Zeitung Heute : „Ich kann löschen“

Hat sie mal einem Kritiker ein Glas ins Gesicht geschüttet? Ja. Und an wen hat sie während ihrer letzten Sendungen gedacht? Sabine Christiansen über Auf und Abs – und über 250 Mal „Christiansen“. Interview: Christoph Amend und Stephan Lebert; Foto: Jim Rakete

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Seit über fünf Jahren moderiert die Journalistin Sabine Christiansen, 45, sonntags in der ARD die erfolgreichste PolitikTalkshow des Landes. Zuvor war die Unicef-Botschafterin Anchor-Woman der Tagesthemen.

Frau Christiansen, Sie haben einmal für Ihre Beharrlichkeit ein schönes Bild gefunden. In Ihnen wohne ein kleiner Elefant, der, wenn es ernst wird, immer weiterläuft. Wie geht es ihm gerade?

Gut. Er liegt ganz in Ruhe da, schaut über die Landschaft, ja doch, ihm geht es wirklich gut.

Als Sie die „Tagesthemen“ moderierten, haben sie den USFernseh-Journalisten Dan Rather als Vorbild genannt…

…seine Art, komplizierte Zusammenhänge in klaren, einfachen Sätzen zu erklären, hat mich fasziniert. Das gilt auch für andere Anchormen wie Tom Brokaw.

Dan Rathers beste Freundin sagt über ihn: „Eigentlich ist er ein sexy Typ, ein Romantiker, aber für den Bildschirm hat er eine Art künstlichen Dan geschaffen.“ Haben Sie auch mal beschlossen, wer die öffentliche Sabine Christiansen ist?

Nein. Ich habe sogar während meines Volontariats eine Sprechausbildung schnell wieder beendet. Ich hatte das Gefühl, meine eigene Sprache werde verkünstelt. Und das ist meines Erachtens nach etwas für Schauspieler, aber nichts für eine Journalistin. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen der Person, die in der Öffentlichkeit steht, und der im Privaten. Das berufsmäßige Gesicht ist wohl bei niemandem hundertprozentig identisch mit dem privaten – das gilt sicher genauso für Bankangestellte oder Professoren.

Und das andere Gesicht?

Die lustigen Seiten, die wirklich privaten, kennen nur Freunde und einige Kollegen.

Gerade bei Ihnen scheint es da einen großen Unterschied zu geben. Viele, die Sie lange kennen, beschreiben eine viel temperamentvollere, lustigere Frau, als die, die wir jeden Sonntag im Fernsehen erleben.

Dieses Image kommt wahrscheinlich von den „Tagesthemen“. Aber das ist natürlich Quatsch! Ein Leitartikler fängt ja auch nicht jeden Beitrag mit einem Scherzchen an. Und ich moderiere nun mal keine Comedy- Sendung. Aber ein Schmunzler darf schon mal sein, wenn Michael Glos von der CSU plötzlich auf Bayrisch in der letzten Sendung sagt: „Dann stoibert man halt rein“, oder „stolpert“, wie man es nimmt.

„Sabine Christiansen“ hat sich längst zu einer Marke entwickelt. Wie ist das eigentlich, wenn man seinen eigenen Namen nennt und eine Sendung damit meint?

Das hat vor Jahren mit einer Dokumentarreihe begonnen, die, nach dem Vorbild von Gerd Ruge, „Bericht: Sabine Christiansen“ hieß, das fand ich noch sehr merkwürdig. Ich habe mich zwar mittlerweile mehr daran gewöhnt, aber manchmal stolpere ich noch immer, wenn ich in einer Zeitung lesen, wie „Hans Eichel bei Christiansen sagte“.

Was macht die Marke Christiansen aus?

Also, sich selbst als Marke zu betrachten, ist sehr sehr seltsam. Es gibt Menschen, die fühlen sich wohl dabei, für mich wird es ein Fremdkörper bleiben. Trotzdem weiß ich, dass es heute gar nicht anders geht.

Ihr Name ist mittlerweile ein großes Kapital. Sie könnten, nach dem Vorbild der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey, die Marke ausbauen, eine eigene Zeitschrift herausgeben, Spezial-Sendungen produzieren…

Oder es lassen, denn eine Marke ist auch mit Umsicht zu behandeln. Wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, aber ich bin da lieber vorsichtig. Vielleicht ist der Bedarf in der momentanen Zeit auch nicht so groß.

Heute wird „Sabine Christiansen“ zum 250. Mal gesendet. Wie hat sich Ihr Blick auf die Sendung verändert?

Das erste halbe Jahr standen wir mächtig in der Kritik. Für mich war das ein Déjà-vu-Erlebnis, es war, als wiederholte sich meine Anfangszeit bei den „Tagesthemen“…

…einer der netteren Sätze lautete damals „Die Sendung mit der Maus“…

…aber dieses Mal hatte ich mich darauf eingestellt, da war der Elefant in mir gefragt. Sie dürfen nicht vergessen, wie die Lage in Deutschland Anfang 1998 war, Stichwort: Mehltau, die Regierung Kohl 16 Jahre bereits an der Macht. Man konnte selbst Herrn Blüm zur Rentendiskussion nichts Neues mehr entlocken. Also haben wir – wie die Zeitungen und Magazine auch – viele buntere Themen und Debatten erlebt. Dann aber, eine halbes Jahr vor der Bundestagswahl kam politisch Fahrt auf. Da begann es für uns journalistisch spannend zu werden.

Und heute? Ist die Stimmung im Land anders als vor fünf Jahren?

Der Reformstau zeigt zwar Beharrlichkeit, aber wir sind doch vorangekommen. Mittlerweile haben viele verstanden, dass sich das Land ändern muss. Die Stimmung auch! Der öffentlichen Debatte ist das deutlich anzumerken. Weniger Konfrontation, sondern angesichts des Ernstes der Lage ein Wissen um Zusammenarbeit, damit Probleme gelöst werden.

Wenn man die vielen harten Kritiken nachliest, die über Sie in den vergangenen Jahren erschienen sind, fragt man sich: Wie stecken Sie das weg?

Fragt man sich das wirklich, ja?

Allerdings. Da ist einerseits der Erfolg beim Publikum und andererseits die Dauerschelte der Kritiker.

Es gibt ja auch immer mal wieder fundierte Kritik an der einen oder anderen Sendung, aber oft dachte ich, was soll dieses unglaubliche Efeu-Gewächs von Polemik darum herum? Was will der denn damit erreichen? Also sortiert man aus, legt die Boshaftigkeiten beiseite, die mit der Sache nichts zu tun haben. Und trotzdem treffen sie einen, das würde doch jedem so gehen, oder? Als ich anfing bei den „Tagesthemen“, war ich gerade mal 30 Jahre alt, und mir blies ein mächtig eisiger Wind entgegen.

Von außen und von innen: Die Redaktion der „Tagesthemen“ hat Sie lange nicht wirklich akzeptiert.

Bis dahin hatte ich über die Hamburger Landespolitik berichtet, über Wirtschaftsfragen, und nie hat jemand die Frage gestellt: Kann die das? Und dann steht man plötzlich bundesweit da, muss selber sein erstes Interview geben, und alles ist furchtbar ungewohnt. Man fragt sich: Warum machst du diese Aufgabe jetzt? Und man sagt sich: Du wolltest es so, wenn’s dir nicht gefällt, hörst du eben wieder auf damit.

Trotzdem treffen einen die Pfeile.

Damals schmerzte manches. Trotzdem habe ich in dieser Zeit herausgefunden, wie belastbar ich bin, was mir wirklich etwas ausmacht. Also sich fünf Schubladen anzulegen und zu fragen, wo packe ich was rein. Sonst wirbelt es einem ständig alles im Kopf durcheinander. Heute empfinden die Redaktion und ich es manchmal vielleicht als ungerecht, für eine Sendung gescholten zu werden, die wir selber anders gesehen haben. Aber zum Glück gibt es in anderen Wochen ja wieder Lob.

Bei aller Heftigkeit der Angriffe haben Sie nie zurückgeschlagen.

Ich bin kein Mensch für Rache oder Triumphgefühle. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht über manches freuen kann oder mir nie sage, wenn ich den mal treffe…

Sie haben nie jemandem mal ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet?

Doch, aber ich sage Ihnen nicht wem und wo. Nur so viel: Es war kein Wasser im Glas. Sie kennen doch solche Abende, meistens ist es um den Rotwein zu schade, aber manchmal…

Würde sich die 17-jährige Sabine Christiansen mit der von heute verstehen?

Wir hätten Differenzen, was die Frisur von damals angeht, aber sonst? Nein, ich glaube, wir würden gut miteinander auskommen.

Vor einigen Jahren haben Sie einer „Stern“-Autorin gesagt: „Manchmal macht mir die Harmonie in meinem Leben Angst, denn ich weiß nicht, was aus mir würde, wenn sie mal vorbei wäre.“ Ihr Leben ist nicht so harmonisch geblieben.

Man soll nicht alles glauben, was ich mal angeblich gesagt haben soll. Das und so gewiss nicht. Die Worte Zufriedenheit und Harmonie sind mir eher suspekt, die strahlen so etwas Endgültiges aus, eine Art trügerische Ruhe, die ich gar nicht mag.

Welche Träume hatte die 17-jährige Sabine?

Ich liebe meine Heimat Schleswig-Holstein, aber ich war mir immer sicher, dass ich dort nicht bleiben wollte. Ich war als Schülerin oft in Frankreich, in der Schule habe ich auch Russisch gelernt, wollte immer gern für eine Zeit im Ausland leben…

Russisch? Wirklich?

Naja, das war schon furchtbar schwer, vier Jahre lang, aber ich dachte mir, was man hat, hat man. Also: Ich wollte die Welt kennen lernen, und Sprachen zu lernen, ist mir immer leicht gefallen. Und ich habe mich an einigen Musikinstrumenten versucht, wobei da nicht viel übrig geblieben ist. „Für Elise“ kriege ich auf dem Klavier noch hin, aber mehr auch nicht.

Und wie hätte die junge Sabine reagiert, wenn man ihr erzählt hätte: Wenn du dich im Juni 2003 neu verliebst, ist das die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung.

Ich hätte heftig den Kopf geschüttelt und den oder die Erzähler wahrscheinlich gefragt, ob sie das für besonders erstrebenswert halten. Es gab damals wahrscheinlich einige Mädchen, die Schauspielerinnen oder einfach nur berühmt werden wollten. Zu denen hätte die Schlagzeilen-Karriere sicher besser gepasst – aber erstens kommt es anders und zweitens…

Nach der Schule haben Sie sieben Jahre lang bei Lufthansa als Stewardess gearbeitet. Was lernt man in dem Job?

Sich in einer Welt auszukennen, die in den 70er Jahren, als ich bei Lufthansa war, noch keinen großartigen Massentourismus zu fernen Zielen kannte. Man lernt Sprachen und fremde Kulturen kennen, Menschen schnell einzuschätzen, wie offen ist jemand, wie ehrlich, wie gehen die oben mit denen unten um…

…damals gab es noch eine Bar für die First-Class, die im Flugzeug eine Etage höher war.

Man trifft die vermeintlich Mächtigen und erlebt sie manchmal ganz schwach, wenn sie plötzlich Flugangst haben oder sonst irgendein Problem: Eben war er noch furchtbar arrogant, jetzt sitzt er vor einem und zittert. Man bekommt in dem Beruf sehr schnell ein entspannteres Verhältnis zur Macht, zu Höhenflügen und Landungen, Auf und Abs.

Und wer hat Sie positiv überrascht?

Gunter Sachs und seine Frau waren zum Beispiel ein ganz reizendes Ehepaar.

Während einer Ihrer Flüge starb auch mal jemand in der Bordtoilette.

Ja, so was erlebt man – es war ein Herzinfarkt. In wirklich bewegender Erinnerung aber habe ich die Zeit des RAF-Terrorismus…

…die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch Terroristen…

…Lufthansa war damals ein weitaus kleineres Unternehmen, mit einigen hundert Mitarbeitern oder so im Crewbereich, da kannte man viele Kollegen – auch aus der Crew der „Landshut“. Wir hatten dann die schwierige Zeit des Streits um die Startbahn West in Frankfurt. Und viele Tarifauseinandersetzungen, bei der ich auf der Seite der Gewerkschaft in Kommissionen saß. Vielleicht habe ich damals gelernt, auch mal harte Blicke auszuhalten, die mir später wieder begegnet sind.

Nach der Lufthansa wurden Sie Lokalreporterin beim Norddeutschen Rundfunk – von der großen weiten Welt zurück in die Heide.

Bei meinem Einstellungsgespräch fragte mich einer aus der Runde der Intendanten und Programmdirektoren, wo ich denn gerade herkäme. Aus Rio, antwortete ich. Und wie, fragte er, wollen Sie dann aus Husum berichten? Ich antwortete: Mit einem Aufnahmegerät, und außerdem kenne ich wenigstens den Weg dorthin. Mir fiel der Abschied vom Fliegen wirklich leicht, die Zeit war vorbei.

Sie können gut Abschied nehmen?

Ja. Weil ich meistens das Gefühl habe, man sieht sich ja wieder, und ich freue mich auf unser Wiedersehen. Wenn ich aber etwas für mich beende, dann mache ich das total.

Sie löschen.

Ich kann löschen, ja. Ich drücke die Löschtaste.

Ernest Hemingway beschreibt in seiner Geschichte „Schnee auf dem Kilimandscharo“ einen Schriftsteller, der gefeiert wird von den Reichen und Mächtigen, mit ihnen in Urlaub fährt und am Ende merkt: Ich bin nicht mehr derselbe. Auch Sie leben nahe an der Macht.

Ich habe da für mich wenig Sorge. Man muss nur wissen, auf welcher Seite man steht. Es bestünde eine Gefahr, wenn ich damit liebäugeln würde, zu diesen Kreisen dazuzugehören. Das tue ich nicht. Mir ist das schon bewusst: Ich kann Euch zuschauen, ich darf bei Euch dabei sein, aber ich bin keine von Euch. Auf der einen Seite die Mächtigen, auf der anderen bin ich. Man muss wissen, wo man hingehört.

Jürgen Möllemann gehörte lange Zeit zum Kreis der Mächtigen. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er bei Ihnen.

Die Nachricht von seinem Tod war ein Schock. Ich habe, trotz zahlreicher Anfragen, nichts zu dem Thema gesagt, weil man nach seinem Tod beide Ursachen hineininterpretieren konnte. Nach der Sendung haben wir noch gesprochen, und er sagte: „Ich werde nächste Woche springen“. Da habe ich gesagt, wie, springen? Und er antwortete: „Na, mein Arzt hat gesagt, ich darf wieder springen! Ist das nicht toll?“ Und ins Gästebuch schrieb er: „Wieder da!“ Damit hatte er die Spannung wieder aufgelöst. Deswegen wäre es vermessen von mir, im Einzelnen etwas zu unserem Gespräch zu sagen.

Und der Fall Friedman? Haben Sie überlegt, eine Sendung zu dem Thema zu machen?

Ich kenne Michel Friedman schon viele Jahre, und insofern fand ich es richtiger, ein privates Signal zu senden als öffentlich über ihn zu reden.

Sie sind auch einmal in die Schlagzeilen geraten, nach der Trennung von Ihrem Mann. Sie haben eine Sendung moderiert, in der Sie nicht fit wirkten – und haben sich später dafür bei Ihren Zuschauern entschuldigt. War das ein Moment Ihrer Karriere, an dem Sie gefährdet waren?

Es gibt schon besonders heikle Momente im Leben, dieser gehörte dazu.

Sie sind ja jetzt wieder neu verliebt.

Auch das kann heikel sein.

Sie lachen!

Und jetzt schweigen Sie. Ihr neuer Lebensgefährte ist Aufsichtsratsvorsitzender des Bayer-Konzerns.

Als am vergangenen Wochenende Herr Voscherau in der Sendung plötzlich sagte: „Nehmen Sie doch nur mal die Pharmakonzerne“, war ich gespannt, was noch kommen würde…

Man sagt, Frau Christiansen, Sie seien im Laufe der Jahre misstrauischer geworden.

Nein, das nicht, vorsichtig vielleicht und wählerischer. Vielleicht mit immer mehr Öffentlichkeit auch in manchen Dingen zurückgezogener. Aber das ist keine Beschwerde, und ich werde ja auch nicht als Kumpel angesprochen wie Dieter Bohlen. Die Menschen sagen eher: Warum machen Sie nicht das oder jenes zum Thema in Ihrer Sendung?

Sie arbeiten auch als Unicef-Botschafterin. Interpretieren wir richtig, wenn wir vermuten, dass Ihre allgemeine Wut auf manche Zustände zugenommen hat?

Wütend, ja, ich glaube, das Wort trifft es schon. Bei meinem letzten Irak-Besuch musste ich erfahren, wie viele medizinische Geräte unter das Embargo fielen – Hilfe, die dringend geleistet werden musste. Die Ungeduld über politische Hürden oder bürokratische Hemmnisse nimmt zu.

Kommen wir zum Schluss noch einmal an die Oberfläche zurück. Nie überlegt, ob Sie Ihre Haare mal nicht mehr blond färben sollten?

Einmal, bei den „Tagesthemen“, habe ich sie braun gefärbt. Alle waren entsetzt! Also habe ich gesagt, okay, wenn es so sein soll, und bin wieder zu meiner alten Farbe zurück. Man kann ja auch aus Blond im Leben etwas machen.

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