Zeitung Heute : Ich habe die Tatort-Augen

Deutschlands berühmtester Krimi-Vorspann hat einen Hauptdarsteller: Horst Lettenmayer erzählt seine Geschichte. Wer steckt dahinter? Eine Serie von Nina Mallmann

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Ich war 29, als meine Augen bekannt wurden. Damals war ich Schauspieler, ein junger, mit vielen Hoffnungen, einer, der ständig das Telefon bewachte, um ja den Anruf seines Lebens nicht zu verpassen. Die Schauspielschule hatte ich gerade abgeschlossen. Meine Mutter war nicht besonders entzückt gewesen, als ich das Elektroingenieursstudium dafür drangegeben hatte. Damals hielt ich mich vor allem mit Synchronisation über Wasser: Der Ameisenoffizier bei der Biene Maja zum Beispiel, das war ich. Und Werbefilme habe ich auch gedreht: für DunlopReifen, für Ernte 23 und für Wicküler Pils. Meine Güte, die Drehtage sind immer im Vollrausch geendet. Und irgendwann im Frühjahr 1969 kam dann der Anruf.

Ein Redakteur vom Bayerischen Rundfunk hatte meine Setkarte beim Künstlerdienst des Arbeitsamtes entdeckt. „Prägnante Augen“ würden gesucht, sagte er am Telefon, für den Vorspann eines neuen Krimis, der eventuell in Serie gehen sollte. Natürlich habe ich zugesagt. Da war ja immer die Hoffnung, entdeckt zu werden. Ich erinnere mich: Ich war nervös.

Am nächsten Tag saß ich dann also beim privaten Caster, das war die Firma Geo Film in der Wurzerstraße. Dort hatten sie ein Büro freigeräumt und die Jalousien runtergelassen. Wir waren insgesamt zwölf Kandidaten und haben beim Warten herumgerätselt, wofür wohl unsere „prägnanten Augen“ gebraucht würden. Aber dann mussten wir eigentlich nur eine Szene probieren: in Abwehrstellung gehen und die Arme schützend vors Gesicht heben, bis sie müde wurden. Dann habe ich eine Woche gewartet, bis die Zusage kam. Ich sollte einen Verbrecher spielen, der gehetzt und dann gestellt wird, hieß es.

Die Dreharbeiten begannen ein paar Tage später, morgens um acht, zunächst wieder bei Geo Film. Ich musste mich hinter einen ausgeschnittenen Karton stellen. Das Loch hatte in etwa die Größe eines Bildschirms, und dann wurden erst einmal nur meine Augen gefilmt. Zwei kleine Scheinwerfer haben mir ins Gesicht geleuchtet, wie von einem Auto. Das bewirkt nämlich, dass die Pupillen sich verengen und das Auge rundherum zukneift. Es war anstrengend, still zu halten. Um 12 Uhr 30 gab’s Mittagessen, dann sind wir rausgefahren zum Flughafen. Ich sollte ja nicht nur „die Augen“ liefern, sondern auch die Beine. Und dann ging es erst richtig los: spurten, spurten, spurten. 250 Meter sollte ich die Rollbahn hinunterrennen, auf der einen Seite der Kamerawagen, auf der anderen der Beleuchtungswagen und vorneweg die Feuerwehr, die permanent den Asphalt nass spritzte, damit sich das Licht darin spiegelte, als sei es Nacht. Ein guter Trick. Ich bin bestimmt zehn Mal auf und ab gerannt, immer bis zu einer Markierung auf dem Boden, stoppen, eindrehen und die Arme vors Gesicht werfen. Mensch, war ich verschwitzt. Um 18 Uhr waren wir fertig. Dass sie mich gelinkt haben, konnte ich da noch nicht ahnen.

400 Mark habe ich damals bekommen, einmalig. Danach nie wieder auch nur eine Mark. Und das obwohl der Vorspann seitdem unverändert benutzt wird und zum Tatort-Kult eine Menge beigetragen hat.

Schlussendlich bin ich dann doch wieder zurück zum Ingenieurswesen. Ich war mit 35 Jahren nicht so weit gekommen mit der Schauspielerei wie ich wollte. Also habe ich noch mal vier Semester studiert und das schlechteste aller Examen gemacht, aber immerhin: Heute bin ich selbstständig mit einer internationalen Firma für Lichttechnik.

Viele Kunden rufen mich heute noch an, wenn ein Tatort gelaufen ist und sagen: Hab Sie gestern wieder im Fernsehen gesehen. Ich frag dann immer: Und, war ich gut? Ein schöner Flachs ist das.

Aufgezeichnet von Christine-Felice Röhrs

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