• „Ich mache mich jetzt sicher unbeliebt“ Daniel Kehlmann findet Österreichs Nationaldichter Thomas Bernhard verlogen

Zeitung Heute : „Ich mache mich jetzt sicher unbeliebt“ Daniel Kehlmann findet Österreichs Nationaldichter Thomas Bernhard verlogen

und versteckt sein Wienerisch. Dafür schießt er gerne in Computerspielen.

Interview: Andreas Austilat Verena Mayer

Herr Kehlmann, was vermissen Sie, wenn Sie nicht in Wien sind?

Die Schoko-Nuss-Torte im Café Griensteidl. Und eine gewisse spielerische Gelassenheit der Menschen, die Fähigkeit zur Ironie. Auch wenn sie mir in Österreich manchmal auf die Nerven geht, in Deutschland fehlt sie mir. Zum Beispiel, als ich neulich über den Heldenplatz gegangen bin, wo immer die Fiaker stehen, und ein Kutscher mir eine Stadtrundfahrt anbot. Ich sagte, nein danke, ich bin von hier. Darauf er: „Wetten, ich weiß mehr!“

Schade, dass die Leser nicht hören, wie Wienerisch Sie klingen können.

Eigentlich bin ich beides, Österreicher und Deutscher. Ich bin in München geboren, lebe aber seit meinem sechsten Lebensjahr in Wien. Insofern bin ich, auch wenn mir das nicht immer passt, eher österreichisch sozialisiert als deutsch. Aber ich bemühe mich, dass man es nicht so hört.

Von Bernhard Paul, dem Direktor des Zirkus Roncalli, stammt der Satz: Wer wie ich in Österreich aufwächst und ein bisschen anders aussieht, hat sowieso die Arschkarte gezogen.

Wobei anders auszusehen eher akzeptiert wird, als anders zu sprechen. Dabei sind es bloß ein paar Ausdrücke, die sich im Österreichischen unterscheiden. Sprechen Sie aber einen durchschnittlichen Österreicher darauf an, wird er lange darüber reden können, warum das österreichische Wort „Paradeiser“ so viel schöner sei als das hochdeutsche „Tomate“. Oder „Erdapfel“ viel schöner als „Kartoffel“. Ich habe nie verstanden, warum es so viel schöner sein soll, es ist auch nicht hässlicher, es ist einfach nur ein anderes Wort. Freud hat das den „Narzissmus der kleinen Differenz“ genannt. Wenn die Unterschiede sehr klein sind, werden sie ganz wichtig.

Lassen Sie uns über Ihr Österreich reden: Der schönste Berg?

Für mich der Dachstein, da war ich oft als Kind.

Können Sie Ski fahren?

Ja, und zwar ganz gut, aber das habe ich in der Schweiz gelernt. Wo es übrigens hilfreich war, nicht als Österreicher erkannt zu werden. Dann ging es einem schlecht, im besten Fall bekam man Österreicherwitze zu hören.

Kennen Sie einen Schweizwitz?

Nur diesen Satz, den man in Wien ständig hört: „Zürich ist doppelt so groß wie der Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig.“

Welches Klischee über Österreich bringt Sie zur Verzweiflung?

Wir wissen natürlich, dass Österreich ein Land ist, das politisch in vielem sehr rückständig ist, in dem eine rechtsextreme Partei wie die FPÖ große Erfolge hatte und hat. Trotzdem erlebe ich, dass man es sich im Ausland sehr leicht macht mit der Verachtung Österreichs.

Neuerdings gilt Österreich auch als das Land, in dem Menschen jahrelang in Kellerverliesen gefangen und misshandelt werden.

An den Menschen, die so etwas tun, gibt es nichts typisch Österreichisches, so etwas zu behaupten wäre ein Journalistenklischee. Das sind Tiefen des Bösen und der Mitleidlosigkeit, die man nicht mit irgendeinem nationalen Wesen verbinden kann. Es hat allerdings viel mit Österreich zu tun, dass sie so viele Jahre lang unentdeckt bleiben. Die Leute in der österreichischen Provinz leben offenbar sehr für sich, ziemlich kontaktlos nebeneinander her. In Südeuropa ist es einfach nicht möglich, dass ein Mann kaum ausgeht und 20 Jahre lang keinen Nachbarn zu sich einlädt. Er würde sehr bald damit auffallen und wäre im ganzen Dorf Gesprächsthema. In Österreich geht das. Solange einer höflich grüßt und korrekt angezogen ist, stört das keinen.

Man sagt dem Österreicher nach, er sei hintenherum, gemein und böse.

Das bezieht sich eher auf den Wiener und hat seine Ursprünge in der höfischen, katholischen Tradition. Das ist ein bisschen wie in Kastilien. Anders als in der protestantischen Kultur, in der man lernt, zu sagen, hier stehe ich und kann nicht anders. In Wien tut man das gerade nicht. Aber diese Unehrlichkeit bemängeln auch viele Österreicher aus anderen Teilen des Landes an Wien.

Der österreichische Kabarettist Josef Hader hat einmal gesagt, wenn es in Wien so international zuginge wie am Zürcher Hauptbahnhof, dann hätte die FPÖ die absolute Mehrheit. Hat Hader recht?

Abgesehen davon, dass Hader immer recht hat, geht kaum ein Land mit seiner internationalen Rolle so gut um wie die Schweiz. In der Schweiz leben die am besten integrierten Minderheiten, wobei man sagen muss, dass die Schweiz ein reiches Land ist. Wer viel Geld hat, kann Konflikte gut entschärfen.

Was haben die Schweiz und Österreich gemeinsam?

Beides sind unabhängige Alpenländer, und beide leben sehr gut von dem in ihren Banken lagernden Schwarzgeld. Die anonymen Nummernkonten, für die die Schweiz berühmt war, gab es doch bis vor kurzem auch in Österreich – bis die EU dem einen Riegel vorgeschoben hat. Österreich ist genauso ein Hafen für internationale Steuerhinterzieher und gestohlenes Diktatorengeld wie die Schweiz – das Land hat es nur irgendwie geschafft, dass ihm dieser Ruf nicht anhängt. Und in beiden Ländern gibt es einen gewissen aggressiven Regionalismus. Der Unterschied ist, dass man sich in der Schweiz eine Diktatur eigentlich nicht vorstellen kann, das ist das Gute. Dafür ist eine gewisse Spießigkeit in der Schweiz verbreiteter als in Österreich, dieser Druck auf den Einzelnen, konform zu sein, nicht aus der Masse herauszutreten.

Ihr Bestseller „Die Vermessung der Welt“ wurde im Ausland wahrgenommen als ein Buch über Deutschland, mit all den Eigenschaften, die sich in seinen Hauptfiguren Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt vereinen: Misanthropie, Kontrollwahn, Humorlosigkeit, sexuelle Verkorkstheit.

Das gilt nur für Humboldt. Gauß ist überhaupt nicht sexuell verkorkst, im Gegenteil, er ist sehr frei! Humorlos sind allerdings beide. Es ist natürlich ein ironischer Blick, und der hat mit Aspekten der beiden Figuren zu tun, die man deutsch nennen kann. Ich möchte nicht ausschließen, dass die – wenn auch nicht sehr große – Entfernung zu Deutschland mir geholfen hat, diesen ironischen Blick einzunehmen.

Wenn ein Buch über Österreich so angelegt wäre wie „Die Vermessung der Welt“ – welche Figuren würden die österreichische Seele so verkörpern wie Gauß und Humboldt die deutsche?

Ich mache mich jetzt sicher unbeliebt, aber der große satirische Roman müsste sich um eine Figur wie Thomas Bernhard drehen. Einen Mann, der es geschafft hat, weltweit als unterdrückter, verbotener, verfolgter Autor zu gelten und dabei zugleich in seinem eigenen kleinen Land der verehrteste, bestbezahlte, meistausgezeichnete Schriftsteller zu sein. Bernhard ist heute in Österreich, was Schiller 1880 in Deutschland war: die offiziell anerkannte, staatlich unterstützte und empfohlene Literatur. Ich habe neulich einen Artikel über die Neuausgabe von „Holzfällen“ geschrieben. Ein wenig Recherche genügt, und man kann belegen, dass Bernhard damals mit dem Kulturministerium in Verhandlungen stand, um Burgtheaterdirektor zu werden. Als daraus nichts wurde, schrieb er sein wütendes Buch gegen das angeblich konservative Burgtheater. Man kann das alles charmant finden. Ich finde es verlogen.

Welche Bücher sollte man noch lesen, um Österreich zu verstehen?

Muss es ein Buch sein? Ich kann Ihnen das aktuelle Programm von Josef Hader empfehlen: „Hader muss weg“. Hader spielt viele Figuren: einen sich aufgeklärt fühlenden, liberalen Idioten, dann wieder einen neurotischen Künstler und auch einen brutalen Tankstellenbesitzer, der das ganz Dunkle verkörpert. Ein Panorama von Charakteren, quer durch die Gesellschaft, von vernichtender Schärfe.

Können Sie uns nicht irgendetwas Nettes empfehlen?

Joseph Roths „Radetzkymarsch“. Die multinationale Tradition des Vielvölkerstaats, die ein einigermaßen friedliches Miteinander bedeutet hat und nicht nur Unterdrückung, gehört auch zu Österreich. So schlimm sieht die k. u. k . Monarchie nicht aus, wenn man sie mit dem vergleicht, was das 20. Jahrhundert danach so brachte.

Muss man den Roman lesen, oder reicht es, sich die Verfilmung Ihres Vaters, des Filmemachers Michael Kehlmann, anzusehen?

Ich kann den Film meines Vaters sehr empfehlen. Aber es ist immer gut, einen Roman zu lesen.

Ihr Vater war Österreicher?

Ja, aber er hat Österreich gleich nach dem Krieg verlassen. Meine Großeltern waren getaufte Juden, und er war nach den Nürnberger Gesetzen Halbjude. Im letzten Kriegsjahr war er in einem Nebenlager von Mauthausen interniert und hat durch mehrere glückliche Zufälle überlebt. Er ist dann nach dem Krieg bald nach Deutschland gegangen, weil er gesehen hat, wie viele Leute, die unter Hitler in wichtigen Positionen waren, nun wieder ihre alten Posten hatten.

Und da ging er ausgerechnet nach Deutschland?

Das klingt merkwürdig, aber damals hatte es eine gewisse Logik. Deutschland begann früher damit, die Verbrechen aufzuarbeiten. Aus naheliegenden Gründen war mein Vater den Großteil seines Lebens sehr antiösterreichisch und wurde dann erst im Alter immer patriotischer. Das ist eine Entwicklung, die mir vielleicht noch bevorsteht.

Haben Sie schon einen solchen Moment gespürt, in dem Sie dachten: Jetzt werde ich patriotisch?

Immer wenn ich mit Behörden zu tun habe. Die Leute sind so balkanisch gelassen, dass sie Regeln nicht ernst nehmen und trotzdem nicht korrupt sind. Man kann mit den Beamten reden. Unlängst, beim Papstbesuch. Die Innenstadt war abgesperrt, alles unpassierbar, weil alle 20 Meter ein Polizist stand. Und meine Wohnung lag auf der anderen Seite einer Sicherheitsabsperrung. Es war zehn Minuten vor Eintreffen des Papstes, ich fragte einen Polizisten, ob ich darüberklettern dürfte. Der überlegte einen Moment und sagte dann: „Dort an der Ecke sehe ich es nicht.“

Im Roman „Das bin doch ich“ Ihres Wiener Freundes Thomas Glavinic sind Sie ein Running Gag. Die Hauptfigur, ein erfolgloser Schriftsteller, bekommt ständig SMS von Daniel Kehlmann, der schreibt, wie viele Bücher er verkauft hat. Sie kommen ein bisschen als Streber rüber. Haben Sie ihm das verübelt?

Wenn es so wäre, wäre es nicht schlimm, aber die Lesart ist mir neu. Im Gegenteil, ich sage da dauernd zynische und geistreiche Sätze und bin viel witziger als in Wirklichkeit. Es sind auch nicht ständige SMS, sondern etwa drei. Ein wunderbarer Roman, ich bin stolz, darin eine Figur zu sein.

In dem Roman vertrödelt die Hauptfigur ihre Zeit mit Computerspielen. Das ist Ihnen bestimmt fremd.

Ich habe „Tomb Raider“ Teil eins bis fünf durchgespielt, alle Levels.

„Tomb Raider“ ist ein sogenanntes Ego-Shooter- Spiel, in dem man mit der Waffe in der Hand durch Gänge rennt und seine Gegner abknallt.

Es geht nicht nur ums Schießen, man muss auch Türen aufbekommen und klettern und Rätsel lösen. Spiele, in denen man aufbauen und organisieren muss – das wollte ich nie. „Civilization“, was Glavinic spielt, ist mir zu friedlich. Wenn schon Computerspiele, dann muss geschossen werden.

Spielen Sie viel?

Ich habe es mir abgewöhnt. Man steuert ja seine Figur, also bei „Tomb Raider“ die Lara Croft, mit einer Tastenkombination. Man kann da wirklich alles steuern, jede Bewegung. Jedenfalls saß ich eines Abends mit Freunden in einem Restaurant, und da war so eine Stufe. Die Kellnerin ging mit ihrem Tablett vorbei, und in dem Moment, in dem sie auf die Stufe stieg, habe ich automatisch mit den Fingern die Tastenfolge auf den Tisch getippt, die Lara eine Stufe hinaufgehen lässt. Da habe ich gemerkt, jetzt reicht es.

Das war vor der „Vermessung der Welt“?

Viel früher, sonst hätte es das Buch vielleicht nie gegeben. Obwohl, manchmal spiele ich noch. Schauen Sie hier, mein Blackberry. Da gibt es den „Brickbreaker“, das ist sehr unterhaltsam, in der U-Bahn etwa oder beim Schlangestehen.

Sieht aus wie so ein geometrisches Puzzle.

Ein bisschen wie „Tetris“. „Tetris“ war genial, ich hatte einen 35 000er Highscore, schwer zu schlagen. Aber das Problem ist, wie nervös einen Computerspiele machen. Ich neige ohnehin zur Nervosität, und wenn man seiner Spielfigur 50-mal am Tag beim Sterben zuschaut, wie das ja bei „Tomb Raider“ nicht zu vermeiden ist … Diese Spiele versetzen einen in einen Zustand gesteigerter Aufregung, gleichsam das Gegenteil von Buddhismus. Ich dachte, etwas mehr Buddhismus schadet nie.

Sind Sie ein Fan von Angelina Jolie, die im Kino Lara Croft gespielt hat?

Ich bin ein Fan, aber nicht wegen „Tomb Raider“. Nicht der Film interessiert mich, sondern das Spiel, das ist was anderes. Kennen Sie „Mafia“?

Da wird auch geschossen, man spielt einen Gangster in den 30er Jahren.

Genau. Bei „Mafia“ müssen Sie immer wieder zum Flughafen fahren, eine sehr lange Fahrt, und diese Landschaft ist auf dem Bildschirm komplett ausgeführt. Irgendwann hatte ich den Einfall, stehen zu bleiben. Da war nichts, nur Straße. Und dann bin ich mit der Spielfigur da herumgegangen und habe gemerkt, dass an einer Stelle der weiße Streifen am Straßenrand schlecht aufgebracht ist, als ob der Maler einen Schlenker gemacht hätte.

Sie waren fasziniert von der Liebe zum überflüssigen Detail?

Niemand ist je in diesem Spiel an genau dieser Stelle stehen geblieben, es gibt keinen Grund dafür. Und dann entdecken Sie dort so eine realistische Unregelmäßigkeit. Das sind die Momente, da diese Computerspiele sich fast in den Bereich der Kunst erheben. Die völlige Zweckfreiheit einer perfekt ausgestatteten künstlichen Welt.

Aber Sie haben sich gelöst von dieser Welt und schreiben Bücher. Das neue erscheint im Januar.

Ja, aber darüber möchte ich noch nichts sagen.

Wo haben Sie es geschrieben?

An vielen Orten, aber das letzte Drittel in Wien. Da habe ich mich vollkommen zurückgezogen. Wien ist für mich Stabilität, ein sehr guter Platz, wenn ich etwas zu arbeiten habe. Weil es einfach eine langsamere Stadt ist, sogar die Leute gehen langsamer. Etwas verschlafen, aber auch gelassener.

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