Zeitung Heute : "Ich lasse Diktatoren sterben" - Interview mit dem Initiator Werner Heise

Wie darf ich Sie anreden? Als Lemuel Gulliver[Kon]

Werner Heise, 56, Mathematikprofessor an der TU München, ist Begründer des virtuellen Staates Laputa ( www.laputa.de ). In Anlehnung an das Inselkönigreich aus "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift persifliert er auf über 500 Internetseiten die Streiche von Politikern, nach dem Motto auf seinem T-Shirt: "Ich habe nichts zu sagen, aber genau das will ich sagen". Mit Werner Heise sprach Andreas Krieger.

Wie darf ich Sie anreden? Als Lemuel Gulliver, Kongo-Müller, Generalissimus Roman Bold oder Professor Heise?

Nennen Sie mich Heise, das reicht.

Alles was man über Ihre eben genannten alter egos auf den Sites Ihres virtuellen Staates Laputa lesen kann, entstammt Ihrer Fantasie.

Viele Motive gibt es aber auch schon bei der Vorlage "Gullivers Reisen" von Swift. Ich las das Buch, als ich vor vier Jahren angefangen habe, mir das HTML-Programmieren selbst beizubringen. Da kam auch diese Insel namens Laputa vor, auf der es eine Akademie gibt, deren "Projektemacher" seltsame Forschungen anstellen, beispielsweise menschliche Exkremente in Nahrung zurückzuverwandeln. Ich habe Laputa dann im Internet zu neuem Leben erweckt, und an der laputischen Universität blühen einige der Sumpfblüten, die der heutige Wissenschaftsbetrieb hervorbringt.

Swift verballhornte vor allem das alberne Gebaren der Wissenschaftler seiner Zeit.

Noch heute gibt es viel zu viele Typen, die an hierarchischen Blähungen leiden. Über solche Menschen mache ich mich lustig.

Über wen, zum Beispiel?

Den ehemaligen Vorsitzenden einer wissenschaftlichen Fachvereinigung, der auf einen offensichtlichen Aprilscherz hereingefallen ist und anscheinend nicht gemerkt hat, wie lächerlich er sich damit gemacht hat. Oder über eine große Autorität, die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift einen ziemlichen Unsinn veröffentlichte. Neunzig Prozent meiner Seiten sind einfach Nonsens. Zum Beispiel die Animation mit dem zweistöckigen Universitätsklo. Oben für den Professor, unten für den Studenten und was das für Probleme gibt, wenn beide gleichzeitig müssen. Man kann in Laputa auch innerhalb von drei Minuten Doktor werden. Man füllt einfach ein E-Mail-Formular aus und bekommt sofort ein Reply mit der Urkunde.

Interessieren Sie sich für Swifts Laputa, weil deren Einwohner den Kollegen Ihrer Disziplin ähneln: Verkopfte Wissenschaftler, die gerne verquer reden?

Das ist ein Vorurteil gegenüber uns Mathematikern. Wir sind mindestens so witzig wie die Theologen. Ich mag Swifts Laputa vor allem, weil ich es für die beste Satire halte, die je über den Wissenschaftsbetrieb geschrieben wurde.

Swift galt als Menschenfeind.

Ein falsches Urteil. Als Pfarrer war er quasi per Definition ein Menschenfreund. Wer seinen grotesken Vorschlag, die Hungersnot in Irland zu beseitigen, indem man Kinder armer Leute zum Verzehr an die Reichen verkauft, als Menschenfeindlichkeit auslegt, versteht seine anklagenden Satiren einfach nicht.

Für wen machen Sie Ihre Seiten?

Für mich selbst. Es ist der Stuhlgang meiner Seele. Wenn ich mich über etwas ärgere, baue ich das sofort in Laputa ein.

Ihr Staat trägt viele Züge der ehemaligen DDR. So ist Laputa Mitglied der "Union sowjetsozialistischer Republiken" und es gibt ein "Ministerium für Staatssicherheit der Freien Republik Laputa". Woher diese Hassliebe für die DDR?

Ich habe drüben oft Freunde besucht. Doch von 1979 bis 1985 durfte ich wegen Beleidigung der Sowjetunion nicht einreisen.

Was hatten Sie angestellt?

Ich ließ in meinem Buch über Kombinatorik einige Buchstaben fetter abdrucken. Hinter einander gelesen ergaben sie den Satz "Nieder mit dem Sowjetimperialismus!" Das Buch wurde in einer Lizenzausgabe in der DDR verlegt und es ist ziemlich schnell aufgeflogen, was ich denen für ein Ei reingelegt hatte. Fortan wurde ich von der Stasi beschattet.

In der Verfassung Ihres virtuellen Staates wird die Freie Republik Laputa als "asozialer, pornokratischer und oligarchischer Unrechtsstaat" charakterisiert.

Es ist die Herrschaft der Ferkel. Vor allem das Wort "pornokratisch" gefällt mir. Ich mache mich damit über das Internet als riesige Pornoquelle lustig.

Grundlegend halten Sie sich aber schon an die Vorlage von Swift?

Was er schreibt, übernehme ich möglichst genau. So heißt auch meine Hauptstadt Lagado und die Insel wird von weltfremden Mathematikern regiert. Manches modernisiere ich behutsam: So ist mein Laputa kein Königreich mehr, sondern eine Militärdiktatur. Das Märchenhafte lasse ich ganz weg. Laputa ist bei Swift noch eine fliegende Insel; ich habe geschrieben, dass sie Anfang des Jahrhunderts abgestürzt sei. Natürlich ergänze ich meinen Staat um skurille Fundstücke: als ich die litauische Verfassung von 1917 in die Hände bekommen habe, die sich fast ausschließlich mit der Ausrufung des Kriegszustandes beschäftigte, habe ich die sofort eingebaut. Mein Laputa wird heute von einem provisorischen Revolutionsrat regiert, einer versoffenen Bande von Strolchen unter der Kontrolle des Generalisimus Roman Bold.

Benannt nach dem gleichnamigen Schrifttypen .

Ein Amerikaner hatte den virtuellen Staat Sans Serif - was ja ebenfalls ein typographischer Begriff ist - gegründet. Um ihn zu ärgern, habe ich den Generalisimus erfunden und diesem Staat die Vernichtung angedroht. Natürlich brauchte ich auch ein Foto von Roman Bold. Kurzerhand nahm ich ein Bild von Stalin, das ich im Internet gefunden hatte. Überhaupt: Wenn ich etwas Passendes im Netz finde, baue ich es ein. Letzthin ist mir ein Bild untergekommen, auf dem Stalin einbalsamiert im Sarg lag. Das wollte ich natürlich unbedingt verwenden und habe dann meinen Generalisimus von einer Terroristin umbringen lassen.

Der Name Gulliver ist abgeleitet vom englischen Wort "gullible" - leichtgläubig. Swift dachte, seine Zeitgenossen wären so leichtgläubig, ihm seine Satiren als wahre Geschichten abzunehmen. Gibt es Menschen die das, was Sie machen, für bare Münze halten?

Bei Laputa ist die Satire zu offensichtlich. Aber ich habe mir auch noch die Adresse "lenin.ussr.com" gekauft, auf der ich - im Stil von Laputa - blanken Unsinn über Lenin sammle. Jetzt beschimpfen mich Leute, vor allem Amerikaner, per E-Mail als Bolschewiken. Für viele Amerikaner müßte man eigentlich überall "joke" in Klammern dahinter schreiben. Vor allem in den USA gibt es viele Leute, oft Jugendliche, die wie ich virtuelle Staaten unterhalten, nur dass die meisten von ihnen das sehr, sehr ernsthaft betreiben. Manche verlieren sogar den Bezug zur Realität und denken, ihre Staaten würden wirklich real existieren. Solche Typen schreiben mir dann Mails, um diplomatische Beziehungen aufzunehmen.

Sie haben Laputa gegründet, um sich selbst HTML beizubringen und um mit der Entwicklung im Internet mitzuhalten. Mittlerweile haben Sie die Tricks drauf. Warum machen Sie trotzdem weiter?

Die Entwicklung geht immer weiter, man lernt nie aus. Mit komplexen Programmiersprachen kann man sehr schnelle Animationen erstellen. Das ist ziemlich spannend, leider artet das in richtige Arbeit aus. Und mehr als rund eine Stunde täglich kann ich für dieses Hobby nicht verschwenden.

Haben Sie nie dran gedacht, einmal Helfer für ihr Projekt zu engagieren?

An Laputa lasse ich niemals andere Leute ran. Das ist mein Ding! Außerdem sterben viele Internetprojekte, die von mehreren Leuten gemeinsam betrieben werden, nach kurzer Zeit wieder, weil sich die Macher zerstreiten oder weil sich keiner mehr drum kümmern will. Ich genieße es, Herr über mein eigenes Land zu sein. Und wenn ich einen Diktator wie Roman Bold sterben lasse, will ich mit niemanden darüber diskutieren müssen.

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