Zeitung Heute : „Ich neige dazu, mit mir durchzubrennen“

Dieser Skandalschriftsteller zieht gerade um – nach Kreuzberg. Aber richtig glücklich ist DBC Pierre nur auf dem Rücksitz eines Taxis.

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DBC Pierre, 46, bekam für sein erstes Buch den Booker Prize, die wichtigste literarische Auszeichnung des britischen Commonwealth. Dabei galt der in Australien geborene Pierre, dessen Kürzel DBC für „dirty but clean“ steht, wegen seiner Eskapaden als hoffnungsloser Fall. Jetzt erschien sein zweiter Roman „Bunny und Blair“.

Interview: Deike Diening und Ulf Lippitz Foto: Mike Wolff Wir haben gehört, Sie geben Interviews bei Wodka und Bier. Auf dem Tisch steht nur Kaffee.

Oh, mein Ruf eilt mir voraus. Dabei trinke ich gar nicht so oft. Aber wenn, dann richtig: Ich trinke, um zusammen mit Freunden betrunken zu werden. Immer mal ein Glas Wein zum Essen, nur als Genussmittel, das ist doch Zeitverschwendung.

Kaffee brauchen Sie, um nüchtern zu werden?

Kaffee ist das Kokain des armen Mannes. Vor drei Jahren habe ich nach einer exzessiven Phase mal gar keinen mehr Kaffee getrunken. Der erste danach hat wie ein Gramm Kokain gewirkt.

Honoré de Balzac soll auch Kaffee in rauen Mengen getrunken haben.

Und Michel Houellebecq trinkt Unmengen dreifacher Espressi. Er lebt zurückgezogen in Irland, wie ich. Dies ist mein dritter Kaffee heute. Ich bin ziemlich anfällig für die Wirkung bestimmter Substanzen.

Wie die Helden Ihrer Bücher. In „Bunny und Blair“, Ihrem zweiten Roman, betäuben sich die siamesischen Zwillinge, die nach 33 Jahren getrennt wurden, mit einer glücklich machenden Substanz, die zugleich das Gewissen ausschaltet.

„Bunny und Blair“ sollte eigentlich eine russische Brautgeschichte werden, ein Märchen. Aber während ich schrieb, konnte ich die Gegenwart nicht ignorieren. Keiner von uns kann das. Ich habe in der Einsamkeit gelebt, in Irland, zehn Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, und trotzdem: Da waren Fernsehen, Radio und die Bauern, die sich auf dem Acker trafen und über Bush und Blair redeten.

Sie sind für „Bunny und Blair“ von Irland in den Kaukasus gefahren, wo Ihre Geschichte von Drogen, Sex, Menschenhandel und Krieg handelt.

Ja. Ich musste den Geruch des Ortes einfangen. Ohne das sinnliche Moment geht es bei mir nicht. Ich bin 2005 an die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan gefahren, mitten im Winter. Ich habe mich den „Ärzten ohne Grenzen“ angeschlossen. Dort leben Menschen, die seit 13 Jahren Flüchtlinge sind. Und wenn jemand denkt, manche der Szenen in „Bunny und Blair“ seien drastisch, dem sei gesagt: Die Wirklichkeit ist so schlimm, dass ich sie nicht für das Buch benutzen konnte.

Zum Beispiel?

Ich habe eine Kleinstadt besucht, in der die Hälfte der Bevölkerung geistig behindert war. Wenn eine Familie ein geistig behindertes Kind bekam, wurde es mit einem anderen geistig behinderten Kind verheiratet, und sie haben wieder Kinder bekommen. Ich habe eine Familie getroffen, die seit 1992 in einer ausgebrannten Ruine lebt, der Raum war vielleicht ein Viertel so groß wie der Konferenzraum im Hotel hier. Vater, Mutter und die vier Kinder sind behindert. Der Vater missbraucht alle Kinder, auch das Kleinste. Wenn er in die Stadt geht, um sich zu betrinken, kommen die Soldaten von der nahen Grenze und missbrauchen die Frau und die Kinder. Für sie ist das ein normaler Dienstag. In „Bunny und Blair“ gibt es eine Szene, in der eine Frau eine Rakete im Haus hat ...

Herr Pierre …

Halt, ich will zu Ende erzählen. Wir waren in einem Grenzdorf auf armenischer Seite. Vor 13 Jahren wurden Raketen auf das Dorf abgeschossen, von Aserbaidschan aus. Eine davon schlug ins Dach ein, krachte durch zwei Etagen und bohrte sich in den Boden, ohne zu explodieren. Die sechsköpfige Familie lebt seitdem in der Gartenlaube und wartet darauf, dass jemand die Bombe entschärft. Die Kinder spielen um die Rakete herum.

Wir dachten, Ihre Geschichten seien alle frei erfunden. Sie behaupten, gerne zu lügen.

Aus rein praktischen Gründen musste ich damit aufhören. Ich habe lange Zeit nicht nur andere, sondern vor allem mich selbst belogen. Das konnte so nicht weitergehen. Die erste ehrliche Sache war das Schreiben meines ersten Buches.

Sie lügen also nicht mehr?

Nein. Aber das könnte natürlich eine Lüge sein.

Sie lügen auch nicht in Interviews?

Es gab da einen interessanten Augenblick auf meiner ersten Lesereise. Ich war im November 2002 in Italien und komplett jungfräulich in Sachen Vermarktung. Als ich ankam, sagte mir der italienische Verleger: Hör mal, es gibt nur eine wichtige Kritikerin, und die muss über dein Buch schreiben. Sonst sind wir verloren.

Wer war das?

Sie schrieb für den „Corriere della Sera“. Es hieß, sie sei sehr launisch, aber ungeheuer einflussreich, weil sie viele amerikanische Autoren in Italien berühmt gemacht hat. Ich wandte ein, dass ich nicht einmal Amerikaner war. Das war dem Verleger egal. In ihrer Jugend war die Kritikerin angeblich die Muse Hemingways, später mit Kerouac und Gore Vidal befreundet.

Sie muss steinalt gewesen sein.

Sie war 85 Jahre alt, als ich sie traf. Eine Woche versuchte der Verleger, sie zu erreichen und einen Termin festzumachen. Schließlich lud sie mich zum Abendessen nach Mailand ein. Als sie die Tür öffnete, sah ich eine winzige Frau mit hellwachen Augen. Sie sagte: Ziehen Sie Ihre Kleidung aus, ich will Sie nackt sehen!

War das nur ein Test, wie weit Sie gehen würden?

Ich habe ihn bestanden, weil ich mich natürlich nicht entkleidet habe. Sie sagte: ,Pierre, seien Sie niemals ehrlich, die Medien werden Sie zerstören, Sie müssen eine Figur aufbauen!‘ Ich antwortete, dass ich nach 15 Jahren endlich mal die Wahrheit sagen wollte. Aber sie mochte davon nichts hören.

Was hat die Kritikerin über Sie geschrieben?

Sie schrieb, mein Vater hätte in New York Selbstmord begangen, ich würde auf einem Berg zusammen mit Füchsen leben. Eine kleine dramatische Oper, die sie sich ausgedacht hatte. Aber der Artikel entfaltete tatsächlich seine Wirkung, das Buch war in Italien sehr erfolgreich. Seitdem bin ich sehr ehrlich.

Kurz bevor Ihr erstes Buch „Jesus von Texas“ für den Booker Prize nominiert wurde, kam heraus, dass Sie lange Zeit drogensüchtig waren. Als Sie Geld brauchten, haben Sie sogar das Landhaus eines Freundes verkauft, ohne vorher zu fragen.

Ja, danach war ich zehn Jahre lang depressiv, das war in meinen Dreißigern. Das Schreiben war das Ende meiner Rückzugsperiode.

Sie waren nicht immer Schriftsteller.

Ich habe als Kind angefangen, Cartoons zu malen. Schnelle, grafische Sachen. Ich habe einen Koffer, in dem ich Zeichnungen seit meiner Kindheit aufbewahre. Dann habe ich in London als Grafikdesigner gearbeitet.

Wir haben gehört, Sie haben in Ihrer schlimmsten Zeit alles für Drogen versetzt, sogar Ihre Kassetten. Für 40 Cent das Stück.

Das stimmt. Aber die Zeichnungen wollte niemand. Es gab Momente, da hätte ich sie weggegeben, wenn ich dafür Geld bekommen hätte.

Ihr Vater arbeitete als Genforscher, Ihre Teenagerjahre verbrachten Sie in einem reichen Viertel von Mexiko City. Haben Ihre Eltern versucht, Ihre künstlerischen Ambitionen zu fördern, Sie zum Klavierunterricht geschickt?

Leider nicht. Das ist mein wunder Punkt. Ich glaube, der einzige Grund, weshalb ich mit dem Malen begonnen habe und weshalb ich nun schreibe, ist der unerfüllte Wunsch, Musiker zu sein. Für mich gibt es noch heute keine höhere Kunst als symphonische Musik. Ich hielt mich lange für einen russischen Komponisten, der im Körper eines Comic-Zeichners gefangen ist. Aber ich war zu faul, um ein Instrument zu lernen. Und meine Familie hat mich nie gezwungen.

Wo haben Sie zuerst symphonische Musik gehört?

Zu Hause in Mexiko City. Meine Eltern hatten alte Platten mit Rachmaninow, Rimski-Korsakow, diese überbordende Musik, die man zwischen den Weltkriegen spielte. Als Kind hat mich diese Musik fasziniert, später vergaß ich sie. Für zehn Jahre hatte ich mich komplett von der Welt der Kunst verabschiedet. Um 1990 herum – ich war Ende 20, lebte in Sydney und dachte an Selbstmord – habe ich im Radio Howard Hansons zweite Symphonie gehört, „The Romantic“. Ich musste heulen, klassische Musik hat mir in den folgenden zehn Jahren das Leben gerettet.

Das klingt dramatisch bis kitschig.

Wer so zerstört ist, braucht jemanden, der seine Gefühle teilt. Und diese Musiker sprachen von derselben Sache: von Verzweiflung, von der Hoffnung, die durchbricht, und von den Wolken, die zurückkommen. Diese Jungs hatten genau meine Probleme. Brahms und Bruckner spürten die Depression, aber im Gegensatz zu mir hatten sie ein Orchester zur Verfügung.

Sie wollten immer ein Künstler sein. Jetzt sind Sie offiziell einer. Wie geht es Ihnen damit?

Es ist sehr seltsam. Aus unerfindlichen Gründen kriege ich Ausbrüche von Dankbarkeit und Glück häufig auf dem Rücksitz von Taxis.

Weil Sie sich das Taxi leisten können?

Nein, weil ich nicht selber fahren muss. Ich sitze da, beobachte Leute, und plötzlich wird mir bewusst, dass genau das mein Platz im Universum ist. Der Künstler, der sich die Welt ansieht. Ich wusste immer, dass ich eigentlich Künstler bin.

Wussten Sie es, oder haben Sie es sich eingeredet?

Na ja, es könnte auch eine ziemlich gute Ausrede gewesen sein. Wenn man kein Künstler ist, dann ist man einfach nur arbeitslos. Trotzdem: Ich fühlte mich wie ein Künstler, aber ich war selbst das Produkt. Das Produkt war scheiße.

Sie haben einmal gesagt, es gab keinen Moment in Ihrem Leben, an dem Sie sich nicht entfremdet gefühlt hätten.

Ja, ich bin überall fremd. Sogar in Australien, was eigentlich mein Heimatland ist.

Fremdheit ist ein literarisch interessantes Gefühl.

Für den Autor ist es sehr fruchtbar. Ich habe früh gelernt, genau zu beobachten. Wenn man wie ich seine vertraute Umgebung als Kind verliert, dann entwickelt man die Fähigkeit, sich anzupassen. Man muss Merkmale erfassen, wie jemand geht, man muss in eine andere Clique passen und natürlich schnell die neue Sprache lernen. Sobald man einen Witz in einer anderen Sprache erzählen kann, hat man es geschafft.

Sie sind als Kind wohlhabender Eltern aufgewachsen, haben Ihr Geld für Drogen ausgegeben, jetzt sind Sie als erfolgreicher Schriftsteller relativ abgesichert. Haben Sie manchmal Angst, Ihr Geld wieder zu verlieren?

Ich habe Angst, wieder dumme Sachen zu machen. Was totale Verlierer von relativen Verlierern trennt, ist die Fähigkeit, eine Lektion zu lernen. Ich hoffe verdammt noch mal, dass ich einige Lektionen gelernt habe. Arm zu sein, erzeugt bei mir keine Angst, aber mich wieder in eine Sucht zu verlieren, das ja. Ich neige dazu, mit mir durchzubrennen.

Hat Sie die Erfahrung, kein Geld zu haben, schwächer oder stärker gemacht?

Sie hat mich unglaublich flexibel gemacht. Ich bin nicht angewiesen auf Club Sandwich und Caesar’s Salad. Ich finde immer neue Vergnügen. Ich bin sogar froh, dass ich eine Zeit lang arm war.

Das klingt schon wieder dramatisch bis kitschig.

Okay, heute kann ich das leicht sagen: Ohne Geld kann ich gut leben. Aber ich habe relativen Wohlstand schätzen gelernt.

Was soll das sein, relativer Wohlstand?

Kleine Sachen schaffen manchmal dasselbe Wohlbehagen wie große. Es hängt nur davon ab, ob man sich für sie anstrengen musste. So kann der Geruch von angebranntem Toastbrot genauso erfüllend sein wie der Geruch von Kaviar.

Und was wollen Sie?

Beides. Kaviar auf verbranntem Toast.

Von dem Vorschuss für das erste Buch haben Sie Ihr Haus in Irland gekauft.

Ich dachte, danach würde ich nie wieder Geld sehen. Also nahm ich einen Kredit auf. Ich wollte sowieso aus London weg. Meine Nachbarn haben mich nur noch genervt.

Warum?

Ich lebte in Balham. Das Viertel war immer eher arm. Doch nach 2000 stiegen die Immobilienpreise in London, die interessanten Menschen zogen weg aus Balham, stattdessen kamen die 23-jährigen Banker mit ihren Landrovern und Kleinkindern. Wir hausten in der ersten Etage, jedes Wochenende feierten wir eine kleine Party und pinkelten aus dem Fenster. Neben uns wohnte eine entzückende alte Dame. Sie störte sich kein bisschen an dem Krach.

Sie war wahrscheinlich taub.

Jeder lebte da nach dem Motto: leben und leben lassen. Doch innerhalb von sechs Monaten änderte sich das. Unter uns zog so ein Streberpaar ein. Sie kamen jeden Samstagnachmittag hoch, um sich vorsorglich zu beschweren.

Leben Sie jetzt allein in dem Haus in Irland?

Anfangs lebte ich mit einer Freundin zusammen, aber sie kehrte nach London zurück. Dann war da noch ein riesiger schwarzer Hund, der Epileptiker war. Das soll bei Hunden normal sein. Ich musste immer auf die richtige Dosis Medikamente achten, das hat mich auf Trab gehalten. Nach der Buchveröffentlichung musste ich ihn aber in Pflege geben. Ich war kaum noch zu Hause. Das Buch wurde in 45 Länder verkauft. Ich musste nach Deutschland, Italien, was weiß ich.

Schreiben Sie schon an Ihrem dritten Roman?

Ja, er soll in Berlin spielen, ich muss jetzt extrem viel Zeit dort verbringen, ich brauche Details.

Sie ziehen nach Berlin?

Ich bin gerade dabei.

Haben Sie eine Wohnung gekauft?

Nein, nein, dann würde ich mich so wie die Leute fühlen, die in mein Londoner Viertel gezogen sind.

In welchem Bezirk lassen Sie sich nieder?

Kreuzberg ist mein Lieblingskiez. Auch wenn der Handlungsort für meinen Roman Prenzlauer Berg sein wird, Nappy Valley. Das Tal der Windeln.

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