Zeitung Heute : „Ich empfehle unbedingt eine Grippe-Impfung“

Der Infektiologe Schedel über Risikopatienten, Viren-Forschung und darüber, warum Medikamente nicht ausreichend sind

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INGOLF SCHEDEL (55)

ist Professor an der

Medizinischen Hochschule Hannover und leitet dort die Infektiologie.

Foto: dpa

Herr Schedel, Winterzeit ist Grippezeit – wie kann man sich schützen?

Es sollten sich alle Personen impfen lassen, die ein besonderes Risiko haben, Grippe zu bekommen. Das sind Menschen über 60 Jahren und Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grundkrankheit wie Herz, Leber-, Nieren-Krankheiten, Diabetes und anderen Stoffwechselkrankheiten und Infektionen wie HIV. Außerdem sollten sich alle impfen lassen, die in Einrichtungen mit erhöhtem Publikumsverkehr arbeiten.

Wann ist die richtige Zeit für eine Impfung?

Wenn der für das aktuelle Jahr speziell präparierte Impfstoff zur Verfügung steht. Das ist immer im Herbst. Und dann jedes Jahr zur Auffrischung, weil sich das Virus verändert.

Gibt es Nebenwirkungen?

Die sind gering. Mal gibt es Rötungen am Ort der Injektion. In äußerst seltenen Fällen kann eine Hirnhautentzündung auftreten.

Wird viel mit Grippe-Viren geforscht?

Ja, die Influenza ist ja eine sehr häufige Erkrankung, es sterben Personen daran, und die Grippe ist außerdem eine der wichtigsten Infektionskrankheiten. Daher ist das auch ein attraktives Forschungsfeld, sowohl für Universitäten als auch für die Pharmaindustrie. So gibt es seit zwei Jahren ein Medikament, mit dem man zum ersten Mal eine Influenza-Infektion tatsächlich therapieren kann. Es verbessert vor allem den klinischen Verlauf. Bei dem Medikament handelt es sich um einen Neuraminidase-Hemmer.

Ist das eine Alternative zur Impfung?

Nein. Man muss innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Erkrankung diese Therapie beginnen, noch dazu ist sie teurer als die Impfung und hat häufiger Nebenwirkungen. Außerdem: Das Medikament hilft, nachdem Sie erkrankt sind – eine Impfung soll den Ausbruch der Krankheit ja verhindern.

Gibt es wechselseitige Nutzen von Grippe-

Forschung und anderen Bereichen?

Natürlich. Sehr viel hat die Grippe-Forschung von derjenigen mit anderen Viren profitiert. Ganz besonders hilfreich sind die Erkenntnisse aus der HIV-Forschung. So funktioniert das angesprochene Medikament nach einem Prinzip, das erstmals bei der Therapie von HIV-Infektionen verwendet wurde. Es hemmt ein bestimmtes Einweiß in seiner Aktivität, das das Virus braucht, um sich zu vermehren.

Wird die Gefahr der Grippe unterschätzt?

In der Wissenschaft nicht – in der Gesamtbevölkerung ja. Ich empfehle unbedingt eine Grippe-Impfung. Jetzt.

Das Gespräch führte Sven Ernst.

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