Zeitung Heute : „Ich liebe Schmerzen“

Er quält sich auf 40 000 Kilometern im Jahr – und vielen gilt er als der ewige Zweite. Trotzdem fühlt sich Radprofi Jan Ullrich vom Glück verfolgt.

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Jan Ullrich, 32, ist der beste deutsche Radfahrer aller Zeiten. Er gewann 1997 die Tour de France und belegte mehrfach die Plätze zwei, drei und vier. Außerdem wurde er Olympiasieger, Weltmeister … Wegen einer Knieentzündung muss er den für kommenden Dienstag geplanten Saisonstart verschieben.

Interview: Helmut Schümann und Axel Vornbäumen Herr Ullrich, mit welchem Torwart sollte Deutschland zur WM antreten?

Mit dem Besten. Der Bundestrainer sollte das entscheiden.

Das hätten wir gerne etwas weniger diplomatisch: Kahn oder Lehmann, wer ist Ihnen näher?

Keiner von den beiden.

Wir dachten, dass es Jens Lehmann ist, der ewige Zweite.

Der Vergleich mit mir hinkt. Wenn Lehmann tatsächlich schlechter ist, dann sollte er bei der WM auch nicht für Deutschland spielen. Der Beste sollte uns vertreten.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann sagt, Oliver Kahn stehe zu viel auf der Linie rum. Das ist Kritik auf höchstem Niveau. Stehen Sie, sinnbildlich gesprochen, auch zu viel auf der Linie rum, sitzen zu lange im Sattel?

Die Außenstehenden können immer Tipps geben, Kritiker sagen, ich hätte keinen Punch, nur: Das Endergebnis ist das Entscheidende. Wenn ich in diesem Jahr mal wieder die Tour gewinnen sollte mit meinen dicken Gängen, werden in den nächsten zehn Jahren alle dicke Gänge treten. Und wenn Kahn keinen reinlässt, wird alles auf der Grundlinie entschieden.

Wird die kommende Tour de France für Sie leichter oder schwerer?

Da bin ich mir noch nicht sicher. Der Größte ist gegangen. Aber Lance Armstrong hatte immer auch eine sehr, sehr starke Mannschaft, die alles kontrolliert hat. Ich musste mich nur auf Lance konzentrieren. Jetzt, da er nicht mehr da ist, kann es sehr hektisch werden. Einige Anwärter auf den Sieg werden ihre Chance in der Flucht suchen. Es gibt also nicht mehr die eine Mannschaft bei der Tour, die alles zusammenhält.

Hatten Sie schlicht das Pech, zum falschen Zeitpunkt geboren zu sein?

Nein, ich habe kein Pech gehabt in meinem Leben, wirklich nicht. Dass ich einige Male Zweiter war, wenn Sie darauf anspielen, empfinde ich nicht als Pech. Im Gegenteil: Ich hatte das Glück, schon mal die Tour zu gewinnen. Das hat noch nie ein Deutscher vor mir geschafft.

Und wenn einer sagt: Sie sind der beste zweitbeste Radfahrer aller Zeiten?

Wenn das Ihr Urteil ist, dann kann ich damit leben. Ich bin sicher einer der Besten gewesen in meiner Zeit. Vergessen Sie bitte nicht: Ich fahre noch. Lance hat aufgehört.

Der Amerikaner Lance Armstrong hat die Tour sechs Mal gewonnen. Der Erwartungsdruck, der nun auf Ihnen lastet, macht Ihren Job noch härter.

Ja, das stimmt. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Wenn es anders herum gewesen wäre, ich also zunächst immer Zweiter geworden wäre und erst letztes Jahr gewonnen hätte, dann wäre ich der Hero überhaupt gewesen. Es war aber nicht so. Ich habe sehr früh in meiner Karriere gewonnen, und deshalb erwartet man jedes Jahr den Sieg von mir.

Gab es eine Tour, bei der Ihnen schon früh klar war, dass Sie auf keinen Fall gewinnen konnten?

Nein. Ich habe immer bis zum letzten Tag gekämpft. Selbst auf dem Champs Elysées muss man damit rechnen, dass etwas passiert. Jeder hat Angst, bis der letzte Zielstrich überfahren ist. Auch Lance hat die gehabt.

Dennoch wird die Tour in der Regel in den Bergen entschieden.

Ja, das stimmt. Und bei den Bergetappen ist es praktisch immer der letzte Anstieg. Nur auf den kann man wirklich hoffen. Die Großen haben ohnehin nur ihre Schwächen, wenn das Feld zurückgefallen ist, wenn nur noch drei, vier Mann übrig sind. Es bringt nichts, den ganzen Haufen früh am Tag auseinander zu nehmen. Entscheidend ist der letzte Berg. Dort fährt jeder für sich. Erst dort sieht man wirklich, wer einen schwarzen Tag hat. Fast allen ist das mal passiert. Selbst Miguel Indurain erging es da so. Nur Lance halt nicht. Man hofft immer darauf, dass der Leader irgendwo einen Einbruch kriegt.

Es hat keinen Sinn, auf einer schweren Bergetappe früher zu attackieren?

Nur wenn du im Gesamtklassement zurückfallen willst. Du fährst den ganzen Tag von vorne für nix und wieder nix. Und am letzten Berg gibt die Konkurrenz richtig Gas und du fliegst weg. Es ist im gesamten Radsport keiner so stark, dass er am ersten Berg attackieren und das durchhalten kann.

Ist es ein gutes Gefühl, dem engsten Konkurrenten wegzufahren?

Für den, der zurückbleibt, ist es deprimierend.

Sie hatten einiges auszuhalten in Ihrer Karriere.

Nein, ich hatte im Gegenteil sehr viel Glück. Bei den schweren Stürzen, die ich hatte, habe ich mir nie etwas gebrochen. Das halte ich für ein Wahnsinnsglück. Der Mensch ist keine Maschine, auch wenn es einen gab, der es sieben Jahre so vorgeführt hat. Lance war immer in einer anderen Liga.

So asketisch wie er hätten Sie nicht leben wollen.

Ich glaube, er konnte nur so leben, weil er vorher dem Tod von der Schippe gesprungen war. Es war ein Wahnsinnspech, Krebs zu kriegen, aber ein Glück, dass der Krebs so im Körper verteilt war, dass Lance eine geringe Chance hatte zu überleben. Ich kannte ihn vorher, da war er anders. Er sagt selbst, die Krankheit und ihre Überwindung war das Beste, was ihm passieren konnte. Ich kann das nicht verstehen. Ich wollte nicht tauschen.

Haben Sie jemals mit ihm über Ihr Verhältnis zueinander geredet? Er hat Sie als Rivalen gebraucht.

Dazu mussten wir nicht reden. Als Rivalen kann man sich nicht abends an den Tisch setzen und miteinander philosophieren. Das geht erst später, wahrscheinlich erst dann, wenn auch ich aufgehört habe.

Immerhin gab es eine erste Annäherung. Armstrong hat kurz nach seinem Karriereende den Vorschlag gemacht, Sie in sein Team, zu Discovery, zu holen.

Ich wollte vor allen Dingen nicht sein Nachfolger in seinem Team werden. Ich kann es auch in diesem Team gut, bei T-Mobile. Es wäre von mir keine gute Geste gegenüber unserer Mannschaft gewesen, mich zu Armstrong ins Nest zu setzen.

Bedauern Sie, dass er nun nicht mehr dabei ist?

Ich wollte immer die Besten der Welt schlagen. Aber ich nehme es, wie es kommt. Ich werde nie wissen, ob ich noch mal gegen Lance gewonnen hätte – aber das will ich auch gar nicht wissen. Ich hätte gerne gegen ihn gewonnen, das gebe ich zu.

Es gibt diese berühmte Szene bei der Bergankunft 2001 in Luz-Ardiden, ein Bild, das immer mit Ihnen beiden verbunden bleiben wird. Sie klatschen Armstrong auf der Ziellinie ab, eine halbe Radlänge vor ihm – da haben Sie gegen ihn gewonnen. Oder hat er Sie gewinnen lassen?

Da ging es nicht um den Sieg, sondern um den dritten Platz auf der Etappe. Ein Spanier war schon weit weg. Es war eine Geste von Lance, dass er es absolut respektiert hat, dass ich zuvor jeden Tag angegriffen habe. Es war der letzte große Berg der Tour. Und er wusste, dass er das Gelbe Trikot nicht mehr verlieren kann.

Sie haben die Hand herausgestreckt.

Ich habe mich bedankt, dass er so fair war und mich hat kämpfen lassen.

Haben Sie je über diese Szene geredet?

Nein, das war wortlos.

Wortlos ist Armstrong auch drei Jahre später an Ihnen vorbeigestürmt. Sie hatten zuvor, als er gestürzt war, auf ihn gewartet.

Er war in Gelb, der Leader stürzt. Da ist es für mich von meinem Charaktertyp her selbstverständlich, dass ich das Pech des anderen nicht ausnutze. Der Leader der Rundfahrt hat Respekt verdient. Ich habe das Tempo rausgenommen, weil ich vorne allein war.

Hat Sie das aus dem Rhythmus gebracht?

Ich glaube schon.

So etwas dankt einem keiner.

Doch, das Publikum hat es mir gedankt, die Fans. Außerdem war es eine Sekundenentscheidung, instinktiv sozusagen. Ich habe ja nicht minutenlang überlegt, was ich jetzt mache.

Sie haben einmal einen Etappensieg hergeschenkt und gesagt: „Ich bin kein Kannibale“.

Ja, 1997 an Richard Virenque. Da war ich im Gesamtklassement schon weit weg, über sechs Minuten. Er hat mit seinem Team den ganzen Tag gearbeitet, da habe ich gesagt: Warum nicht, warum soll ich ihm den Sieg wegnehmen, auf dass er mich auf der nächsten Etappe wieder den ganzen Tag attackiert. Auch Lance hat mal Marco Pantani auf dem Mont Ventoux gewinnen lassen. Wenn du in Gelb bist, dann geht so eine Geste schon. Ich muss dann nicht sieben Etappen am Stück gewinnen.

Solche Szenen gehören zum Mythos Tour. Was ist für Sie der Höhepunkt?

Eindeutig der letzte Tag. Das ist der schönste Tag. Wenn man in Paris einläuft, da kommt einfach nichts drüber. Eine Million Menschen auf den Champs Elysées – das ist die Tour. Oder natürlich Alpe d’Huez. Tausende von Fans am Berg. Man hört immer nur, was die auf sich nehmen, diese Riesenstrapazen. Wenn ich mal nicht mehr fahre, werde ich auch mal als Tourist zur Tour kommen.

Ist es erfrischend, wenn Ihnen am Berg einer die Wasserflasche über den Kopf schüttet?

Ich mag es nicht.

Schon mal jemandem eine mitgegeben?

Nein, das mache ich nicht. Die Fans tun das ja in der Hoffnung, sie täten dir etwas Gutes. Aber ich mag es nicht. Die Augen laufen zu. Du musst die Hand vom Lenker nehmen. Das kostet letztlich alles Zeit. Manchmal denkt einer, er könnte dich anschieben, ist aber langsamer und hält dich dadurch eher fest – da kann man schon ein bisschen aggressiv werden.

Schreien Sie die Leute dann an?

Ja, klar.

Vergangenes Jahr hatten Sie einen heftigen Trainingsunfall, danach gab es von den Fans ganz schön was auf den lädierten Körper.

Ja, ich hatte Rippenprellungen. Manche wussten das nicht. Die geben dir noch einen auf den Rücken, weil sie schon drei Tage oben auf dem Berg auf dich gewartet haben.

Gibt es Gegner aus der Radsporthistorie, Eddy Merckx, Miguel Indurain, gegen den Sie gerne mal angetreten wären?

Ich glaube nicht. Die Konkurrenz zu meiner Zeit ist stark genug.

Könnte Merckx heute mit Ihnen mithalten?

Nein. Man sieht es doch am Stundenschnitt, wie schnell die damals gefahren sind und wie schnell heute gefahren wird, um die 40 Stundenkilometer. Vom Material her könnten die schon gar nicht mehr mithalten. Früher gab es zwei, drei Leute, die alles unter sich aufgeteilt haben, jedes Rennen. Heute ist alles so kompakt und schnell geworden, dass man sich nur noch auf eine Sache konzentrieren kann. Einer ist im Frühjahr in Topform, einer im Herbst, einer bei den großen Rundfahrten.

Ist Ihr Sport am Limit?

Nein, absolut nicht.

Das heißt, es wird in 20 Jahren jemanden geben, der sagt: Jan Ullrich hätte heute keine Chance.

Natürlich, da bin ich hundertprozentig sicher.

Aber die Leistungen der Radsportler gelten schon jetzt als übermenschlich.

Das hat man auch schon zu Eddy Merckx’ Zeiten gesagt. Nur, die Autos werden doch auch schneller. Alles wird schneller. Das ist die Natur des Menschen – er entwickelt sich weiter.

Könnten Sie heute die Tour noch mit dem Aufwand gewinnen, mit dem Sie sie 1997 gewonnen haben?

Schwer zu sagen, ich hatte damals ein perfektes Jahr. Vielleicht ging es gerade so. Ich war stark, unbekümmert und jung.

Gibt es ein ideales Radfahralter?

Mit 30 hat man den Höhepunkt.

Für den großen Sieg bleibt nicht mehr allzu viel Zeit.

Diese Art von Leistungsdruck ist gar nicht so schlimm. Ich setzte mich ohnehin selber am meisten unter Druck. Was mich stört, sind die versuchten Einbrüche in meine Privatsphäre. Mich stört, dass ich wenig Privatleben habe.

Es gibt wenig Intimeres als die Großaufnahmen Ihres verzerrten Gesichts am Berg. Das stört Sie nicht?

Nein. Damit rechne ich doch. Aber ich rechne nicht damit, dass mein komplettes Privatleben auseinander genommen wird, dass jeder Schritt, den ich mache, verfolgt wird. Verzerrt am Berg – das bin ich. Das habe ich mir ausgesucht.

Was ist mit den ärztlichen Bulletins? Die halbe Nation weiß, wenn Ihr Knie weh tut oder Sie drei Kilo zu viel auf den Rippen haben.

Auch das stört mich nicht, wenn es einigermaßen im Rahmen der Wahrheit liegt. Vieles wird ja total verzerrt dargestellt, richtig umgedreht.

Sie lieben die Schmerzen, die Sie beim Sport spüren?

Stimmt. Ich kenne mich nicht anders. Seit Kindheit an habe ich Schmerzen vom Sport, die ich mir selber zufüge. Das Laktat schießt nun mal in die Muskeln. Das tut immer weh. Überall, Beine, Arme. Ich liebe es trotzdem. Ich fühle mich dann ausgelastet, einfach gut. Am schlimmsten war es in dem Jahr, in dem ich ausgefallen bin. Wenn ich mit dem Radsport aufhöre, muss ich deshalb einen ganz großen Schnitt machen und mir eine andere Sportart suchen.

Sie sind jemand, der seine Energien ausleben muss, haben Sie mal gesagt.

Ja, ich habe einen Sport, der weh tut, bei dem ich an die Grenzen gehen muss. Da ist Leidenschaft mit drin, Liebe. Trotzdem: Die Extreme, die hasse ich auch. Von den 40 000 Kilometern, die ich im Jahre fahre, habe ich auf 39 500 Kilometern diese Schmerzen nicht, das relativiert doch viel. Das ist übrigens etwas, was ich später einmal ändern werde. So extrem werde ich mich nach dem Radsport nie wieder quälen. Es muss weh tun, aber es darf mich nicht kaputtmachen. 200 Schläge Herzfrequenz zu haben, da fühle ich mich wohl.

Gibt es ein anderes Sportereignis, das Sie gerne mal gewinnen würden?

Ja, den New-York-Marathon – das ist eine Sache, die natürlich nicht so hoch bewertet wird. Aber irgendwann werde ich noch mal Marathon laufen.

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