Zeitung Heute : „Ich habe Jens Lehmann“

Politik der Bilder: Statt einer Hartz-IV-Debatte im Landtag zu lauschen, tauschte Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Wittke lieber Fußball-Sammelbildchen. Sind ihm 17 neue Spielerköpfe wirklich wichtiger als eine Million Arbeitslose im Land, wie die Grünen wähnen? Und hätte er vielleicht Interesse an weiteren Transaktionen?

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Herr Minister, wir haben auf dem Foto gesehen, dass Ihnen Nummer 368, Pavel Nedved, fehlt. Haben Sie Nummer 54, Alvaro Mesen?

Ich habe die Liste mit den doppelten Bildern nicht dabei. Aber lassen Sie mich etwas richtig stellen, ich sammle gar nicht selber.

Sie haben doch in der vergangenen Woche im Parlament von Nordrhein-Westfalen während einer Aktuellen Stunde zu Hartz IV Panini-Bilder in ein Album geklebt.

Ja, aber das möchte ich gerne richtig stellen. Mein achtjähriger Sohn Max sammelt Panini-Bilder, er hatte mich gefragt, ob ich jemanden kenne, mit dem er tauschen könne. Da habe ich seine doppelten Bilder und das Album mitgenommen und vor der Sitzung mit meinem Fraktionskollegen Holger Müller getauscht. Das dauerte etwas länger und ging noch rund zehn Minuten in die Aktuelle Stunde hinein.

Sie sind deshalb von den Grünen heftig kritisiert worden; hat sich Ihr Einsatz wenigstens für Ihren Sohn gelohnt?

Er hat 17 neue Bilder bekommen, der Kollege Müller hat 22 Bilder erhalten. Er schuldet meinem Sohn jetzt noch 50 Cent, pro Bild 10 Cent. Ich habe nach dieser Geschichte, die durch die Presse ging, viele doppelte Bilder zugeschickt bekommen. Jetzt fehlen meinem Sohn nur noch 20 Bilder.

Uns fehlen noch 18 Bilder. Wissen Sie, ob Ihr Sohn Alvaro Mesen aus Costa Rica hat?

Weiß ich nicht. Er hat auf jeden Fall Goleo doppelt und das WM- Plakat mit den Sternen. Und ich habe nach dieser Geschichte von der Firma Panini Jens Lehmann zugeschickt bekommen.

Oh, an diesem Bild hätten wir auch Interesse, Jens Lehmann ist selten, den gibt es nur als Nachdruck in Zeitschriften und bei Nachbestellungen. Für Ihren Sohn Max hat sich offenbar der Bildertausch im Parlament gelohnt. Ist Ihnen das Aufsehen darum unangenehm?

Nein, ich habe früher selber gesammelt, als noch sieben Bilder in den Tüten waren und nicht nur fünf. Ich würde es wahrscheinlich heute auch noch tun, wenn ich die Zeit dazu hätte. Ich komme aus Gelsenkirchen, da ist jeder begeisterter Fußballfan.

Die Grünen haben eine kleine Anfrage gestellt, sie kritisieren, das Einkleben der Bilder während der Hartz-IV- Debatte sei angesichts einer Million Arbeitsloser in Nordrhein-Westfalen nicht angemessen gewesen.

Wissen Sie, da ist viel künstliche Aufgeregtheit beim politischen Gegner dabei. Man muss nicht alles bierernst nehmen. Ich halte es lieber mit Ludwig Erhard, der hat einmal gesagt: Mensch, bleib Mensch.

Die Fragen stellte Benedikt Voigt

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