Zeitung Heute : „Ich gehe in den Stall und rede mit dem Schwein“

Der Tagesspiegel

Frau Gundlach, nach 17 Jahren „NDR Talk Show“ ist am 22. März endgültig Schluss. Werden Sie weinen?

Ich habe die letzte Zeit immer gedacht, nein, ich werde nicht weinen. Es kam so gar keine Wehmut auf. Aber nun kriege ich so viele Briefe, Faxe, Mails, die ich nur noch dosiert lesen kann, weil ich immer zu heulen beginne. Und wenn die Stimmung am 22. auch nur ein bisschen ähnlich sein wird, dann werden Sie mich weinen sehen. Garantiert.

Was schreiben denn die Leute?

Dass ich ihnen fehle, eben alles mögliche. Und es sind sogar Journalisten dabei, für die ich bislang gar nicht stattfand. Einer hat geschrieben, „jetzt wo Sie weg gehen, kann die Kernerisierung munter fortschreiten“. Das fand ich dann doch ganz nett.

Empfinden Sie Ihren Weggang als das Ende einer Talk-Ära?

Vielleicht markiert er das Ende einer ganz bestimmten Art von Talkshow. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass eine wie ich zickig wirkt, wenn sie künstlich auf Kampf gebürstet wird. Ich habe mit den Jahren gelernt, dass ich mich ganz auf mich verlassen muss. Auf mein Gefühl. Ich habe gelernt, normal auf Menschen zu reagieren, freundlich zu sein, aber nicht devot. Gastgeberin zu sein, höflich, aber auch mit Härte, wenn es sein muss.

Warum hören Sie gerade jetzt auf?

Sie können mir glauben: Ich habe aus vielen Gründen, und nicht nur aus einem, meinen Ausstieg beschlossen. Ich hätte auch noch ein Jahr bleiben können. Aber wie sich herausgestellt hat, hätte ich den Zeitpunkt nicht besser wählen können.

Ein Wort zu Jörg Pilawa, mit dem Sie seit letztem Herbst die „NDR Talk Show“ moderieren?

Da kann ich Ihnen nichts sagen.

Sie sind erst relativ spät, mit 41 Jahren, Talkmasterin geworden. Braucht man für den Beruf Lebenserfahrung?

Ich bin auf meine Anfänge nicht besonders stolz. Ich hatte damals ungeheuer Respekt vor meinen beiden Mitstreitern Hermann Schreiber und Wolf Schneider. Der eine stand für das Oberlehrerhafte, der andere für das Schöngeistige. Ich war für Human Touch engagiert. Dafür habe ich dann auch nur ein Drittel der Gage der Herren bekommen. Ich mußte mich hocharbeiten. Aber ich habe dabei unglaublich viel gelernt.

Sie sind hin und wieder recht brutal kritisiert worden.

Am Anfang habe ich nach solchen Kritiken zwei Tage durchgeheult. Das hat sich dann langsam geändert. Ich habe mich verändert. Und ich habe gelernt, anders mit meinen Gästen umzugehen. Es ist ja nicht immer leicht, offen und frei heraus zu sein, ohne zu verletzen. Ich habe mich zum Beispiel getraut, den Musiker Reinhard Fendrich auf den Verlust seines Kindes anzusprechen. Ich wusste ja, wovon ich sprach, ich hatte auch ein Kind verloren. Aber ich musste es ansprechen, weil es für ihn ein gravierender Lebenseinschnitt war. Anders gesagt: Das Auf und Ab im Leben eines Moderators ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt.

Haben Sie die 17 Jahre Talkshow auch privat geprägt?

Ich habe heute einen leichteren Zugang zu Menschen. Ich habe Respekt vor Wichtigem gewonnen, dafür den falschen Respekt vor allem Formalen verloren: Geld, Erfolg, irgendein Titel, das ist nichts, was einen Menschen wertvoll macht. Da muss noch Anderes hinzukommen. Ich habe einen Sensor entwickelt. Ich weiss, wann jemand echt ist und wann nicht.

Was ist das eigentlich: echt?

Echt sein heißt, sich etwas bewahrt zu haben, was mit dem tiefsten Inneren zu tun hat.

Welcher Prominente ist denn echt?

Peter Ustinov zum Beispiel. Oder Goldie Hawn. Von ihr habe ich gelernt, mich nicht von Papparazzi umhauen zu lassen. Sie wurde verfolgt, während sie ein Interview mit mir machte. Mir war es unangenehm, dass ich sie nicht beschützen konnte. Aber sie hat gesagt, kommen Sie, wir gehen jetzt raus zu denen, und dann ist Ruhe im Karton. Und so war es dann auch. Goldie Hawn beherrscht die Gratwanderung zwischen Echtheit und PR. Das habe ich nicht hingekriegt. Ich kann mich bis heute noch um Kopf und Kragen reden.

Sind Sie eigentlich froh, dass es „Die Woche“ nicht mehr gibt?

Sie meinen wegen der bösen Worte, die sie über mich geschrieben haben? Ach, die mochten mich einfach nicht.

Keine Rachegelüste?

Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, aber so etwas kenne ich nicht. Und wenn ich sie hätte, würde ich daran arbeiten, sie schnell wieder los zu werden. Ich kann zwei Tage todunglücklich sein. Aber spätestens am dritten Tag sage ich mir, es läuft auch wieder ’ne andere Kuh durchs Dorf.

S ie sind also wirklich so nett, wie Sie im Fernsehen rüberkommen.

Ich habe im Prinzip nichts dagegen, nett zu sein. Eine Talkshow ist ja keine investigative Veranstaltung, sondern, wie das Wort schon sagt, mindestens zur Hälfte Show. Nett sein ist schön und gut. Aber zurzeit erleben wir ja die Invasion der Supernetten. Da bin ich schon gespannt, wohin das führen wird.

Finden Sie die Netten auch erotisch?

Ich finde zum Beispiel Hubertus Meyer- Burckhardt erotisch . . .

. . . Ihr ehemaliger Ko-Moderator. . .

. . . der ist so schön knuffig. Es kommt doch nicht darauf an, ob ein Mann schön ist. Der muss etwas anderes haben.

Was denn?

Humor, Präsenz. Und Geradlinigkeit.

Und wann ist der Mann kein Mann mehr?

Wenn einer vor mir durch eine Tür geht und sie mir an den Kopf knallen lässt. Dann ist alles aus.

Ihre Talkshow-Zeit ist bald vorbei. Trotzdem machen Sie weiter Fernsehen. Bei ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich gerne mit den Schönen und Reichen. Warum?

Ich bin eine Träumerin. Und ich erlaube mir, einen Teil wahr werden zu lassen.

Wo lassen Sie eigentlich Ihre dunkle Seite?

Was ich in meinem Leben an Schlägen einstecken musste, hat mich demütig werden lassen. Ich glaube, ich war früher egoistischer, eingebildeter.

Und heute?

Heute lebe ich mit meiner Familie und 42 Tieren auf Mallorca. Und wenn ich in Deutschland mal wieder einen Intriganten getroffen haben sollte, gehe ich in den Stall und rede mit meinem Schwein. Und alles Böse ist vergessen.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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