Zeitung Heute : „Ich möchte die innere Fleischuhr erforschen“

Die Künstlerin Pipilotti Rist findet, der Sammler Flick hat genug gelitten. Sie nennt ihren Sohn Himalaya und weiß, wo man schnell schwanger wird.

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Pipilotti Rist, 42, ist durch ihre Videoinstallationen als Künstlerin international bekannt geworden. Werke von ihr sind in der FlickCollection zu sehen; auf der Biennale in Venedig, die am 11. Juni beginnt, vertritt die Schweizerin ihr Land mit einem Video-Deckengemälde in der Kirche San Stae.

Interview: Stefanie Flamm und Nicola Kuhn Frau Rist, Sie gelten als Repräsentantin der „anderen Schweiz“.

Sehen Sie das so?

Natürlich. Sie sind die bekannteste Künstlerin des Landes, tauchen mit blauen Haaren bei Pressekonferenzen auf. Das hat wenig zu tun mit einem Staat, dessen Botschafter am Nationalfeiertag Schokolade auf der Berliner Friedrichstraße verteilt.

Wenn Sie mich an den Klischees messen, wirkt das wohl so, als sei ich anders. Aber wenn Sie sich die anderen Schweizer Künstler anschauen, bin ich gar nicht mehr so ausgefallen.

Sie lieben es schon sehr bunt.

Die Realität ist extrem bunt. Wenn ich in meine Videos mehr Farbe reingebe, versuche ich der Wirklichkeit näher zu kommen. Selbst wenn man die Augen schließt, sieht man intensive, psychedelische Farben. Ich empfinde Farbigkeit nicht als oberflächlich oder belanglos. Ich käme mir in einem schwarzen Kleid sogar feige vor. Wer sich schwarz kleidet, sagt: Meine Werte liegen im Inneren, ich muss nicht auf mich aufmerksam machen, ich will mit keinem reden. Mich hat diese Pose nie interessiert.

Heute tragen Sie einen knallroten Anzug. Hat der eine besondere Bedeutung?

Ich liebe gebrauchte Kleider und ihre Geschichten. Ich habe die komplette Garderobe von meiner Mutter geerbt und bis vor zehn Jahren viel Secondhand gekauft. Doch dann hat sich mein Kindsvater beschwert, dass ich mir, seit wir uns kennen, außer Socken noch nie etwas Neues angeschafft habe. Darum habe ich mir vor kurzem in Kanazawa, Japan, vorgenommen: Wenn die Ausstellung gut läuft, muss ich mir ein Kostüm zulegen. Und so bin ich an diesen Comme des Garçons-Anzug gekommen, der aussieht, als hätte ich was in den Hosen.

Kurz davor haben Sie in einer New Yorker Galerie eine Kamera in der Toilette angebracht, jeder, der da saß, konnte sein eigenes Hinterteil auf einem Bildschirm sehen.

Die Ausstellung kam insgesamt sehr gut an, aber das „Füdli“ …

…auf deutsch „das Hinterteil“…

… ist total durchgefallen. Ein Kritiker hat ganz empört gefragt, warum die Künstler immer in die Körperöffnungen hineinmüssen.

Und warum müssen Sie da rein?

Ich gehe in dieser Installation ja nicht hinein, ich bleibe mit der Kamera draußen. Man sieht sich bei der Installation nur selber, und wer das Bild seines Füdlis ablehnt, lehnt sich selber ab. Aber zur Frage, warum die Künstler in den Körper müssen. Ich glaube, dass es eine wichtige Aufgabe ist, den inneren Kosmos darzustellen. Jede Sekunde fließt so viel Blut durch uns, die Synapsen zischen, und wir bekommen nichts davon mit. Diese innere Fleischuhr zu erforschen, ist die Urmotivation von jedem Wort, jedem Ton und Strich.

Dennoch muss zeitgenössische Kunst mit dem Vorwurf leben, gar keine Kunst mehr zu sein. Was antworten Sie, wenn jemand eine Arbeit von Ihnen sieht und sagt, das sieht ja aus wie ein Videoclip bei MTV?

Ich finde, man zollt dem Musiksender einen zu großen Tribut, wenn man sagt, MTV allein habe den Musikfilm erfunden. Die Popästhetik hat eine Tradition, die bis in die 60er Jahre zurückgeht, und dort liegen auch viele meiner ästhetischen Vorbilder. Und wenn jemand sagt, das sei keine Kunst, was ich mache, kann ich damit leben. Es ist schon sehr viel, wenn die Leute nicht das Gefühl haben, mit meinem Zeug ihre Zeit zu verschwenden. Mein wichtigstes Publikum sind deshalb die Museumswärterinnen. Ich frage sie immer, wie sie es fanden.

Sie haben als Computervideografikerin für die Werbung angefangen. Auf der Biennale von Venedig, die nächste Woche eröffnet wird, haben Sie eine Kirche zu einer Art Videokino umgebaut. Worin liegt also der Unterschied zwischen Kunst und Videoclip?

Was Kunst ist und was nicht, definiert die Künstlerin selbst und natürlich der Ort, also das Museum, das die Arbeiten ausstellt. Aber die Grenzen sind fließend. Ich empfinde Kunst nicht als Selbstzweck. Kunst ist auch ein Service, wenn sie die Menschen nicht berührt oder langweilt, hat sie keine Berechtigung. Professionalität ist mir persönlich sehr wichtig. Ich liebe es, wenn die Leute ihr Metier beherrschen. Nehmen Sie zum Beispiel den Videoclip von Baillie Walsh für „Unfinished Sympathy“ von „Massive Attack“, der ist perfekt.

Was gefällt Ihnen daran so gut?

Er zeigt eine Frau, die federnd über die Straße geht. Zuerst ist die Kamera hinter ihr, dann wird sie von der Kamera überholt und sie singt in die Kamera hinein. Während dessen passieren um sie herum ganz viele Dinge, das Ganze mit nur einem Take gefilmt. Es sieht zufällig aus, man nimmt es ihr einfach ab. Eine klare Idee ohne falschen Ehrgeiz und superprofessionell umgesetzt. In der Werbung arbeiten viele, die eigentlich Künstler sind, aber das Risiko dieses Berufs nicht auf sich nehmen wollen oder können. Als Künstlerin kann ich mich nicht hinter einem Auftraggeber verstecken. Ich muss mit meinem Namen für meine Arbeit einstehen.

Kriegen Sie oft eins drüber?

Eigentlich nicht. Ich glaube, das liegt daran, dass meine Arbeiten eben nicht so lustig und leicht sind, wie sie auf den ersten Blick wirken. Nehmen Sie „Ever is Over All“…

…einen Film, in dem eine Frau mit einer Blume die Fensterscheiben parkender Autos zertrümmert…

… diese Arbeit macht niemanden fertig, weil der Ausdruck der Figur nicht dem kriminellen Akt entspricht, der da vollführt wird. Und diesen Widerspruch finde ich spannend. Ich möchte, dass in der Fantasie die Möglichkeiten dessen, was man tun kann, größer werden. Es ist nur eine kleine Hürde, die uns hindert, Autoscheiben zu zertrümmern. Klar habe ich meine politische und feministische Agenda. Ich rücke sie nur nicht ins Zentrum.

Und was steht auf Ihrer feministischen Agenda?

Es interessiert mich, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit präsentieren. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es keine weiblichen Fetisch-Bilder gibt, die mit der homosexuellen Ikonografie des Seemanns oder, meinetwegen auch, des Bauarbeiters vergleichbar wären? Brauchen wir das nicht? Oder liegt das nur daran, dass Frauen so selten eine Kamera in der Hand haben? Für mich ist mein Kunstwerk mein Experimentierfeld, meine Art der Wissenschaft, nur dass ich nicht mit Wörtern arbeite, sondern Bilder anbiete.

In Berlin sind Sie im Rahmen der Flick-Collection präsent. Hatten Sie sich überlegt, ob Sie mit dieser Sammlung in Verbindung gebracht werden wollen?

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht. Christian Flick war auch hier im Atelier, um mir seine Sammlung zu erklären. Ich fand ihn einen guten Typen. Er leidet genug.

Er hatte seine Sammlung auch der Stadt Zürich angeboten, aber hier wollte man ihn nicht.

Das stimmt so nicht. Die Stadt war interessiert, aber es gab eine riesige Kontroverse, Künstler, Theaterleute und Journalisten haben opponiert. Ich würde gerne wissen, wie die auf die Frage reagiert hätten, ob sie etwas in die Sammlung geben würden. Damals, meine ich. Nach dieser Diskussion würde jeder nein sagen. Diese Debatte hat eine Doppelmoral, die mir nicht gefällt. Hätte er sich Privatjets von diesem Geld gekauft, würde es niemanden interessieren. Wenn ein Mensch in der dritten Generation immer noch schuldig sein soll, dann müßten wir alle Erbschaften unterbinden. Ich bin sofort dabei, wenn es darum ginge, Erbschaften gesetzlich zu verbieten. Aber dies nur von einem einzigen zu verlangen, ist billig.

Der Name Flick ist in Deutschland ein Symbol für die Naziverbrechen der deutschen Industrie. Mit der Kunstsammlung soll dieses Symbol umgewertet werden, und die Politik hilft dabei. Das ist etwas anderes, als wenn einer sich mit schmutzigem Geld ein goldenes Badezimmer bauen lässt.

Wenn ich jeden Sammler daraufhin untersuchen würde, ob sein Vermögen Generationen zurück einwandfrei erworben wurde, könnten wir wahrscheinlich einpacken. Warum sagt keiner etwas gegen die Guggenheims? Sie haben vor Generationen ihr Geld in chilenischen Bergwerken verdient, wo die schlimmsten Arbeitsbedingungen herrschten. Auch ein Teil des Reichtums der Schweiz stammt aus zwielichtigen Quellen.

Weshalb Adolf Muschg sagt: „Auschwitz lag auch in der Schweiz.“

Und es geht nicht nur um schwarze und enteignete Konten. Das Land ruht sich auf einem Wohlstand aus, den wir nicht selber erworben haben. Obwohl wir nicht in den Krieg verwickelt waren, haben wir als Devisendrehbühne sehr davon profitiert. Dass mein Vater als Bäckersohn Medizin studieren konnte, hatte etwas damit zu tun, dass wir diesen wirtschaftlichen Vorsprung hatten.

Sie haben anderthalb Jahre als Dozentin in den Vereinigten Staaten gelebt. Wie würden Sie einem Amerikaner in drei Sätzen die Schweiz erklären?

Drei Sätze reichen nicht. Als ich nach Zürich zurückkam, kam mir die Schweiz plötzlich wie eine geschützte Werkstatt vor, ein Paradies im Vergleich zu Los Angeles. Wir haben nicht diese extremen Klassenunterschiede, alles ist viel kleiner, weniger laut, aber auch enger. Wenn man in der Tram jemanden anspricht, schauen sie dich manchmal an, als wärst du aus dem Irrenhaus entlaufen. Aber das ist in Deutschland wahrscheinlich genauso.

Können Sie drei Dinge nennen, die Sie an der Schweiz ganz besonders mögen?

Die administrative Effizienz, das Bildungssystem – und die schönsten Stromstecker der Welt.

Als Sie vor drei Jahren nach Los Angeles gingen, hatten sie gerade die Leitung der Schweizer Expo an den Nagel gehängt. War es eine Flucht?

Ich hatte die Leitung der Expo schon anderthalb Jahre vorher an den Nagel gehängt. Ich habe diese Devotheit der Politik gegenüber Highflyerpersonen der Wirtschaft nicht ausgehalten. Aber es stimmt schon, als die Expo 2001 dann ohne mich stattfand, wollte ich nicht hier sein. Außerdem hatte mein Mann gerade Pech mit seinem Start-up-Unternehmen gehabt.

Was war das für ein Start-up?

Skim.com haben Kleider mit individuellen Nummern darauf vertrieben, die für eine kulturelle Community zum Statussymbol wurden. Aber es lief zu gut. Irgendwann hatten sie 30 Angestellte, und als Geld nicht mehr floss, sind sie an den Fixkosten bankrottiert. Vielleicht brauchte es die Überhitzung und den Knall. In Los Angeles bin ich ziemlich schnell schwanger geworden, nachdem es vorher Jahre nicht geklappt hatte.

Warum sind Sie wieder zurückgekommen?

Ich musste mich entscheiden, ob ich in Amerika eine neue Werkstatt aufbauen will. Außerdem hat mein Mann dort keine Arbeitsgenehmigung bekommen. Er hat sich um unser Kind gekümmert, seine Kochkünste noch extrem verbessert, aber irgendwann wollte er wieder Geld verdienen.

Ihr dreijähriger Sohn heißt Himalaya. Das klingt wie ein Künstlername. War das Ihre Idee?

Wieso Künstlername? Heute haben doch viele wilde Namen. Mehmet, Anri, Dewshine… Himalaya ist mein Lieblingswort, es erweckt wunderbare Assoziationen: Hellblau, weiß, frische Luft, Dach der Welt. Ein Mädchen hätten wir Pepperminta genannt. Aber wenn ich ehrlich bin, rufen wir unseren Sohn mit seinem Zweitnamen Yuji, das ist japanisch und heißt der Großherzige. Er kann später selber wählen.

Fällt es Ihnen schwer, Kunst und Mutterschaft unter einen Hut zu bekommen?

Ich hatte immer eine protestantische Arbeitsmoral, denn gerade wenn die Dinge leicht wirken sollen, steckt viel Arbeit darin. Aber ein Kind hilft, dass mein Sozialleben nicht ganz verrottet und ich regelmäßiger esse.

Es steht morgens um sechs Uhr auf der Matte.

Gott sei dank nicht. Unser Sohn ist ein Langschläfer. Ich muss ihn morgens aus dem Bett prügeln, damit er pünktlich in die Krippe kommt. Wir bringen ihn abwechselnd hin, und die Regel ist: Wer ihn nicht gebracht hat, holt ihn nachmittags ab.

In vielen Ihrer Arbeiten kommen Sie selbst vor. Könnten Sie sich vorstellen, auch Ihren Sohn in ein Kunstwerk zu integrieren?

Das weiß ich nicht. Letztens habe ich ihm einen Film gezeigt, den ich gerade fertig geschnitten hatte. Ich wollte seine Aufmerksamkeit testen. Und er hat durchgehalten, fünf Minuten.

Ein Kind zu haben, heißt, dass man sich selbst beim Älterwerden zuguckt.

Meine große Älterwerdenkrise hatte ich mit 28. Wir leiden, weil wir uns weniger attraktiv fühlen, aber eigentlich haben wir nur Angst vor dem Tod. Wir verstehen plötzlich, dass es nicht ewig weiter geht und wollen das nicht einsehen.

Könnten Sie sich vorstellen, mit älteren Menschen zu filmen?

Das würde ich gerne machen. Falten interessieren mich als ästhetische Struktur. Aber es ist leider viel einfacher, mit jüngeren Menschen zu filmen. Wenn wir älter werden, sehen wir ganz schnell traurig aus. Video verstärkt wegen der schlechten Auflösung alle Kontraste. Augenringe, Falten, Pickel – alles kommt sehr viel stärker raus als in der Realität.

Das heißt, längerfristig müssen Sie aus Ihrer Arbeit verschwinden?

Ich werde weiter so verfahren wie bisher. Bei einfacheren Sachen drehe ich mit Modellen, wenn es komplizierter ist, mache ich es selbst.

In den Filmen, die kürzlich auf der Panasonic-Werbetafel auf dem Times Square in New York liefen, waren Sie zu sehen als eine Frau, die in einen Glaskasten gesperrt ist und versucht, dort rauszukommen.

Und was mich am meisten gefreut hat, war die Reaktion des Mannes, der die ganzen Filme für den Times Square programmiert. Er sitzt mit ein paar Kameras in einem winzigen Kämmerchen in New Jersey. „Oh, she‘s like me“, hat er gesagt, und genau darum geht es auch, dass wir versuchen, unser ganzes Leben, unser ganzes Wissen hinter einen Bildschirm zu verbannen.

Irgendwer hat gesagt, es handele sich bei dieser Installation um eine sehr reife Arbeit von Ihnen.

Ich selbst habe das gesagt. Man braucht schon eine etwas schlaffere Haut, um sich das Gesicht so an der Scheibe zu zerdrücken. Mit einem frischen Mädchenteint würde das nicht so gut gehen.

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