Zeitung Heute : „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ Warum sich Kinder Hütten und kleine Paläste bauen

Hier bestimmen wir. Ein eigenes Reich ist wichtig für die geistige und körperliche Entwicklung. Foto: André Pöhlmann / mauritius images
Hier bestimmen wir. Ein eigenes Reich ist wichtig für die geistige und körperliche Entwicklung. Foto: André Pöhlmann / mauritius...Foto: mauritius images

Der Karton ist das neue Zuhause – mit der Schere noch ein Fenster hineingeschnitten –, das Laken wird zum Vordach, die darunter ausgebreitete Decke zum Teppichboden. Eltern schütteln oft den Kopf, wenn ihr Sprössling das Wohnzimmer umbaut und in gekrümmter Haltung in der neuen Behausung kauert.

Kinder lieben es, sich ihr eigenes Refugium zu bauen. Sei es durch verfügbare Gegenstände im Haushalt oder gleich draußen in der Natur, wo Stöcke, Äste, Blätter und alles, was da rumliegt, zum Häuslebauen verwendet werden kann – im Idealfall hoch oben in den Bäumen. Es beginnt, wenn sie sich unter der Decke verkriechen, um dort ihre Höhle zu finden, und endet häufig im Teenageralter beim Baumhausbau. Dabei erproben die Kinder nicht nur das Leben in der Welt, sondern üben sich auch in den Disziplinen Koordination und Gleichgewicht.

Im Alter von etwa eineinhalb Jahren beginnen Kleinkinder, sich die Welt auf einer Vorstellungsebene zu entwickeln. „Ihre Fantasie kann ganz schön wild werden, wenn sie keine Begrenzung hat. Das ängstigt die Kinder“, sagt Hellgard Rauh, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam. Deshalb ist es hilfreich, wenn sie sich kleine, überschaubare Räume konstruieren. Die oft beengende Größe der Kinderhöhlen kommt den Kleinen entgegen: Die geduckte Haltung mit gekrümmtem Rücken nennt Rauh „Kuschelhaltung“ – sie gibt dem Kind Beruhigung und Schutz.

Im selbst gebauten Raum herrschen die Regeln der Kinder. Nichts kann schiefgehen. Sie können immer wieder von vorne anfangen, sich neue Regeln ausdenken. In der Realität funktioniert das nicht. Hellgard Rauh vergleicht das mit dem Herumbalgen von Säugetieren: Die kleinen Geschwistertiere proben für später, raufen aber nur so, dass es nicht wehtut.

Mit dem Bau von Mini-Behausungen leben die Kinder die ganze Evolutionsgeschichte noch einmal aus. Zwar verstecken sie sich nicht vor wilden Tieren, dafür aber vor den Erwachsenen. Zudem wird oft vergessen, dass das Spiel auch eine wichtige Bewegungsmotivation für Kinder ist. Dieter Breithecker, Sportwissenschaftler und Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V., sagt: „Bewegung muss ja nicht immer Fußball sein. Spielen ist auch echte Bewegung.“ Breithecker sieht das Verhältnis vieler Eltern zum Thema Bewegung kritisch. Sie sind oft ängstlich und behalten die Kinder lieber zu Hause, wo sie sie kontrollieren können. Dafür werden die Kleinen dann dreimal pro Woche ins Schwimmtraining geschickt. „Kinder bewegen sich nicht, um gesund und schön zu sein, sondern sie haben ein spontanes Bedürfnis, ihre Umwelt zu erkunden. Das ist dann Bewegung“, sagt Breithecker.

Jedes Kind sollte ein anregendes Umfeld mit genügend Baumaterial haben – die Natur bietet davon am meisten. Für das Spiel im Haus empfiehlt Breithecker, dem Kind zumindest Materialien bereitzustellen, wie Decken, Haken in der Wand, Leinen zum Aufspannen, Kartons. Wenn die Kinder bauen, strengen sie sich nicht nur körperlich an, sondern sie organisieren, planen und gestalten. „Das sind komplexe Anforderungen an das Kind, bei denen sich die Nervenzellen im Gehirn vernetzen“, sagt Breithecker.

Je älter die Kinder werden, desto größer wird ihr Bezugsraum und desto mehr gehen die Regeln der Erwachsenen in das Spiel ein. Für kleine Kinder ist es noch sehr wichtig, die Vorstellungswelt mit etwas Handgreiflichem zu gestalten – als Teenager verlieren sie sich später eher in Tagträumen. Wenn sie ihre Höhlen und Häuser mit anderen Kindern beziehen, lernen sie Sozialverhalten. Man sollte die Kinder darin fördern und sie nicht daran hindern, ihr Kinderzimmer umzustellen oder im Geäst zu spielen. Überhaupt sei es dem Erwachsenen nicht erlaubt, sich in das Spiel der Kinder einzumischen, sagt Hellgard Rauh. „Nur wenn der Erwachsene eingeladen ist, darf er die Behausung des Kindes betreten.“ Das sei dann eine besondere Ehre. Franziska Felber

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