Zeitung Heute : Ich gehe gerne Risiken ein

MUSIKFEST BERLIN Tugan Sokhiev, der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, schlägt eine Brücke von Russland in die USA.

UWE FRIEDRICH

Zum Amtsantritt als siebter Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters dirigiert Tugan Sokhiev russische Werke. So weit, so wenig überraschend – gilt der 35-jährige Ossete aus Wladikawkas doch als Spezialist für die slawische Symphonik, die jenseits der wenigen populären Tschaikowski-Symphonien in Berlin noch immer seltsam unterrepräsentiert ist. Auch Sergej Rachmaninows dritte Symphonie wird äußerst selten aufgeführt, also wird das Konzert am 7. September im Rahmen des Musikfests Berlin auch verwöhnten Ohren noch neuen Kitzel bieten. „Ich habe keine Angst, auf den Klischee-Russen festgelegt zu werden“, antwortet Sokhiev sehr ernsthaft auf die Frage nach der Gefahr der Repertoireeinengung. „Diese Symphonie wird so gut wie nie aufgeführt, weil sie zu sperrig ist für unsere Hörgewohnheiten. Es ist Exilmusik, die Rachmaninow in Amerika schrieb. Seine russischen Wurzeln sind immer spürbar, aber es passiert auch etwas Neues, sehr Aufregendes in dieser Musik. Das passt sehr schön in den Amerikaschwerpunkt des Musikfests. Außerdem singt in diesem Konzert die wunderbare Mezzosopranistin Susan Graham Lieder von Aaron Copland, der eine Generation jünger war und als Inbegriff der amerikanischen Musik dieser Zeit gilt.“

Selbstbewusst und demütig

Musik entsteht für den Dirigenten Tugan Sokhiev immer im Dialog. Im Dialog zwischen den Musikern untereinander, zwischen den Musikern und dem Publikum, aber auch im Dialog zwischen den Werken eines Konzertabends. Die Premiere der dritten Symphonie war ein Misserfolg und stürzte Rachmaninow in eine tiefe Krise. Für Sokhiev kann das viele Gründe haben. Vielleicht war die Aufführung einfach schlecht, vielleicht traf der sehnsüchtige Ton dieser Exilmusik nicht den Geschmack des Publikums. „Es kann aber auch sein, dass es einfach mit seinem damals alles überstrahlenden Ruf als Pianist zu tun hat. Mit seiner Musik ohne Klavier hatte er es beim Publikum ebenso schwer wie bei den Kritikern. Er galt als virtuoser Pianist, der halt auch ein bisschen komponiert. Ich möchte mit dem Orchester die Stimmung des alternden Komponisten deutlich machen, der genau weiß, dass er seine Heimat nie wieder sehen wird.“

Autobiografisch verstandene Musik eines desillusionierten Komponisten am Lebensende kann unerträglich kitschig sein, wenn der Dirigent nicht gegensteuert. „Aber man kann jede Komposition sentimentalisieren und verkitschen“, entgegnet Tugan Sokhiev, „Mozart und Brahms können auch ganz schön klebrig klingen. Wenn ein Dirigent die Noten genau liest, die Tempoangaben ernst nimmt und sich an die Angaben der Partitur hält, wird es einfach nie kitschig. Die großen Komponisten haben keine billigen Effekte verwendet. Das kommt erst später, wenn Interpreten die Werke aufdonnern.“

Die Verantwortung des Dirigenten liegt also darin, sich vorher Gedanken über den Klang, den Stil, die Umsetzung der Noten im Konzert zu machen. Der Dirigent muss eine Haltung zum Stück entwickeln, die er dann dem Orchester mitteilt. Zwischen Selbstbewusstsein gegenüber dem Orchester und Demut gegenüber dem Werk entsteht die Musik. Manchmal aber auch zwischen Demut gegenüber den ausführenden Musikern und Selbstbewusstsein gegenüber einer Komposition, die Wohlwollen und Hilfe der Ausführenden braucht. „Manchmal hat der Komponist einfach vergessen, etwas aufzuschreiben, als er alleine an seinem Schreibtisch saß. Viele haben ihre Werke revidiert, nachdem sie im Konzert zu hören waren und klar wurde, dass es so nicht funktioniert. Da ist also Raum für Interpretation, aber ich versuche, da sehr vorsichtig zu sein. Interpretation heißt für mich nicht, mir die Partitur passend zu machen, sondern den vermuteten Intentionen des Komponisten gerecht zu werden.“

Die Klassiker lebendig machen

In dieser Spielzeit wird Tugan Sokhiev noch die Kantate „Alexander Newski“ von Sergej Prokofjew aufführen, ein patriotisches Werk, in dem die russische Armee zuschaut, wie die Deutschen im brechenden Eis eines zugefrorenen Sees untergehen. Die Geschichte spielt zwar im Mittelalter, aber der Zusammenhang zur Entstehungszeit im Jahr 1939 ist offensichtlich. Musik wurde in allen totalitären Staaten als Propagandainstrument genutzt, damit hat Sokhiev erstmal kein Problem, wenn das Werk künstlerisch überzeugt. „Prokofjew gibt in ‚Alexander Newski’ der Komposition eine historisierende Fassade und bedient inhaltlich die Zeitstimmung. Das Werk entstand als Filmmusik für den legendären Regisseur Sergej Eisenstein, dessen Ausnahmestellung völlig unbestritten ist. Man spürt den Einfluss Eisensteins in dieser Partitur ganz deutlich, auch hier entstand das Kunstwerk im Dialog.“

Aber Sokhiev dirigiert selbstverständlich auch Dvorák und Haydn, Saint-Saëns und Brahms. Dabei freut er sich vor allem auf die Neugier des Deutschen Symphonie-Orchesters. „Wir alle brauchen die Abwechslung. Von Konzert zu Konzert ändern sich immer wieder Details. Ich nehme ein anderes Tempo oder variiere die Lautstärke. Wenn wir in den Proben eine gemeinsame Sicherheit erreicht haben, gehe ich immer wieder gerne Risiken ein. Nur so bleibt die Musik lebendig.“

UWE FRIEDRICH

Philharmonie: 7.9., 20 Uhr

Werke von Strawinsky, Copland

und Rachmaninow.

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