Zeitung Heute : „Ich habe keinen Wohnwagen“ Am Dienstag spielt Deutschland gegen Holland Fußball. Eine heikle Angelegenheit.

Roy Makaay ist ein Holländer in Bayern. Wie neutral kann er sein?

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Der niederländische Fußballspieler Roy Makaay, 29, gilt als einer der gefährlichsten Stürmer Europas. Mit Deportivo la Coruña wurde er spanischer Meister, seit einem Jahr spielt er beim FC Bayern München. Hollands FußballLegende Johan Cruyff sagt: „Makaay versteht wie kein anderer die Kunst des Laufens ohne Ball.“

Interview: Helmut Schümann Foto: Heinz Gebhardt Herr Makaay, kennen Sie das beliebteste deutsche Fußball-Lied?

Sehr witzig. Wir Holländer können zum Glück alle Deutsch und haben es umgedichtet: „Schade, Deutschland, alles ist vorbei, alles ist vorbei, alles ist vorbei...“

Wir singen öfter.

Wir spielen schöner.

Wir gewinnen.

Sind Sie sicher, was das Spiel am nächsten Dienstag angeht?

Nein, sind wir natürlich nicht.

Ich auch nicht. Aber bei euch Deutschen weiß man ja nie. Ihr verliert gegen Rumänien, gegen Ungarn, ihr verliert eigentlich alles, aber gegen uns Holländer könnt ihr plötzlich Fußball spielen. Furchtbar, einfach furchtbar. Warum bloß?

Ihr Holländer tut immer, als seid ihr die Brasilianer Europas, mit Spielzügen, die uns schwindelig machen. Da müssen wir dazwischen grätschen dürfen.

Warum bloß? Mögt ihr keinen schönen Fußball?

Herr Makaay, dürfen wir für dieses Interview die Fragen stellen?

Wir spielen eben schöner.

Geschenkt. Wir wollen uns über das schwierige Verhältnis unterhalten zwischen Holländern und Deutschen. Wann haben Sie erstmals davon erfahren?

Ist es schwierig? Es ist besonders. 1988 habe ich es erstmals mitbekommen, bei der Europameisterschaft. Als der wunderbare Ronald Koeman...

...jetzt hören Sie aber auf! Ihr wunderbarer Ronald Koeman hat sich nach dem Spiel mit dem Trikot von Olaf Thon den Hintern abgewischt. Das ist weder wunderbar noch höflich.

Wollten Sie nicht die Fragen stellen? Stellen Sie Ihre Fragen.

Was war 1988?

Da hat der wunderbare Marco van Basten, im übrigen mein Vorbild, euren Jürgen Kohler locker vorgeführt. Ich glaube, Kohler träumt heute noch von van Basten, der hatte ihn schon in Italien vorgeführt, als Kohler noch bei Juventus spielte und Marco in Mailand. Ich war 13 Jahre alt, ich weiß es noch genau. Der Pass kam aus der Mitte, Marco war halbrechts, ha, Kohler konnte nur zuschauen.

Wenn Sie meinen.

War das jetzt eine Frage?

Hat man Ihnen nicht erzählt, was 1974 geschah?

Ich weiß nichts von 1974, ich will nichts wissen von 1974, da war ich noch nicht auf der Welt.

Ha, wir aber! 1974 haben wir euch besiegt im Endspiel und sind Weltmeister geworden. Seid Ihr jemals Weltmeister geworden?

Die Frage ist unfair. Ihr seid durch eine Schwalbe von Hölzenbein Weltmeister geworden.

Das sollten wir jetzt nicht diskutieren, sonst müssten wir auch über Frank Rijkaard reden und seine Spuckattacke auf Rudi Völler.

Kann es sein, dass wir auf keinen grünen Zweig kommen?

Schon möglich. Können Sie sich an Ihr erstes Spiel gegen eine deutsche Mannschaft erinnern?

Ich habe kein Problem mit den Deutschen. Als ich noch bei Vitesse Arnheim gespielt habe, hatten wir einen deutschen Trainer, Herbert Neumann, nicht der schlechteste. Arnheim ist nicht weit weg von Deutschland. Wenn ich mich richtig erinnere, spielten wir ein Turnier im Dreiländereck...

...also in der Gegend von Aachen, wo Deutschland, Belgien und die Niederlande aneinander grenzen...

...das waren normale Spiele. Ich erinnere mich an ein Vorbereitungsspiel in Bocholt gegen irgendwelche Amateure – keine Rivalitäten. In Vereinsmannschaften spielt das keine so große Rolle, da gibt es auf beiden Seiten so viele Ausländer.

Sie wollen uns weismachen, dass es für Sie kein besonderes Vergnügen war, als Stürmer von La Coruna den FC Bayern München aus der Champions League zu schießen?

Nein, nein, das war normal. Ich hatte nur gute Erinnerungen an das Münchner Olympiastadion. Da hat Holland 1988 das Europameisterschaftsfinale gegen die Sowjetunion gewonnen. Ein paar Tage, nachdem der wunderbare Marco van Basten in Hamburg Jürgen Kohler...

…er kann es nicht lassen. Hat nicht auch Deutschland 1974 im Münchner Olympiastadion…

...er kann es nicht lassen. Zurück zu La Coruna, das Besondere war, dass wir die erste spanische Mannschaft waren, die in München gegen den FC Bayern gewonnen hat. Das hatte vor uns weder Real Madrid geschafft, noch der FC Barcelona.

Ist das jetzt als Friedensangebot zu verstehen im deutsch-holländischen Fußballverhältnis?

Schauen Sie, jeder Mensch in Holland und jeder Mensch, der etwas von Fußball versteht, weiß, dass Holland 1974 im Finale das Führungstor geschossen hat, bevor ein deutscher Spieler auch nur den Ball berührte. Jeder weiß auch, dass dann Hölzenbeins Schwalbe kam. 1974 war eine Katastrophe, 1988, als wir in letzter Minute das 2:1 gemacht haben, war eine schöne Geschichte.

Kannten Sie in Ihrer Jugend außer van Basten auch andere Spieler, zum Beispiel Deutsche?

Van Basten war zu seiner Zeit der beste Spieler der Welt. Natürlich kannten wir die Deutschen, Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Paul Breitner, später Karl-Heinz Rummenigge, Lothar Matthäus – aber kennen heißt ja nicht mögen. Günter Netzer, ja, der ist sehr beliebt in Holland. Von dem heißt es, dass er spielte wie ein Holländer.

Einige von denen sehen Sie täglich beim FC Bayern.

Nein, so gut wie nie. Franz Beckenbauer habe ich, glaube ich, nur einmal gesehen, als er mal in der Kabine vorbeikam, Sepp Maier noch nie. Und als ich das erste Mal Gerd Müller hier auf dem Trainingsplatz traf, habe ich ihn nicht erkannt.

Können Sie uns den Unterschied zwischen holländischem und deutschem Fußball erklären?

Wir versuchen immer, auch schön zu spielen. Das fing vielleicht 1974 an, mit Spielern wie Johan Cruyff und Johan Neeskens. Und 1988, das war eine Mannschaft voller Stars, Weltstars, Koeman, Ruud Gullit, Frank Rijkaard oder Jan Wouters. Der hat ja auch mal in München gespielt, mich vor meinem Wechsel hierher angerufen, mir unbedingt zugeraten und Grünwald als Wohnort empfohlen. Das schöne Spiel? Vielleicht nehmen wir Holländer grundsätzlich das Leben etwas leichter.

Möglich. Warum bloß fällt uns im Zusammenhang mit schönem holländischen Fußball das zweitliebste Fußballlied der Deutschen ein? Vor zwei Jahren, vor der Weltmeisterschaft in Asien, haben wir es gesungen: „Ohne Holland fahr’n wir zur WM.“

Ja, ja, wahnsinnig witzig. Die verpatzte WM-Qualifikation hat viel bewirkt. Damals hat es harte Kritik gegeben, und wenn Sie Ihre Hoffnungen darauf bauen, dass wir immer noch nur schön spielen, dürfte es am Dienstag eine Überraschung geben. Wir haben jetzt eine gute Mischung. Edgar Davids kann zaubern, und er kann zulangen.

Das Plus Ihres Fußballs ist das Vielvölkergemisch?

Es hat uns nicht geschadet. Die Spieler aus Surinam, unserer ehemaligen Kolonie, bilden einen wesentlichen Kern der Nationalmannschaft.

Es gab Zeiten, in denen gerade das ein Problem war.

Aber die habe ich nicht mitbekommen. 1996 bei der Europameisterschaft in England, heißt es, war es schwierig. Das war die Zeit, als die de Boer-Brüder spielten, und da gab es Cliquen, die weißen Spieler auf der einen Seite und die dunkelhäutigen auf der anderen. Heute ist das kein Thema mehr. Wir sind alle Holländer, und wo einer geboren wurde – Clarence Seedorf zum Beispiel kam in Surinam zur Welt – ist mir doch egal.

Den Zuschauern auch?

In dem Punkt hat sich Holland leider sehr geändert. Rassismus im Stadion ist nicht zu übersehen, inzwischen ist es wohl so, dass es kein Familienvergnügen mehr ist, ins Fußballstadion zu gehen.

Warum nur sind holländische Spieler technisch so versiert, was die wesentliche Voraussetzung für die schöne Art des Fußballspielens ist?

Waren Sie mal in den Vororten der Städte? Da gibt es nicht viel außer Platz zum Kicken. Also spielen die Kinder den ganzen Tag Fußball, das ist die beste Technikschule.

Herr Makaay, Sie sind in der Nähe der Grenze aufgewachsen, Sie leben seit einem Jahr in München. Was ist typisch deutsch?

Pünktlichkeit. Pünktlich zu Spielen gegen Holland sind deutsche Mannschaften wieder fit.

Was ist typisch holländisch?

Ich glaube nicht, dass wir uns so sehr unterscheiden. Wir witzeln hier und sticheln über Fußball. Das ist ja auch gut so. Aber die Ursache ist wohl ernster. Auch wenn es weniger wird, der Krieg und die Nazizeit sind in Holland nicht vergessen. Meine Großeltern haben aus der Zeit erzählt. Solche Erzählungen haben lange das Deutschland-Bild in Holland geprägt. Das Anne-Frank-Haus kennt in Holland jeder.

Glauben Sie, dass sich in Deutschland viele über den historischen Zusammenhang bewusst sind?

Ich glaube schon. Die Geschichte der Anne Frank kennt in Deutschland bestimmt auch jeder.

Machen Sie doch mal den Test in der Mannschaft des FC Bayern.

Die Südamerikaner wissen vielleicht nicht so viel über die Vergangenheit, aber die anderen. Zumindest die meisten. Na ja, ich weiß es nicht.

Wir fürchten, das Holland-Bild der Deutschen ist etwas oberflächlicher.

Bevor ich nach München kam, hatte ich zwei Fragen erwartet. Die kamen auch sehr schnell: „Haben Sie einen Wohnwagen?“ und „Wie finden Sie Rudi Carrell?“ Ich habe keinen Wohnwagen, und Rudi Carrell kennen in Holland nur noch Ältere.

Und umgekehrt: Was kennen Sie von Deutschland?

Die Stadien, ein paar Flughäfen, München und den Tegernsee. Zu mehr war noch keine Zeit.

Mit Ihren Kindern sprechen Sie...

...holländisch. Meine Tochter geht auf die Internationale Schule, lernt dort Deutsch und Englisch, aber zu Hause reden wir schon holländisch.

Lassen Sie sich holländische Zeitungen kommen?

Beim FC Bayern liegen deutsche Zeitungen aus, die lese ich. Zu Hause gehe ich ins Internet auf die holländischen Seiten. Ich bin sieben Jahre aus Holland weg, vor München war ich sechs Jahre in Spanien, aber ich fühle mich als Holländer.

Sie halten sich oft in der Heimat auf?

Wenn mal zwei Tage frei sind, fahren wir schon heim. Wir haben ein Haus in Arnheim. Wenn wir im Westen spielen, ist das ja kein Problem, von Gelsenkirchen aus bin ich in einer Stunde dort. Nur nach unserem Heimspiel in München gegen Schalke war es eine Tortur. Plätze im Flugzeug haben wir keine mehr bekommen, also haben wir die Kinder hinten reingepackt und sind die 700 Kilometer im Auto gefahren.

Das hört sich nach Sehnsucht an.

Sehnsucht ist zu viel gesagt, es ist eben Heimat, es ist die Sprache, es sind die Freunde und die Familie. Auch von Coruna aus sind wir oft nach Hause geflogen. Aber da bin ich kein Einzelfall, das machen die anderen Spieler ebenso. Beinahe die gesamte Nationalmannschaft spielt ja im Ausland.

Und warum eigentlich so wenige in der Bundesliga?

Vielleicht sind wir zu gut. Im Ernst: Das hat mit der finanziellen Situation der Vereine zu tun. Die konnten unsere Topspieler lange Zeit nicht bezahlen.

Kann nicht auch die Abneigung gegen Deutschland ein Grund sein?

Ich glaube das nicht. Im Fernsehen werden regelmäßig Spiele aus der Bundesliga gezeigt, früher sehr viel die Spiele von Schalke, weil dort viele Holländer spielen, jetzt überwiegend die vom FC Bayern, weil ich dort spiele.

Dann gibt es in Holland einen Bayern-Boom, wenn Sie das deutsche Team in Portugal rauswerfen?

Noch steht nicht fest, ob ich spiele. Ich würde gerne, und dann würde ich mich nicht wehren.

In diesem Fall dürfte nach Ihrer Rückkehr zum FC Bayern Ihre Popularität gefährdet sein.

Erstaunlicherweise passiert so etwas nicht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als im Fußball ein Land zu besiegen, in dem man spielt. Ich habe das in Spanien erlebt. Die sagen dann gar nichts mehr.

Ist es ein Vorteil, dass Sie in Portugal gleich im ersten Spiel auf die Deutschen treffen?

Ja. Man weiß, wie sich deutsche Mannschaften in einem Turnier steigern können. Also sind sie am Anfang schwach.

Mit solchen billigen Finessen bereiten Sie sich vor?

Bei euch Deutschen muss man sich mit allen Mitteln vorbereiten. Ihr arbeitet auch mit allen Tricks, denken Sie nur an die Europameisterschaft 1992 in Schweden.

Wie bitte? Jetzt sind wir auch noch schuld daran, dass ihr im Halbfinale gegen Dänemark ausgeschieden seid?

Klar! Unsere wunderbare Mannschaft mit Rijkaard, Gullit, van Basten hat euch in der Vorrunde auseinandergenommen, Sie erinnern sich?

Nein!

3:1. Dann habt ihr euch wieder irgendwie weitergewurstelt. Als wir vor dem Halbfinale gegen Dänemark standen, habt ihr uns weisgemacht, die Dänen seien viel zu schwach. Prompt waren unsere viel zu überheblich und lässig. Na ja, wenigstens haben es euch die Dänen im Finale gezeigt.

Was Sie da erzählen, ist nicht Ihr Ernst.

Nein, ist es auch nicht. Aber es ist immer schön, sich mit Deutschen über Fußball zu zanken.

Also dann, wer gewinnt am Dienstag?

Ich glaube, wir sind schon ganz gut.

Das sagt einer, der gerade gegen Irland verloren hat. Gegen Irland!

Unfälle passieren, auch in Kaiserslautern.

Oh, so versöhnlich am Ende. Das 0 : 2 gegen Ungarn in Kaiserslautern war also ein Unfall?

So wie unser 0 : 1 gegen Irland.

Also gut, dann wünschen wir Ihnen viel Glück für die Europameisterschaft.

Das ist nett und höflich. Aber ich glaube Ihnen kein Wort.

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