Zeitung Heute : „Ich klaue gern den Lachs vom Brötchen“

Beim Essen mag es Pepe Danquart gepflegt. Ihm kommt kein Riesling ins Burgunderglas.

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Pepe Danquart, 51, gewann einen Oscar für den Film die „Schwarzfahrer“; nur sechs deutsche Regisseure wurden in Hollywood so geehrt. Noch bis zum 2. Februar ist im TipiZelt seine erste Bühnenarbeit zu sehen und zu hören: „Human Voices“. Am 22. März kommt sein neuer Dokumentarfilm „Am Limit“ in die Kinos. Interview: Susanne Kippenberger und Norbert Thomma Herr Danquart, als beim Europäischen Filmpreis mal einige Prominente öffentlich kochten, schrieb ein Kritiker verblüfft über Sie: „Der Regisseur erwies sich mit dem Küchenmesser als sehr geschickt und zerschnippelte Gemüse.“

Gut beobachtet. Ich mache am Herd keine allzu schlechte Figur. Kochen und Essen, das hat mich von Kindesbeinen an interessiert. In der Schule hatten wir als 14-Jährige die Wahl zwischen Handwerken und Kochen, und ich habe mich gegen das Hobeln und Hämmern entschieden. Erstens hatte ich zwei linksgeschraubte Hände und …

... zweitens waren im Kochkurs die Mädchen.

Das auch, vor allem aber konnte man, was hergestellt wurde, hinterher gemeinsam futtern. Kochen lernt man, wie fast alles im Leben, durchs Tun – und durchs Probieren.

Ihr Beruf als Dokumentarfilmer treibt Sie in viele Winkel: Patagonien, China, Ukraine, Indonesien, Doha ... Sind Sie ein abenteuerlustiger Esser?

Ja, mich schreckt so schnell nichts. Nur wenn Maden auf den Tisch kommen, die sich noch bewegen, oder gedünstete Schlangenzungen, nein danke. Wenn’s dagegen höllisch scharf wird wie in Indien oder in der kantonesischen Küche, das liebe ich. Ich schwitze gern beim Essen.

Sie haben mit Stars wie Moritz Bleibtreu, Corinna Harfouch und Henry Hübchen die Gangsterkomödie „Basta. Rotwein oder Totsein“ gedreht. Da wird in einer Restaurantküche rumgeballert, dass die Hummerfetzen fliegen. Ein dicker Koch schaut dem kulinarischen Massaker seelenruhig zu ...

… das ist Vincent Klink, ein Stuttgarter Sternekoch, ein guter Freund von mir. Wir haben zum Film das „Gängster Kochbuch“ herausgebracht.

Im Kurzfilm „Der Schwarzfahrer“, für den Sie den Oscar bekamen, sitzt ein junger Schwarzer in der Straßenbahn und wird von einer älteren Dame mit rassistischen Sprüchen überschüttet. Als die Kontrolleure kommen, nimmt er ihren Fahrschein, zerkaut ihn und würgt ihn runter. Wie oft wurde diese Szene gedreht?

Sieben Mal bestimmt.

Der arme Schauspieler.

Ich habe ihn nicht gequält. Es war Esspapier aus Zucker.

Indiskrete Frage, Herr Danquart: Haben Sie zu Hause eine Waage?

Ich brauche keine. Ich habe ein irrsinnig gutes Gefühl für meinen Körper, mein Gewicht pendelt um 75 Kilo, wenn es deutlich steigt, wird mir unwohl.

Dann fasten Sie.

Nein, ich habe noch nie eine Fastenkur gemacht, ich habe allerdings vor Jahren meine Ernährung umgestellt. Da wog ich 96 Kilogramm, bei einer Größe von 1,72. Dann habe ich Montignac gelesen. Er ist mit seinen Büchern schwerreich geworden, eines hat den wunderschönen Titel „Essen gehen und dabei abnehmen“. Eigentlich gilt ja als axiomatischer Glaubenssatz: Der Mensch braucht Kohlehydrate, um zu überleben. Für Michel Montignac ist das Quatsch. Ich habe nach seinen Regeln in zehn Wochen 20 Kilo verloren, obwohl ich mehr gegessen habe als vorher. Dazu fühlte ich, wie sich mein Hirn vitalisiert, mein Körper war morgens schon in euphorischer Stimmung. Viele Freunde von mir haben es nachgemacht und verloren extrem an Gewicht. Ich wurde eine Art Apostel.

D iese Religion klingt verdammt nach Askese.

Im Gegenteil! Man lässt einige Sachen weg und isst andere nicht gemeinsam. Das ist das ganze Geheimnis. Auf Dauer funktionieren nur Regeln, die auf Genuss basieren, nicht auf Verzicht. Ich lasse Weißmehl weg, Zucker, Bier … Die Kombination von Kohlehydraten und Fett, die schlägt auf die Hüften, Fleisch mit Reis, Sahnesoße zu Spätzle. Stattdessen esse ich viel Fleisch und Gemüse, Fisch und Salat. Kein Tag vergeht bei mir ohne eine Flasche Wein und Schokolade, wenn sie 70 Prozent Kakao oder mehr enthält, ist das absolut top. Spaghetti aglio e olio, also mit Knoblauch und Olivenöl, sind voll erlaubt, wenn sie al dente sind. Das Einzige, was ich ganz abgestellt habe, ist der Grappa nach dem Essen. Ach, und Kartoffeln, die stehen auch auf dem Index.

Gute Güte, wir haben für nachher Maultaschen und Kartoffelsalat vorbereitet .

Na und? Hauptsache, Sie bringen einen anständigen Wein dazu. Wenn ich in einem tollen Restaurant bin, lasse ich mich auch durch neun Gänge tragen, ich bin doch kein Idiot. Ich liebe Tabubrüche.

Sie müssen häufig auf Festivals, zu Filmpremieren, und bald beginnt die Berlinale mit ihren vielen Empfängen und Buffets. Mögen Sie im Stehen essen?

Ich bin der, der die Salami und den Lachs von den Brötchen klaut. Ansonsten habe ich ein Prinzip: Ich esse und trinke vorher! Wenn ich da erwachsene, kultivierte Menschen lauern sehe, bis das Buffet eröffnet wird – bei manchen vermute ich, sie kommen nur, weil es nichts kostet. Und dann ist der Wein schlecht, und der Kater tags drauf schmerzt entsetzlich, ich weiß es aus leidvoller Erfahrung.

Was trinken Sie bei solchen Anlässen?

Wasser. Ich sehe in aller Ruhe zu, wie um mich herum der Alkoholpegel steigt, wie sich die Leute verändern, sehr belustigend ist das. So rauschhaft wie selber trinken.

Als Sie 1994 in Hollywood den Oscar für den Kurzfilm „Schwarzfahrer“ bekamen, war’s da besser?

Es war profan. In Los Angeles zerfällt nach der Verleihung alles in Hunderte Parties und Events. Ich bin in eine ganz normale Kneipe gegangen und habe einen Gin Tonic getrunken.

Herr Danquart, Sie haben einen Zwillingsbruder, haben Sie beide einen identischen Geschmack?

Wir mögen beide bis heute keine Erbsen. Viel interessanter ist, dass mein Bruder Didi und ich identisch riechen. Meinen Hund hat das völlig verwirrt, der konnte uns trotz seiner feinen Nase nicht unterscheiden. Didi übrigens ist schon in jungen Jahren mit Gourmetführern durch Sternerestaurants gezogen, ich fand das als aufrechter Linker dekadent.

Nach der Schule gingen Sie nach Freiburg und lebten 14 Jahre in einer Kommune.

Sieben Erwachsene, ein Kind. Wir haben die Medienwerkstatt gegründet, ein Filmemacher-Kollektiv, und in der Innenstadt ein Haus gekauft. Das war eine Trutzburg, zeitweise wohnten noch 30 Hausbesetzer bei uns. Wir Spontis waren eine politische Kulturbewegung mit hedonistischem Einschlag, es ging gegen Atomkraft, und es gab Parolen wie: Weg mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer! Jeden Tag hat ein anderer gekocht, schon um das Kind zu versorgen. Das Basiswerk war „Gretchens Küche“ von einer Großmutter, in Leinen gebunden, mit Sütterlinschrift geschrieben.

Die gute bürgerliche Küche.

Ja, ich kenne kein linkes Rezept, kennen Sie eins?

Warum drehen Sie Filme?

Um die Welt ein bisschen besser zu machen.

Ein hehrer Anspruch. Der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken hat bei der Premiere von Dani Levys Hitler-Film gebrummt: „Ich hab auch immer gegen die Neonazis angesungen, und die jibt et immer noch.“

Da bin ich idealistischer. In dem Film „Working men’s death“, bei dem ich Produzent war, geht es um Schwerstarbeit in aller Welt, wir waren in der Ukraine im Bergwerk, wo Menschen tagelang in 40 Zentimeter hohen Stollen um einen Sack Kohle kämpfen, wir waren beim Schwefelabbau in Indonesien, wo Träger in giftigen Dämpfen drei Stunden in einen Krater klettern und mit 120 Kilo wieder vier Stunden hochsteigen, alles für 20 Cent. Aus diesem Film gehen Sie anders heraus, als Sie hineingegangen sind, das glaube ich fest.

Viele Ihrer Filme zeigen Menschen in extremen Situationen. „Heimspiel“ dokumentiert anhand des Eishockeyclubs Eisbären Berlin die Kluft zwischen Ost und West, in „Höllentour“ sieht man die Qualen der Radfahrer bei der Tour de France, „Nach Saison“ beobachtet das Elend in Bosnien.

Das war der erste Film nach dem Oscar, da hätte ich alles mögliche machen können. Ich habe zwei Jahre in Mostar gedreht, da wurde noch geschossen, und es hat mich echt umgehauen, wie Menschen, die alles verloren haben, ihr Schicksal mit Größe tragen.

Man sieht eine alte Frau andächtig Brot schneiden ...

… und sie versucht, ihren Enkeln auf dem Fußboden dieses kärgliche Mahl schön anzurichten, selbst wenn sie zu zweit aus einem Teller essen müssen. Es gab auch Suppenküchen, wo die Ärmsten für einen Kanten Brot und Wassersuppe anstanden, und als ich da filmte, sagte ein Mann: „Nimm die Kamera weg, lass mir meine Würde.“ Das habe ich verstanden und respektiert. Andere sah ich an Hunger und Durst verrecken.

Sie ertragen das, weil es Ihr Job ist.

Das ist kein Job, es ist eine Lebenshaltung. Wenn du kein Grenzgänger bist, wenn du nicht alles in die Waagschale wirfst, was du hast, auf alle Sicherheiten pfeifst, wirst du solche Filme nicht machen. Ich bin ein ängstlicher Mensch und bringe mich absichtlich in Situationen, aus denen es kein Zurück mehr gibt. Das macht einen größer. Wenn die Finanzierung für einen Film steht, wenn ich Leute um mich gesammelt habe, dann gibt es nur noch: gewinnen oder scheitern. Das Scheitern riskieren, um seine Träume zu verwirklichen, das sehe ich als lebensphilosophischen Leitgedanken.

Hört sich an wie eine Mischung aus Coelho und Hemingway.

Ach was. Nehmen Sie die Radfahrer der Tour de France. Die wollen nicht leiden, leiden tut niemand gern. Aber jeder weiß, es gehört dazu, um ans Ziel zu kommen. Die sind fertig, die bekommen kein Bein mehr hoch und wissen, du musst noch eine Stunde durchhalten, die Sauerstoffversorgung im Hirn setzt langsam aus, du funktionierst nur noch wie eine Maschine. Und plötzlich schafft man Außergewöhnliches, dieses Glücksgefühl ist unbeschreiblich.

E inen Preis wie den Oscar zu gewinnen, muss auch ein großes Glücksgefühl sein.

Nein, da fühle ich mich gebauchpinselt, es ist aufregend und auch wichtig, um Geld für neue Projekte zu kriegen. Doch es ist ein völlig anderes Glück, es geschafft zu haben: Gestern habe ich „Am Limit“ beendet, und wenn sich alles zusammenfügt, Bild, Ton, Musik, wenn ich nach zweieinhalb Jahren das Ding zum ersten Mal komplett sehe, das ist ein unfassbar schöner Moment.

Der Film zeigt die beiden Extremkletterer Alexander und Thomas Huber, zwei Brüder, bei einem neuen Rekordversuch im Speedklettern.

Die wollten im Yosemite Valley 1000 Meter senkrechten Granit hoch, sehr gute Bergsteiger brauchen dazu drei bis fünf Tage. Die beiden wollten es in zweieinhalb Stunden packen, ein Wahnsinn. Wir hatten gerade mit dem Dreh angefangen, da ist Alexander furchtbar gestürzt, 20 Meter im freien Fall auf eine Platte! Das ist wie aus dem sechsten Stock springen. Er hatte wundersamerweise nur einen dicken Fuß. Film abbrechen, ein halbes Jahr später weitermachen. Wir müssen ja dabei auch mit den Kameras in diese 1000-Meter-Wand, ein extremer Aufwand, jeder kleine Fehler kann den Tod bedeuten. Zuvor waren wir in Patagonien, am Cerro Torre, da pfeifen bitterkalte Winde von bis zu 250 Stundenkilometern.

In der Wildnis tröstet nicht einmal ein gutes Essen.

Dafür hatten wir „Cookie“ als Koch, ein lieber Kerl, bei dem waren beim Barbecue der Lachs und das Fleisch außen schwarz und innen roh. Lustig. Ich habe ihm zum Abschied ein Kochbuch geschenkt.

Wie wichtig ist die Versorgung bei Filmaufnahmen?

Lebenswichtig. Filmleute regredieren beim Drehen zu kleinen Kindern: Ich hab Hunger! Schmeckt nicht! Mach mir was anderes!

Sind Sie als Gast so geduldig wie mit „Cookie“?

Ich werde nicht pampig, aber ich sage es, wenn’s nicht schmeckt. Neulich bestelle ich beim Italiener Spaghetti, grässlich. Der Knoblauch schwarz und bitter, die Nudeln weich, der Käse alles, nur kein Parmesan … Obwohl ich Bärenhunger hatte, ließ ich den Teller stehen. Es kommt die obligatorische Frage: „Hat’s geschmeckt?“ Ich sage, ich hab’s schon besser gegessen. Der Wirt meint: „Aber nicht bei uns.“

Miese Küche, brillante Antwort.

Ja, da konnte ich nicht böse sein.

Der „Spiegel“ schrieb gerade über Menschen wie Sie, es sei „ein Kult ums feine Essen entstanden, der häufig hysterische Züge trägt“.

Es ist schon verrückt, ich habe in meiner Wohnung in Berlin gerade die Küche neu gemacht, da steht jetzt ein Weinkühler und in der Mitte ein sechsflammiger Gasherd, da kann ich von allen Seiten ran und muss nicht immer gegen eine Wand gucken.

Schlechtes Gewissen, als aufrechter Linker?

Keine Sekunde. Das Elend der Welt wird nicht geringer, wenn ich mir nichts gönne. Was ich gelernt habe, ist, Lebensmitteln mit Respekt zu begegnen. Brot esse ich, bis es zu Stein geworden ist. Brot lebt, und wie gut es ist, sieht man daran, wie lange es sich hält. Ich wickle es immer schön in Wachspapier.

Wenn Sie einkaufen oder essen gehen, haben Sie da Schmerzgrenzen?

Bei einer Flasche Rotwein im Laden liegt die so bei 40, 50 Euro, im Restaurant bei 150. Ich habe das Geld ja nicht im Überfluss, aber so was gönne ich mir ab und zu. Dann soll es aber auch das richtige Glas dazu sein, ich kann keinen Riesling aus einem Burgunderglas trinken, das fände ich irre. Dann lasse ich ihn eher stehen oder in ein Champagnerglas umschütten.

Sie kaufen gerne ein, stimmt’s?

Ja, ich streune gern durch Haushaltswarengeschäfte, ein Korkenzieher, eine Pfanne, ein Messer, mit irgendetwas komme ich jedes Mal raus. Ich habe bestimmt 100 Kochbücher, ich liebe es, Kochbücher zu kaufen. Wenn ich in Indien ein Curry esse, dann muss ich ein Currybuch haben, dazu war mein Koffer voll mit verschiedenen Currys, das roch wochenlang.

Herr Danquart, Sie gehen oft ins Kino. Was tun Sie eigentlich, wenn Jumbotüten mit Popcorn und Käsenachos neben Ihnen Platz nehmen?

Ich setze mich weg. Schlimmer noch als das Knuspern und Schmatzen allerdings sind Menschen, die einen Film mit Kommentaren übersäen. Ich gehe in der Regel in die Spätvorstellung, die ist leer, und ich sitze weit vorne. Ich will vor mir nur die Leinwand haben, dann bin ich im Film, ich lebe ihn mit. Ich mag auch, wenn ein Gong ertönt, und ein Vorhang aufgeht, das hat so einen Zauber. Setzen Sie sich im Kino mal weiter nach vorn, wirklich, es trägt Sie in eine andere Welt.

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