Zeitung Heute : „Ich kann so hoch singen wie ein Eunuche“

Frank Farian hat 800 Millionen Platten verkauft, Boney M. erfunden und Milli Vanilli. Für Otto Waalkes kocht er Klöße – und er hasst alle, die ihn für einen Torwart halten.

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Frank Farian, 65, ist der international erfolgreichste deutsche Plattenproduzent, seine Künstler wurden in den USA und in der Sowjetunion gefeiert. Farians Name steht aber auch für einen der großen Skandale der Musikgeschichte: Sänger, die nicht selbst sangen. Diese Woche startet in Berlin sein Musical „Daddy Cool“.

Interview: Andreas Austilat und Ulf Lippitz Foto: Thilo Rückeis Herr Farian, Sie sind schlicht gekleidet: Jeans, Polohemd, Lederjacke – kein Armani und kein Gucci. Und was tragen Sie da ums Handgelenk?

Das? Das ist ein ganz normaler Schnipsgummi, ich habe immer so einen Gummi um den Arm.

Understatement ist Ihnen ein echtes Bedürfnis.
Nein, das ist angeboren. Ich bin Jahrgang 1941, da gab es nichts zu essen. Meine Mutter war Trümmerfrau und wusste nie, wo das Geld herkommt. Es war immer alles knapp, bis zu meinem 35. Lebensjahr. Das prägt total.

Es heißt, Sie hätten 800 Millionen Platten verkauft.

Das kann hinkommen. Es sind so 100 bis 120 Millionen LPs, dann Singles, der Rest sind Compilations, auf denen auch andere Künstler drauf sind.

Sie zählen zu den zehn erfolgreichsten Produzenten weltweit.

Auch das könnte stimmen. Wir haben mit Boney M. zwei Titel unter den ersten 10 in der ewigen Bestsellerliste der BBC, die Beatles haben da einen, Abba gar keinen. Und in den USA waren wir mit Milli Vanilli, La Bouche und No Mercy fünfmal die Nummer eins.

Heute können Sie sich leisten, was Sie nur wollen.

Ich weiß noch, als ich meine ersten Millionen beisammen hatte. Ich war mit meinem Auto auf dem Weg nach München, da kam dieses riesige Unwetter mit dicken Eiskörnern. Der Wagen war völlig verbeult. Ich hätte mir einfach einen neuen kaufen können, habe ich mich aber nicht getraut. Ich hatte panische Angst, das Geld wieder zu verlieren und habe zwei Millionen als eiserne Reserve auf die Bank gebracht. Die wollten irgendetwas damit machen, mit Papieren. Ich habe gesagt, passt einfach nur auf, dass es nicht geklaut wird.

Ist das der Antrieb für Ihre Arbeit, nie mehr arm sein zu wollen?

Ja, und der hat mich auch nie verlassen. Luxus, den ich mir leiste, das ist ein Studio in Deutschland zu haben und eines in Miami, damit ich bequem arbeiten kann. Und für meine Künstler gebe ich Geld aus. Ich produziere sehr, sehr aufwendig.

Nächste Woche hat Ihr Boney-M.-Musical „Daddy Cool“ in Berlin Deutschlandpremiere. Singen Sie da wieder „Ra-Ra-Rasputin, Russia’s greatest Love-Machine“?

Ich selbst singe da überhaupt nicht, das heißt, einmal ist der Farian auch im Musical zu hören, als Sonnengott Karu, weil, der spricht sehr tief. Und außerdem heißt es im Song jetzt „Rasputin – London’s greatest Mixmachine“, wegen der Story. Rasputin ist der Wundermixer und Wunderproduzent, der von allen angehimmelt wird.

Wir haben gelesen, dass Sie mit Daddy Cool auch nach Moskau gehen.

Es gibt ernste Verhandlungen, nicht ausgeschlossen, dass wir auf dem Roten Platz auftreten, wo wir 1978 unser erstes Video gedreht haben.

Damals mussten Sie sich schriftlich verpflichten, „Rasputin“ nicht zu singen.

Stimmt. Aber das hat dann das Publikum für uns getan. Und wir waren die erste westliche Popgruppe hinter dem Eisernen Vorhang. Selbst das amerikanische Magazin „Time“ rief an und hat uns eine ganze Seite gewidmet. Das Wichtigste waren für uns nicht die Rubel, sondern der Promotiongag. Das war einfach glorreich. Weder die Beatles noch die Stones noch irgendjemand sonst war in Moskau. Wir waren weltweit in den Topnachrichten.

Was haben Sie denn mit den Rubel gemacht, die es für das Konzert gab?

Antiquitäten gekauft. Zwei Bilder habe ich heute noch, da sind so Vögel drauf. Wenn ich die sehe, denke ich aha, meine Moskau-Bilder. Aber nicht, dass Sie denken, bei mir zu Hause hängt alles voll Kunst. Die schönen Bilder von den großen Malern, die mir gefallen, Chagall zum Beispiel oder Klimt – die lasse ich mir alle neu malen und hänge sie mir ins Wohnzimmer. Dann habe ich kein Problem, wenn bei mir mal eingebrochen wird.

Kann es sein, dass Ihnen geschäftlicher Erfolg wichtiger ist als der künstlerische?

Auf keinen Fall. Aber künstlerische Anerkennung habe ich ja jetzt auch gehabt, selbst wenn viele über den Farian lästern, über seine Plastikprodukte. In Amerika sagen sie, Farian ist ein Genie. Und in England gab’s bei der Premiere von „Daddy Cool“ Standing Ovations.

Das allein ist doch noch kein Kriterium für künstlerische Anerkennung.

Das war mir wichtig. Im Übrigen habe ich immer nur die Musik gemacht, die ich wollte. Auch als Rock-’n’-Roll-Sänger 1961, mit silbernem Anzug. Da hießen wir „Franky Farian und die Schatten“. Ich habe Buddy Holly und Gene Vincent nachgemacht. Irgendwann lief das nicht mehr gut, 1967 war ich pleite und Monti Lüftner, der Chef von Ariola, hat gesagt, deinen Ami-Kram hier kannst du jetzt einfach mal sein lassen. Du kriegst einen Vertrag, aber du musst in Zukunft deutsch singen.

Sie hätten nicht singen müssen. Sie haben einen Beruf gelernt, hätten auch als Koch arbeiten können.

Von 87 Köchen in Saarbrücken war ich bei der Prüfung unter den Top drei.

Und ein Koch hungert nie.

Genau. Das war ja auch der Grund, warum ich das gelernt habe. Weil ich immer Hunger hatte. Heute noch werfe ich kein Brot weg, wenn da nur ein bisschen Schimmel dran ist. Dann kam dieser Tag, 1960, beim General Patton-Day in Luxemburg, das ist der Gedenktag zur Befreiung von den Nazis. Dort tönte aus einem Zelt Rock ’n’ Roll. Ich bin ausgerastet vor Begeisterung. Und ich wusste, das ist es, was du machen musst.

Kochen Sie noch?

Ja, wenn ich in Miami bin, koche ich sehr gerne. Ab und zu kommt auch mal Otto Waalkes vorbei, der lebt ja im Winter in Miami.

Wenn Sie für die deutsche Gemeinde dort kochen, gibt es dann Rouladen oder Sauerbraten?

Ich koche fast immer das Gleiche. Fritz Egner, der kommt auch ab und zu, der will nur Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln, Speck, Zwiebeln und grünem Salat. Und dann gibt es auch, was meine Mutter mir gekocht hat, Thüringer Klöße mit Krautsalat. Das war für Otto. Als Vorspeise habe ich was gemacht, das kannte ich aus einem Brüsseler Restaurant. Einen Speck-Kartoffelsalat und Kaviar, angemacht in einem Sektglas: eine Hälfte Specksalat mit Crème Fraîche, die andere Hälfte Kaviar. Da ist mir der Kopf weggeflogen, so gut war das.

Wir haben gehört, der dicke Sänger Meat Loaf hätte Ihnen mal den Kühlschrank leer gegessen.

Ja, aber nicht in Miami, sondern in meinem Studio in Rosbach. Diese Klöße hatte meine Mutter ab und zu am Wochenende für mich gemacht und mir mitgegeben. Ich schnitt die dann montags schön in Würfel und briet sie kross an. Und dazu gab’s saure Gurken und Krautsalat. Ich komme also ins Studio, packe die Dinger in den Kühlschrank, abends gucke ich, sind sie weg. Meat Loaf hat sie so gegessen, wie sie waren! Und ich war sauer.

Stevie Wonder hat auch in Rosbach aufgenommen.

Der hat bei mir hauptsächlich an zwei Songs gearbeitet „It’s you“ und „I just call to say I love you“. Dann hat er mich um Rat gefragt, welchen Song er zuerst veröffentlichen soll. Und ich habe ihm gesagt, „I just call“ wird dein erster Nummer-eins-Hit in Europa. So kam es dann ja auch.

Sie haben eine Nase für Verkaufsschlager.

Ich weiß, ob jemand auf die Tanzfläche gehen wird oder nicht.

Sie wissen das aus Ihrer Diskothek in St. Ingbert?

Da habe ich alle meine Songs vorher getestet.

Als Sänger hatten Sie einen Nummer-eins-Hit: Rocky. Ein Fünf-Minuten-Drama, Mann liebt Frau, sie kriegen ein Kind, Frau stirbt, und der Refrain geht: „Kopf hoch, Baby, lehn dich an mich …“

Thomas Meisel, der Labelchef von Hansa-Musik, hat zu mir gesagt, wie kannst du so einen Mist singen. Aber in vier Wochen waren eine Million Platten weg. Ich habe es in der Diskothek getestet, die Putzfrauen haben alle geheult.

Ist das auch eine Art künstlerischer Anerkennung?

Ich habe in meinem Herzen schon auch mal was Kommerzielles drin. Da bin ich ein bisschen weichgespült. Aber das war ein Auslaufmodell damals, kurz danach kam ja Daddy Cool. Und damit kamen wir in die Soulcharts in England, das war schon eine besondere Ehre.

Das war 1976. Daddy Cool war von Ihrer Gruppe Boney M. Und Sie waren deren maßgebliche Stimme. Nur gesehen hat man Sie nie. Stattdessen bestanden Boney M. aus einem Mann und drei Frauen dunkler Hautfarbe, die prima tanzen konnten.

Ich als Weißer in so einer Nummer? Das hätte uns niemand abgenommen. Als dann das holländische Fernsehen sagte, wir wollen Boney M., da bekam ich einen Schreck. Ich kann hoch singen wie ein Eunuche und den Bass ganz unten. Aber wer sollte sich denn da zeigen? Ich doch nicht.

Und deshalb haben Sie ein paar Vortänzer engagiert, die nicht singen konnten?

Liz hatte schon Stimme. Ich hatte den richtigen Song und die richtigen Leute, ein Lottogewinn.

Boney M. war seinerzeit in England die erfolgreichste Popgruppe des Jahres. Die wurden sogar von Queen Elizabeth empfangen. Waren Sie dabei?

Ich hatte keine Zeit.

Herr Farian, Sie hatten keine Zeit für die Queen?

Ich war damals so bekloppt. Das hat mich nicht interessiert. Heute würde ich es gern machen. Aber heute werde ich nicht eingeladen.

Die anderen standen im Rampenlicht und Sie, der alles ausgedacht, gesungen, produziert hat …

Das Einzige, was mich wirklich nervt, ist, wenn mich die Leute mit Wolfgang Fahrian verwechseln, dem Torwart. Der stand schon so lange nicht mehr im Tor, den könnte man doch langsam vergessen. Ich stehe noch ständig in der Öffentlichkeit, und dann werde ich mit dem verwechselt.

Ist es Ihnen als Sänger schwergefallen, auf der Bühne zu stehen? Man muss ja, um dort Erfolg zu haben, einen Hang zum Exhibitionismus haben.

Als Rock ’n’ Roller hatte ich den, obwohl, ich musste mir immer eine halbe Flasche Wein reinziehen, sonst hätte ich das nicht geschafft. Umso bescheidener war ich hinterher.

Sagen Sie, kann man einen Titel wie Ra-Ra-Rasputin überhaupt ohne Drogeneinfluss schreiben?

Mit Drogen hatte ich nie etwas am Hut. Ich bin ein Workaholic. Außerdem sah ich Musiker an der Droge scheitern. Das wollte ich auf keinen Fall, das hätte mich dahin gebracht, wo ich herkomme.

Sie meinen Robert Pilatus, der mit Fab Morven das Duo Milli Vanilli bildete, Ihr anderer großer Erfolg.

Ich habe mich verantwortlich gefühlt, obwohl ich ihn nie habe fallen lassen, auch in seiner größten Not nicht. Wir haben ihn in den USA aus dem Gefängnis geholt, ihn in die Drogenklinik gebracht. Das war tragisch, er hat mich angefleht, Frank, bring mich zurück ins Geschäft. Er wollte wieder Star sein, den Applaus haben, die Mädels. Ich habe mich breitschlagen lassen und ihm wieder Geld gegeben, für eine Rehaklinik. Und was macht er? Feiert Abschied mit Wodka, landet nachts im Frankfurter Bahnhofsviertel und dröhnt sich den Kopf voll. Ich habe ihn ins Hotel geschickt, damit er sich ausschläft. Und dort haben wir ihn tot gefunden.

Eine Kollegin hat uns erzählt, dass „Girl, You know it’s true“ ihre erste Maxi-Single war. Und als sie hörte, dass Milli Vanilli nicht eine Silbe selbst gesungen haben, hat sie die zerbrochen.

In den USA haben sie sogar eine Show veranstaltet, in der ein Bulldozer über einen Berg Milli-Vanilli-Platten fuhr. Und ich bin immer noch in den „100 Greatest shocking Moments in Rock ’n’ Roll“. Das ist eine Sendung in den USA, die gibt es schon seit 10 Jahren. Platz eins ist der Tod von John Lennon, ich bin mit Milli Vanilli Nummer sieben.

Don Was, Produzent von Künstlern wie Bob Dylan und Elton John, nannte Sie einen hochbegabten Zyniker. Und den Grammy, einen der bedeutendsten Musikpreise der Welt, mussten Sie zurückgeben.

Ich genieße größten Respekt in den USA. Als ich mal im Cotton Club in New York am Eingang meinen Namen sagte, kam die Band, um mir zu gratulieren – da spielen echte Jazz-Größen. Und Barry Gibb von den Bee Gees sagte, der Frank Farian hat den Grammy verdient. Den Grammy gibt es schließlich für gute Musik und nicht für die Show.

Das war der einzige Pop-Grammy, den je eine Band aus Deutschland bekam.

Als es bei der Grammy-Verleihung hieß, „the winner is Milli Vanilli“, da wusste ich, jetzt gehen die Probleme erst richtig los. Robert und Fab dachten doch plötzlich, sie seien Stars, sie könnten singen. Frank, mach mal meine Stimme lauter, hat Robert gesagt. Und ich habe ihn gefragt, welche Stimme?

War das bei Boney M. nicht eine ähnliche Situation?

Nein. Bei Boney M. war das kein Skandal, da stand auf der Platte, dass ich das fünfte Mitglied bin. Bei Milli Vanilli haben wir es verheimlicht, das war der Fehler. Na ja, und dann nahm das Desaster seinen Lauf. Computereinspielungen steckten damals in den Kinderschuhen. Und auf offener Bühne ist das Band hängen geblieben. Es kam immer wieder „Girl you know…, Girl you know“. Die beiden sind vor Scham von der Bühne gerannt. Von dem Moment an wussten alle, da ist was faul.

Universal hat gerade bekannt gegeben, dass die Geschichte von Milli Vanilli verfilmt werden soll.

Kathleen Kennedy, die ET gemacht hat und Jurassic Parc, produziert den Film und Jeff Nathanson von „Catch me if you can“ schreibt das Drehbuch. Meine Anwältin ist schon mit Universal im Gespräch. Die Frage ist doch, wollen die eine zweite falsche Geschichte machen oder die richtige Story.

Sie wollen mit dabei sein.

Milli Vanilli ist ein eingetragenes Markenzeichen. Das ist meine Musik.

Und wenn die Geschichte verfilmt wird, wer sollte denn Ihrer Meinung nach Ihre Rolle spielen?

Es gab ja schon mal Pläne, das zu verfilmen. Damals war Robin Williams im Gespräch.

Der Schauspieler von Good Morning America.

Ich habe ihn als „Mrs. Doubtfire“ gesehen, eine Verwechslungskomödie, das hätte gepasst, Milli Vanilli war ja irgendwo auch eine Verwechslungskomödie. Inzwischen ist Williams zu alt, er müsste mich ja spielen, wie ich vor 20 Jahren war.

Dann nennen Sie einen anderen Wunschkandidaten.

Ich finde, Tom Hanks würde gut zu mir passen.

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