Zeitung Heute : Ich denke, also tanze ich

Der britische Choreograf Wayne McGregor setzt mit seiner neuen Kreation „Entity“ den Fuß ins Cyberspace

Sandra Luzina

Pulsierende Elektrosounds schallen durch den hellen Probenraum des Jerwood Space, eines Kulturzentrums in der Londoner South Bank. Die sechs Tänzer schieben sich schlingernd vorwärts, sie stoßen ruckartig den Kopf vor, tauchen ab, ziehen sich zurück, um wieder vorzuschnellen. Dies ist Tanz, der aus vorgezeichneten Mustern ausbricht. Die Tänzer agieren hyperflexibel und hellwach. „Push, Push“, ruft ihnen Wayne McGregor zu. „Das sieht noch zu leicht, zu mühelos aus – wie Spaziergehen im Park.“ Der Choreograf will mehr Spannung, mehr Schärfe. Und er macht die Bewegungen vor: diese rasiermesserscharfen, blitzschnellen Attacken, die zu seinem Markenzeichen geworden sind und ihm den Beinamen „Nosferatu on Acid“ eingetragen haben. Die Tänzer legen einen Zacken zu und umschlingen sich nun mit aggressiver Sinnlichkeit. „Lovely“, spornt Wayne McGregor sie an. Geprobt wird für das neue Stück „Entity“, das am 30. April – drei Wochen nach der Uraufführung im Londoner Sadler’s Wells – bei Movimentos seine Deutschlandpremiere erleben wird.

Wayne McGregor ist der momentan angesagteste Choreograf Londons – und das Superbrain der britischen Tanzszene. Der 37-Jährige hat sich als Schöpfer aufregender wie befremdender Bühnenuniversen einen Namen gemacht. Mit seiner Random Dance Company gelangen ihm bahnbrechende Produktionen, in denen er auf innovative Weise mit den neuen Technologien experimentierte. Wayne McGregor setzt einen Fuß ins Cyberspace: Die computergenerierten Images sind oft eine Erweiterung des Körpers. Die Choreografien reißen die Grenzen zwischen realer Physis und Virtual Reality ein. Der Brite hat schon vieles ausprobiert: 3-D-Animation, 3-D-Architektur, remote Performances im Internet. Im Interview stellt er aber klar: „Mich interessiert vor allem die ,Technologie‘ des Körpers. Denn der Körper ist ja mein primäres Medium – sein Potenzial zu erforschen, finde ich spannend.“

Die Tänzer heute bewegen sich mit ungleich höherer Virtuosität als noch vor 30 Jahren, erläutert McGregor. Das habe mit einem veränderten Training zu tun, aber auch mit einem wissenschaftlichen Verständnis davon, wie der Körper funktioniert. „Ich glaube nicht, dass man das trennen kann von kognitiven Denkprozessen. Es gibt ja eine direkte Verbindung zwischen Körper und Gehirn.“ Um dieses Zusammenspiel von Body und Brain kreisen all seine Stücke. In Anlehnung an Descartes berühmten Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ könnte Wayne McGregors Maxime lauten: Ich denke, also tanze ich.

Allen romantischen Vorstellungen von Tänzern, die sich nur von Intuition leiten lassen, erteilt er eine Absage. McGregor ist ein brillanter Kopf, – und er tauscht sich gern mit Hirnforschern über seine Ideen aus. Immerhin war er der erste Künstler, der ein Forschungsstipendium für „Choreography and Cognition“ am Department für Experimentelle Psychology der Universität Cambridge erhielt. Tänzer verfügten über eine außergewöhnliche kinästhetische Intelligenz, so überzeugte er die Forscher. Hier könnten sie also einmal an ausgewiesenen Experten studieren, wie Körper und Gehirn zusammenwirken. McGregor machte zunächst die Experimente im Labor, im Gegenzug kamen die Hirnforscher dann ins Studio, um die Tänzer zu beobachten – und waren zunächst verblüfft, als der Choreograf ihnen eine „neurologische Kollaboration“ auf nonverbaler Basis vorschlug. Trotz unterschiedlicher Interessen entspann sich ein äußerst fruchtbarer Dialog. „Den Wissenschaftlern ging es nicht um Kunst, sie waren interessiert an harten Daten für ihre Forschungen“, erklärt McGregor. „Ich hingegen wollte herausfinden, wie die Neurowissenschaften meinen kreativen Prozess beeinflussen können.“ Das Resultat dieser ungewöhnlichen künstlerisch-wissenschafltichen Liaison war die Produktion „AtaXia“. Das griechische Wort ataxia bedeutet Unordnung, Ataxie ist aber auch der Name für eine Hirnstörung, die zum Verlust der Bewegungskontrolle führt.

„Ich wollte ein Stück über unkoordinierte Bewegungen machen und darüber, wie das Gehirn die motorischen Handlungen steuert. Tänzer sind aber nun mal Spezialisten, was das Koordinieren von unterschiedlichen Aktionen angeht. Ich wollte nicht, dass sie nur vortäuschen. Also haben die Wissenschaftler sich eine Serie von Experimenten für uns ausgedacht, um die Verbindungen zwischen Gehirn und Körper zu unterbrechen. Für die Tänzer war das eine schockierende Erfahrung.“ „AtaXia“ war ein Tumult des Körpers. Es war eine verstörende Arbeit, weil es uns vor Augen führte, wie verletzlich, wie störungsanfällig wir Menschen sind. Für die darauffolgende Produktion „AmU“ arbeitet Wayne McGregor mit Herzspezialisten zusammen. „Wir begreifen das Herz als Zentrum der Gefühle, und wir reden oft von dem Gegensatz von Kopf und Herz. Ich wollte verstehen, wie Emotionen im Hirn entstehen. Ich wollte mir eine eigene Vorstellung vom menschlichen Herzen machen jenseits der tradierten Abbildungen.“ Der unerschrockene Choreograf verfolgte also Operationen am offenen Herzen und studierte auch Bilder seines eigenen Herzens. „Viele bezeichnen meine Arbeit als futuristisch“, erklärt McGregor. „Doch sie handelt von dem, was im Moment passiert. Sie berührt die aktuellen Debatten über Gentechnik, Klonen und Stammzellforschung. Letztlich geht es mir darum, eine Ethik des Körpers zu formulieren.“

Wayne McGregors Produktion sind alles andere als zerebral, sie begeistern durch ihre aufrührerische Sinnlichkeit und eine genuin choreografische Intelligenz. In den Tänzern seiner 1992 gegründeten Random Dance Company hat er Verbündete für seine choreografischen Forschungen gefunden. Seine Tänzer müssen Offenheit und intellektuelle Neugierde mitbringen, betont der Choreograf. Oft arbeite er mit ihnen auf kollaborativer Basis: Er stellt Aufgaben, die dann zusammen gelöst werden. Die Herausforderung besteht darin, Bewegungen zu erfinden, für die der Körper erst einmal nach Lösungen suchen muss.

Die Kreationen für die Random Dance Company sind die avanciertesten Arbeiten McGregors. Seit Ende 2006 ist der umworbene Jungstar aber auch „resident choreographer“ beim ehrwürdigen Royal Ballet – was umso erstaunlicher ist, als er keinen klassischen Background hat. Den Unterschied in der Herangehensweise umreißt er so: „Wenn ich für eine Ballett- Company arbeite, weiß ich von Anfang an ziemlich genau, was ich will. Bei Random gehe ich ins Studio, ohne zu wissen, was am Ende herauskommt. Diese Arbeit ist schwieriger, bereitet aber auch mehr Vergnügen.“ Wayne McGregor sucht sich nicht nur immer neue Herausforderungen, er betätigt sich auch auf unterschiedlichen Feldern. Er hat mit vielen berühmten Theater- und Opernregisseuren zusammengearbeitet und inszeniert mittlerweile auch selbst Opern. Er hat Judi Dench trainiert und war der Choreograf am Set der Verfilmung von „Harry Potter und der Feuerkelch“, wo er bei den Animationen mitgewirkt hat. Ein bisschen hat auch Wayne McGregor von einem Zauberlehrling. Daneben engagiert er sich auch in Education-Programmen: „Ich liebe die Zusammenarbeit mit Jugendlichen – und ich komme mir gar nicht wie ein Lehrer vor. Sie sind es, die mir etwas beibringen“, sagt er mit schönem Understatement.

Der Brite ist ein offener Geist und seine Erkenntnislust ist ansteckend. Schon ein 30-minütiges Gespräch vermittelt einem so viele Anregungen, dass man sofort in die nächste Bibliothek stürzen möchte. Oder besser noch: in eines der Tanzstücke von Wayne McGregor.

In seiner neuen Produktion „Entity“ beschreitet er wieder Neuland, denn es geht um künstliche Intelligenz. Der „Guardian“ suggerierte in einer Vorankündigung, dass hier die Androiden los sind. Er habe keineswegs vor, die Tänzer durch Roboter zu ersetzten, winkt der Choreograf lächelnd ab. Auch wenn diesmal keine Aliens die Bühne stürmen – Wayne McGregor ist der kühnste Visionär des britischen Tanzes.

Wayne McGregor / Random Dance Company: „Entity“,. Termine: 30. 4., 1., 2. 5., jeweils 20 Uhr im KraftWerk

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