Zeitung Heute : „Ich habe eine Wut wie Muhammad Ali“

Tagsüber hat er sich geprügelt, abends schrieb er darüber – als Buße. So wurde aus Fatih Akin ein Frauenversteher, der die Welt verbessern will.

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Fatih Akin, 31, wuchs in Hamburg auf. Bald nach dem Abitur drehte er seinen ersten Spielfilm. Bei der Berlinale 2004 gewann er mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. Gerade war Akin Mitglied der Jury beim Filmfest in Cannes; ab kommender Woche läuft seine Musikdokumentation „Crossing the Bridge“ im Kino.

Interview: Christiane Peitz und Annabel Wahba Herr Akin, stimmt es, dass Sie vor Dreharbeiten die Crew bitten, sich an den Händen zu fassen und dreimal „Bim Bam“ zu rufen?

Ja, am ersten Tag. Das ist noch aus meiner Zeit als Filmstudent. Bim Bam, so riefen die Schamanen eine Gottheit. Durch das Ritual kommt jeder mit jedem in Berührung. Film ist ja etwas Kollektives.

Sie waren gerade in der Jury von Cannes, neun Auserwählte diskutieren über Filme. Bleibt da von der Idee des Kollektivs noch was übrig?

Klar, das ist wie eine Familie auf Zeit. Die Regisseurin Agnès Varda hatte was von einer Tante für mich. Vielleicht kann man es auch ein bisschen mit Schule vergleichen: wie im Gemeinschaftskundeunterricht, wo die Klasse zusammen Filme guckt und dann darüber spricht.

Mit dem Unterschied, dass Sie im Smoking über den roten Teppich laufen und 100 Kameras klicken.

Aber selbst das hat was von Schuluniform. Ich finde Schuluniformen gut: Alle müssen in Abendgarderobe erscheinen, selbst die Fotografen. Ohne Smoking würden sie auch mich nicht ins Palais reinlassen. Natürlich würde ich lieber in Jeans kommen, weil ich mir dann keine Sorgen machen muss, ob die Bügelfalten richtig sitzen. Stattdessen ziehst du dir halt den Smoking an wie Batman seinen Umhang, gehst mit Salma Hayek über den roten Teppich und bist eine Celebrity. Es ist etwas Virtuelles. Aber ich habe Familie und Freunde, die das auffangen. M eine Frau Monique war in Cannes dabei.

Und doch waren Sie und der serbische Regisseur Emir Kusturica das „wilde Pack“ von Cannes.

Kusturica kannte ich schon. Er ist nicht nur Regisseur, sondern auch Musiker. Mit seiner Band spielte er öfter in Hamburg in der „Fabrik“, wo ich arbeitete. Für mich ist er wie ein Mentor. Früher dachte ich, wenn ich groß bin, möchte ich sein wie Kusturica. Ich kenne seine Heimatstadt Belgrad, da habe ich viele Freunde, Gangster zum Beispiel.

Gangster?

Leute, mit denen ich aufgewachsen bin. Einige von denen haben den Umstand des Krieges ausgenutzt, um dort Geld zu machen. Das kommt in meinem ersten Kinofilm „Kurz und schmerzlos“ vor, wo der Serbe Bobby Waffengeschäfte abwickelt.

„Gegen die Wand“ endet in Istanbul, Ihr neuer Film „Crossing the Bridge“ spielt ganz dort. Warum wieder diese Rückkehr zu den Wurzeln? Sie sind doch in Hamburg geboren, also eigentlich Deutscher.

Wegen diesem „eigentlich“. Was ich mit der Türkei, dem Land meiner Eltern, zu tun habe, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Ich habe eine Beziehung zu dem Land wie zu einem Menschen. Mich faszinieren die Dekors, die Landschaften. Sollte ich je einen Western drehen, vielleicht mit Javier Bardem und Salma Hayek, dann unbedingt in der Türkei! Vielleicht würde ich auch etwas Politisches hineinflechten: Die Kurden wären die Indianer.

Was suchen Sie in der Türkei?

Ich glaube nicht, dass ich mich selbst suche. Akin auf Identitätssuche – nein, das ist es nicht. Ich möchte nicht dort leben. Ich halte mich aber gerne in Istanbul auf. Ich spreche gerne die Sprache. Ich mag das Essen. Und ich empfinde Verantwortung dem Land gegenüber: Ich will nicht, dass aus der Türkei ein zweites Jugoslawien wird. Im Jugoslawienkrieg haben alle verloren. Es gab Bosnier, Serben, Kroaten, Albaner, irgendwann war Tito weg, und dann haben sich alle die Köpfe eingeschlagen.

Die Türkei hat das Vielvölkerproblem vor 90 Jahren auf ihre Art gelöst und die Armenier ermordet.

Sie hat es eben nicht gelöst. Anders als in Deutschland wird bis heute in der Türkei nicht über die Vergangenheit reflektiert. Vielleicht kann ich dabei helfen, dass das endlich geschieht. Ich möchte mit meinen Filmen die Welt verändern.

Dabei haben Sie mal gesagt, Filme seien nicht dazu da, die Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.

Bis ich 15 oder 16 war, fand ich Krieg geil. Ich mochte Action, ich mochte Rambo, Waffen waren faszinierend. Und dann sah ich die Filme von Oliver Stone, „Platoon“, „Geboren am 4. Juli“ und dann Stanley Kubricks „Full Metall Jacket“. Da habe ich geschnallt, dass Krieg nur Mist ist.

Was kann eine Musikdokumentation wie „Crossing The Bridge“ verändern?

Es gibt darin einen Junkie, der auf der Straße lebt, der sagt: Ich glaube daran, dass man mit Musik die Welt verändern kann. Es stimmt: Rock ’n’ Roll hat die Welt verändert. Ich meine jetzt nicht dieses Rock-Klischee, vergiss es! Aber Janis Joplin, Hendrix, die Stones, letzten Endes auch Elvis Presley – die haben die Welt verändert.

Kriege haben sie nicht verhindert.

Sie haben den Vietnamkrieg reflektiert. New Hollywood, das beste Kino, das die USA je hervorgebracht hat, setzte sich in neun von zehn Filmen mit Vietnam oder mit Watergate auseinander. Sie haben sich gegen die amerikanische Politik gewehrt.

Nach „Gegen die Wand“ begann in Deutschland eine Debatte über die muslimischen Ehrenmorde. Fühlten Sie sich vor den falschen Karren gespannt?

Ein bisschen. Der Film entstand weniger aus einem politischen Bedürfnis heraus als aus Trotz. Ich bekam viele schlechte Kritiken für „Solino“…

…der die Familiengeschichte zweier Italiener im Ruhrgebiet erzählt.

Wie „Solino“ behandelt wurde, hat mich verletzt. Ich dachte: Hey, euch zeige ich es jetzt. „Gegen die Wand“ war ein einziges Fuck you.

Wir schreiben Verrisse und kriegen gute Filme.

„Gegen die Wand“ war bestimmt nicht meine beste Arbeit. Vielleicht bis dato schon, ich bin erst 31, da kommt noch was. Es ging mir nicht darum, das Land aufzurütteln oder eine Sibel-Kekilli-Debatte auszulösen. Bloß durch die Reaktionen auf Sibel merkte man plötzlich: Oh, wir leben in einer Parallelgesellschaft!

Sie haben als Kind in Altona in der Straße mit der höchsten Kriminalitätsrate von Hamburg gewohnt. Statt mitzuprügeln, haben Sie darüber geschrieben.

Ich war ein Träumer. Aber ich habe auch oft mitgeprügelt. Nicht weil ich ein aggressives Kind war, sondern einfach um mitzumachen.

Und danach haben Sie sich hingesetzt und es aufgeschrieben?

Es war wie eine Buße. Du prügelst dich und schreibst es abends auf. Anfangs hatte es Tagebuchcharakter, irgendwann wurde es fiktiv. Erst schrieb ich mit Kugelschreiber in Schulhefte. Später hatte ich eine Schreibmaschine, eine Olympia.

Ihr erstes Drehbuch, „Kurz und schmerzlos“, entstand während des Abiturs. Sie müssen ganz schön diszipliniert gewesen sein.

Beim Abi hatte ich weniger Disziplin. Doch als Sternzeichen Jungfrau bin ich perfektionistisch veranlagt.

Ein Strebertyp.

O Gott, nein, ich bin nur jemand, der seine Ziele verfolgt. Wobei ich nicht so arbeitswütig bin wie Fassbinder, der bis zu sieben Filme pro Jahr drehte. Ich bin froh, wenn ich alle zwei Jahre einen Film auf die Reihe kriege. Ich habe es während der Schulzeit übrigens auch mal mit Prosa versucht, aber die war zu schlecht.

Wer sagt das?

Ich sage das.

Haben Sie anderen Ihre Texte gezeigt?

Nicht meinen Kumpels, den Mädchen in der Schule schon.

Mädchen mögen so was. Aber unter den Jungs in Ihrem Viertel müssen Sie ein ziemlich komischer Vogel gewesen sein.

Es hatte etwas Schizophrenes: Einerseits gab es die Straße, da war immer was los. Klar, es hatte etwas Machomäßiges, diese Freundschaften und Ehrenschlägereien um unser Viertel in Altona. Wobei die anderen auch türkische Gangs waren, Türken prügelten sich mit Türken. Wenn Türken sich mit Deutschen schlugen, ging es meist um etwas Kriminelles. Da habe ich nicht mitgemacht.

Sie haben serbische Gangster als Freunde.

Trotzdem: Ich habe früh etwas Moralisches von meinen Eltern mitbekommen. Ich habe mal als Kind geklaut und bekam eine wahnsinnige Tracht Prügel. Fand ich aber okay. Es waren oft Ohrfeigen oder ein Tritt in den Hintern. Heute sagen meine Eltern natürlich, nein, wir haben dich nie geschlagen.

Woran liegt es, dass der eine Jugendliche kriminell wird und der andere zu schreiben anfängt?

Ich komme aus einem behüteten Elternhaus. Meine Mutter ist Lehrerin, das spielte eine große Rolle. Aber noch wichtiger ist, dass meine Eltern mich und meinen Bruder geliebt haben. Vielleicht haben wir mehr Liebe bekommen als andere Kinder, wir waren nur zu zweit, andere haben vier, fünf Brüder. Meine Grenzen waren relativ soft. Harmlose Rangeleien, die neuesten Kampfsportkicks ausprobieren, Hasch rauchen. Andere nahmen Heroin. Viele, mit denen ich aufgewachsen bin, sind an einer Überdosis gestorben.

Woher kommt Ihr Faible für Kampfsport?

Wahrscheinlich von Bruce Lee.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Bruce Lee hat Philosophie studiert und ein dickes Buch über Tao geschrieben. Seitdem ich zum ersten Mal Bruce Lee gesehen habe, wollte ich zum Film. Ich war sechs oder sieben. Einer meiner Cousins hatte einen Super-Acht-Projektor, Ende der 70er Jahre hatten wir noch kein Video. Mein älterer Bruder, mein Cousin und ich guckten also Bruce Lee auf Ufa-Spulen. Wenn du als Kind Bruce Lee guckst, bist du wie auf Speed. Du fängst an, gegen Schränke zu treten, auch mal gegen deinen Bruder. Bald kamen die Jungs aus der Nachbarschaft dazu, und wir guckten zu zehnt Super-Acht-Filme.

Arme Eltern.

Es war auch der Projektor selbst, der mich auf Speed brachte, die Dunkelheit und die weiße Wand, auf die du das Licht projizierst, das ganze Ritual. Ab Anfang der 80er hatten wir dann so Familien-Videoabende. Da kamen Tanten und Onkel, und wir guckten gemeinsam türkische Filme. Mit den Videokassetten war es wie mit Paprikaschoten, Oliven und Schafskäse: All das wurde aus der Türkei hierher gebracht. Die ersten Videotheken-Betreiber in Deutschland waren Türken.

Mit sechs haben Sie Bruce Lee geguckt. Gewalt war also erlaubt, Sex tabu?

Nicht ganz. Bei den Video-Sessions wussten meine Eltern irgendwann gar nicht mehr, was wir da sehen. Denn die guckten mit den Tanten ihre türkischen Filme, während wir Kinder im anderen Zimmer unser Programm sahen. Aber eins werde ich nie vergessen. Als ich zwölf war, lief im Fernsehen James Dean, „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Den Film durfte ich nicht gucken, weil sich James Dean darin mit seinem Vater prügelt. Mein Vater wollte nicht, dass ich das sehe und nachmache.

Das hat gewirkt, Sie küssen Ihren Eltern noch heute zur Begrüßung die Hand.

Wir sind so erzogen worden. Andere Sachen habe ich in Frage gestellt, über Politik zum Beispiel gab es nur Fetzereien.

Wieso ist die Familie so wichtig?

Wenn du in der Diaspora lebst, bekommt die Familie eine größere Bedeutung. Wir stammen aus einer feudalistischen Gesellschaft, meine Eltern kamen ja vom Land und gingen in den 60ern nach Deutschland. Da hast du nichts, worauf du dich verlassen kannst, außer deiner Familie. Ich kann mich nicht auf eine Ideologie verlassen, auf den Staat oder auf Rot-Grün. Aber bei der eigenen Familie weiß ich, was ich habe. Die haben auf mich aufgepasst, und wenn sie alt sind, passe ich auf sie auf.

Der Abschied vom Elternhaus ist fürs Erwachsenwerden doch auch wichtig.

Ich lebe ja nicht das Leben meiner Eltern. Es sind Menschen, die ich liebe, deshalb ist es mir wichtig, wie sie meine Filme finden.

Ihre Dozentin, die Filmemacherin Helke Sander, ließ Sie eine Examensarbeit über das Frauenbild in Ihren Filmen schreiben. Was fanden Sie da heraus?

Meine Frauenfiguren vor „Gegen die Wand“ waren idealisiert, ein bisschen heilig und auf keinen Fall Femme fatale. Aus feministischer Sicht ist das völlig falsch. Ich habe geschnallt, dass Frauen nicht die besseren Menschen sind, auch nicht die schlechteren, sondern einfach ebenbürtig. Es hat eben eine Weile gedauert, denn ich bin abgesehen von meiner Mutter nur mit Männern aufgewachsen. Was mein Weltbild betrifft, hat mich Deutschland geprägt. In der Türkei wird bei Rassismus ein Auge zugedrückt. Dass das nicht geht, weiß ich, weil ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Vielleicht bin ich deswegen öfter in der Türkei, weil es dort noch so viel zu tun gibt.

Das Sendungsbewusstsein ist Ihr Arbeitsmotor?

Es gibt mindestens 50 Gründe, weswegen ich Filme mache. Selbsttherapie ist vielleicht einer davon, das Woody-Allen-Moment. Aber ich glaube nicht, dass Filme mich zu einem besseren Menschen machen. Sie helfen mir jedoch, das Leben zu begreifen. Außerdem gibt es etwas Dunkles in mir, das ich durch Filme ausleben kann. Wenn ich genervt bin, kann ich nicht in den Supermarkt gehen und Amok laufen. Aber ich kann meinen Filmhelden in den Supermarkt gehen und Amok laufen lassen. Es gibt diese Wut, die teile ich mit jemandem wie Muhammad Ali. Eine Wut, die entsteht, wenn man es allen recht machen will. Und dann ist da der Trotz wie nach „Solino“. Trotz ist ein wesentlicher Motor meiner Arbeit.

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu sagt, dass alle Morgenländer eine gewisse Katastrophensucht in sich tragen. Er nennt sie kara sevda.

Die schwarze Liebe, der Schmerz Gottes. Kara sevda ist, wenn man jemandem bedingungslos verfällt. Dann isst man nichts mehr und drückt seine Liebe mit Schmerz aus.

Kennen Sie das von sich selbst?

Liebe kommt, und sie geht. Mich interessiert auch, wie zwei Menschen auseinander gehen. Da bin ich Anti-Hollywood. Vielleicht gibt es im Privatleben diese Liebe, die bigger than film ist. Aber Trennung kann auch okay sein, man kann sie überleben. Ich für meine Person bin nicht selbstzerstörerisch. Ich lebe gern. Ich liebe das Leben.

Warum sehen Sie dann neuerdings so dünn aus?

Der reine Selbsterhaltungstrieb. Ich hatte zwei Bandscheibenvorfälle, mit 30! Da musste ich anfangen, mich um meine Gesundheit zu kümmern.

Sie machen Diät?

Nein, Ayurveda. Ich trinke viel heißes Wasser. Kaufen Sie sich ein Ayurveda-Buch, da steht alles drin!

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