Zeitung Heute : „Ich habe kein Mitleid mit Männern“

Mit dieser Frau zu leben, ist wohl nicht einfach: Sie macht nicht gern Pläne und hasst es zu telefonieren. Und lustig darf man ihr schon gar nicht kommen. Salma Hayek sagt: Komiker sind anstrengend.

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Sie ist dabei, zu den ganz Großen in Hollywood aufzusteigen: Salma Hayek, 36, wurde für ihre Darstellung der mexikanischen Malerin Frida Kahlo für die Golden Globes und jetzt auch für den Oscar nominiert. Sie war zuvor unter anderem in Filmen wie „Desperado“ mit Antonio Banderas, „Studio 54“ sowie „From Dusk Till Dawn“ von Quentin Tarrantino erfolgreich. Sie hat auch eine eigene Produktionsfirma. Ihre Karriere begann sie in Mexiko in verschiedenen TVSerien. „Frida Kahlo“ läuft kommende Woche in Deutschland an.

Interview: Christoph Amend und Stephan Lebert; Foto: Cinetext Dieses Interview findet morgens im Berliner Hotel „Four Seasons“ statt. Ein Gespräch mit einem Star dieses Kalibers muss man sich so vorstellen: Man hat 25 Minuten Zeit, und draußen warten sehr viele andere Journalisten. Man fühlt sich also ein wenig unter Druck, der erhöht sich noch, als Salma Hayek, klein, Jeans, T-Shirt, das Zimmer betritt. Sie sieht umwerfend aus.

Miss Hayek…

Oh, warten Sie noch einen Moment. Ich habe einen harten Tag hinter mir. Gestern war furchtbar …

Wieso?

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das wissen wollen.

Nun …

Also gut: Ich musste mich übergeben. Ich glaube, es lag am Jetlag, und kurz nachdem ich in Deutschland angekommen war, habe ich Alkohol durcheinander getrunken: Wein, Portwein, Champagner. Dabei war ich nicht einmal betrunken, aber mein Magen war heute Morgen nicht so begeistert von dieser Mischung. Jedenfalls habe ich zum Frühstück Orangensaft getrunken. Dazu Kaffee. Und der Stress. Lassen Sie uns von etwas Angenehmerem sprechen.

Gut. 2003 könnte Ihr Jahr werden: Zuerst die „Golden Globes“-Nominierung und nun die Chance, den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle zu gewinnen. Als Sie für die „Golden Globes“ nominiert wurden …

…war ich in meiner Wohnung in New York, und mein Freund …

…der Schauspieler Edward Norton…

…weckte mich. Er sagte: „Salma, mach den Fernseher an, es ist Zeit. Jetzt geben Sie die Nominierungen ab!“ Ich war so müde… Aber er sagte nur: „Komm schon! “ Also schleppte ich mich vor den Fernseher. Da wurde gerade die Kategorie „Beste Nebenrolle“ bekannt gegeben, und der Name von Alfred Molina fiel nicht …

…er spielt in „Frida Kahlo“ Ihren Ehemann…

…und da dachte ich, wow, sie haben ihn nicht als beste Nebenrolle nominiert, sie nominieren ihn für die beste männliche Hauptrolle! Ich war so aufgeregt! Aber dann fiel sein Name nicht, und ich wurde so wütend. Und dann, bei der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ nannten sie meinen Namen …

Wie haben Sie reagiert?

Gar nicht. Und dann sagte ich, wie unter Schock: „Sie haben Alfred nicht nominiert!“ Dann erst fing ich an zu jubeln, ich bin umhergesprungen und habe laut „Yeah! Yeah!“ gerufen. Und dann sagte ich: Okay, aber sie haben Alfred nicht nominiert. Ich fühlte mich schrecklich, weil… Wie soll ich Ihnen das erklären? Man macht seine Arbeit für ein Projekt, viele Leute arbeiten genauso hart wie du selbst und niemand wird je ihre Gesichter, ihren Namen erfahren.

Sie waren traurig?

Ich versuche, es zu erklären. In diesem Moment fühlte ich mich einsam, sehr einsam. Es war, als sei ich auf einmal von all den anderen getrennt. Ich hatte bis dahin immer gedacht, wenn dir so etwas Großartiges einmal passiert, wirst du losschreien vor Glück, aber es kam anders. Man kennt ja diese Sprüche, dass Erfolg nichts bedeutet, wenn du niemanden hast, mit dem du ihn teilen kannst – aber ich weiß jetzt, das stimmt. Dabei hatte ich ja jemanden, mit dem ich die Freude daran teilen kann, aber es war trotzdem merkwürdig.

Und dann? Haben Sie wenigstens später gefeiert?

Oh, das Telefon klingelte, und es sollte nicht mehr aufhören zu klingeln, es klingelte und klingelte, und Boten brachten Blumen…

Wenn Sie sich diesen Augenblick als gemaltes Bild vorstellen, wie sähe es aus?

Es wäre auf jeden Fall sehr abstrakt, Farben, die ineinander übergehen, nirgendwo sind Linien. Das Bild hätte einen großen Flecken in der Mitte, der würde für den Fernseher stehen. Um diesen Flecken herum würde man Weiß und Grau sehen, das aus dem Flecken herausfließen würde – das wären die Erwartungen der Menschen um mich herum, und natürlich auch die Enttäuschungen von anderen. Vielleicht würde ich einige Pastelltupfer verteilen, die würden die Erfahrung dieses Moments repräsentieren: Es war etwas, das ich bis dahin nicht erlebt hatte. Und es war leider nicht so sensationell, wie ich mir erhofft hatte.

Das klingt ein wenig kokett.

Was ich damit meine: Es hat nichts mit meiner inneren Entwicklung zu tun. Nur der Blick der anderen auf mich hat sich verändert.

Im Film gibt es eine Szene, da rät ihr Kahlos späterer Ehemann, ein bekannter Maler: Man soll nicht nur Kritik annehmen, sondern auch Lob.

Ich muss lachen, entschuldigen Sie, aber ich denke gerade, wie sehr ich Schmeicheleien eigentlich hasse. Aber ich glaube, er hat im Prinzip Recht. Trotzdem: Ich kann damit nicht viel anfangen, aber dreimal so schlimm ist es, wenn man mir Komplimente macht für eine Arbeit, die ich nicht alleine gemacht habe.

In dem Film fragt Frida Kahlos Vater immer nach ihren Lebensplänen. Machen Sie auch gerne Pläne?

Frida beschwert sich ja bei ihm, als er sie nicht mehr danach fragt, als sie monatelang im Gipsbett liegt. Pläne? Ich selbst bin leider gar nicht gut, was Pläne betrifft. Ich bin eher spontan, go with the flow…

Keine Listen?

Nein! Das heißt: doch, einmal habe ich eine Liste geschrieben, ja, daran erinnere mich. Ich bin schrecklicherweise ziemlich unorganisiert, und ich habe außerdem ein außerordentlich schlechtes Gedächtnis.

In „Frida Kahlo“ heißt es einmal: Ein schlechtes Gedächtnis ist gut für glückliche Beziehungen.

Ja! Stimmt! Finden Sie nicht? Ich bin leider so wenig diszipliniert, dass ich nicht mal diese eine Liste weitergeführt habe. An Weihnachten habe ich sie beim Aufräumen gefunden, mindestens fünf Jahren war sie alt.

Was stand da darauf?

Mache Sportübungen! Putze die Toilette regelmäßig! Solche Dinge. Das klingt komisch, aber es steckt eine Art Faulheit in mir, für die ich mich schäme. Aber sie schenkt mir auch eine große Freiheit.

Was halten Ihre Freunde und Ihr Management von dieser großen Freiheit?

Alle regen sich darüber auf, es nervt sie ziemlich. Nur ein Beispiel: Ich hasse es zu telefonieren.

Sie sind eine Frau, die nicht gerne telefoniert?

Ja, ich bin eine Ausnahme, ich weiß, das sagen meine Freundinnen auch immer. Sie sollten sie mal hören! Ich trage auch mein Handy nie bei mir. Menschen versuchen, mich zu erreichen, sie rufen an und rufen an , und niemand meldet sich. Ich habe dann so viel Angst vor all diesen wütenden Anrufen, dass ich mich nicht traue, die Mailbox abzuhören. Meistens zeigt das Telefon an: Speicherkapazität erreicht. Ich bitte meine Assistentin, das für mich zu erledigen. Sie macht dann eine Liste der Anrufer, dahinter schreibt sie eine Zeile, was die Leute von mir wollen, mehr nicht.

Wie kommunizieren Sie mit Ihren Freunden, wenn Sie nie ans Telefon gehen? Per E-Mail?

Ich bin nie im Internet, nein. Wie ich kommuniziere? Ich verschwinde.

Sie verschwinden.

In Gedanken schicke ich allen immer good vibes.

Aha.

Oft dauert es Monate, aber wenn ich mir einmal Zeit nehme, um jemanden zu treffen, dann nehme ich mir richtig Zeit. Quality time, wissen Sie, nicht dieses Hallo-Tschüss-Gequatsche von ein paar Minuten. Manchmal reiße ich auch ein Foto oder einen Witz aus einer Zeitung, wenn ich an einen Freund oder eine Freundin denken muss und schicke es ihnen zu, mit einem kleinen Gruß dazu. Was ich übrigens nie mache: Über ihre Beziehungsdramen reden.

Gehört das nicht auch zu einer Freundschaft?

Ich sage Ihnen etwas: Die meisten dieser kleinen Dramen dauern ewig, aber meine Zeit ist begrenzt. Meine Freundinnen und Freunde sind mir wirklich wichtig, ihre Probleme und ihre glücklichen Zeiten, ja, das schon. Aber ich habe nicht die Zeit, um stundenlang am Telefon zu hängen, wenn es auf den Satz hinausläuft: „Ich habe diese kleine Affäre mit einem Typen seit fünf Jahren. Und heute hat er nicht angerufen!“

Wie in der Fernsehserie „Sex in the City“?

Ich kann diese Serie nicht leiden. Ich finde sie langweilig. Ich verstehe sie nicht. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich habe kein Problem damit, welches Leben die Figuren führen…

…im Mittelpunkt stehen junge Frauen in New York und ihre Beziehungsprobleme…

…ich will nur nicht meine Zeit damit verbringen. warum sollte ich? Ich gebe zu: Manche Dialoge sind gut geschrieben, und manche Szenen sind toll gespielt.

In „Frida Kahlo“ sagen Sie einmal, dass Loyalität für Sie das Allerwichtigste ist, viel wichtiger als Treue. Sie haben diesen Satz selbst ins Drehbuch geschrieben.

Ja. Was mir Loyaliät bedeutet? Wenn man sich respektiert, ja, wenn der Respekt, den man vor jemandem hat, so groß ist, dass Sie ihn mit der reinsten Wahrheit konfrontieren, ohne gleich das Schlimmste zu befürchten . Bereits in dem Moment, in dem Sie sich fragen, ob Sie den anderen mit etwas belasten können, ist Ihr Respekt vor dem anderen nicht besonders groß.

Warum? So etwas kann auch aus Rücksicht dem anderen gegenüber passieren.

Ah ja? Ich glaube eher, dass Sie besser wissen als der andere, was er verkraften kann. Sie halten sich für stärker als die andere Person. Das nenne ich illoyales Verhalten. Das ist traurig, denn sie geben Ihrem Freund keine Chance, mit Ihnen zu wachsen, sich mit Ihnen zu verändern, stärker zu werden. Als wir am Drehbuch arbeiteten, fragte einer aus unserem Team: Warum lässt sich Frida Kahlo auf diese Ehe ein? Sie weiß doch, dass sie einen Hallodri heiratet, einen Playboy.

Und? Welche Antwort haben Sie darauf gegeben?

Ach, man muss eine Frau sein, um diese Beziehung zu verstehen. Am Anfang will man ihn noch ändern, aber dann fragt man sich: Was sind die Hürden, die wir überspringen müssen? Wo ziehe ich die Grenze? Ich glaube, dass Frida Kahlo eine besondere Antwort gefunden hat. Sie sagt: Du und ich, wir sind Partner in allem. Du und ich, wir sind eins. Wir passen gegenseitig auf uns auf, und wir wachsen gemeinsam. Was ist das Gegenteil von Loyalität? Wenn Sie die Hand des anderen loslassen, etwas hinter seinem Rücken tun, was er nicht mitbekommt, zurückkommen und die Hand des anderen halten, als ob nichts passiert wäre.

Frida Karlo und ihr Mann Diego Rivera durchleben eine harte Zeit: Sie trennt sich von ihm, als sie ihn mit ihrer Schwester erwischt, doch am Ende kommen beide wieder zusammen. Die Zeit heilt die Wunden?

Ihre Liebesgeschichte ist etwas außergewöhnlich Schönes – und sehr extrem. Uns, den normalen Menschen mit normalen Gefühlen, die nicht mit Diego Rivera verheiratet sind, gelingt es ja kaum, wesentlich kleinere Probleme zu akzeptieren. Kahlo und Rivera hatten es nicht geplant, aber während sie dafür kämpften, haben sie diesen Zustand erreicht.

Dazu brauchen beide ein großes Selbstbewusstsein.

Man erreicht den Punkt, an dem man sagt: Ich will dich nicht ändern! Und stell dir vor, ich werde dich nicht einmal beurteilen. Ich werde dich nur lieben.

Am Ende kommt er zurück, und als sie fragt, warum, antwortet er: „I miss us.“ Ich vermisse uns.

Ja, dieses „uns“, darauf kommt es an.

Sprechen Sie jetzt als Frida Kahlo oder als Salma Hayek?

Sie meinen, ob ich mir eine derart offene Beziehung vorstellen kann? Nein, kann ich nicht. Aber ich wäre mutig genug, eine Beziehung so zu führen, dass wir beide uns frei fühlen. Ich denke nur, dass man sich auch frei fühlen kann, ohne ständig mit anderen ins Bett zu gehen. Wenn Sie mich fragen, warum ich nicht wie die beiden leben möchte, hier ist die Antwort: Männern, die Affären haben, geht es nicht um Sex, sie leiden unter Selbstüberschätzung.

Miss Hayek, glauben Sie nicht, dass…

Nein, warten Sie! Diese Männer sind auf eine bestimmte Art faul, denn sie nutzen ihre sexuelle Energie nicht, um sich intellektuell zu entwickeln. Sie bleiben in einem Zustand, der etwas von einem Tier hat. Und wissen Sie: Ich habe bereits zwei Hunde. Ich möchte in meinem Leben nie wieder Sätze sagen wie „Du betrügst mich, weil du sie mehr liebst als mich“. Oder: „Du kriegst dein Leben nicht in den Griff!“

Eine freundliche Frau von der Filmfirma betritt das Zimmer und erklärt: Das Interview sei nun leider zu Ende. Nein, sagt Salma Hayek, wir machen weiter.

Entschuldigen Sie, stört es Sie, wenn ich mir eine Zigarette anzünde?

Natürlich nicht. Haben Sie mit Männern Mitleid?

Nein. Nein. Nein.

Nie?

Nein, mit jemandem immer nur Mitleid zu haben, heißt, ihn nicht wirklich zu respektieren. Manchmal bin ich traurig, wenn ich Männer beobachte, aber dann denke ich mir: Mädchen, bleib bei Verstand, vergiss das mal wieder mit dem Traurigsein.

Wie definieren Sie Männlichkeit?

Puuuh, das ist schwer zu beantworten. Ich weiß ja nicht, wie es sich anfühlt, ein Mann zu sein.

Und wie definieren Sie Weiblichkeit?

Ich glaube, wir sind die am heftigsten unterdrückte Gruppe auf der ganzen Welt. Nehmen Sie alle Gruppen, die in der Geschichte der Menschheit unterdrückt wurden, die Frauen waren immer noch eine Stufe weiter unten. Es ist nicht so, dass ich jeden Tag daran denke, aber immer, wenn ich darüber nachdenke, macht mich das wütend.

Die nächste dringliche Ermahnung: Die nächsten Journalisten würden doch warten.

Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie sich nicht in lustige Männer verlieben können.

Ich habe gesagt, dass ich Komiker sehr anstrengend finde. Die meisten denken, dass dieses Talent ihre gesamte Persönlichkeit ausmacht. Und sie reden schnell, und mein Englisch ist immer noch nicht so gut…

…Sie sind mit 20 von Mexiko in die USA gezogen…

…dass ich immer Angst habe, ich verpasse eine Pointe. Aber es gibt noch einen Grund: Diese Art von Männern versteckt sich hinter ihren Witzen. Man sitzt einen ganzen Abend lang zusammen und am Ende frage ich mich: Wer ist dieser Mann wirklich?

Allerletzte Frage.

Miss Hayek, kurz vor seinem Tod im Dezember vergangenen Jahres hat der berühmte Fotograf Herb Ritts Bilder von Ihnen gemacht, für Ihre Titelgeschichte in der Februar-Ausgabe von „Vanity Fair“…

Es war eine sehr traurige Erfahrung für mich. Wenn man über einen Toten redet, verschweigt man manchmal einen Teil der Wahrheit. Und natürlich ist das eine der wunderbaren Eigenschaften der Menschen, zu entscheiden, an was sie sich erinnern wollen – und an was lieber nicht. Wenn ich mich jedoch an die dunklen Seiten von Herb erinnern will, wüsste ich nicht an welche. Er war wundervoll, nett zu jedem, süß, mit einem großartigen Sinn für guten Geschmack.

Es war das erste Mal, dass Sie zusammen arbeiteten.

Ich habe lange darauf gewartet, und plötzlich war sie da, die Chance. Herb wirkte überhaupt nicht krank oder geschwächt. Er hatte gute Laune und versprühte eine angenehme Stimmung, und wenige Wochen nach dem Shooting war er plötzlich tot. Mein Glück und sein Unglück lagen nahe beieinander. Ich fühle mich einsam, wenn ich daran denke, sehr einsam.

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