Zeitung Heute : „Ich kann nicht sehen, dass darin ein Autoritätsverlust liegt“

Der stellvertretende Parteichef Wolfgang Thierse über Niederlagen und Chancen der SPD und über die Notwendigkeit, das Land zu verändern

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Herr Thierse, hat Sie die Entscheidung des Bundeskanzlers überrascht?

Ja, durchaus. Gerhard Schröder hat diese Entscheidung am Freitagmittag den stellvertretenden Parteivorsitzenden und Franz Müntefering mitgeteilt und die Gründe für diese Entscheidung dargelegt, die wir dann miteinander diskutiert haben.

Können Sie die Entscheidung nachvollziehen?

Ja. Sie erfolgt in der Absicht, durch eine klar erkennbare Arbeitsteilung die SPD, die sich in einer sehr schwierigen und krisenhaften Situation befindet, besser als bisher bei dem schmerzlichen, aber dennoch notwendigen Reformprozess mitzunehmen.

Ist die journalistische Interpretation, dass dies eine Niederlage für Gerhard Schröder sei, richtig?

Das ist der erwartbare journalistische Reflex. Es ist der Versuch, in einer für die SPD schwierigen Situation neu durchzustarten. Wir wollen den Reformkurs durchhalten und fortsetzen. Aber Sie sehen angesichts der Stimmung in der eigenen Partei, auch der Stimmung in Teilen der Bevölkerung, dass wir Partei und Bevölkerung besser als bisher mitnehmen, besser als bisher von der Notwendigkeit dieses Reformkurses überzeugen müssen. Ich kann nicht sehen, dass das eine Niederlage ist oder dass darin ein Autoritätsverlust liegt.

Kann Franz Müntefering der SPD diese Notwendigkeit besser vermitteln, als es Gerhard Schröder konnte?

Jedenfalls wird das von vielen in der eigenen Partei ja genau so gesehen, dass er die Veränderungen innerhalb der SPD und mit der SPD als Person besonders glaubwürdig darstellen und vermitteln kann, weil es eben genau die Veränderungen sind, die er selber auch durchgemacht hat.

Hilft ihm dabei auch, dass er innerhalb der Partei groß geworden ist?

Ich denke, das wird ihm helfen. Keiner in der SPD, der jetzt alles Mögliche kritisiert, wird Franz Müntefering vorwerfen können, dass er nicht aus der Mitte der Partei stammt und ein Gefühl für diese Partei hat.

Franz Müntefering verkörpert also den Lernprozess, den die SPD entweder schon durchgemacht hat oder noch durchmachen muss?

Das ist so. Er hat ja immer an seinem eigenen Beispiel gezeigt, welche politischen Veränderungen die SPD durchmachen muss, weil sich die Realität verändert hat. Das sehen Sie am Beispiel der Außen- und Sicherheitspolitik – Stichwort Bundeswehr auf dem Balkan – oder bei der notwendigen Reform unserer Sozialsysteme, er kann daran erinnern, welche Haltung dazu er vor ein paar Jahren hatte und welche Position er heute einnimmt.

Glauben Sie, dass die Entscheidung Ruhe in die SPD bringt?

Ich wünsche es mir sehr. Dass wir dieses Land um seiner Zukunft willen verändern müssen, dem kann sich doch keiner entziehen, auch wenn man im Einzelnen, in diesem oder jenem, einmal anderer Meinung ist.

Das Gespräch führte Gerd Appenzeller.

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