Zeitung Heute : „Ich hätte auf meine Art gespielt“

Maurizio Gaudino blieb bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA ein Einsatz im Trikot der deutschen Nationalmannschaft verwehrt. Darüber ist der deutsche Meister von 1992 immer noch verärgert. Auch heute ist er mit der Personalpolitik nicht ganz einverstanden, traut der Klinsmann-Elf den Titel aber trotzdem zu.

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Maurizio Gaudino, Sie verbindet etwas mit Spielern wie Günter Herrmann und Frank Mill.

Und das wäre?

Sie waren bei einer WM dabei, aber durften nicht spielen.

Stimmt. 1994 war das.

Noch traurig?

Ja, natürlich. Es ist eine Enttäuschung, die sehr tief sitzt. Ich war damals in einer guten Verfassung, hatte eine sehr gute Serie mit der Eintracht gespielt und war auch während der WM in den USA prima drauf.

Trotzdem hockten Sie auf der Bank.

Ganz ehrlich, wenn ich mir heute das WM-Spiel gegen Bulgarien anschaue, wo wir 1:2 zurückliegen, und auf der Bank sitzen mit mir, Kalle Riedle und Stefan Kuntz drei Offensivakteure, von denen keiner gebracht wird, dann kommt die Enttäuschung wieder hoch. Wir hätten die Bulgaren knacken können.

Haben Sie aber nicht.

Ich bin deshalb traurig, weil mir die Worte von Berti Vogts und Rainer Bonhof noch in den Ohren klingen: „Junge, trainier genauso weiter. Du bekommst noch deine Chance. Mach kein Theater“, haben sie damals gesagt und mit Theater gemeint, ich soll nicht über die Presse meinen Einsatz fordern, wie das andere getan haben.

Daran haben Sie sich gehalten, wie wir wissen.

Ich sollte keine Politik machen und habe mich gefügt, was mir aber nichts gebracht hat. Das Bitterste war, dass Vogts damals nach der WM ankündigte, er wolle einen Neuanfang machen. Mit den jüngeren Spielern, die sich in den USA so ruhig und fair verhalten haben. Und der Einzige, der zu der Aussprache nicht eingeladen wurde, war ich.

Andere haben sich bei der WM 1994 lautstark bemerkbar gemacht.

Man muss das so sehen: Wenn jemand den Mund aufmacht und lautstark was fordert, müssen Taten folgen. Wenn nur heiße Luft kommt, prügelt alles auf einen ein. So ein Typ war ich aber nie. Heute würde ich zur Pressekonferenz gehen und lautstark meinen Einsatz fordern. Ich habe damals immer einen gewissen Ehrenkodex gewahrt.

Der wäre?

Wenn man etwas fordert, ist das immer automatisch Kritik am Trainer, aber auch an deinen Mannschaftskollegen. Ich wollte keinem vor den Kopf stoßen und sagen: „Ich bin besser als Möller oder Häßler“. Das waren alles Weltklasseleute. Jeder von denen konnte ein Spiel mit einer Aktion entscheiden. Auf seine Art. Ich hätte auf meine Art gespielt.

Das damalige Überangebot an sehr guten Mittelfeldspielern hat es Ihnen auch nicht leicht gemacht.

Sie müssen sehen, dass wir damals mit einer klassischen „Zehn“ gespielt haben. Das bedeutet ein Spielmacher und dahinter zwei defensive Leute, die ihn absichern. Die defensiven Plätze waren schon an Effenberg, Matthäus oder Buchwald vergeben. Und für die offensive Position hatten wir mit Möller, Häßler, aber auch Effenberg und Matthäus eine Menge guter Leute.

Wünschen Sie sich nicht manchmal, heute im Nationaldress aufzulaufen? Der Ruf nach so genannten Straßenfußballern ist größer denn je.

Wer weiß, wie ich mich entwickelt hätte, wenn ich 20 Jahre später geboren worden wäre. Ich habe nach der Schule den Ranzen in die Ecke geschmissen und bin raus zum Kicken. Ich bin fußballerisch auf der Straße groß geworden. Wo gibt es das bei uns denn heute noch?

Hätten Sie Mehmet Scholl mitgenommen?

Unbedingt. Schon allein wegen der Stimmung in der Mannschaft. Er ist ein sehr erfahrener Spieler, hat viele internationale Partien gemacht.

Stattdessen fährt jetzt der unerfahrene Odonkor mit.

Oder der Robert Huth. Nur weil er bei Chelsea ist. Ich habe nichts gegen den Jungen. Ich kenne ihn gar nicht. Aber in der Nationalmannschaft müssen die 23 Besten spielen. Wenn es nach Leistung geht, dürften 50 Prozent gar nicht dabei sein.

Sie sehen also schwarz?

Nein, nein. Keinesfalls. Ich traue der Mannschaft trotzdem zu, den Titel zu holen. Es kommen ja viele Faktoren hinzu. Die WM im eigenen Land, die Euphorie.

Ihre Eltern kommen aus Italien, für wen sind Sie, wenn eine Partie Deutschland vs. Italien lautet?

Für den Besseren. Dann soll die Mannschaft weiterkommen, die es an diesem Tag verdient hat.

Das Gespräch führte

Ozan Sakar.

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