Zeitung Heute : Ich glaube an Konflikte

HAU 1 Ausweitung der Krisenzone: Hans-Werner Kroesinger beginnt mit „Failed States One: Somalia“ eine Reihe über gescheiterte Staaten.

Wenn vor Weihnachten zu Spenden aufgerufen wird, rückt auch Somalia wieder ins Blickfeld. Hunger, Bürgerkrieg und dazu noch die Piraten – die Lage in dem ostafrikanischen Land ist alarmierend. „Beim Korruptionsindex von Transparency für das Jahr 2012 ist Somalia das Schlusslicht“, erklärt Hans-Werner Kroesinger beim Gespräch im Café WAU. Doch es gibt noch eine andere Hitparade, die den Theatermacher interessiert: die Liste der „Failed States“. „Als der Ost-West-Konflikt 1989 beendet ist, hat die Nato ein neues Feindbild definiert. Die Gegner sind nun die ’Failed States’, also Staaten, die ihre Grundaufgaben – die Sicherung ihres Territoriums und die Unversehrtheit ihrer Bürger zu garantieren – nicht mehr erfüllen können.“

„Failed States One: Somalia“ ist nun der Auftakt einer Reihe, die sich mit gescheiterten Staaten auseinandersetzt. „In Somalia gibt es schon seit 20 Jahren kein funktionierendes Staatengebilde mehr“, erzählt Kroesinger. Das Thema Somalia geht aber auch uns an, denn Deutsche mischen mit im Krisengebiet. Bundeswehrsoldaten kämpfen im Rahmen der EU-Mission Atalanta gegen die Piraterie am Horn von Afrika.

Der Mogadischu-Effekt

Der Regisseur läuft freilich nicht den Tagesaktualitäten hinterher. „Wir sind schon auf Somalia gestoßen, als wir das Stück ’Ruanda Revisited’ gemacht haben. Die Amerikaner haben 1994 in Ruanda nicht eingegriffen, weil kurz vorher ein Militäreinsatz in Somalia fehlgeschlagen ist. Damals gingen die Bilder von getöteten amerikanischen Soldaten, die durch die Straßen geschleift wurden, um die Welt. Das hat Clinton so unter Druck gesetzt, dass er seine gesamte Afrikapolitik geändert hat.“

Doch Kroesinger gräbt noch eine frühere Erinnerung aus: die an Mogadischu. „Die Arbeit ist getan. Elf Minuten nach Mitternacht war der Einsatz beendet“, hieß es am 18. Oktober 1977 in der Tagesschau, nachdem die Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine befreit worden waren. „Mit der Befreiungsaktion taucht Somalia erstmals als Medienereignis auf“, erklärt der Regisseur. Mit dem GSG-9-Einsatz beginnt auch die Performance-Installation, die als ein Rundgang durch das Hebbel-Theater konzipiert ist. Der Abend ist nicht nur ein Parforceritt durch die jüngere Geschichte, sondern liefert die Medienkritik gleich mit. Gefragt wird auch, wie über etwas berichtet wird und welche Bilder erzeugt werden.

Kroesinger ist bekannt für seine akribischen Recherchen. Auch für „Failed States One: Somalia“ wurde wieder umfangreiches Material ausgewertet: internationale Zeitungsberichte, offizielle Dokumente, UN-Reporte, Untersuchungen von Politologen. Zudem hat er mit Mitarbeitern der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gesprochen, die in Somalia gearbeitet haben. „Wir versuchen gerade, Schneisen zu schlangen“, seufzt er. „Das Thema ist so vielschichtig, es gibt so viele Anknüpfungspunkte.“

Auch einen Exkurs über die Geschichte der Piraterie wird es geben. „Der Pirat wird definiert als der Staatenlose“, erzählt er und holt aus bis zu den Kaperbriefen und Sir Francis Drake. Und natürlich hat er auch den Hamburger Prozess gegen zehn somalische Seeräuber verfolgt, der jüngst für Schlagzeilen sorgte. Seit 400 Jahren der erste Piratenprozess in Deutschland. „Aus somalischer Perspektive sieht die Sache ganz anders aus“, meint der Regisseur. „Pirat ist dort ein angesehener, einträglicher Beruf. Von Fischerei kann man nicht leben.“ Auch die Doktrin von den „Failed States“ wird von ihm hinterfragt: „Einerseits haben wir das Bild des scheiternden Staates, es hat sich aber in Somalia eine Parallelstruktur aufgebaut durch das, was eingenommen wird durch Piraterie. So hat Somalia von den afrikanischen Ländern eines der besten Mobilfunknetze.“

Was die Spendenaufrufe angeht: Man erfährt an diesem Abend auch, welche Folgen eine gute Absicht haben kann: „Als die UN intervenierte, kamen auch die Hilfsorganisationen und lieferten Nahrung. Da es aber keinen funktionierenden Staat gab, mussten sie die Milizen als Schutz für den Transport anheuern – die mit dem Geld neue Waffen kauften. Dadurch wurde der Konflikt nochmals aufgeheizt.“

Eine gute Tat und ihre Folgen

Es ist jedes Mal erhellend, sich mit Kroesinger zu unterhalten. Die Ereignisse erscheinen plötzlich in anderem Licht, wenn man um die Zusammenhänge weiß. Seine Stücke schärfen die Wahrnehmung, indem sie verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen lassen. Und sie zeigen auch, wie Erkenntnis und Interesse sich bedingen.

„Meine Arbeit ist immer auch ein Versuch, sich mit der Beschreibung von Geschichte auseinanderzusetzen“, sagt er. Und da ist die Bühne das richtige Medium, „denn im Theater geht es um Sprache, um Deutungshoheiten“. Es maßt sich aber nicht an, Antworten zu liefern. „Am Ende hat man vielleicht eine präzise Frage zu dem Gegenstand. Und erkennt vielleicht, dass sich Probleme nicht immer so lösen lassen, wie wir es uns denken.“

Kroesinger hält es mit Heiner Müller, der sagte: „Ich glaube an Konflikte.“ Und so geht er denn auch guten Mutes in das Jahr 2013. „Ich bin sicher“, sagt er mit leiser Ironie, „dass die Geschichte uns weiterhin gute Stoffe liefern wird.“ SANDRA LUZINA

Premiere 11.1.2013, 20 Uhr

Auch 12., 13. und 16.–18.1.

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