Zeitung Heute : Ich mein träumte, Mund zugemauert sei

Sie gilt als verstockt und nicht besonders helle. Statt Selbstbewusstsein fühlt sie Hass. Sie flüchtet in die Sucht und versucht, sich umzubringen. Vielleicht ist sie ja nur von allem unterfordert – eine Hochbegabte? Eine Reise in die innere Emigration und zurück ins Leben.

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Von Gabriele Bärtels Noch bevor ich eingeschult wurde, war ich schon verstummt. Meine Mutter hatte mit den sechs Kindern, die sie in rascher Folge gebar, hinreichend zu tun, und in den ersten Jahren fehlte auch noch die Waschmaschine. Ihre erste Tochter war anstrengend, ich soll unheimlich viel geredet haben und wurde zum Schweigen gebracht.

Als ich die Schultüte in der Hand trug, war mein Kinn schon auf die Brust gesunken, und ich schaute keinem Menschen mehr in die Augen. Aus der Kinderbücherei schleppte ich täglich vier Bücher heim und fraß sie mehr, als dass ich sie las. Furchtbar oft erfasste mich eine Unruhe, die ich nur besänftigen konnte, wenn ich mit dem Oberkörper schaukelte, vor und zurück, vor und zurück. Nachts schlug ich genauso rhythmisch meinen Kopf gegen die Wand.

Das irritierende Gefühl, unter vielen Menschen allein zu sein, quälte mich wie selbstverständlich.

In der Grundschule bekam ich noch überall Einsen. Im Gymnasium sank ich schnell ins untere Mittelfeld ab und schaute meinem Zwillingsbruder dabei zu, wie er den Wortführer gab. Gelegentlich dachte ich, dass ich die Antwort auf die Frage des Lehrers wüsste, aber sie schien mir zu banal, und ich war ja dumm und faul, also meldetete ich mich nicht, sondern malte Blümchen in mein Heft. Wenn ich in den Pausen bei den Klassenkameraden stand, wanderten meine Blicke über Einzelheiten: die Form eines zertretenen Kaugummis, das sich in einer Glasmurmel spiegelnde Licht. Beim Gummitwist ließen mich die Mädchen zwar mitmachen, aber ich war so ungeschickt, dass ich es selten versuchte. In meinem Innern herrschte Dauerschmerz, Dauersehnsucht nach etwas Unfassbarem.

Scherze machte ich nur mit meiner Freundin, der ich übel nahm, dass sie sich im Schulbus hinten zu den Radaubrüdern setzte. Sie war mein Zugang zur Welt. Wollte ich zu anderen etwas sagen, legte ich mir vorher den Satz zurecht. Aber in der Aufregung vergaß ich die Worte, brach ab, mein Herz schlug wild. Jeden Tag stürzte ich auf diese Weise mehrfach ins Bodenlose. Wenn ich darüber reden wollte oder sonstige Einwände im Leben hatte, schlug mein Vater zu. In der Schule saß ich wie ein Stein. Man erwog, mich auf eine Sonderschule zu schicken. Kam ich nach Hause, die Beine schwer von unerklärlicher Trauer, fiel ich ins Bett und dämmerte bis in den Abend oder bis meine Mutter die Tür aufriss.

Ich begann, ihr Geld aus dem Portemonnaie zu stehlen. Natürlich wurde ich mehrfach erwischt und ich war nun auch noch eine Diebin. Während mein Zwillingsbruder gute Zensuren hatte, mit seinem Mofa ins Leben brauste, las ich, träumte, ging allein in den Wald und rannte dort bis zur Atemlosigkeit. In ein Ringbuch schrieb ich mit lila Tinte über alles, was nach Ansicht meiner Eltern nicht existierte.

Sie zwangen mich, zu den ersten Feten zu gehen, die in Hobbykellern veranstaltet wurden. Ich wäre viel lieber zu Hause geblieben, denn was Erwachsene redeten, interessierte mich viel mehr. Auf den Feten hockte ich außerhalb des zuckenden Rotlicht-Kegels, beobachtete, wie die Hand eines Jungen unter den Pullover meiner Freundin fuhr, wie die Mädchen in Grüppchen kicherten. Kein Junge wollte mit mir zusammen sein, nur knutschen. In ihrer Nähe war ich sprachlos, passiv, abwartend. In einem Beutel trug ich mein Ringbuch bei mir, und hoffte, meine Schwärme würden mich darin entdecken, aber ich wagte nie, es ihnen zu geben, wie auch die Briefe nicht, die ich an sie verfasste.

Nach der Zehnten wechselte ich auf ein Mädchengymnasium, in dem man nur ein so genanntes „Pudding-Abitur“ machen konnte. Unter den herzenswarmen, direkten Mädchen blühte ich auf. Als die Deutschlehrerin mich zur Seite nahm und sagte, mein „Verbalisierungsgrad“ sei äußerst „elaboriert“, und ich sollte mir einen anderen Umgang suchen, sah ich sie verächtlich an und spottete bei meinen Freundinnen über ihre kranke Ausdrucksweise. Wir besuchten eine ägyptische Ausstellung, und ich verblüffte die Klasse und mich, denn ich konnte über die Echnaton-Zeit genauso gut Auskunft geben wie der Museumsführer, wortwörtlich hatte ich behalten, was ich einmal gelesen hatte. Das blieb meine einzige Meisterleistung während der Schulzeit. Das Abitur schaffte ich gerade eben.

Mein Vater besorgte mir eine Lehrstelle in einem Bekleidungsgeschäft, denn zu studieren traute ich mich nicht. Nach drei Monaten hinter dem Verkaufstresen wollte ich mir einen Steinbrocken auf den Fuß fallen lassen, um nicht mehr hingehen zu müssen. Es gelang mir nicht, aber ich ließ mich wegen Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schnupfen krank schreiben, manchmal blieb ich auch einfach so weg. Dann kam die fristlose Kündigung, die mich erleichterte und entsetzte.

Ich war mit 18 ausgezogen, wohnte mit einer Freundin zusammen, ging in die Disco wie alle, stand hinter einer Säule, und in mir loderte Hass: Ich kann sie alle manipulieren, schrieb ich in mein Ringbuch, es ist so langweilig. Dann strich ich es wieder aus, denn so etwas durfte man nicht denken. Der einzige Ort, an dem ich meinen Körper spürte, war die Tanzfläche. Ich tanzte stundenlang mit irgendeinem Mann, den ich nur schemenhaft wahrnahm und der das nie erfuhr. Heimlich begann ich zu fressen und nahm 15 Kilo zu. Jemand gab mir den Tipp, doch einfach den Finger in den Hals zu stecken. Dass Bulimie eine Krankheit war, war mir nicht bekannt. Ich kotzte, bis meine Zähne schlecht wurden. Mit 21 steckte ich mir die erste Zigarette an und hatte von da an eine andere Sucht. Kalorien zählte ich weiterhin.

Bis ich 30 war, lebte ich mit verschiedenen Männern zusammen, deren Ansprüchen ich nur genügte, wenn ich in die Knie ging. Da ich nie gerade gestanden hatte, fiel mir das nicht auf. Ich jobbte in Gitarrenbau-Läden, warb für ADAC-Mitgliedschaften, verkaufte in Boutiquen Jeans und indische Blusen. Nirgends blieb ich lange, ich stahl, meldete mich krank, wurde gekündigt, saß beim Arbeitsamt. Mein Bankkonto war im Minus festgefroren.

Obwohl ich kurzsichtig war, trug ich keine Brille. Auf meinem Gesicht lag das Make up zentimeterdick, meine Ausschnitte reichten bis zum Bauchnabel. Eine Freundin hatte ich nicht mehr, auch sonst keine Interessen. Kam mein Freund fünf Minuten zu spät, war ich sicher, er habe einen Unfall gehabt. Nach spätestens zwei Jahren verließ mich jeder, und ich unternahm einen Selbstmordversuch, denn ohne Mann blieb von mir nichts übrig. Ich hatte vergessen, dass ich einmal geschrieben hatte. Mein Körper und mein Geist waren in starre, unsichtbar Formen gepresst. Ich las billige Liebesromane, während meine Klassenkameraden ihre Studienprüfungen ablegten. Die Weltnachrichten bewegten mich nicht. Mich interessierte nur, wie ich aussah.

Ich lernte einen Arzt kennen, der vor dem Examen stand. Er sagte: „Ich stehe nur deswegen so früh auf, weil ich dann dein ungeschminktes Gesicht sehe.“ So übte ich, zunächst nur sonntags, das Make up wegzulassen. Als ich wieder arbeitslos wurde, bot mir das Arbeitsamt eine Ausbildung an. Ich flüsterte: „Ich möchte was mit Menschen machen.“ Da sprach der Berater: „Dann sind Sie als Kauffrau in der Wohnungswirtschaft genau richtig.“ Also lernte ich eben das. In fast allen Fächern schloss ich mit Eins ab, endlich hatte ich einen Beruf wie alle anderen.

Vier Jahre lang bearbeitete ich ewig gleiche Vorgänge, und die sozial schwierigen Mieter belasteten mich sehr. Als der Mediziner mich verließ, wollte ich mich wieder umbringen. Er ging trotzdem.

Bald wurde ich noch viel öfter krank geschrieben, nahm ab, schlief nicht mehr, fing wieder an zu fressen, begann eine Therapie. Dem Therapeuten verschwieg ich, dass ich ihn ohne Brille nur schemenhaft wahrnahm. Einmal sagte ich: „Ich glaube, ich bin sehr intelligent.“ Da schoss er aus dem Sessel: „So was sagt man nicht über sich.“

Dann schickte er mich zu einem Psychiater, der mir Neuroleptika verordnete. Auf seinem Schreibtisch stand ein Bhagwan-Foto. Ich musterte die anderen Wartenden und fragte mich, ob sie verrückt waren und ich auch. Der Psychiater schrieb mich wochenlang krank, weil ich mich nicht mehr überwinden konnte, das Büro zu betreten, das mir wie ein Gefängnis vorkam, obwohl ich die Kollegen mochte.

Zu dieser Zeit wohnte ich zufällig neben einem Theater. Eines Abends wagte ich mich dorthin, stand im Foyer im Dunkeln, beobachtete die Künstler. Am Wochenende konnte man in einer Halle tanzen, und so begann ich, mit 31 Jahren meinen Körper wieder zu bewegen, wirbelte meine Glieder umher, ergriff den Raum, unsäglich glücklich, rannte nachts um zwei schweißnass nach Hause, hatte mit niemandem gesprochen, obwohl ich schon viele Gesichter kannte.

Tagsüber fuhr ich nun stundenlang Fahrrad, übte wie ein Kind Schlangenlinien und Achten, trainierte 1000 Meter schwimmen. Ich zwang mich, beim Gehen geradeaus zu gucken, anstatt auf den Boden. Auf dem Theatergelände sah ich den Technikern, Schauspielern, Regisseuren zu und fragte mich, wie man es fertig brachte, derart lange Gespräche zu führen.

Ich gewann ein paar Freunde, aber es war wie meistens: Hatte ich mich einmal entspannt, löste sich auch meine Zunge und während meine Rede floss, blickte ich in irritierte Gesichter. Und ich wiederum konnte nicht erklären, was mich so ermüdete, wenn ich versuchte, ihren Ausführungen zu folgen, die ich gern unterbrochen hätte, weil ich längst wusste, was sie sagen wollten, was ich antworten würde und so fort. Wochenlang saß ich allein zu Hause, beobachtete die Wände, die Fliegen auf ihnen. Stieg ich in die U-Bahn, um zur Arbeit zu fahren, erstickte ich schon an der nächsten Station, sprang heraus, kehrte um.

Wieder so ein Morgen, an dem ich nach dem Frühstück schon vor dem Abgrund stand. Da fiel mir ein, dass ich irgendwo einen Tuschkasten haben musste. Auf dem Dachboden fand ich ihn nicht, stattdessen eine Kiste mit den alten Ringbüchern, die ich von Umzug zu Umzug mitgeschleppt hatte. Nun las ich drei Tage lang meine eigene Geschichte. Die Texte waren mir so fremd geworden, dass ich erkennen konnte, dass sie gut geschrieben waren. Ich stellte mich vor den Spiegel und fragte ihn: Ist es das, was du werden willst, eine Schriftstellerin?

Ich begann am nächsten Tag.

Das Papier brachte ich dem Psychiater. Er las es nicht, sondern sah mich über den Brillenrand an und sagte streng: „Sie nehmen zu viel Raum ein.“ Ich sei manisch-depressiv, müsse in die Psychiatrie, mich auf Lithium einstellen lassen, es mein Leben lang nehmen.

In einer neurologischen Praxis zog man mir ein Gumminetz über den Kopf und maß meine Hirnströme. Die Abdrücke hatte ich noch im Gesicht, als ich dem Neurologen vorgestellt wurde, der keine Auffälligkeiten feststellen konnte. Mit den roten Abdrücken verließ ich die Praxis.

Psychotisch sollte ich also sein. Kein Mann würde je eine solche Frau wollen. Das Urteil war gefallen, mein Lebenslauf bewies, dass es gerecht war. Die aufmüpfigen Gedanken, die ich manchmal hatte, passten genau ins Bild. Alles, was ich dachte, war schon im Ansatz krank. Mein Leben war vorgezeichnet. Mir blieb nur noch übrig, es auszumalen.

Drei Tage später packte ich eine Tasche und ging freiwillig in die Uni-Klinik.

Dort sah man mich zweifelnd an, nahm mich aber auf. Die Tabletten wurden sofort abgesetzt. Ich lernte Schizophrene und schwer Depressive kennen, und versuchte, meine Furcht im Zaum zu halten, dass man mich nie wieder frei ließ. 14 Tage später ging ich mit der Diagnose: hysterische Abwehr einer Depression. Tabletten sollte ich nicht mehr nehmen. Weder der Therapeut noch der Psychiater haben mich wiedergesehen, aber ihre Zweifel an meiner geistigen Gesundheit blieben in mir sitzen. Ich träumte, dass mein Mund zugemauert war und alle Türen.

Aber irgendwie musste es möglich sein, zu den Menschen zu kommen. Sonntags setzte ich mich auf eine Parkbank und zwang mich, jedem Spaziergänger in die Augen zu schauen, wie verächtlich mir sein Blick auch erscheinen mochte. Ich las Freud und Mitscherlich und diagnostizierte mir jede Geisteskrankheit, die ich fand. Ein halbes Jahr später kündigte ich, löste den Bausparvertrag auf, verkaufte mein rostiges Auto. Ich wollte Schriftstellerin werden. Das würde ich mit aller Kraft ansteuern.

Sechs Jahre lang schrieb ich vor mich hin, schickte gelegentlich eine Geschichte an einen Verlag, derer ich mich gleich darauf tödlich schämte. Ich jobbte oder lebte von Arbeitslosenhilfe. Hin und wieder begegnete ich einem, der zu den „Augenmenschen“ gehörte, zu denen ich eine Anziehung verspürte, ohne mir den Grund erklären zu können. Solchen Blicken wich ich aus. Und doch tat sich etwas: Ich besaß keine Waage mehr und aß, was ich wollte. Meine Haltung und mein Gang veränderten sich, aber meine Stimme saß immer noch hoch unter dem Kinn. Nur manchmal, wenn ich ganz entspannt war, rutschte sie in die Brust, den Bauch. Hin und wieder wünschte ich mir, eine alte Frau zu sein. Dann kannst du sagen, was du willst, dachte ich.

36 war ich, als ich zum ersten Mal ein kleines Theater betreten wollte, in dem sich rund 50 Autoren und Möchtegern-Autoren trafen, um über ihre Texte zu diskutieren. Auf den Stufen saß ein Mann mit einem ungepflegten Vollbart. Ich drehte ab und flüchtete. Sechs Wochen später unternahm ich den zweiten Versuch und ging von da an jede Woche hin. Monatelang trug ich eine Geschichte in der Tasche, bevor ich mich auf die Bühne stürzte, um sie vorzulesen. Schon beim ersten Absatz wurde mir schwarz vor Augen.

Ich stolperte tonlos durch die Zeilen, unterbrach mich dauernd, am Ende fehlte eine Seite. Es gab reichlich Kritik, aber hinterher gehörte ich auf einmal dazu.

Zwei Jahre lang kannte ich keine andere Familie, lernte streiten, kritisieren, eine Meinung haben, Texte analysieren. Schließlich pickte ich mir die besten Schreiber heraus und gründete mit ihnen eine Gruppe. Alles, alles was ich tat, war von Todesangst begleitet. Immer wieder dachte ich: Sie werden mich entlarven. Ich habe mich nur eingeschlichen, in Wirklichkeit bin ich verrückt und schlecht. Zu Hause war immer noch der sicherste Ort. Ich war 38, als ich befand, dass man sich der Grenze zur Wirklichkeit nähern müsse, in diesem Fall der zu Lektoren und Redakteuren, ich wollte ein Teil der Gesellschaft, nicht ihr Außenseiter sein. Es musste möglich sein, vom Schreiben zu leben. Es war das Beste, was ich hatte.

Mein erster Artikel war eine Titelstory in einem Hochglanzfrauenmagazin und brachte 2500 Mark auf mein Konto. Dass man nur für Worte so viel Geld verdienen konnte, erschien mir irrsinnig. Ich besorgte mir eine Steuernummer und einen Presseausweis. Von dem Geld flog ich zum ersten Mal in den Urlaub, so weit weg, wie ich noch nie zuvor gewesen war. Es folgten mehrere Artikel in anderen Hochglanzfrauenmagazinen, überregionalen Zeitungen. Doch ich blieb unsicher, hatte bis dahin nie eine Redaktion von innen gesehen, versuchte, jedes Telefonat zu umgehen. Wurde ein Text zweimal abgelehnt, verschwand er in meinen Ordnern.

Mit den meisten Menschen wollte ich nur reden und sehen, wie weit ich eigentlich kam, wenn ich mich aus dem Haus wagte. Meine Reportagen brachten mich bis nach Hongkong und dort bis in den Chinaclub, nach Monaco, Las Vegas und in Vorstandsetagen. Ein merkwürdiger Spalt tat sich in mir auf: Zwar fühlte ich mich durch meine länger werdende Veröffentlichungsliste, als hätte ich eine Art Doktorarbeit nachgeholt, tanzte gelegentlich auf eleganten Festen oder in luxuriösen Hotels, aber mit nichts als 15 Mark in der Tasche. Wenn ich heimkam, zog ich Jeans an und besuchte meine Freunde in Kreuzberg: Kneipenwirte, Krankenschwestern, Halbkriminelle. Irgendwo dazwischen lag mein Zuhause, in dem ich vieles schrieb, was niemand sehen durfte. Ich brauchte Einsamkeit. Aber nicht in dieser Menge.

Dass ich einen IQ von über 130 habe, erfuhr ich erst vor zwei Jahren durch einen Test, den ich aus Langeweile machte. Es ist ein Geschenk, das zu wissen, denn es nahm mir endgültig die Angst, verrückt zu sein. Drei Tage lang beobachtete ich mich beim Denken und konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Ich forschte im Internet nach Informationen und lernte den Begriff „Underachiever“ kennen. So nennt man Menschen, die nicht die Hochleistung erbringen, zu der sie in der Lage wären. Das ist der Fall, wenn Hochbegabung nicht frühzeitig erkannt und gefördert wird, wenn das hochbegabte Kind frustriert oder gar gemobbt wird. Noch heute, da die Aufmerksamkeit für die Problematik zugenommen hat, werden in den Schulen sechs Mal mehr hochbegabte Jungen als Mädchen entdeckt.

Ich begriff, dass ich für Höchstleistungen viel zu lange vor dem Fernseher lag. Nun, da ich mit anderen Augen schaute, erkannte ich einige andere, die, in ihren Wohnungen vergraben, seltsame, stumme, gefährliche Lebenswege gingen. Das trifft auch auf mich hin und wieder zu, aber meistens empfinde ich helle Freude.

Die Autorin (45)

ist Schriftstellerin und

Journalistin.

Sie gibt das Internetmagazin frida-magazin.de heraus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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