Zeitung Heute : Ich fliege ab Leipzig

Von Harald Martenstein

In Berlin werden demnächst die Hallenbäder saniert. Man putzt. Man klebt Kacheln an, die herabgefallen sind. Dazu werden die Bäder für ein Jahr geschlossen. Im U-Bahnhof Potsdamer Platz wird zurzeit ein Aufzug eingebaut, dies dauert neun Monate. Das Berliner Schloss aber ist seit fast zwanzig Jahren ein Gegenstand der Diskussion.

In Berlin dauert alles drei bis vier Mal länger als anderswo. Deswegen bin ich misstrauisch, wenn die Flughafenschließer mir erzählen, dass auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof nach dessen Schließung ein Freizeitparadies errichtet werden soll. In Wirklichkeit, das weiß jeder Berliner, wird nach der Schließung des Flughafens erst einmal ein Diskussionsprozess beginnen, der Jahre dauert. Dann werden sie irgendwas beschließen, dagegen aber werden erhebliche Widerstände mobilisiert werden. Es wird Prozesse geben, neue Beschlüsse, neue Prozesse, nach zwanzig Jahren wird man wohl wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angekommen sein. Die Schließung des Flughafens Tempelhof bedeutet im Klartext, dass kein Mensch, der heute älter ist als dreißig Jahre, dort jemals etwas anderes sehen wird als eine politisch umstrittene Brachfläche.

Also dachte ich, okay, ich stimme, mangels Alternative, für den Flughafen. Außerdem finde ich die Plakate der Flughafenschließer abstoßend. Man sieht einen Bauarbeiter mit Helm, der sagt: „Ick zahl doch nicht für’n VIP-Flughafen!“ Und das kommt von der SPD? Berlin hat doch noch nie einen promigeileren Bürgermeister gehabt als den SPD-Mann Klaus Wowereit. Nicht, dass ich ihm dies zum Vorwurf machen würde. Soll er doch. Aber wieso macht jetzt ausgerechnet er mit seiner Partei auf dumpfe, ressentimentgesättigte Weise Stimmung gegen Promis? Wieso tun sie jetzt auf einmal so, als sei die SPD die Anti-Angelina-Jolie- Partei und die Rolling-Stones-Hasser- Partei? Genau dieser Personenkreis wird doch gemeinhin als „VIP“ bezeichnet. In Wahrheit freuen sich natürlich die SPD und auch die Linkspartei, wenn Unternehmer und berühmte Menschen ihre Aktivitäten nach Berlin verlagern, dafür werden, durchaus zu Recht, Fördermittel ausgegeben. Diese ganze Kampagne hat etwas extrem Verlogenes. Die Leute werden auf dumpfe Weise für dumm verkauft, es ist geradezu eklig. Dann aber sehe ich die Plakate der Flughafenbefürworter: „Ich bin ein Berliner!“. Als nächstes wird die CDU, die hinter dieser Kampagne steckt, vermutlich fordern, dass Harald Juhnke einbalsamiert und in einem Mausoleum auf dem Kurfürstendamm ausgestellt wird, wie der tote Lenin. Kinderchen: West-Berlin gibt es nicht mehr. Kennedy regiert nicht mehr, kapiert es doch endlich. Ich aber werde überhaupt nicht abstimmen, es ist mir zu doof, ich fliege in Zukunft ab Leipzig.

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