• Ich habe Pino gesagt: Du kannst deine Spaghetti alleine essen! Ich komm wieder, wenn ihr um den dritten Platz spielt! Pool-Novellen (V)

Zeitung Heute : Ich habe Pino gesagt: Du kannst deine Spaghetti alleine essen! Ich komm wieder, wenn ihr um den dritten Platz spielt! Pool-Novellen (V)

Der Dramatiker Moritz Rinke wollte dichter ran an die Nationalmannschaft. Deshalb hatte er sich im Mannschaftsquartier Schlosshotel Grunewald als Poolwächter beworben. Wie es dort zugeht, hat er sich schon gedacht.

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Ja, hätte das noch Bruno miterlebt!

Ich sitze hier wieder am deutschen Heldenpool, die glorreiche Mannschaft trainiert, ich lege ihre Badehandtücher zusammen und mir gehen immer und immer wieder die Szenen nach dem Elfmeterschießen durch den Kopf.

Ich wusste auch gar nicht, wo ich zuerst hingucken sollte mit meinem Fernglas im Stadion. Kahn und Lehmann umarmen sich! Ich finde, die bisher bewegendste Szene der WM! Und eine total undeutsche! Normalerweise läuft das ja in diesem Land so, dass einer gegen den anderen ausgespielt wird. Wenn der eine oben steht, wird der andere runtergeschrieben. Die Medien-Deutschen wollen immer einen extremen Verlierer und einen extremen Gewinner und selbst, wenn du mit dem Verlieren deinen Frieden hättest, die Medien machen dir das Verlieren zur Hölle. Und jetzt diese Szene! Ich habe bisher zweimal beim Fußball Tränen vergossen, das erste Mal beim grausamen Siegtor von Juventus Turin gegen Werder Bremen, das zweite Mal jetzt: Kahn, den Deutschland jetzt vergessen wird, umarmt seinen Untergang und vernichtet dabei die Medien-Krieger. Daran soll’n wir hybriden Künstler uns mal ein Beispiel nehmen! Wenn jemand von uns einen Preis kriegt, dann sagen die anderen immer, die Jury hat keine Ahnung oder war bestochen, alles abgekartet. Stellt sich jetzt etwa Kahn hin und sagt, Lehmann hatte einen Spickzettel?

Das war ja Wahnsinn mit diesem Zettel! Wie der Lehmann mit dem Zettel von Köpke in das Tor geht – ich hab’s mit dem Fernglas genau gesehen – den Zettel unter den rechten Stutzen gesteckt und dann zweimal links abgetaucht und gehalten! Rechts über mir dann sehe ich, wie Merkel Beckenbauer küsst! Rührt mich nicht ganz so wie Kahn mit Lehmann, aber neben mir saß rechts Ingo Metzmacher, der Dirigent, und links Fabian Burdenski, der Sohn von Dieter Burdenski, dem legendären Elfmetertöter, 1978 mit Sepp Maier zusammen bei der WM in Argentinien.

Fabian hat mir kurz vorher noch mal gesagt, was sein Vater immer gesagt hat: „Nur auf den Fuß und auf den Ball gucken und positiv über das Leben denken!“ Karina, Fabians Schwester, hat noch schnell die DeutschlandFahne auf meine und die Wange vom Metzmacher gemalt, kurze Zeit später lagen wir uns alle in den Armen. Uschi Glas war auch plötzlich dabei, die saß neben Fabians Schwester, ich denk noch: Die Frau, die du da küsst, das ist doch Uschi Glas?, na ja, auch egal – das ist ja überhaupt das Tolle: Da lebst du 38 Jahre in diesem Nörgelland, fängst schon selber an zu nörgeln, wenn dich jemand etwas zu Deutschland fragt, und dann steht da so eine sympathische deutsche Mannschaft, denkt positiv über das Leben, Fabians Schwester malt dir ’ne Fahne auf die Backe, auf die andere küsst Uschi Glas und, schwupp, bist du Patriot.

Die Italiener, diese defensiven Rumpelmafiosi putzen wir jetzt auch weg genauso wie diese hölzerne Ikeatruppe aus Schweden! Ich geh auch nicht mehr ins „Opera Italiana“, zu meinem Italiener. Pino, der Chef, will immer, dass ich zu den Italien-Spielen komme, weil, wenn ich da bin, gewinnt immer Italien. Ich habe Pino gesagt: Du kannst deine Spaghetti am Dienstag alleine essen! Ich komm wieder, wenn ihr um den dritten Platz spielt! Ciao Bello!

Die argentinischen Gauchos haben ja auch ’nen Knall. Erst machen sie noch alle große Aufrufe gegen Rassismus und dann treten sie den Deutschen in die Eier! Das war ja unglaublich! Cufre von Argentinien dem Mertesacker mit gestrecktem Bein, ich hab den heute morgen am Pool gesehen, oh weia, dabei wollte er ja Borowski, auf jeden Fall einfach drauf auf die Blonden, Schweinsteiger von hinten niedergeschlagen mit der Faust von Maxi Rodriguez! Frings ist unschuldig! Na ja, uns, die wahren Brasilianer, kann sowieso nur noch Zidane stoppen, nur noch ein altersweises Genie kann sich der jungen Unbeschwertheit von Fabian, seiner Schwester und diesem ganzen Land in den Weg stellen, um uns vielleicht auch das Verlieren zu lehren, das müssen wir dann auch hinkriegen, ohne den Franzosen in die Eier zu treten.

Nach dem Spiel habe ich Dienst gehabt am Samstag und Sonntag. Samstag kamen wieder die Spielerfrauen, herrlich, 23 deutsche Spielerfrauen in meinem Pool!, nur Mertesackers Freundin sah ein bisschen betrübt aus, Scheiß-Gauchos. Sonntag war ganz ruhig, Training, Training, Training, ich hab noch auf Jogi Löw gewartet, ob er vielleicht kommt und irgendwas sagt zu meinem Voodoostein, der ja angeblich gegen Argentinien auf der Bank gelegen haben soll, aber er hat wohl Wichtigeres zu tun. Natürlich habe ich mir auch vorgestellt, wie sich Lehmann nicht nur den Spickzettel, sondern auch meinen Voodoostein unter die Stutzen steckt! Überhaupt dieses Was-unter-die-Stutzen-Stecken fasziniert mich, ich habe das als Jugendtorwart auch gemacht! Rechts ein Hanuta-Bild von Ronny Hellström, links eines von Dieter „Budde“ Burdenski, das waren meine Vorbilder. Hat auch immer geholfen! Tja, und dann wirst du trotzdem, weil du kein Profi geworden bist, aus lauter Kompensation Schriftsteller, musst immer berufsbedingt am Deutschen rumnörgeln, und dann sitzt du plötzlich mit Buddes Kindern im Stadion, und die machen dich in ihrer positiven Art mal so ganz nebenbei zum Patrioten – und alles andere geht unter, Steuererhöhungen, Robert Gernhardt tot, Jan Ullrich gedopt, passt gerade alles irgendwie nicht.

Ich hör jetzt auf meinem Sitz am Pool auch immer mit iPod Fußballlieder von der CD „Fußball ist unser Leben“, wunderbar. Als die Spielerfrauen in meinem Pool badeten, hörte ich „Dann macht es bumm“, gesungen von Gerd Müller und „Gute Freunde kann niemand trennen“, gesungen von Franz Beckenbauer, kann er ja mal Merkel vorspielen. Meine absoluten Lieblingslieder aber sind „So ein schöner Tag“ von Hansi Hinterseer und „Die Hände zum Himmel“ von Tony Marshall, das wurde auch gespielt, als die Mannschaft nach dem Elfmeterschießen jubelnd durchs Olympiastadion zog, ergreifend, einfach ergreifend!!

Ich fahr mit dieser CD jetzt auch immer Auto durch Berlin, volle Lautstärke, mit Fahne rausgehängt! Superfeeling! Auf dem Ku’damm ist gestern einfach eine wildfremde deutsche Patriotin bei mir eingestiegen, Anita.

„Toller Song“, hat Anita gesagt.

„Ja“, sagte ich, „Die Hände zum Himmel, wird auch immer im Stadion gespielt, ich bin übrigens auch Chef am deutschen Pool, wir können ja gleich hinfahren!“

„Was wie’n Pool?!“

Na ja, die Leute glauben es einem ja nicht sofort. Wo ich auch hinkomme in den letzten Wochen: Sag mal, sitzt du da wirklich am deutschen Pool?!

Ich sag dann immer: Wenn man positiv denkt, dann ist alles möglich in diesem Land.

So, nach dem Sieg gegen Italien mehr von meinem Sitz am Pool Schlosshotel Grunewald.

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