenn er kein Interesse hat, wenn er sagt, warum belästigst du mich?

Und als Erwachsener – haben Sie da nie versucht, Kontakt aufzunehmen?

Nein. Als ich ein bekannter Autor war, dachte ich sogar, wenn er jetzt käme, wäre es dann nur, weil ich berühmt bin? Will er Geld? Andererseits war ich noch nie so enttäuscht wie in dem Jahr, als ich berühmt wurde.

Das war 1978, als Sie mit „Garp, und wie er die Welt sah“ Ihren ersten Bestseller geschrieben hatten .

Ich dachte, wenn er mich jetzt nicht ausfindig macht, wird er es nie tun. In den Monaten nach dem Erfolg ging es mir gar nicht gut.

Einerseits sehnten Sie sich nach ihm, andererseits hatten Sie Angst vor ihm?

Ich machte ihn zu einem Monster in meiner Vorstellung: Er musste ein schlechter Kerl sein, sonst hätte mir doch jemand von ihm erzählt, oder?

Hat Ihre Mutter nie über ihn gesprochen?

Nein, und sie hatte es auch jedem in der Familie verboten. Wenn ich meine Großmutter bat, sag mir doch etwas über meinen Vater, antwortete sie: Tut mir Leid. Ich versuchte, meiner Mutter Fallen zu stellen. Wenn wir einen Film sahen, fragte ich: Findest du, dass der gut aussieht? Cary Grant zum Beispiel. Dann lenkte ich ein wenig ab und sagte: Sieht der ein wenig aus wie mein Vater? Sie drehte sich dann zu mir und schaute mich nur an. Eine Zeit lang dachte ich sogar, mein Vater sei Tarzan, weil meine Mutter mit Lex Barker ausging.

Mit dem Barker, der auch Old Shatterhand war?

Ja, aber er war natürlich nicht mein Vater. Manchmal habe ich mir vorgestellt, dass mein Vater heimlich zu meinen Ringkämpfen kommt. Später, als ich Schriftsteller war, dachte ich, vielleicht ist er ja auf einer meiner Lesungen.

Sie haben einmal gesagt, Sie dachten, Sie hätten alle schlechten Eigenschaften von ihm geerbt.

Ich hatte eine Menge unartikulierte Wut in mir. Das war auch der Grund, warum ich ein so leidenschaftlicher Ringer wurde. Die meisten Leute hören auf zu kämpfen, wenn sie öfter verlieren als gewinnen. Ich habe einfach weitergemacht. Das musste masochistische Gründe haben.

Warum richtete sich Ihr Zorn gegen Sie selbst und nicht gegen Ihre Mutter, die den Vater totschwieg?

Als ich 36 Jahre alt war, brachte sie mir Briefe von meinem Vater, die er ihr geschrieben hatte, als er Soldat in Indien und China war. Sie legte mir die Briefe einfach hin, ohne ein Wort. Ich glaube, das war alles, was sie tun konnte. Ich respektierte, dass sie nicht darüber sprechen konnte.

Wissen Sie, warum Ihr Vater Sie nie besucht hat?

All seine Briefe handelten davon. Er schrieb meiner Mutter: Ich will nicht mehr mit Dir verheiratet sein, aber bitte, verbiete mir nicht den Umgang mit John. Doch sie sagte Nein. In der Scheidungsurkunde stand dann auch, dass er kein Recht habe, mich zu sehen und dass ich ihn auch nicht besuchen dürfe.

Heute wäre so etwas nicht mehr möglich.

Ich rege mich immer noch hin und wieder über meine Mutter auf und sie sich über mich. Aber, wissen Sie, sie versäumte kaum einen meiner Ringkämpfe: 189 Matches in mehr als 20 Jahren. Und das ist kein Sport, den sich Mütter gerne anschauen.

Sie wollte etwas wieder gut machen.

Ja, ich hatte das Gefühl, dass sie deshalb da war. Und sie war Krankenschwester, sie konnte meine Wunden nähen. Sie konnte meine körperliche Auseinandersetzung mit dem Problem offensichtlich besser vertragen, als meine Fragen.

Der missbrauchte Junge in Ihrem Buch sucht sein Leben lang seinen Vater, der seine Mutter verließ, bevor er geboren wurde. Es ist im Grunde Ihre Lebensgeschichte. Hat Ihre Mutter „Bis ich Dich finde“ gelesen?

Nein. Sie mochte schon „Owen Meany“ nicht, weil es da auch um einen Jungen ging, der nicht wusste, wer sein Vater ist. Wenn sie nicht mit mir darüber sprechen will, will sie natürlich auch nicht, dass ich darüber schreibe. Aber in ihrem Alter und bei ihrer Gesundheit – sie ist jetzt 86 – würde sie das Buch auch nicht lesen, wenn es vom Zusammenbruch der Ming Dynastie handelte.

Aber sie wird darüber in den Zeitungen gelesen haben und von Ihren Bekenntnissen gehört haben. Haben Sie wenigstens nach dem Buch über alles gesprochen?

Nein. Aber als sie vor kurzem zu mir sagte, wie kannst du über so Persönliches in den Medien sprechen, machte ich ihr klar: Das ist dein Geheimnis, nicht meines. Es war nie mein Geheimnis. Ich erinnere mich an ein Abendessen, bei dem ich ihr erzählte, dass mich jemand gefragt hatte, welche Erlebnisse Eingang in meinen Roman gefunden hätten. Da wurde meine Mutter sehr wütend und schimpfte: Gibt es irgendein Erlebnis, das nicht Eingang in deinen Roman gefunden hat?

Es gibt eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen der Wirklichkeit und Ihrem neuen Roman. Am Ende findet der Held tatsächlich seinen Vater. Er ist verrückt und lebt in einem Sanatorium. Als Sie das schrieben, wussten Sie noch nicht, dass Ihr Vater unter ähnlichen Umständen starb, er war manisch-depressiv und verbrachte seine letzten Jahre in einer Klinik.

Mein Halbbruder hat es mir gesagt. Ich wusste ja noch nicht einmal, dass ich noch Geschwister habe, aber mein Vater war nach der Ehe mit meiner Mutter noch dreimal verheiratet gewesen. Eines Tages rief mich mein Bruder an, er hatte mich ausfindig gemacht. Wir sprachen zwei Stunden. Erst am Ende sagte er: „Vater starb vor fünf Jahren.“ Ich fragte: Wie starb er? Und er sagte: Verrückt geworden. Ich möchte nicht, dass das jetzt grausam klingt, aber ich dachte: Mann, ich habe richtig geraten. Mein Vater war ein guter Mann, und er war verrückt. Er kommt nicht zu seinem Sohn, weil er im Heim war, er kann nicht raus – das war so eine Art Happy End für mich.

Ihr Bruder hat Ihnen ein Tonband Ihres Vaters geschickt. Wie war das, mit über 60 zum ersten Mal seine Stimme zu hören?

Ich drehte meinen CD-Players auf volle Lautstärke, stieg auf das Laufband und rannte und rannte und rannte, bis ich alles gehört hatte. Es dauerte lange, mein Sohn Eduard war inzwischen von der Schule nach Hause gekommen, aber es war so laut, dass ich es nicht merkte. Ich war total verschwitzt und hatte geweint. Everett kam herein, er fragte, Gott, was hast du denn da gehört? Das war schwer zu beantworten, ich machte eine kleine Pause und er fragte: War es witzig? Und ich sagte: Ja, es war sehr komisch.

Worüber redete er auf dem Band?

Es war so ein Oral-History-Projekt, mein Vater erzählte über sein Leben, über den Krieg. Es war chronologisch aufgebaut, aber mich hat er einfach übersprungen.

Sind Sie Ihren Ärger, Ihre aufgestaute Wut losgeworden, während Sie schrieben?

Diese Antwort könnte mein Sohn besser geben als ich. Seit er denken kann, schreibe ich an diesem Buch. Wenn er mich fragte, was tust du, antwortete ich, ich schreibe ein Buch, er fragte: Wie heißt das Buch, ich sagte: Bis ich dich finde. Es ging immer weiter und weiter, und jetzt ist er ein junger Mann. Das Buch ist ihm gewidmet. Aber ich brauchte Pausen, während ich an diesem Buch arbeitete. Ich machte zwischendrin immer wieder andere Sachen, schrieb Drehbücher. Einmal waren wir in Los Angeles deswegen. Mein Sohn hörte mich über ein Projekt sprechen mit dem Produzenten von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“.

… für das Drehbuch dazu haben Sie den Oscar bekommen …

Danach fragte mich mein Sohn: Wirst Du wieder anfangen zu schreiben? Er fand, ich sei jetzt, da ich nicht schriebe, so viel fröhlicher. Das hat mich sehr überrascht. Ich war mir gar nicht bewusst, wie sehr mich dieses Buch mitnahm, bis zu diesem Gespräch mit meinem Sohn.

Wut scheint so etwas wie Ihr Lebensthema, Ihr Antrieb speist sich daraus.

Wenn ich mal wieder vor Wut mit dem Kopf gegen die Wand schlug als Junge, sagte mein Stiefvater immer zu mir: Meinst du nicht, dass es eine bessere Art gibt, mit der Wand in Beziehung zu treten. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob man die Wahl hat, wütend zu sein oder nicht. Ich weiß nicht, ob man es in der DNA hat, oder ob es einem in den ersten zehn Jahren seines Lebens mitgegeben wird. Aber eines weiß ich: Die Tatsache, dass meine Mutter meine Mutter ist, reicht, um ein Leben lang wütend zu sein. Meine Mutter ist der wütendste Mensch, den ich kenne.

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