Zeitung Heute : Ich habe die Scheine für die D-Mark gemacht Alles sollte perfekt sein. Doch auf jedem 100-Mark-Schein

war ein Fehler. Reinhold Gerstetter erzählt seine Geschichte. Wer steckt dahinter? Eine Serie von Nina Mallmann

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Ich habe mit Clara Schumann angefangen. Der großen Pianistin des 19. Jahrhunderts. Damals, 1988, war ich Chefdesigner der Bundesdruckerei und sollte am Wettbewerb für die neuen DMark-Scheine mitmachen. Ich war ganz schön aufgeregt. Ich dachte: Das wird eine große Sache. Für das eigene Land die Währung gestalten.

Mich hat Clara Schumann fasziniert. Eine Historikerkommission hatte sie und die anderen Personen ausgewählt, die auf den Scheinen porträtiert werden sollten. Clara Schumann war damals die erste Frau, die öffentliche Konzerte gab. Ich liebe Musik, meine Tochter ist Sängerin und meine Frau Musiklehrerin. Deshalb hat mir die Geldnote mit Clara Schumann besonders Spaß gemacht. Aber das heißt nicht, dass ich die anderen Scheine vernachlässigt hätte, die ich auch entworfen habe. Mein erster Schritt war, eine gute Vorlage für das Porträt von Clara Schumann zu finden. Ich verbrachte bestimmt eine Woche in der Berliner Staatsbibliothek. Aber es gab keine schöne Zeichnung von ihr. Endlich stieß ich in einem Buch auf den Hinweis, dass es in einem Museum außerhalb von Berlin ein Elfenbeinmedaillon von ihr gibt. Ich bin dort hin und habe das Medaillon fotografiert. Das reicht ja. Das Medaillon ist ja nur ein winzig kleines Ding und kann nur eine Idee geben.

Ich habe ihr Gesicht mit Bleistift und Tinte skizziert. Mir war wichtig, ihren Charakter zu verdeutlichen. Ich wollte sie nicht verschönern, ich wollte, dass die Proportionen stimmen. Deshalb kann ich auch nicht sagen, ich hätte nur ihre Augen oder die Nase verändert. Ich habe sie im Ganzen idealisiert. Im Hintergrund des Scheins ist der Flügel von Clara Schumann zu sehen, den sie Brahms geschenkt hat, als er noch arm und unbekannt war. Ich wusste aber nicht, wie viele Pedale der Flügel hatte. Bei keiner der Aufnahmen war das zu erkennen. Und der Originalflügel stand in Leipzig. Das war damals noch DDR. Ich konnte also nicht hinreisen. In der Philharmonie habe ich dann aber eine Professorin kennen gelernt, die ihre Doktorarbeit über Schumann geschrieben hat. Sie riet mir, vier Pedale zu zeichnen, weil man damals so gebaut habe. Es hat sich nachher rausgestellt, dass das falsch war. Clara Schumann muss einen der ersten Flügel mit zwei Pedalen gehabt haben. Da hatte ich Pech.

Während ich gezeichnet habe, habe ich leise Musik gehört. Weil ich doch sehr konzentriert war. Es wäre aber nicht richtig zu sagen, dass ich mich dabei wie Rembrandt gefühlt habe. Er hat zwar auch Auftragsarbeiten gemacht, aber er konnte einfach malen. Mein Anspruch war ein ganz anderer. Ich musste den Hintergrund, der immer die Wirkungsstätte des Menschen sein sollte, mitdenken, das Symbol, das die Tätigkeit markiert und dann noch die sicherheitstechnischen Dinge miteinbeziehen. Das musste Rembrandt nicht. Ein Konzept ist das Wichtigste, wenn man eine Währung entwirft. Ich überlegte monatelang: Wie lege ich die Sache an? Manchmal habe ich nachts sogar davon geträumt.

Eigentlich sollte Clara Schumann auf den 500-Mark Schein. Erst in letzter Sekunde, kurz vor Druck, Anfang 1990, entschied die Bundesbank, dass sie doch lieber auf den 100-Mark Schein soll. Ursprünglich war die Naturwissenschaftlerin Maria Sibylla Merian dafür vorgesehen. Und ich hatte den Entwurf auch schon fertig. Aber Clara Schumann war attraktiver. Ich fand die Entscheidung gut. Den 100er hat man häufiger in der Hand.

Fast wären ja meine Scheine nicht gedruckt worden. Mein Chef gab zunächst nur den Entwurf eines verdienteren Kollegen ab. Zwei Entwürfe dürfe er nicht einreichen, hatte die Bundesbank ihm gesagt. Erst als die Jury mit keinem der Entwürfe zufrieden war, reichte er meine Sachen nach. Die Jury entschied sich einstimmig für mich. So kann’s manchmal eben laufen.

Aufgezeichnet von Matthias Eggert

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