• „Ich sage meinen Schauspielern: Hebt ab!“ Sonntagnacht ist Oscar-Nacht. Und einer gehört jetzt schon zu den Verlierern: Anthony Minghella,

Zeitung Heute : „Ich sage meinen Schauspielern: Hebt ab!“ Sonntagnacht ist Oscar-Nacht. Und einer gehört jetzt schon zu den Verlierern: Anthony Minghella,

der Regisseur von „Cold Mountain“. Wie verkraftet er das? Interview: Steffi Kammerer und Kerstin Kohlenberg; Foto: Soeren Stache/Dpa

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Anthony Minghella, 60, wurde als Sohn italienischer Einwanderer auf der englischen Insel Isle of Wight geboren. Nach Erfolgen mit Theaterstücken in den achtziger Jahren stieg Minghella zunächst als Drehbuchautor ins Filmgeschäft ein. Mit „Truly, madly, deeply“ gab er 1991 sein Debüt als Regisseur. 1996 drehte er mit „Der Englische Patient“ den Film des Jahres: zwölf Mal nominiert, gewinnt er neun Oscars, unter anderem als bester Film und für Regie. Vor vier Jahren führte Minghella bei „Der talentierte Mr. Ripley“ Regie, nun kommt „Cold Mountain“ mit Nicole Kidman und Jude Law in den Hauptrollen in die Kinos. Der Film ist in sieben Kategorien für den Oscar nominiert – aber nicht als „bester Film“.

Mister Minghella, Sie tragen ja Birkenstocks…

Jetzt haben Sie mich ertappt! Oh, ich bin ja so untrendy…

Von wegen, es gibt mittlerweile sogar eine Birkenstock-Kollektion des Models Heidi Klum.

Wirklich, die gibt es? Oh Gott, hätten Sie nur nicht mit dem Thema angefangen. Nun bin ich total auf meine Schuhe fixiert.

Sie können gern darüber reden.

Oh nein! Aber wissen Sie, Regisseure sind von ihren Schuhen wirklich besessen. Wenn drei Regisseure zusammenstehen und sich unterhalten, ich halte jede Wette, dass sie sich nicht über ihre Filme, sondern über ihre Schuhe unterhalten.

Warum das?

Weil man in diesem Beruf den ganzen Tag steht. Wir tauschen uns untereinander immer aus: Hast du schon die Echos probiert? Wir haben ja alle das gleiche Problem. Nach zwei Tagen am Set tun die Beine einfach furchtbar weh.

Da geht es Ihnen also wie Museumswärtern.

Und Krankenschwestern. Wirklich, ich denke ständig über meine Füße nach. Birkenstocks finde ich toll, aber am Set sind sie nicht so praktisch, da braucht man doch eher feste Schuhe. Ich hoffe, es klingt nicht so, als wolle ich hier Werbung machen.

Und dann auch noch für ein deutsches Produkt, das würde man Ihnen in Ihrer Heimatstadt London vielleicht übel nehmen.

Ich bin komischerweise ständig von irgendetwas Deutschem umgeben. Während ich „Cold Mountain“ gedreht habe, habe ich fast jeden Tag die Matthäuspassion gehört. Ich könnte ganze Passagen singen. Auf Deutsch selbstverständlich.

Mit „Cold Mountain“ wurde die Berlinale eröffnet. Das Publikum hat ziemlich verhalten reagiert. Wie ist das für den Regisseur?

Ich kann das gar nicht beurteilen. Es war voll, die Leute waren sehr nett – mehr kann ich nicht sagen, ich war nicht im Saal. Wissen Sie, wenn ich meine Arbeit mache, ist es immer ein wenig so, als wäre ich in einem U-Boot. Und ab und zu, so kommt es mir vor, sagt jemand, ich solle das Periskop hochfahren und herumschauen. Ich hasse es und will es wieder einfahren und zu meiner Arbeit zurückkehren. Aber wahrscheinlich ist das Periskop der Preis, den man zahlen muss, um unter Wasser gehen zu dürfen. Ich schaue mir meine Filme später nicht mehr an.

Haben Sie sich auch Ihren bisher größten Erfolg, den „Englischen Patienten“, nie angesehen?

Nein, nie. Nachdem er fertig war, kein einziges Mal.

Weil Sie zu nervös sind?

Es ist mir einfach peinlich.

Von den fünf Filmen, die Sie bisher gemacht haben, wurden zwei mit Oscars ausgezeichnet. Allein für den „Englischen Patienten“ haben Sie neun Oscars gekriegt. Und Sie sagen, Sie fürchten das Publikum?

Es passiert etwas ganz Komisches. Wenn ich meine Filme ganz allein ansehe, nur mit meinem Cutter, dann reden die Schauspieler noch ganz normal. Wenn zehn Leute zuschauen, reden sie in meiner Wahrnehmung schon ein bisschen langsamer, mit 100 wird es noch langsamer, und mit 1000 ist es u-n-e-r-t-r-ä-g-l-i-c-h. Und ich sitze dann nur da und denke, warum kann diese Situation nicht sofort aufhören. Das ist für mich der Antrieb, einen neuen Film zu machen, der weniger peinlich für mich wird. Den ich in Anwesenheit des Publikums ertragen kann.

Sie haben früher Theaterstücke geschrieben und waren damit sehr erfolgreich. Ihr Stück „Made in Bangkok“ wurde 1986 als bestes Stück des Jahres ausgezeichnet. Konnten Sie damals Aufführungen leichter ertragen?

Nein, da ist es noch schlimmer gewesen. Das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr beim Theater arbeite. Auf der Bühne passiert ja alles live, und man kann nichts kontrollieren. Beim Film weiß ich wenigstens, ich habe alles getan, was ich konnte. Und obwohl das letzte Theaterstück, das ich geschrieben habe, sehr erfolgreich war, konnte ich es mir einfach nicht ansehen. Das war völlig unmöglich. Damals habe ich mir gesagt, das ist doch lächerlich: Wofür mache ich das hier, wenn ich es mir nicht einmal angucken kann. Da habe ich mich nach etwas anderem umgesehen.

Sie haben mit dem Theater aufgehört, weil Sie Ihre Stücke auf der Bühne nicht ertragen konnten?

Hört sich absurd an, war aber so.

Wächst die Versagensangst mit dem Erfolg?

Wenn man ehrlich ist, hat das natürlich alles mit einer großen Hybris zu tun, die man selbst hat. In England gibt es dieses Sprichwort: „Vertagte Hoffnung macht das Herz krank.“ Man wünscht sich etwas so sehr, und je mehr Hoffnung da ist, desto mehr Schmerz entsteht auch. Es ist schwer, diese Dinge nicht so an sich heranzulassen. Ich wünschte, es fiele mir, was die Arbeit angeht, leichter.

In den Medien galten Sie lange Zeit als einer, dem alles gelingt, was er anpackt.

Vielleicht können Sie mir den Menschen, von dem da die Rede ist, einmal vorstellen. Ich bin mit ihm leider nicht wirklich in Kontakt. Was mich fasziniert, ist Arbeit. Neulich lief ich durch London, und sah all die rennenden Leute um mich herum und dachte, es ist wirklich nicht schlecht, das Gefühl zu haben, sich im Leben beeilen zu müssen. Ich glaube: Nur wenn man dieses Getriebene hat, diesen großen Appetit, kann man besser werden.

Wie erhalten Sie sich diesen Appetit?

Vielleicht liegt mein Appetit daran, dass ich noch nicht so viele Filme gemacht habe. Die meisten Menschen haben nicht die Möglichkeit, mit ihren Vorlieben Geld zu verdienen. Ich schon.

Bei aller Dankbarkeit für Ihren Job: Ihr neuer Film „Cold Mountain“, für den Sie monatelang in Rumänien im Schlamm standen, wurde nicht bei den „Golden Globes“ als bester Film ausgezeichnet. Und dann der große Flop: Für die Oscars wurde er in der Kategorie „bester Film“ nicht einmal nominiert. Waren Sie da nicht ganz schön enttäuscht?

Es hat mich daran erinnert, dass die Reise im Leben wichtiger ist als die Ankunft. Es hat mich auch daran erinnert, dass es nicht eine Auszeichnung wie der Oscar ist, mit der man misst, was man erreicht hat. Man sollte sich über derartige Belohnungen freuen, sie jedoch nicht erwarten.

Das klingt aber sehr abstrakt. Miramax hat in Ihren Film 80 Millionen Dollar investiert, nachdem alle anderen Studios abgesprungen sind. Auf Ihnen hat immenser Druck gelastet. Da haben Sie doch nicht solche theoretischen Überlegungen angestellt?

Wo wäre ich eigentlich angelangt, wenn ich mich über sieben Oscar-Nominierungen beklagen würde? Immerhin wurde der Film ja so oft nominiert.

Aber eben nicht für die wichtigste Kategorie.

Nach jedem Film versuche ich mich genau zu betrachten und die fehlerhaften Eigenschaften an mir auszubessern.

Sie hören sich an wie ein Mechaniker, der einen Serienwagen nach und nach zu einem Rennwagen umbaut.

Ich sehe das nicht so technisch, es ist dennoch schwierig, das alles zusammenzusetzen und einen Film daraus zu machen, der besser ist als der alte. Das Besondere beim Filmemachen liegt ja darin, dass man gezwungen ist, mit anderen zusammenzuarbeiten, obwohl man ganz allein beginnt. Man hat Ideen. Und dann muss man so unglaublich viele Leute dazu bringen, an diese Ideen zu glauben. Ich betrachte das wie einen Garten. Man sät – das Drehbuch, die Musik, die Schauspieler… und dann wächst alles. Aber Film ist viel zufälliger, als wir immer glauben. Es ist ja schwierig, um im Bild zu bleiben, genau vorherzusehen, wie die Pflanzen wachsen werden.

Wie fühlen Sie sich, wenn ein Film zu Ende ist? Sind Sie froh, erleichtert, traurig?

Traurig bin ich nie. Ich kann das gut hinter mir lassen. Und ich verharre auch nicht in diesem Zustand, das geht ja gar nicht. Es muss doch immer weitergehen. Das ist wie bei einem Schreiner, der einen Tisch herstellt. Man kann an diesem Tisch sitzen, essen, trinken, aber man sitzt nicht da und überlegt: Ich wünschte, er wäre viereckig und nicht rund. Wenn der eine Tisch fertig ist, macht der Schreiner den nächsten. Ich bin nicht daran interessiert, jetzt noch am Tisch von „Cold Mountain“ zu sitzen und ihn immer noch von allen Seiten zu studieren. Das habe ich vier Jahre lang gemacht.

Ist es eigentlich schwer, nach so langen Dreharbeiten ins normale Leben zurückzukehren? Sie haben zehn Monate gefilmt.

Ich weiß nicht. Manchmal werden einem Fragen gestellt, auf die gibt es eigentlich nur eine formale Antwort. Wie geht es Ihnen? Danke, gut. Ich könnte jetzt sagen, es fühlt sich gut an. Aber ich weiß nicht recht, was Sie hören wollen.

Eine Antwort auf die Frage, wie sich der Alltag anfühlt, nachdem man monatelang nur damit beschäftigt war, das ganz große Gefühl zu inszenieren?

Im Moment sehne ich mich danach, ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Und es stimmt, es ist gar nicht so einfach, seinen Alltag wieder zu normalisieren. Aber wir funktionieren ja so, dass jede Kraft eine Gegenkraft hat. Es ist das Newtonsche Prinzip. Wenn es zu heiß ist, sucht man Schatten. Wenn es kalt ist, sucht man die Wärme. Also, im Moment finde ich es schon mal toll, mich nicht jeden Tag rasieren zu müssen, keinen strengen Zeitplan für den Tag zu haben. Aber ich höre auch die Uhr ticken. Am liebsten würde ich noch in diesem Jahr einen neuen Film machen. Normalerweise schiebe ich das immer so lange hinaus, wie es geht. Aber dieses Mal möchte ich einfach schnell wieder arbeiten.

Sind Sie ein Kandidat für einen Herzinfarkt?

Man überlegt natürlich, warum man plötzlich die innere Uhr ticken hört. Fühlt man sich alt, läuft einem die Zeit weg? Ich glaube, ich bin nicht sehr kompliziert. Ich bin ganz normal. Es ist einfach das Gegenteil von dem, was ich immer getan habe. Bisher habe ich mir immer viel Zeit gelassen.

Sie gehören zu den wenigen Leuten im Filmgeschäft, die seit langem eine intakte Ehe führen.

Ja, ich kenne meine Frau von der Uni. Wir sind seit 24 Jahren verheiratet. Das passiert wohl tatsächlich sehr selten.

Wie viel Stoff nehmen Sie aus Ihrer eigenen Ehe, wenn Sie über die Liebe schreiben?

Am Anfang waren meine Bühnenstücke sehr nah dran an dem Leben, das ich selbst führte. Ich hätte eine meiner Rollen sein können. Aber ich habe mich beim Schreiben bewusst davon wegbewegt. Ich mache heute Filme, die überhaupt nichts mit meinem Leben zu tun haben. Da kann ich persönlicher sein.

Wie meinen Sie das?

Weil keiner im Drehbuch entdecken kann, hinter welchen Rollen, Gefühlen oder Situationen ich selbst stecke. Hinter dieser Verkleidung ist es leichter, etwas von sich zu zeigen. Und ich habe kein Interesse daran, meine Verkleidungen preiszugeben.

Die Liebe ist ein zentrales Thema in all Ihren Filmen. Für „Cold Mountain“ haben Sie Ihre Familie für zehn Monate verlassen. Auch im Film geht es darum, dass sich zwei Liebende lange nicht sehen können.

Als ich „Cold Mountain“ gemacht habe, dachte ich nicht an Liebe. Ich dachte an Erlösung und eine Pilgerreise und die Odyssee und an das Buch Hiob. Was mich mehr interessiert hat, war die Beziehung zwischen den beiden Frauen…

…Sie meinen das Verhältnis von Ada und Ruby, die einander durch die Bürgerkriegsjahre helfen…

…mir gefällt diese Idee von gegenseitiger Unterstützung, von Freundschaft, von Gemeinschaft, von Großfamilie.

Sind Sie so aufgewachsen? Ihre Eltern stammen aus Italien.

Ja, ich war eins von vielen Kindern. Und um uns herum waren immer Eltern, Freunde, Großeltern.

Was ist sonst noch italienisch an Ihnen?

Alles. Ich bin viel mehr Italiener als Brite. Die Kunst, die Musik, der Film in Italien – das ist mir alles viel vertrauter als die britische Kunst, die so cool ist. Wenn Sie ein Messgerät in mich hineinstecken würden, es würde bestimmt „warm“ und „italienisch“ sagen.

Fühlen Sie sich in London als Außenseiter?

Ja, aber das war mein ganzes Leben so. Und dann bin ich ja auch noch auf dieser Insel neben der großen Insel England groß geworden, der Isle of Wight. Das macht es doppelt kompliziert. Eins der ersten Wörter, das ich gehört habe, war „Festland“. Es ging immer um die Trennung vom Festland und den Versuch, dorthin zu gelangen. Die Leute haben immer davon geredet, aufs Festland zu gehen. Es liegt nur fünf Meilen entfernt – und manche waren noch nie dort gewesen.

Wie sah damals ein normaler Insel-Samstag bei Ihnen aus?

Ich bin im Café meiner Eltern aufgewachsen. An einem normalen Nachmittag, während der Woche oder am Wochenende, habe ich im Café gearbeitet, jeden Tag. So bin ich auch das erste Mal ins Kino gekommen. Denn meine Eltern hatten eine kleine Eisfabrik und besaßen die Lizenz, im Kino Eis zu verkaufen. Das Kino lag drei Häuser neben unserem Café. Als ich alt genug war, zog man mir ein gelbes Jackett an, ich ging mit einem Tablett los und verkaufte Eis.

Sie gelten als Meister der großen Gefühle. Bei welchem Film mussten Sie als Kind weinen?

Meine Eltern erzählen, dass ich beim „Blauen Engel“, mit Marlene Dietrich, unglaublich geheult hätte. Sie waren an dem Tag unterwegs, und als sie zurückkamen, war ich völlig in Tränen aufgelöst. Die Stelle, als der alte Professor Unrat weint, konnte ich nicht ertragen. Es hat mir mein Herz gebrochen. Damals war ich sieben oder acht Jahre.

Warum? Weil der Professor ein Außenseiter ist?

Weil er so gedemütigt wird.

Muss die Liebe immer tragisch enden?

Ich denke nicht oft über die Liebe nach. Naja, offenbar stimmt das nicht, Sie sehen es ja in meinem Filmen.

Sie rühren Ihr Publikum zu Tränen. Wie machen Sie das?

Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich habe nie versucht, Gefühle bewusst zu steuern. Ich denke sowieso eigentlich nie über die Außenwelt nach. Manchmal denke ich, ich bin blind und taub. Ich kann es nicht erklären. Es fühlt sich immer an, als sei ich mitten in der Szene, die ich gerade drehe. Als sich Jude Law und Nicole Kidman in „Cold Mountain“ küssen sollten – da fühlte es sich für mich so an, als sei ich in diesem Kuss. Und das versuche ich dann zu beschreiben. Ich denke nicht darüber nach, wie das Bild hinterher aussehen wird, sondern wie sich der Kuss anfühlen muss. Ich sage meinen Schauspielern also: Hebt vom Boden ab. Hört auf, euer Gewicht zu spüren. Beim Drehen sind Jude Law und Nicole Kidman übrigens tatsächlich hingefallen – und die Kamera mit ihnen.

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