Zeitung Heute : „Ich habe mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen“

Natascha Kampusch spricht im Fernsehinterview mit ORF 2 über ihren Entführer, Fluchtgedanken und ihre Familie. Was hat sie in ihrer Gefangenschaft erlebt?

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Seit zwei Wochen ist Natascha Kampusch nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft in Freiheit, nun hat sie dem Österreichischen Rundfunk ihr erstes Fernsehinterview gegeben. Der Sender strahlte das Gespräch gestern Abend aus. Die 18-Jährige sprach in ORF 2 über ihren Entführer, ihr Leben in Gefangenschaft und ihre Zukunft in Freiheit – Auszüge aus dem 40-minütigen Interview.

Über den Tag ihrer Entführung (2. März 1998): „Ich bin früh aufgestanden. Ich habe natürlich noch nicht geahnt, was passiert. Ich war sehr traurig. Es gab am Abend eine Auseinandersetzung mit meiner Mutter, weil mein Vater mich so spät nach Hause brachte. (...) Übrigens was mit der Auseinandersetzung in den Medien geschildert wurde, dass meine Mutter mir eine Watschn gegeben haben soll, das stimmt nicht. Oder jedenfalls nicht in der Form, wie sie geschildert wurde. Ich war einfach nur so geknickt. Bevor ich aus der Tür gegangen bin, habe ich noch gedacht, meine Mutter hat nämlich diesen Merksatz, dass sie meinte, man soll nie böse auseinandergehen, man soll sich immer vertragen, weil es könnte ja ihr oder mir etwas passieren und wir sehen uns nie wieder. Ich dachte mir an der Tür noch, mir ist eh bis jetzt nichts passiert, also vertrage ich mich zum Trotz jetzt extra nicht mit meiner Mutter. Ich bin in die Schule gegangen (...) und dort auf einigen Metern Entfernung habe ich ihn schon bei seinem Auto stehen gesehen.

Ich dachte noch, ich wechsle die Straßenseite. Ich weiß auch nicht. Es war ein Bauchgefühl. Es war mir einfach unangenehm. (...) Dann habe ich aber dieses Bauchgefühl meiner emotional aufgeladenen Stimmung zugeschrieben. Ich dachte mir, der wird dich schon nicht beißen und bin einfach weitergegangen. Er packte mich, ich versuchte zu schreien, aber es kam kein Laut raus. (...) Bei dem Reinzerren, so während des Startens, hat er schon gesagt, dass mir nichts passiert, wenn ich das mache, was er sagt, und dass ich ruhig sein soll und mich nicht rühren soll. Und dann später, paar Minuten später, dass es angeblich eine Entführung ist. Und wenn meine Eltern was zahlen, dann könnte ich noch am selben Tag oder am nächsten Tag wieder zu Hause sein.“

Über die ersten Tage im Haus ihres Entführers Wolfgang Priklopil: „Das erste Mal habe ich den Kellerraum überhaupt nicht gesehen, weil es dort stockdunkel war. Es war keine Lampe eingeschraubt. Erst nach einigen Minuten oder einer halben Stunde oder so. Ich hatte von erstem Moment an eigentlich überhaupt keine Ängste, außer den schlimmsten Befürchtungen, was er mit mir anstellen könnte. Im Gegenteil, ich dachte mir, der bringt dich sowieso um, also kannst du deine letzten paar Stunden, Minuten oder was auch immer noch gezielt nützen, um wenigsten zu versuchen irgendetwas zu machen, zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie.

Ich habe ihm gesagt, dass das nichts wird und das Unrecht nie gedeihen wird und dass ihn die Polizei schon schnappen wird. Im Haus war es dann so, dass ich ihn, weil ich mir dachte, vielleicht kann ich ihn durch Einzelheiten des Hauses erkunden, vielleicht kann ich irgendwas erkennen und das später dann der Polizei, ich war zu dem Zeitpunkt noch sicher, dass mich die Polizei finden und befreien wird und dass es ein gutes Ende haben wird, nehmen wird. Ich war sehr verzweifelt und sehr wütend und habe mich darüber geärgert, dass ich die Straßenseite nicht gewechselt habe und nicht mit meiner Mutter in die Schule gefahren bin.“

Über ihren Entführer Wolfgang Priklopil: „Ich war mir schon innerhalb der ersten paar Stunden meiner Entführung bewusst, dass ihm etwas fehlt, dass er ein Defizit hat. (...) Er hatte einfach ein labile Persönlichkeit. Ich hatte dadurch, dass ich früh ein sehr gesundes soziales Umfeld hatte, eine, na ja, nicht unbedingt glückliche, aber dafür eine liebevolle Familie. Also beide Eltern haben mir immer wieder glaubhaft versichern können, dass sie mich lieben. Und er hatte so etwas nicht. Ihm fehlte so etwas wie Selbstsicherheit. Diese Geborgenheit hat ihm gefehlt.

Nach zwei Jahren habe ich einfach die Nachrichten, also den ORF oder so gehört. Als Zeitungen habe ich am Anfang nur Wochenzeitungen bekommen. Er hat mir die zuerst vorgelesen, dann habe ich das gelesen. Dann hat er einzelne Zeitungen durchgeblättert, ob ich nicht was aufgeschrieben habe. Das war seine Paranoia. Überhaupt, der hat immer alles kontrolliert und untersucht, damit ich ja keine Botschaft schreibe.

Sicher habe ich mit dem Herrn Priklopil gefeiert (Ostern, Weihnachten, Geburtstag, Anm. d. Red.). Ich habe ihn genötigt, das mit mir zu feiern. Er hat mir viele Sachen geschenkt. Ostereier oder Weihnachtsgeschenke und so. Schließlich war das einfach, andere Kinder und Jugendliche können sich etwas kaufen, ich konnte mir natürlich nichts kaufen. Er war offenbar der Meinung, dass er mir wenigstens in dieser Art eine gewisse Entschädigung oder Gleichberechtigung mit den anderen Menschen draußen in der normalen Realität gibt. (...) Ich glaube, er hatte ein sehr starkes schlechtes Gewissen. Aber er versuchte es für sich zu verdrängen und auch zu leugnen.

Hin und wieder hat mir sogar in gewisser Art und Weise vorgeschlagen, wie ich ihn sozusagen hintergehen könnte, also innerhalb von seiner Paranoia. Es war fast so, als würde er absichtlich wollen, dass ich irgendwann einmal frei bin. Also dass es schief läuft, dass die Gerechtigkeit siegt oder so.“

Über den Raum, in dem sie gefangen gehalten wurde: „Dort war ein Ventilator. (...) Ich konnte vor allem dieses ewige Geräusch des Ventilators am Anfang kaum ertragen. Es ist mir dermaßen auf die Nerven gegangen. Es ist furchtbar. Ich habe beinahe klaustrophobische Zustände bekommen in diesem kleinen Raum und schlug mit Mineralwasserflaschen an die Wände oder mit den Fäusten. Ich weiß nicht, auch damit irgendwer mich vielleicht hört oder so. Und wenn er mich nicht irgendwann einmal rauf ins Haus genommen hätte, damit ich ein bisschen mehr Bewegungsfreiheit habe, ich weiß nicht, ob ich dann nicht wahnsinnig geworden wäre. (...)Nach einem halben Jahr, da durfte ich dann immer zum Waschen rauf. Also baden im Badezimmer und so. (...)

Vor allem ärgern mich diese Fotos von meinem Verlies, weil das geht niemanden etwas an. Ich möchte auch nicht in die Wohnzimmer und Schlafzimmer von den Leuten schauen. Warum sollen die Leute morgens ihre Zeitung aufschlagen und in mein Zimmer schauen, das ist schon ein Eingriff in die Persönlichkeit. Das geht einfach niemanden was an. Es ist auch mein Raum. Aber trotzdem, Verlies klingt einfach besser. Weil es kommt dem nahe. Es ist unterirdisch. Ja, die deutsche Sprache bietet einfach nicht mehr Möglichkeiten.“

Über die Einsamkeit: „Ich war nicht einsam in meinem Herzen. Ich war bei meiner Familie. Und glückliche Erinnerungen waren immer in mir. Ich habe mir eines Tages geschworen, dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können. Ich habe sozusagen mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien.“

Über Hunger in der Gefangenschaft: „Ich habe in meiner Gefangenschaft sehr oft gehungert. Ich habe dadurch auch das, was man da alles hat, Kreislaufbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten. Man ist nur noch zu den primitivsten Gedanken fähig. Man kann sich gar nicht mehr auf irgend etwas fixieren. Jedes Geräusch, jedes Kratzen ist schon so aufreibend und schmerzend. Jeder Gedanke geht aus einem heraus. Ich kann mir vorstellen, dass diese Leute unmenschliche Qualen durchmachen müssen und deswegen möchte ich mich dafür einsetzen, zumindest dass die Kinder dort etwas Gutes zum Essen kriegen, weil dass setzt sich (...) Wir tun ja nur so, als wenn wir so gescheit wären, aber wenn wir das ganze Essen nicht hätten, dann würden wir auch blöd sein.“

Über die Tage, an denen der Entführer Natascha mit auf die Straße genommen hat: „Na ja, er war sehr vorsichtig. Ist kaum von meiner Seite gewichen. Hat jedes Mal panikartige Zustände bekommen, wenn ich auch nur drei Zentimeter von ihm entfernt gestanden habe, er wollte immer, dass ich vor ihm gehe, nicht hinter ihm. Damit er mich immer im Auge behalten kann. Ich konnte mich keiner Menschenseele anvertrauen, weil er drohte mir immer damit, dass er den Menschen etwas antun würde, wenn ich etwas sage. Das er sie umbrächte, jeden Mitwisser sozusagen.

Es gab auch viele Menschen, denen ich versucht habe, Zeichen zu geben. (...) Aber die Leute denken in diesem Moment ja nicht an so was und kommen nicht auf die Idee. Es war nicht genug Zeit, bis ich denen das erläutere. Hätte ich auch nur einen Mucks gemacht, hätte er das schon unterbunden und mich weggezerrt – oder selbst wenn es dann zu spät gewesen wäre, die Person immer umgebracht oder mich umgebracht oder was auch immer. Es war furchtbar.

Dann diese netten Verkäufer im Baumarkt. Die einen dann fragen: Kann ich ihnen vielleicht helfen? Und ich stehe da so panikartig, verklemmt und mit Herzklopfen und kann mich kaum rühren. Und ich muss dann so hilflos zuschauen, wie der den Verkäufer da abwimmelt und habe gerade noch die Möglichkeit, den Verkäufer anzulächeln weil er so freundlich ist. Der weiß das ja nicht. Ich habe immer versucht so zu lächeln, wie ich auf den Fotos ausschaue, damit die Leute sich an mein Bild erinnern. Auf Fotos lächelt man ja meistens. Ich habe am Anfang die Menschen auch nicht so vertragen. Ich war es ja nicht gewohnt. Viele Menschen sind sehr missmutig und feindselig. Es ist natürlich auch sehr unangenehm.“

Über ihre Familie: „Ich hab mich gestern und vorgestern mit meiner Mutter schon getroffen. Bei der Polizei habe ich mich schon mit meinen Eltern getroffen. (...) Hauptsächlich vertraue ich eigentlich meiner Familie und auf mich eigentlich. Es ist wirklich sehr schwer, also alle Leute wollen einen irgendwie beeinflussen. Sie meinen es zwar gut, aber... (...) Die Öffentlichkeit meint ja, ich sei kein gutes Kind. Meine Mutter sei keine gute Mutter, weil sie mich nicht sofort bei sich haben möchte oder ich sie bei mir haben möchte. Aber bei uns ist es eher so, als wäre gar nichts geschehen.“

Über ihre Flucht: „Ich wusste in dem Moment: Wenn nicht jetzt, vielleicht nie mehr wieder. Ich habe geschaut, er hat sich umgedreht. Ich habe ihm in den Monaten davor auch schon gesagt, ich kann so nicht mehr leben. Ich werde sicherlich versuchen, von dir zu fliehen. Ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, dann... Ich hatte auch eine irrsinnige Sorge, dass ich seiner Mutter, seinen näheren Freunden, Nachbarn und Bekannten ihr Weltbild ruiniere und zerstöre – weil die wissen, er war sozusagen der nette, hilfsbereite Typ, immer freundlich und nett. Ich wollte das auch seiner Mutter nicht antun, dass sie diese andere Seite von ihrem Sohn kennenlernt. Da zu mir schon sehr durchgedrungen ist, dass sie ein sehr gutes Verhältnis zu ihm hat. Das sie ihn sehr liebte und er auch sie mochte. Sehr. Tja. Es tut mir auch jetzt irrsinnig leid für die Frau Priklopil, dass dieses Bild sozusagen zerstört ist, und sie hat den Glauben an die Welt verloren, an diesem Tag, und den Glauben an ihren Sohn und ihren Sohn auch.“

Über ihre Zukunft: „Konkrete Berufswünsche habe ich noch nicht. Ich will zuerst meine Bildung komplettieren und die Matura machen. Und vielleicht studieren. Aber ich weiß noch nicht, was ich studieren möchte. Ich werde vielleicht ein Buch über mich schreiben. Ich möchte auf keinen Fall, dass ein anderer sich als Experte über mein Leben ausgibt. Dann schreibe ich das selbst. Mir ist klar geworden, dass ich durch diese Berühmtheit (...) eine gewisse Verantwortung habe, und die auch nützen möchte. Mir ist klar geworden, dass man das nicht einfach so verstreichen lassen sollte, sondern dass auch zum eigenen Vorteil nutzen muss, zum Vorteil von den vielen Menschen, denen man helfen kann. Ich plane eine Stiftung zu gründen, wo ich Hilfsprojekte ausstellen möchte, die sich zum Beispiel mit der Thematik von verschwundenen Leuten, die nicht gefunden wurden, befasst.“

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