Zeitung Heute : Ich, das Spekulantenschwein

Wer kauft heute schon noch Aktien? Die Zeit der großen Gewinne ist längst vorbei. Haben wir jedenfalls gedacht.

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Von Harald Martenstein

Die Fernsehleute haben es immer noch nicht kapiert. Im Fernsehen senden sie immer noch zur besten Zeit ihre absurd langen Börsenberichte und geben dreimal täglich den Dax durch – als ob sich noch irgendein normaler Mensch für Aktien interessiert.

Damals, als alle Leute nach Aktien verrückt waren, habe ich mich von Freunden und Bekannten auslachen lassen. Ich hatte ein Festgeldkonto, Verzinsung: vier oder fünf Prozent, lächerlich. Aber wissen Sie was? Ich habe mein Geld noch. Und es wird immer mehr. Klack, klack, klack. Bei den anderen dagegen ist das Geld schneller weggeschmolzen als die Alpengletscher in der Klimakatastrophe. Die Menschen sind dumm. Erst denken sie, die Aktien steigen ewig. Zurzeit denken sie, die Aktien fallen ewig. Beides nachweislich falsch.

Ich bin bereit, mich ein zweites Mal auslachen zu lassen. Ich bin in den Aktienmarkt eingestiegen. Mit 500 Euro. Am 29. August. Denn ein Tag ist so gut wie der andere. An diesem Tag lauteten im Wirtschaftsteil des Tagesspiegels die Überschriften folgendermaßen: „Die Konjunktur macht wieder schlapp“, „Das Haushaltsloch wächst dramatisch“, „Deutschland ist ein korruptes Land“ und „Hewlett-Packard macht einen Milliardenverlust“. Ach, noch etwas: „Beate Uhse wächst weiter“.

Die Uhse-Aktie gehört zu den wenigen deutschen Werten, die der Krise trotzen. Ich lese zurzeit zum ersten Mal in meinem Leben Börsenanalysen und Aktionärszeitschriften, und eines wird einem dabei schnell klar. Überdurchschnittlich stabil oder sogar dynamisch verhält sich in der Krise am ehesten das, was mit Alkohol, Nikotin oder Sex zu tun hat. Back to the Basics, könnte man sagen. Ich liebäugele mit der Beate-Uhse-Aktie, aber sie liegt schon bei 9 Euro. Das ist mir zu teuer.

Meine wichtigsten Informationsquellen sind ein Internetdienst ns „Der Spekulant“, Untertitel: „Alles was Spekulantenschweine reich macht“. Das Musterdepot dieser Publikation ist in den letzten fünf Monaten entgegen allen Trends um 22 Prozent gestiegen. Außerdem Fachblätter wie „Der Aktionär“ und „Geldidee“. In „Geldidee“ hat der ARD-Börsenkorrespondent Dieter Möller eine Kolumne. Er schreibt zum Beispiel, dass gerade in Australien das größte Bordell des Landes an die Börse gegangen ist. Leider verrät er nicht den Namen des Unternehmens. Wer aber in der Internet-Suchmaschine auf Englisch die Worte „Australien“, „Börse“ und „Bordell“ eintippt, der findet unter anderem Ureinwohner mit weiß bepinselten Gesichtern und gewaltigen Gemächten, die im Schatten von Ayers Rock mit Touristinnen Unzucht treiben. Hilfreich ist das nicht.

Am Ende lande ich bei Silber, das nach Ansicht von „Der Aktionär“ vor einem Jahrhundert-Boom steht. Wegen der niedrigen Preise der letzten Jahre haben viele Silberminen dichtgemacht oder ihre Produktion reduziert. Jetzt hat die US-Regierung erklärt, dass die Silberreserven quasi aufgebraucht sind und dass die USA in Zukunft jede Menge Silber kaufen müssen, um ihre Münzen zu prägen. Ich entscheide mich für Cœur d’Alene, eine Silbermine aus Idaho, die Anfang des Jahres kurz vor dem Konkurs stand, jetzt aber den Turnaround geschafft haben könnte. Kostet pro Aktie nur 2 Euro 21.

Ich will aber noch was richtig Billiges, einen Pennystock. Der „Spekulant“ empfiehlt „Deakin Financial Services“ als „billigstmögliches Schnäppchen“. Kurs: 12 Cent. Ein schwer angeschlagener australischer Finanzvertrieb, der aber offenbar rechtzeitig sein Management gefeuert und wie durch ein Wunder vier Millionen Euro cash auf dem Firmenkonto gefunden hat. Der „Spekulant“ rechnet mittelfristig mit 200 Prozent Gewinn. Aber irgendwas gefällt mir nicht an Deakin. Nennt es Instinkt.

30. August. Mannomann. Die Silber-Aktien sind auf 1 Euro 99 gefallen. So schnell! Der Aufmacher im Wirtschaftsteil heißt: „Forscher fürchten erneute Rezession in den USA“. Und Deakin? Es ist faszinierend zu beobachten, wie eine Aktie, die schon fast nichts mehr kostet, immer noch gewaltig verlieren kann, in diesem Fall 20 Prozent.

Ich kaufe 200 Aktien von Magna Pacific zum Spottpreis von je 33 Cent. Das ist ein DVD-Hersteller, der seinen Umsatz im letzten Jahr um 60 Prozent gesteigert hat. Im Internet sieht man den Chefmanager Alan Radley, einen vertrauenerweckenden rundlichen Typen mit weißem Haarkranz. Er sagt: „Unsere Gewinnmargen sind hoch. Wir haben fünf Millionen Dollar auf dem Konto, für künftige Übernahmegelegenheiten.“ Dazu grinst er siegesgewiss. „Der Spekulant“ sagt: „100-Prozent-Chance. Kaufen.“

Eiskalt, unkonventionell

DVDs. Na, das ist mal was Grundsolides. Außerdem kaufe ich Anormed. Biotechnologie, Stammzellenforschung. Das war gestern noch der große Hit, heute redet kaum noch einer darüber. Aber die Chancen sind doch da! Anormed sitzt in Kanada und hat AMD-3100 entwickelt, einen Wirkstoff, der die Vermehrung von Stammzellen beschleunigt. Stammzellendünger, sozusagen. Die Aktie wird von den Experten unisono als „sehr interessant“ und „großer Hoffnungsträger“ eingestuft. Und sie kostet lumpige 2 Euro 17.

2. September. Es läuft nicht gut. Die Silbermine sackt weiter, auf 1 Euro 96. Die DVDs liegen bei 25 Cent. Der Teufel soll Alan Radley holen. Und der Stammzellendünger? Reden wir nicht darüber. Irgendwann in der Nacht ist mir klar geworden, was ich tun muss. Ich muss noch wertfreier an die Dinge herangehen. Eiskalt. Unkonventionell. Und ich muss meine politische Kompetenz ausnutzen. Das war wohl der Moment, wo mir die Idee zu Invision Technologies und United Defense gekommen ist.

Invision Technologies stellt – halten Sie sich fest! – Sprengstoffdetektoren für Flughäfen her. Eine zeitgemäßere und zukunftsträchtigere Technologie gibt es praktisch nicht. Invision Technologies hat gerade einen Großauftrag für fast alle französischen Flughäfen bekommen. Erwartungsgemäß ist die Aktie sehr teuer, 31 Euro. Aber United Defense ist sowieso noch besser. United Defense ist ein amerikanischer Rüstungskonzern, der sich unter anderem auf die Reparatur von Kriegsschiffen spezialisiert hat. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Wie alle Welt, so habe auch ich keine besonders hohe Meinung von der irakischen Armee. Aber zwei oder drei feindliche Kriegsschiffe wenigstens zu beschädigen – das werden sie doch noch schaffen. Außerdem sind immer noch die Riffe da und die fehlgeleiteten eigenen US-Raketen. Mein Gott, United Defense weist schon jetzt, ohne Krieg, einen Nettogewinn von 74 Prozent aus! Ich kratze alles verbliebene Kapital zusammen und ordere United Defense. Kostet so um die 22 Euro. Beate Uhse steht übrigens bei 9 Euro 65. Man hätte wohl doch zugreifen müssen.

Sie steigt und steigt

4. September. Schlagzeile: „Massiver Kurseinbruch an den Börsen“. Was kümmert’s mich! Ein erster Blick zeigt, dass die Silber-Aktien angefangen haben, vorsichtig zu klettern. DVD – na ja, hält sich. Nur die Stammzellenaktie ist ein echter Stimmungskiller. Nanu, wo ist denn United Defense? Warum stehen die nicht in meinem Depot?

Anruf beim Internetbroker.

„Mal schauen. United Defense… wow! Die sind ja gestern um vier Prozent gestiegen! Und vorgestern auch. Und vorvorgestern…“

„Das ist exakt der Grund, warum ich diese Aktie kaufen will. Wieso geht das nicht?“

„Mal schauen… tja, es ist kein Umsatz da.“

„Wie? Ich kenne mich nicht so aus.“

„Das heißt, niemand verkauft die Aktie. Kein Mensch, der United Defense besitzt, verkauft. Also können Sie nicht kaufen.“

Im Grunde ganz einfach, oder? Jeder weiß, dass diese Aktie steigen muss. Einen Menschen, der blöd genug ist, um jetzt amerikanische Rüstungs-Aktien zu verkaufen, gibt es offenbar auf der ganzen Welt nicht.

10. September. Es ist deprimierend. Mein fundiertes politisches Wissen nützt mir rein gar nichts. Die Order für United Defense bleibt weiter erfolglos, währenddessen steigt die Aktie so stolz und frech wie der Drachen in „Die Legende von Paul und Paula“. „Der Spekulant“ hat geschrieben: „Aktien kaufen sollten Sie heute noch nicht. Aber bald wird der Tag kommen…“ Jetzt geben sogar die Treuesten der Treuen auf! Aber Beate Uhse liegt immerhin schon bei 9 Euro 80. Ärgerlich, wenn man den Einstieg verpasst hat. Soll ich Cargolifter ordern, den insolventen Zeppelinhersteller, 69 Cent? Der hat sein Trainingsluftschiff „Charly“ verkauft, vielleicht ein Hoffnungszeichen. Nur die Silberaktie macht mir weiterhin Freude. Ich bin jetzt übrigens ganz und gar gegen die Stammzellenforschung. Diese Aktie hat das Potenzial, ganze Volkswirtschaften zu ruinieren.

11. September. Zum vielleicht ersten Mal hat im Feuilleton des Tagesspiegels ein brauchbarer Börsentipp gestanden. In ihrem Artikel zum 11. September nennt Marcia Pally die Firma, die das Terroristengefängnis in Guantanamo Bay baut, eine Firma, die obendrein vom US-Vizepräsidenten Cheney gepusht wird. Mann, das Know-how zum Bau von Terroristengefängnissen ist ja in Zeiten wie diesen besser als die Erlaubnis, Geld zu drucken! Denn was werden die USA mit all den Gefangenen tun, die in den künftigen Kriegen anfallen?

Der Blick ins Internet zeigt: Halliburton ist ein echtes Rennpferd. Die Analysten schwanken zwischen den Ratschlägen „Strong buy“ und „Buy“. Die Firma nennt ihre Gewinne nicht, sie wird ihre Gründe haben. Ordern!

13. September. Etwas sehr Unerfreuliches ist passiert. Präsident Bush hat vor der Uno klar gemacht, dass der Irak-Krieg noch auf sich warten lässt, er will die Uno einbinden und all das. Die Folge: Meine Gefängnis-Aktien sinken von 16 Euro 54 auf 14 Euro 35.

Meine Zwischenbilanz: Von 500 Euro sind nach etwas über zwei Wochen noch 419 übrig. Na gut, das ist ein Verlust von etwa 16 Prozent. Ohne die Bush-Rede und mit United Defense wäre ich aber locker in die Gewinnzone gekommen. Die Stammzellenaktie war ein Desaster, die Silberaktie lief erst gut, jetzt schwächelt sie, einen kleinen Gewinn habe ich überraschenderweise mit der DVD-Fabrik herausgeholt, dem Pennystock des braven, tapferen Alan Radley. Die Honorare des Brokers fressen natürlich kleinere Gewinne sofort auf. Aber es geht, es geht!

17. September. Die Morgenschlagzeilen heißen: „Europas Wirtschaft bleibt hinter den USA zurück“ und „Insolvenzrichter stöhnen unter Pleitewelle“. Was soll man machen? Ein ganz normaler Tag des Jahres 2002. Aber inzwischen sehe ich die Dinge ähnlich wie der große Börsenstratege Heiko Thieme: Als Visionär muss man über gewisse Tagesprobleme hinwegsehen.

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