• „Ich habe Clinton seine Lewinsky gegönnt“ Jin Xing weiß, was Männer mögen. Schließlich war sie selbst mal einer.

Zeitung Heute : „Ich habe Clinton seine Lewinsky gegönnt“ Jin Xing weiß, was Männer mögen. Schließlich war sie selbst mal einer.

Und sie erklärt, warum sexy Beine und ein schöner Busen völlig unwichtig sind.

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Jin Xing, 38, ist Chinas TanzIkone. 1988 ging Jin, damals noch ein Mann, mit einem Stipendium nach New York und unterzog sich später einer Geschlechtsumwandlung. Als Frau gründete sie das Dance Theatre Shanghai. Jetzt tritt sie im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Ausstellung „Über Schönheit“ auf.

Interview: Von Deike Diening und Jana Simon Foto: Kai-Uwe Heinrich Jin Xing, Sie haben in New York gelebt. Jetzt wohnen Sie wieder in China. Sie sind in der westlichen und in der fernöstlichen Welt zu Hause. Sind die Schönheitsideale unterschiedlich?

In China definiert sich Schönheit über den Ausdruck der Augen und das Gesicht. Im Westen spielt der ganze Körper eine Rolle. Männer beurteilen Frauen nach ihren körperlichen Proportionen, die finden sie sexy oder gut aussehend. In China ist der Körper nicht so wichtig.

Woher kommt das?

Im alten China war die Norm, dass der ganze Körper bedeckt ist, Figur durfte man nicht zeigen. Das einzig Wichtige war das Gesicht. Wenn das Gesicht nicht überzeugt, funktioniert es nicht.

Was muss an einem Gesicht überzeugen?

Es geht um sanfte Augen, schöne, klare Haut. Früher sollte die auch noch möglichst weiß sein. Deshalb haben die Kosmetikfirmen hauptsächlich Cremes angeboten, die die Haut weißer machen. Ich muss extra nach Berlin kommen, um eine Creme in meinem beigefarbenen Hautton zu finden. In China sind die Sachen zu blass für mich. Ansonsten braucht man eine kleine Nase, glänzendes Haar und ein schönes Lächeln, gute Zähne. Auch die Hände sind wichtig. Aber die Größe der Brust, sexy Beine – das spielt alles keine Rolle.

Trainieren Chinesen den Ausdruck ihrer Augen?

In der chinesischen Oper wird das geübt: wie stark oder wie sanft man Leute anblickt. Man lernt eine Augensprache.

Glauben Sie, dass man im Westen diese Sprache versteht?

Im Westen sind die Leute direkter. Sie sprechen Dinge aus, anstatt sie anzudeuten. Asiaten halten sich viel mehr zurück. Sie kommunizieren immer mit den Augen, selbst in einer Gruppe.

Momentan wandelt sich China extrem und öffnet sich immer mehr dem Westen. Ändert sich dadurch auch das Schönheitsideal?

Ja, jetzt wollen alle große Nasen und große westliche Augen. Für Menschen mit sehr schmalen Augen kann das schön sein, aber heute gibt es zu viele Schönheitsoperationen. Alle wollen gleich aussehen. In Korea zum Beispiel ist diese Entwicklung gespenstisch. Die Mädchen sehen inzwischen völlig anders aus als auf ihren Passbildern.

Das ist bei Ihnen doch ähnlich, und trotzdem halten Sie nichts von Schönheitsoperationen?

Für mich ist Schönheit: Verbesserung. Nur, wenn etwas jemanden völlig aus dem Gleichgewicht wirft, dann kann man mit einer Operation das Gleichgewicht wiederherstellen. Es kann nicht darum gehen, ein anderer zu werden, sondern noch mehr man selbst. Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Wenn eine kleine Nasenoperation großartiges Selbstvertrauen herstellt: Dann machen Sie’s. Aber ich glaube nicht, dass es die Sache wert ist, wenn man nur Madonnas Augen haben will.

Hat sich auch das Selbstbewusstsein der chinesischen Frauen geändert?

Vor zehn Jahren sind sie aufgewacht. Die jungen Frauen wollen nicht mehr heiraten, sondern die Geliebte eines reichen Geschäftsmannes sein. Natürlich kaufen ihnen diese Männer dann Apartments, worin sie wie goldene Vögel leben. Aber emotional sind sie einsam und rufen ihre alten Klassenkameraden an. Die werden zu ihren mentalen Geliebten. Und für Sex gehen sie in eine Bar und suchen sich einen aus dem Westen. Sex mit ihnen ist besser als mit Chinesen.

Das müssen Sie uns erklären.

Ich glaube, es liegt an der Größe. Außerdem sind Männer aus dem Westen im Bett sehr viel aktiver und zärtlicher als Chinesen. Vielleicht ändert sich das in der jungen Generation, aber die jetzige ist wirklich langweilig.

Sie sagen, in China gelten verhüllte Körper als erotisch. Wandelt sich das auch langsam?

Nicht wirklich. Das chinesische Schönheitskonzept ist: Man darf nicht alles sofort sehen. Man sieht das Gesicht und stellt sich den Rest vor. Ich mag diese Fantasiespiele sehr.

Körper können auch davon erzählen, was für ein Leben man lebt.

Es gibt immer Gründe, warum ein Körper so aussieht, wie er aussieht. Intellektuelle, zum Beispiel, kümmern sich oft nicht um ihre Körper, bei ihnen zählt nur der Geist, deswegen werden sie schlaff. Andere haben einen großartigen, perfekten Körper, aber man sieht ihnen in die Augen und die sind stumpf. Als Tänzerin arbeite ich jeden Tag mit meinem Körper. Das Wichtigste ist: Man muss seinen Körper wie einen Freund behandeln. Besonders, wenn man als Tänzer die 35 hinter sich gelassen hat. Da muss man ihn noch mehr mögen.

Ist ein nackter Körper für Sie unerotisch?

Nackte Körper sind eine private Angelegenheit, nichts für die Öffentlichkeit. Das westliche Konzept, viel Haut zu zeigen – Bh’s und Bikinis – sieht man nur in den großen chinesischen Städten. Auch sich anzufassen, ist in der chinesischen Kultur nicht angelegt. Es ist traurig, aber sobald Kinder sechs Jahre alt werden, umarmen und küssen ihre Eltern sie nicht mehr.

In Deutschland ist Schönheit stark mit Sexualität verknüpft: Wer schön ist, ist auch ein Sexsymbol.

Sexualität spielt sich in China mehr im Geist ab. Es geht weniger um den physischen Kontakt. Asiatische Männer halten sich mehr zurück. Der westliche Mann ist da viel aktiver. Wenn ein Westler eine Frau überzeugt, dann auch, weil er gut aussehend ist. Als Asiate kann man Frauen nur mit zwei Dingen gewinnen: Reichtum oder Intelligenz.

War das einer der Gründe, eine Frau zu werden, weil Sie da mehr Wege haben, sich auszudrücken?

Die Ästhetik der Männer ist limitiert. Ich habe, zum Beispiel, nichts gegen kleine Menschen, aber als Mann mit 1,68 Metern war ich ein niedlicher Junge. Auch als Tänzer ist jemand mit 1,68 eine weibliche Figur. Zu einer Frau passt das besser.

Wäre Ihre Geschichte anders verlaufen, wenn Sie größer wären?

Sicher, wenn ich 1,85 Meter wäre, dann wäre ich vielleicht ein Mann geblieben. Es gibt viele große Transsexuelle, aber diese Ästhetik überzeugt mich nicht.

Vor zehn Jahren haben Sie sich operieren lassen. Nach der Geschlechtsumwandlung haben Sie sich täglich im Spiegel betrachtet. Fanden Sie sich schön?

Na ja. Zuerst kamen die Brüste. Ich wollte natürlich möglichst große Brüste, aber meine Ärztin hat gesagt: Du bist Tänzerin, die kannst du nicht gebrauchen. Komischerweise haben sich auch meine Muskeln sehr verändert. Vorher wusste ich nur im Kopf, dass ich eine Frau bin, meine Erscheinung war immer noch männlich. Dann wandelt sich die Art des Gehens und des Auftretens. Die Physiognomie, das Haar verändert sich, sogar mein Gesichtsausdruck wurde weicher. Direkt nach der Operation habe ich mich stark geschminkt, um mich selbst zu überzeugen, dass ich nun eine hübsche Frau bin. Ich wollte, dass die Leute auf der Straße sagen: Oh, eine schöne Frau. Zuerst habe ich auch sexy Kleidung und hochhackige Schuhe getragen. Nach einigen Jahren hat sich das normalisiert.

Sie waren eine der Ersten, die in China ihre Geschlechtsumwandlung öffentlich gemacht hat. Wie war das in einem Land, das noch immer vom Sozialismus geprägt ist?

Auch wenn der Westen immer mehr Einfluss gewinnt, ändert sich die Kultur, das Denken, nicht so einfach. Man kann Hochhäuser bauen, internationale Banken eröffnen, die Olympischen Spiele ausrichten, aber das sind alles politische Veranstaltungen. In den Köpfen der Leute braucht der Wandel mindestens eine Generation. Im Moment färben sich alle Mädchen in Schanghai die Haare blond, braun oder rot. Das ist die westliche Ästhetik. Der folgen sie, anstatt sich anzusehen und zu merken, dass die blonden Haare überhaupt nicht zu ihrem Gesicht passen.

Was ist das sozialistische Schönheitsideal?

Man darf nicht zu extravagant wirken und nicht aus der Reihe tanzen. Alle sollten ähnlich aussehen. Manchmal sehe ich Büromädchen, die zusammen einkaufen waren. Sie haben alle den gleichen Rock genommen. Sie mögen das. Sie sagen sich: Es gefällt mir, und zugleich störe ich auch niemanden damit, denn es tragen ihn ja noch so viele andere. Das ist sozialistische Schönheit. Genau wie die Mao-Jacken, die früher jeder trug.

Die haben es Ende der 60er Jahre sogar bis in den Westen geschafft. Sie selbst liebten früher auch Uniformen, das Gleichsein.

Mit neun Jahren bin ich auf eine Militärschule gekommen. Ich mag Uniformen sehr, oft ändern sie den Charakter einer Person. Uniformen sind nicht sexy, sondern sie demonstrieren Macht. Deshalb tragen so viele schwache Menschen Uniform. Mein Vater war Militäroffizier. Ich war stolz auf ihn. Heute kann ich diesen Machtaspekt nicht mehr ernst nehmen, weil ich den Mechanismus durchschaue. Ich kann nur sagen, ob Uniformen gut aussehen. Meine Lieblingsuniform ist die der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Bei uns verbindet man damit Elend und Krieg.

Natürlich, aber was das Design anbelangt, sind sie wunderschön, der Schnitt, die Farben, die Form der Kappe. Auch die der US-Navy. Das sind zwei wirklich gut designte Uniformen. Meine eigene Uniform musste ich zu Hause immer abschneiden, umnähen und passend machen.

Für viele Europäer sehen Asiaten auf den ersten Blick gleich aus. Geht Ihnen das mit uns genauso?

Nein. Als ich 1989 zum ersten Mal nach New York kam, habe ich gestaunt: dieses Selbstvertrauen, diese Energie. Das Positive, das macht die Westler so attraktiv! Das ist meine Stadt, habe ich gedacht, hier kann ich leben. Man fragt dort nicht: Wer sind wir, sondern, wer bin ich? Diese Individualität hat mich beeindruckt. Ich war bereit, diese Denkweise anzunehmen, aber zugleich hat es mir Angst gemacht. Jetzt bin ich für alles selbst verantwortlich.

Da Sie früher ein Mann waren, können Sie uns sicher den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Schönheit erklären.

Wenn man Tiere anschaut, sehen die männlichen meistens besser aus als die weiblichen. Aber die Frauen haben die Auswahl. Ich sage: Frauen, beklagt euch nicht, ihr habt die ganze Kosmetik, die ganzen Farben. Die Männer haben dafür die bessere Stellung in der Gesellschaft.

Sie haben einmal geschrieben, Ihre erste große Liebe sei ein texanischer Cowboy gewesen. Sie bewunderten seine großen Hände.

Ich mag große Männer. Ich habe nichts gegen kleine Männer, viele sind sehr intelligent. Aber für mich sollten sie groß gebaut sein, stark, nicht dick oder muskulös, nur groß. Das gibt Vertrauen.

Untersuchungen zeigen, dass Männer zuerst auf die Attraktivität einer Frau reagieren, während Frauen die Gesamterscheinung eines Mannes bewerten.

Frauen denken logischer, bei Männern machen die Hormone einen Großteil der Beurteilung aus. Sie bestimmen ihre Ästhetik, Frauen können sich darüber hinwegsetzen. China ist immer noch eine männlich dominierte Gesellschaft. Männer bestimmen, welche Frauen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Frauen versuchen, sich danach zu richten.

Worauf schauen Sie zuerst?

Egal, ob Männer oder Frauen, ich gucke zuerst in die Augen. Die müssen nicht immer wahnsinnig intelligent sein, auch Freundlichkeit und Reinheit können darin liegen. Das sind Werte. Wenn ich da nichts sehe – vergessen Sie’s. Auch den Körper sollte man sich nicht mit den Träumen anderer verhunzen: Die Kleidung muss die Person repräsentieren. Wenn Sie sich nach Chanel fühlen – bitte. Sie können aber auch eine 15-Euro-Jeans anziehen.

Im Westen bedeuten Marken auch Prestige: Schönheit kann man kaufen.

Die Mehrheit der Gesellschaft folgt Trends und Marketing. In Amerika verkaufen sie eine Ideal-Ästhetik, die für alle gelten soll: ein wohlgeformter Körper, ein schickes Auto, ein Haus. In China beginnt das erst, aber in Schanghai ist es schon extrem. Wenn Mädchen sich da keine Markensachen leisten können, kaufen sie Fakes. Sie mögen nur die Marken Chanel oder Prada. Über die Hongkong-Frauen mache ich mich immer lustig. Die sind von oben bis unten in Marken gekleidet. Aber Schönheit kommt von Selbstvertrauen.

Macht und Erfolg machen attraktiv, sagt man hier.

Vielleicht, wenn Sie Macht und Erfolg suchen. Das ist dann attraktiv, weil sich die Möglichkeiten erweitern, etwas im Leben zu erreichen. Für mich ist jeder UPS-Bote, der mit sich zufrieden ist, attraktiv. Viele fragen mich: Warum bist du eine Frau geworden? Dann sage ich: Ich hasse Männer. Alles dreckige Politik! Im Ernst: Männer sind wie Kinder, sie lieben Spielchen, sie wollen sich beweisen. Ich liebe Männer als Partner, mir gefällt ihre Schönheit, aber gesellschaftlich will ich nicht zu ihnen gehören.

In China hat ein Mann umso mehr Konkubinen, je mehr Macht er hat.

Und im Westen? Präsident Clinton hat mir Leid getan! Er hat Monica Lewinsky ja nicht gezwungen, ich hab ihm das gegönnt. Ein blöder Blow-Job wurde groß aufgeblasen. Die Franzosen, Mitterand zum Beispiel, haben auch Mätressen, na und? Wenn sie das Land gut führen, lasst sie einfach.

Sie waren schon öfter in Berlin. Von dieser Stadt heißt es, sie sei voller Menschen, die keine Ahnung haben, wie sie sich anziehen sollen. Stimmt das?

Viele meiner deutschen Freundinnen ziehen sich im Ausland großartig an. Aber sobald sie nach Berlin zurückkehren, kaufen sie wieder unauffällige Sachen. Dabei könnten sie umwerfend aussehen. Allerdings ist das ein Problem der deutschen Männer. Sie wollen die Frau neben sich in Sicherheit wissen. Es ist ihnen egal, wenn andere sexy angezogen herumlaufen, die eigene Frau soll das nicht.

Sie mögen deutsche Männer nicht besonders?

Doch. Ich habe einen deutschen Ehemann. Er arbeitet in China in der Automobilbranche. Und er übernimmt viel Verantwortung. Deutsche Ehemänner sind sehr gut darin. Er wollte unbedingt dieses Jahr heiraten, aber nach chinesischem Kalender ist es das Jahr des Hahns und damit das Jahr der Witwen, keiner heiratet da. Aber wir wollten nicht bis 2006 warten, also haben wir zumindest den Papierkram schon erledigt. Insgesamt finde ich aber, die deutschen Männer sollten ihre Frauen mehr schätzen, anstatt nach Thailand zu fahren.

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