Zeitung Heute : „Ich hasse Nachbarn, ich bin gern laut“

Robbie Williams trägt seine Klamotten, Madonna hat ihm einen Kuss geschenkt. Michael Michalsky erklärt, wer extrem peinlich aussieht – und was cool wird.

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Michael Michalsky, 39, studierte am Londoner College of Fashion und begann seine Arbeit bei Levi’s als Designmanager. Mit 28 wechselte er zu Adidas, wo er als „Global Creative Director“ zum Chefdesigner aufstieg. Am 25. Januar zeigt Michalsky in Berlins Rotem Rathaus seine erste eigene Kollektion.

Interview: Andreas Austilat und Ulf Lippitz Foto: Mike Wolff Herr Michalsky, die „FAZ“ meint, nach der Generation Lagerfeld, Joop und Strehle seien Sie der wichtigste deutsche Modedesigner. Dabei kennt man Ihren Namen nur in Fachkreisen. Wurmt Sie das?

Wer legt so etwas schon fest. Was ich sehe, ist ein Riesenpotenzial in Deutschland. Weil es hier keine Designkultur gibt im Moment, keine richtige Designgarde, außer dem Joop, der da in Potsdam als Letzter die Flagge hochhält.

Sie selbst halten die Flagge im vornehmen Dahlem hoch. Sehr beeidruckend ist Ihre Villa dort, sogar mit einer eigenen Schwimmhalle.

Sie müssten das alles erst mal von drinnen sehen. Aber woher wissen Sie überhaupt, welche Villa meine ist, die Hausnummer kennt doch keiner?

Ihr Name steht riesengroß auf einem goldenen Schild. Und dann war da noch ein Porsche in der Einfahrt, mit den Initialen „MM“. Initialen als Autokennzeichen, ist so etwas guter Stil?

Das Schild muss unbedingt weg, wenn da schon Leute kommen und das Haus angucken. Und das mit dem Auto hat mir eine Mitarbeiterin eingebrockt, die hat den Wagen umgemeldet. Vorher, bei Adidas, hatte ich Nürnberg -XY, das fand ich cool. Initialen sind natürlich superpeinlich.

Sie tragen Jeans mit Löchern drin. Sind die peinlich?

Nein, nicht, wenn’s teure Jeans sind.

Teuer muss sein, selber reinschneiden geht nicht?

Jeans mit Löchern sind auch cool, wenn sie echt abgenutzt sind. Die Kunst besteht darin, eine Hose zu finden, wo Sie denken, die Löcher sind echt.

Wie lange haben Sie heute Morgen gebraucht, um sich anzuziehen?

Drei Minuten.

Flott. Und das bei 60 Jeans im Schrank.

Weiß ich nicht, es können auch 50 sein oder 70. Trotzdem brauche ich nicht lange. Dann ziehe ich noch ein T-Shirt an, heute habe ich ein weißes, weil ich einen grauen Pulli trage, sonst wäre es schwarz. Und dazu einen Gürtel. Den hier hat Yohji Yamamoto extra für mich als Geschenk gemacht.

Der Modemacher, mit dem Sie bei Adidas gearbeitet haben, als Sie dort Chefdesigner waren. Machen Sie Ihre morgendliche Auswahl vom Wetterbericht abhängig oder von den Leuten, die Sie treffen werden?

Ich gucke schon mal aus dem Fenster, wie der Himmel draußen so aussieht, aber wen soll ich denn morgens treffen?

Die Herren von der Bank, wichtige Kunden?

Na und? Ich sehe immer aus, wie ich aussehe. Ich habe auch kein einziges Hemd, weil ich Hemden unbequem finde. Ich ziehe eigentlich immer nur Jeans und T-Shirt an – und im Winter einen Pulli drüber. Beim T-Shirt bin ich allerdings eigen …

Wie muss denn ein gutes T-Shirt sein?

Baumwolle ist wichtig, vor allem kommt es da auf das Gewicht an. Ich würde sagen, ideal ist zwischen 160 und 180 Gramm. Mercerized Cotton mag ich aber nicht, das ist dieses flauschige Zeug. Ich finde es eher schön, wenn es so ein bisschen brettig ist. Dann muss man auf die Rippe achten, ob da Lycra mit drin ist, ich hasse Lycra, wie groß der Kragen ist, was für Nähte das sind, ob zum Beispiel im Neck, also hinten, noch ein Tape ist, und dass die Naht versäubert ist.

Und wie viel kostet ein gutes T-Shirt?

Zwischen fünf und 15 Euro.

Sie waren zehn Jahre bei Adidas und haben die Marke von ihrem staubigen Image befreit. Missy Elliott und Robbie Williams trugen Ihre Sachen. Jetzt wollen Sie eine Marke mit Ihrem eigenen Namen.

Adidas, das war ja auch Auftragsarbeit, da habe ich versucht, mich in ein Raster reinzudenken. Jetzt kommt das, was ich bin. Und ich bin eher extrovertiert, da soll auch mal mein Name draufstehen.

Michalsky – so heißt diese neue, exklusive Modelinie. Und dann entwickeln Sie später noch eine zweite Linie für den Massenmarkt, die bei Tchibo vertrieben wird. Was werden die Sachen kosten?

Na, ein Michalsky-Mantel kann gut 1500 Euro kosten, ein Kaschmirpullover etwa 400 Euro. Bei Tchibo gibt’s dann zum Beispiel einen Doppelpack Polo-Shirts für 19 oder Tanktops für 15 Euro.

Gibt es drei goldene Regeln für gutes Styling?

Das ist schwer, es kommt erst einmal auf das Individuum an. Jeder sieht nur geil aus, wenn er wirklich das anzieht, was zu ihm passt. Wenn Sie sich irgendeine Schwachsinnsshow angucken, so vorher – nachher, dann waren die Leute vielleicht vorher furchtbar angezogen, aber nachher sehen sie trotzdem scheiße aus, weil sie nicht mehr sie selbst sind, sondern irgendeine Maske.

Nummer zwei?

Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand von Kopf bis Fuß in einer Marke angezogen ist. Das ist für mich das Peinlichste vom Peinlichen.

Und die dritte Regel?

Ich finde, die am interessantesten angezogenen Leute sind die, die offensichtliche Stilbrüche begehen: Wenn jemand teure, handgemachte Schuhe anhat und dazu eine abgeranzte Jeans, vielleicht noch ein billiges T-Shirt oder Tanktop und eine neue tolle Jacke. Alt und neu, billig und teuer, elegant und abgewetzt!

Eine gute Mischung hält die Balance zwischen den Extremen peinlich und langweilig?

Wir könnten jetzt eine philosophische Diskussion darüber führen, ob langweilig nicht sinnlich und cool ist. Weil heute jeder versucht, ausgeflippt und wild auszusehen. Dieses ganze Gepierce, dieses krampfhafte Anderssein, das hat sich so überholt, eigentlich ist doch the new extreme the old normal.

Thomas Gottschalk mit seinen bunten Anzügen, was verkörpert der: new extreme oder old normal?

Er wird toll gefunden, weil er locker ist, so ein bisschen Rock ’n’ Roll, aber nicht too much.

Verstehen Sie seinen Stil?

Ehrlich gesagt, nein. Doch jemand wie Thomas Gottschalk ist für mich nicht wirklich relevant.

Gibt es irgendeine Stilikone, die Sie bewundern oder bewundert haben?

Ja, Madonna. Ich bin der größte Madonna-Fan überhaupt. Da drüben hängt sogar ein Autogramm von ihr, mit Kuss und allem. Schließlich hat sie jahrelang meine Trainingsanzüge durch die Gegend geschleppt.

Was haben Sie von Madonna gelernt?

Die kann viele Sachen nur halb gut, aber die Summe der halb guten Sachen ist immer noch größer als die Summe bei manchen Leuten, die eine Sache richtig gut können. Und wie sie es schafft, relativ früh Trends aufzuschnappen, die sie ja nicht selbst erfindet. Es gibt meist 20, 30 Dinge, die gleichzeitig passieren – wie sie in ihrem Unterbewusstsein ahnt, dass eine Sache, wenn sie die einer breiten Masse zugänglich macht, vielen Leuten gefallen könnte, das ist schon gut.

Madonna hat in den 80ern angefangen, als Sie groß wurden. Hat sie Sie da auch schon beeindruckt?

Damals habe ich einen Artikel gelesen, da hat sie gesagt, ich will so groß werden wie Micky Maus, und die ganze Welt soll mich kennen. Ich dachte, was ist denn das für eine Alte?! Rennt in Fischnetzstockings rum, keine Sau kennt die, richtig cool ist sie auch nicht, in diesem nachgemachten London-Look, mit den Käppchen und Kreuzen, und dann sagt die: Ich werde der größte Star überhaupt. Aber nach und nach ist alles eingetreten.

Sie sind in den 80er Jahren bei Bad Oldesloe groß geworden, auf dem Dorf. Das klingt nach einer Idylle.

Für mich nicht. Weil ich, so lange ich mich kenne, gemacht habe, worauf ich Bock habe, und immer ein bisschen aussah wie ein Freak. Das kam bei der Landbevölkerung nicht so gut an.

Wie sahen Sie damals aus?

Wild. Nicht so, wie man damals auf dem Dorf aussah. Ich habe mich immer an Videos orientiert und sah dann so aus, wie die Band, die ich zu dem Zeitpunkt gut fand, wie Boy George oder A Flock of Seagulls. Dann hatte ich wieder eine dunkle Phase, dann fand ich Punk super, alle drei Monate eben was anderes.

Haben Sie Dresche bezogen?

Erst ja, später nicht mehr …

… weil Sie inzwischen 1,95 groß waren.

Nein. Weil ich relativ schnell herausgefunden habe, dass Worte verletzender sein können als Schläge und jeder seinen Soft Spot hat, seinen wunden Punkt. Da bin ich dann drauf rumgeritten, bis die Leute mich in Ruhe gelassen haben.

Ihr Alterskollege Florian Illies hat die Provinz idyllisch erlebt und eine wehmütige Erinnerung daraus gemacht.

Würde ich nie tun! Ich habe früh den Entschluss gefasst: Sobald ich wegziehen kann, tue ich es. Und was gestern war, interessiert mich überhaupt nicht. Das können Sie dort an meinem Kalender sehen, ich schneide jeden Monat ab, der vorbei ist.

Das ist ja ulkig für jemanden, der bei Adidas mit dem Retro-Look so ungeheuer erfolgreich war.

Das war doch nur eine Facette. Außerdem ging es nicht darum, dass etwas aussieht wie 1956. Die Leute haben das gekauft, weil es anders aussah als das, was es parallel dazu gab. Die Kids wissen ja nicht, das ist aus diesem oder jenem Jahr. Für mich selbst waren die 80er Jahre wichtig, weil sie mich geprägt haben, aber ich sage nicht: Früher war alles besser. Ich habe noch mitgekriegt, wie es gerade mal drei Kanäle gab, und dann kam Kabelfernsehen und vor allem MTV. Für einen Teenager war das ein ungeheurer Einschnitt.

Was genau bedeutete MTV für Sie?

Das Fenster zur Welt. Egal, ob jemand in Wunsiedel, Bad Oldesloe oder sonst wo lebte, die Jugendlichen auf der ganzen Welt wurden davon gleich beeinflusst. Wenn du ein Popper warst, musstest du dich so und so kleiden, wenn du ein Punk warst, das und das anziehen. Da sind die Firmen drauf eingestiegen – und der Zug ist losgefahren.

Und dadurch wurden die Jugendlichen mehr denn je unter Druck gesetzt.

Ich will das nicht schönreden, aber das ist ja nicht von irgendeinem bösen Mann oktroyiert worden. Da macht doch jeder fleißig und gern mit, weil sich auch die Gesellschaft gewandelt hat. Als ich zur Schule ging, gab es da einen Typen in der Klasse, bei dem die Eltern geschieden waren, heute gibt es einen ganzen Sack voll unterschiedlicher Lebensmodelle. Single, Familie, Patchwork.

Was hat das mit MTV zu tun?

Marken sind Ersatzfamilien geworden, weil viele Jugendliche sich über ihre Clique definieren, über Tribes, Stämme, weil sie ihre Zugehörigkeit abgrenzen wollen. Genauso wie es Totem bei den Indianern gibt, haben wir heute Marken.

War das bei Ihnen auch so?

Ich komme aus einer sehr lieben, heilen Familie. Aber ich erinnere mich noch, als ich einen Walkman haben wollte und keinen von Sony bekommen habe. Stattdessen gab es so einen ganz fiesen. Mein Vater hat mir jahrelang erklärt, der wäre qualitativ besser. Das war mir total egal, ich wollte Sony.

Sie kamen vom London College of Fashion und haben sich 1992 bei Levi’s gleich als Designmanager beworben. Was qualifizierte Sie für den Job?

Ich sah eine Stellenanzeige in „The Face“, dem Trend-, Lifestyle-, whatever-Magazin damals. Bis auf den Fakt, dass ich keine Berufserfahrung hatte, war die wie für mich gemacht: Die suchten jemand, der sich in Jugendkultur auskennt, Ahnung von American Lifestyle hat, der sich für Musik interessiert, für Mode, aber jetzt nicht so Haute-Couture-Gedöns mit Schleier und so. Ich habe denen einen Brief geschrieben, warum ich diesen Job kriegen müsste, woran ich glaube im Leben und warum das zu Levi’s passt.

Woran haben Sie und Levi’s denn damals geglaubt?

An Freedom of Speech. Levi’s war ja damals ein ganz moderner Employer, die hatten Ethical Codes, die man unterschreiben musste, da ging es um Equal Opportunities, dass also keiner wegen Rasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung benachteiligt wird, so ein bisschen peacig, San-Francisco-Style eben. Und ich bin ein ganz starker Verfechter von Individualität, ich hasse jede Form von Intoleranz. Sorry, ich will jetzt kein politisches Interview geben.

Sie waren vorher Picker in einem Londoner Nachtclub, das heißt, Sie haben entschieden, wer reinkommt und wer nicht.

Die Clubszene war auch wichtig für mich, für meine persönliche Entwicklung. Das ist heute noch meine wichtigste Inspiration. Club-Kultur ist genauso wichtig wie andere Kulturen auch.

Dabei wohnen Sie in Dahlem, das ist nicht gerade eine Szenegegend.

Das wird das Notting Hill von Berlin.

Bitte? Nicht Prenzlauer Berg?

Das ist nicht so meine Area, ich bin ja nicht in der Werbebranche.

Sie haben dort nicht mal Nachbarn, alles Universitätsgelände ringsherum.

Super, deswegen bin ich ja da hingezogen, ich hasse Nachbarn. Ich bin gerne mal laut.

Sie sind nach Berlin gekommen, um mit Ihrer neuen Marke den Kunden des 21. Jahrhunderts anzupeilen, wie man lesen konnte.

Ich peile niemanden an, ich reagiere darauf, wie sich die Leute wirklich anziehen.

Was verändert sich denn jetzt im 21. Jahrhundert?

Ich glaube, dass die Leute keinen Bock mehr haben auf diese ganze Schnelllebigkeit, dass alle zwei Wochen was Neues kommt. Früher war es doch das Schickste, wenn man in den Flieger gestiegen ist, irgendwo nach London, Paris oder sonst wohin gedüst ist, weil es exklusiv, speziell, whatever ist. Heute ist es viel cooler, man fährt ins Umland und entdeckt einen Gasthof, den es schon seit 100 Jahren gibt.

Was bedeutet das für die Mode?

Es wird Fast Food Fashion geben, so wie ich mir einen Hamburger reinziehe, und Real Fashion, keine Wegwerfmode eben. Wenn ich für einen Mantel 1000 Euro ausgebe, dann muss der gute Qualität haben und ein bisschen zeitlos sein, dann will ich den auch in vier Jahren noch tragen. Wenn ich eine hochpreisige Jeans mache, dann nicht, weil ich auf dem Elitetrip bin oder weil mich das befriedigt, sondern weil ich das manuell genäht, authentisch aussehen lassen möchte. Und weil das Grundmaterial hochwertig ist. Kaschmir hat seinen Preis, den kann ich ja nicht ändern.

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