Zeitung Heute : „Ich renne mehr als jeder Spieler“

Er wird beschimpft, selten gelobt, und jeden seiner Fehler sieht die Welt in Zeitlupe. Warum tut sich Markus Merk das an? Weil der Schiedsrichter den Fußball liebt.

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Markus Merk, 44, ist der „beste Schiedsrichter der Welt“; gleich zweimal, 2004 und 2005, wurde er von Experten gewählt. Er pfiff das letzte EMFinale in Portugal und ist einer von 23 Unparteiischen bei der WM. Der Doktor der Zahnmedizin hat kürzlich seine Praxis aufgegeben und arbeitet nun als Motivationstrainer.

Interview: Norbert Thomma Herr Merk, wenn Beckham einen Haken schlägt und Ronaldinho mit dem Ball tanzt,wenn die großen Magier des Fußballs ihre Kunst zeigen, dann haben Sie den exklusivstenPlatz. Sie stehen wenige Meter daneben und ...

... dann schlägt mein Herz einen Doppelsalto, wenn ein Spieler den Ball aus30 Metern locker aus dem Fußgelenk genau in den Winkel setzt. Ich sehe, mit welcherZartheit ein Zidane den Ball behandelt, wie schwerelos die Bewegungen sind, ichsehe das durch die Nähe viel intensiver als Sie am Fernseher, fantastisch!

Der Schiedsrichter Manfred Amerell sagt: „Ich muss pfeifen. Genuss ist nichtmein Auftrag.“

Das stimmt, einerseits. Aber ich bin auch Fußballer mit Leib und Seele. Ich liebe Fußball. Wenn ich sehen darf, mit welcher Leichtigkeit brasilianische Spieler aus der Kabine kommen und wie sie diese Lockerheit auf den Rasen übertragen, das soll ich nicht bewundern?

Sie müssen 22 Spieler im Auge behalten, Sie müssen jede Sekunde voll konzentriertsein. Und wenn Podolski alleine aufs Tor zurennt, dann rufen Sie innerlich wieein Fan: „Schieß doch, Junge!“

Na hören Sie mal! Ich lebe solche Situationen mit, keine Frage. Ich wundere mich immer wieder, wie wenig man Schiedsrichtern zutraut, ein Freund des Fußballs zu sein. Jeder Spitzenschiedsrichter muss ein absoluter Experte sein, er muss das Spiel verstehen und lesen, um es leiten zu können. Ich bin ein Teil des Spiels, verstehen Sie? Ich kann aus einem schlechten Spiel kein gutes machen, das ist auch wahr. Doch ein Fußballspiel lebt vom Fluss und nicht von den Unterbrechungen. Neulich habe ich jemanden sagen hören: „Wir müssen den Gegner niederkämpfen, wir müssen ihn beackern.“ Da kriege ich Gänsehaut! Das kann kein Fußball sein, das wird ein grottenschlechtes Spiel, da habe ich es als Schiedsrichter schwer.

Sie haben es mit Millionären und Mimosen zu tun, mit Weltstars, die mächtigAdrenalin ausschütten.

Mit denen klar zu kommen, geht nur über Akzeptanz und Vertrauen. Uns Schiedsrichtern wird ja immer unterstellt, wir würden uns gerne aufspielen und Macht ausüben. Das ist vollkommener Quatsch! Damit würde ich gar nichts erreichen. Nehmen wir Zidane. Der braucht ganz extrem den Schutz des Schiedsrichters. Das geht ohne große Worte, Zidane redet ja nie. Ein Augenaufschlag im richtigen Moment genügt. Er muss spüren, dieser Schiedsrichter lässt nicht zu, dass andere mein Spiel zerstören. Das ist mehr, als nur einen Freistoß für ihn zu pfeifen.

Ein berühmter Schiedsrichter ist Pierluigi Collina, der Italiener mit der Glatze.Er war vor Ihnen sechs Mal „Weltschiedsrichter des Jahres“. In seiner Biografiebeschreibt er, wie er sich tagelang auf ein Spiel vorbereitet: Er studiert Spieleder beiden Mannschaften, deren Taktik, die Laufwege und die Körpersprache derSpieler. Er versucht, sich anhand der Aufstellung Spielszenen vorzustellen. Einengigantischen Aufwand müssen Sie da treiben.

Nein, nein, nein. Bei mir ist es genau umgekehrt. Sie werden das nicht glauben, aber es kann vorkommen, dass ich mich vor einem Spiel warm laufe, dann in die Kabine gehe und kurz nachschaue, wie die Teams aufgestellt sind. Da seh ich genug über die taktische Ausrichtung.

Sie scherzen.

Überhaupt nicht. Ich erinnere mich an die letzte Europameisterschaft, einen Tag vor dem Halbfinale Griechenland gegen Tschechien, Collina ist als Schiedsrichter angesetzt. Ich gehe durchs Hotel, um etwas zu trinken zu holen, und komme am Videoraum vorbei. Da sitzt Pierluigi, schaut sich ein Spiel an, macht sich Notizen, neben sich Zettel voller Aufzeichnungen und einen Stapel Kassetten. Ich schaue ihm schweigend zu. Auf einmal dreht er sich um und sagt: „Markus, so wie du ein Spiel pfeifst, so könnte ich nie pfeifen.“ Ich sage: „Pierluigi, ich wollte dich nur nicht stören, sonst hätte ich dasselbe zu dir gesagt.“ Er ist erfolgreich, ich bin erfolgreich. Und jeder geht dabei einen völlig anderen Weg. Ich lege den Ball in die Mitte des Spielfelds, pfeife an und will meinen Spaß. Und dann reagiere ich intuitiv.

Auffällig ist, wie nah Schiedsrichter immer am Ball sind, auch wenn schnellgespielt wird.

Es erstaunt mich, dass Sie das erstaunt. Ein Spiel zu pfeifen, ist Hochleistungssport! Ich habe einen Ruhepuls zwischen 46 und 48.

Untersuchungen zeigen die Laufwege von erstklassigen Schiedsrichtern: etwazwölf Kilometer pro Spiel, dabei 160 Sprints in vollem Tempo.

Und ein Libero kommt auf fünf Kilometer, ein Stürmer auf etwa acht, so in etwa. Ja, ich muss sehr viel mehr rennen als die Spieler, ich muss schließlich das ganze Feld abdecken. Ein Spiel auf hohem Niveau lässt sich von der Belastung mit einem Halbmarathon vergleichen, auch wenn die Pulskurve anders aussieht. Wenn ich in einer Woche drei Topspiele pfeife, mute ich mir drei Halbmarathons zu. Und dabei darf ich meine Grenze nicht erreichen. Ich kann nicht nach 90 Minuten erschöpft ins Ziel stolpern, keinen Meter mehr gehen, kein Wort mehr sagen können. Es gibt Spiele, die dauern 120 Minuten, und ich werde nie ausgewechselt.

Sie haben ein Finale der Champions League gepfiffen und vor zwei Jahren dasFinale der Europameisterschaft. Bei solchen Spielen sitzen 800 Millionen Menschenvor dem Fernseher, die sehen jede wichtige Szene in Zeitlupe.

Darüber denke ich nicht nach. Mit weichen Knien brauche ich gar nicht ins Stadion zu gehen. Angst produziert Fehler. Wenn Michael Schumacher in einer Kurve denkt, wird er langsam oder fliegt raus.

Jeder Pfiff von Ihnen kann über Karrieren entscheiden, über Millionen von Euro,über die Existenz von Vereinen. Das alles macht Ihnen keinen Druck?

Schon. Aber Druck ist für mich etwas Positives. Wenn ich keinen Druck spüre, dann fehlt die Konzentration auf den Punkt. Das geht doch vielen Menschen so, die bei ihrer Arbeit wichtige Entscheidungen zu treffen haben. Nur tut es eben kein Manager so öffentlich wie ein Schiedsrichter.

Das klingt sehr souverän. Sie waren bereits mit 28 in der Eliteliga, als jungerSpund …

… und damals gab es 36 Schiedsrichter, die Bundesliga pfeifen durften, 36 von 80 000 Schiedsrichtern in Deutschland. Ohne Souveränität kommt man da nicht hin. Aber das ist nur die äußere Sichtweise. Ich kann Ihnen sagen, wann bei mir eine innere Gelassenheit gewachsen ist. Ich engagiere mich schon lange für Projekte im Süden Indiens. Anfangs, wenn ich zurückkam, hatte ich große Probleme, den Streit von zwei Jungmillionären um einen Einwurf ernst zu nehmen. Worte wie Schicksalsspiele und Existenzkampf haben mich wahnsinnig aufgeregt. Denn Schicksal und Existenzkampf finden an anderen Enden der Welt statt. Ich musste dann schnell lernen, dass auch ein Foul an der Mittellinie sehr wohl entscheidend ist und alles Ort, Zeit und Bestimmung hat. Als ich es geschafft habe, diese gegensätzlichen Welten zu kombinieren, habe ich die nötige Gelassenheit gefunden.

Die Tätigkeit des Schiedsrichters wird so definiert: hinsehen, wahrnehmen,entscheiden. Was aber, wenn Ihnen Spieler den Blick verstellen?

Das ist halt blöd, da können Sie nicht mehr objektiv entscheiden. Einen Strafstoß kann ich nur geben, wenn ich ein Foul einhundert Prozent gesehen habe, sonst lasse ich weiterlaufen. Fehler sind menschlich. Nur, es ist ja nicht eine einzelne Bildsequenz, die da festgefroren ist. Es gibt Bewegungsmuster, Zweikampfmuster, ich habe diese Szenen tausende von Malen gesehen und wie ein Mikrochip gespeichert. Diese Erfahrung von 30 Jahren hilft mir, Dinge wahrzunehmen, die ich eigentlich gar nicht genau sehen kann. Angenommen, ein Ball saust wie eine Flipperkugel durch den Strafraum und ins Aus. Die Frage ist: Eckball oder nicht? Ich stand aber gar nicht gut …

… und alle Spieler reißen die Arme hoch und wollen eine Entscheidung für ihreMannschaft.

Ich entscheide trotzdem in acht oder neun von zehn Fällen richtig. Warum? Weil ich in Bruchteilen von Sekunden Signale registriere, die Ihnen gar nicht auffallen. So ärgert sich der Spieler, der den Ball zuletzt berührt hat, ganz kurz, ehe er eine Entscheidung für sich verlangt. Ich schaue schneller.

Ihr erstes Spiel haben Sie mit zwölf Jahren gepfiffen, Ihre Mutter hat Sieimmer mit dem Auto zu den Sportplätzen gefahren. Stimmt’s, dass sie den Wagenstets in Fluchtrichtung geparkt hat?

Auf den Dorfplätzen der Pfalz ging es rau zu, das ist richtig. Ein Derby mitten im Wald war nicht ganz ungefährlich. Doch das mit der Fluchtrichtung habe ich mal eher als Witz erzählt.

Sie werden noch heute übel beschimpft, von Fans, Managern und Spielern, diesich vor Ihnen aufbauen.

Wir sollten über schöne Dinge des Lebens reden.

Sie verdrängen diesen Teil der Realität?

Es interessiert mich nicht. Es ist unangenehm.

Wie gut kennen Sie das Zahnprofil von Oliver Kahn?

Sehr gut. Details fallen unter das Arztgeheimnis.

Sie lachen. Der Schriftsteller Darwin Pastorin meint, an jedem Schiedsrichtersei eine „verborgene Melancholie spürbar“. Er führt das auf die frühen, derbenErlebnisse auf Dorfplätzen zurück.

Ich könnte auch andersherum argumentieren. Man wird oft sehr unsachlich kritisiert, das ist ja pervers, wie das häufig ins Persönliche geht. Die zu überstehen, gibt einem etwas Fröhliches, Heiteres.

Die dramatischste Situation auf dem Feld?

Das war beim Konföderations-Cup 2003, Halbfinale Kolumbien gegen Kamerun. AlsMarc-Vivien Foe den Herztod auf dem Platz gestorben ist. Doch darüber möchte ichnicht mehr reden.

Wenn Ihre Pfeife kaputtgeht, könnten Sie auf zwei Fingern zu Ende pfeifen?

Nein. Doch ich kann Sie beruhigen, meine Pfeife geht nie kaputt.

Die ist aus Titan?

Es gibt nur einen Titan – Olli Kahn. Zur Not leiht mir ein Assistent seine Pfeife, wir können uns durchaus zwei Pfeifen pro Team leisten.

Sie sind in Kaiserslautern geboren worden, unweit des Stadions am Betzenberg.Stimmt’s, dass Sie zuerst Vereinsmitglied waren und dann Staatsbürger?

Mein Vater hat Prioritäten gesetzt, und so ist er zuerst auf die Geschäftsstelle1. FC und dann aufs Rathaus. Ich war allerdings schon zwei Stunden alt, als ichein roter Teufel wurde. Das liegt an meiner Geburtszeit, 6 Uhr 45. Die Geschäftsstellemacht eigentlich um 9 Uhr auf, die sind dann für meinen Vater extra etwas frühergekommen.

Echt wahr, dass Ihre Bestzeit im Marathon bei 2 Stunden 38 liegt?

Es ist wahr. Dabei habe ich mich nie auf ein Ereignis vorbereitet, ich bin immer so mitgelaufen. Einmal sogar zwei Marathons an zwei Sonntagen hintereinander. Den ersten in 2:48, mit neuen Schuhen, ich bekam fürchterliche Blasen. Den zweiten schwer verpflastert in 2:50, das war schon eine härtere Geschichte.

Wahr, dass Sie als Kind lieber Fußballregeln gelesen haben als Karl May?

Weder noch. Ich habe mein ganzes Leben nie gerne gelesen, auch heute lese ich Regeln nicht gerne. Ich nutze meine Zeit lieber, um mich in der Natur zu bewegen.

Sie waren lange als der Mann mit der hohen, brüchigen Stimme bekannt …

… Sagen Sie ruhig: Piepsstimme …

… und auf einmal redeten Sie ganz normal. Sie hätten sich operieren lassen,heißt es.

Ich habe das ganz alleine geschafft. Als mein Sohn geboren wurde, 1999, da wollte ich nicht, dass der mal wegen seines Papas verarscht wird, Kinder können ja brutal sein. Ich dachte, das tust du ihm nicht an. Ich konnte schon immer in zwei Lagen sprechen, aber nach dem ersten Satz ist die Stimme nach oben gekippt. So wie ich jetzt rede, hätte ich keine zwei Sätze durchgehalten. Ich habe dann jedes Mal, wenn die Stimme gekippt ist, das Reden sofort abgebrochen. Das waren harte vier bis sechs Wochen, es brauchte viel Selbstdisziplin.

Den Fernsehkommentator Marcel Reif nervt „dieses elende Geschwalbe“, also daspermanente Simulieren von Spielern, sie seien gefoult worden.

Die Geschichte der Schwalbe ist so alt wie der Fußball selbst, nur gibt es heute viel mehr Kameras, so lässt sich das auch beweisen. Schwalben regen mich als Sportler auf, als Fußballer, es ist schlimm. Diese Spieler betrügen die Idee des Spiels.

Die Zeitung „Times“ hat die Aktion „Mach keine Schwalbe“ ins Leben gerufen.In England scheint es eine andere Kultur zu geben.

Es scheint nicht so, es ist eine andere Kultur! Ich war oft genug auf der Insel. Wenn da einer die Schwalbe macht, wird er von den eigenen Fans ausgepfiffen, das ganze Spiel hindurch. Ehrenkodex! Als ich Arsenal gegen Chelsea gepfiffen habe, hieß es daheim: „Schau, wie der das Spiel laufen lässt.“ Ja, toll, da kann ich den Spielern auch Freiraum lassen, weil die nach einem harten Zweikampf nicht Nase an Nase stehen und Tohuwabohu machen, sondern die spielen weiter. In England sehen Sie so gut wie nie Ärzte und Physiotherapeuten auf dem Rasen, die haben in der Bundesliga manchmal die größten Laufwege der Mannschaft.

Sie pfeifen seit 1988 Bundesliga, Sie haben die dynamische Entwicklung desFußballs mitbekommen. Zuerst gab es für Schiedsrichter 72 Mark pro Spiel, inzwischensind 3086 Euro, 85 Mal mehr.

Ich habe nie wegen des Geldes gepfiffen, glauben Sie mir. Würde ich den Fußball nicht so lieben, hätte ich vor 15 Jahren aufgehört. Wenn ich Mittwoch in Barcelona oder Moskau pfeife, dann muss ich Dienstag los und komme Donnerstag zurück. Dann muss ich schon Freitag nach Nürnberg zur Bundesliga, denn wir reisen immer einen Tag früher an. Da bleibt kaum Zeit, das Trikot zu waschen. Wissen Sie, worüber ich schmunzeln musste? Als ich das erste Mal Weltschiedsrichter wurde, las ich einen Kommentar, ich sei ein absoluter Topmanager des Fußballs mit einem Einkommen von einem Prozent von Michael Ballack. Ich wusste gar nicht, dass der so wenig verdient.

Es wird immer wieder diskutiert, ob es professionelle Schiedsrichter gebensolle, die von nichts anderem leben.

Ihr letzter Teil des Satzes, der gefällt mir gut. Denn Schiedsrichter müssen auchheute schon professionell sein. Es kann nicht darum gehen, ob ich mit höheremHonorar auch besser pfeife, es geht darum: Was wäre verdient? Bei den Spielernfragt ja auch niemand, ob sie 10.000 Mal besser spielen, weil sie 10.000 Mal mehrverdienen als früher.

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