Zeitung Heute : Ich singe das Sandmännchen

Ihre Lieblingsmusik ist Punk, das Sandmannlied hat Maria Kwaschik dennoch gerne gesungen. Ihre Stimme war an dem Tag so schön rau. Wer steckt dahinter? Eine Serie von Nina Mallmann

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Einschlafen kann ich immer prima. Ich wache auch nachts nicht auf, wenn Vollmond ist. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Noch nie gehabt. Das kommt vielleicht daher, dass ich nicht sofort nach dem Sandmännchen ins Bett musste und aufbleiben durfte, so lange ich wollte. Ins Bett musste ich erst, wenn ich müde war. Meine Eltern waren da nicht so.

Gesungen habe ich schon, als ich noch im Kindergarten war, da war ich Mitglied im Chor der kirchlichen Gemeinde. Wir haben SingtheaterStücke aufgeführt – tja, und irgendwann, da war ich so neun oder zehn Jahre alt, kam ein bekannter Kinderlieder-Komponist, der mit meinem Vater befreundet ist, und hat mich vorsingen lassen. Meine Stimme hat ihm wohl gefallen. Ich erinnere mich noch gut daran, dass er mich manchmal nach der Schule abgeholt hat. Wir sind von Potsdam nach Berlin gefahren in ein kleines, privates Tonstudio und haben zusammen Lieder aufgenommen. Das hat großen Spaß gemacht. Meine Eltern fanden das auch gut, weil sie sehr musikalisch sind: Meine Mutter ist Klavierlehrerin, und ich spiele schon seit zehn Jahren Cello.

Irgendwann riss der Kontakt mit dem Komponisten ab. Ich bekam keine Aufträge mehr. Da habe ich gedacht: Was ist denn jetzt los? War aber nicht schlimm. Als ich elf war, kam plötzlich der entscheidende Anruf: Maria, hast du Lust, das Sandmännchen-Lied zu singen? Es hatte sich anscheinend jemand an mich erinnert. Ich war schon sehr, sehr stolz. Das ist schließlich eine große Ehre. Ich meine, das Sandmännchen-Lied! Gut, ein bisschen war es auch ein Job. Diesmal sind wir dann in ein viel größeres, professionelleres Tonstudio gefahren. Aufregend war das. Aber am schlimmsten war, dass ich ausgerechnet an diesem Tag total heiser und erkältet war. Ich hatte eine kratzige Stimme und war richtig krank. Es war nicht so perfekt. Das kann jeder heute hören, der meine Version des Sandmännchen-Lieds kennt. Wenn ich abends fern sehe, und ich zappe zufällig aufs Sandmännchen, schalte ich meistens schnell weg. An andere Einzelheiten kann ich mich nicht mehr richtig erinnern, das ist schließlich vier Jahre her.

Meine kleinen Cousinen und Cousins stört meine Heiserkeit allerdings wenig: Die lieben das Lied. Immer, wenn die abends vor dem Fernseher sitzen, schreien sie voll ’rum: Maria, das ist die Maria! Und dann singen sie mit. Das Gegenteil von Einschlafen also. Für die Kleinen bin ich schon ein Star. Das find’ ich voll süß. Sie wollen immer, dass ich für sie singe: Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit… Meine beiden älteren Brüder interessieren sich eher nicht dafür. Übrigens ist es überhaupt nicht uncool, Sängerin des Sandmännchen-Songs zu sein. Meine Freunde – jedenfalls die, die davon wissen – finden das gut und sind beeindruckt. Auch die von meiner Band kommen gut damit klar. Obwohl wir Punkrock machen, ich spiele Keyboard und Gitarre, manchmal singe ich auch. Ich gehe auf die Montessouri-Schule, und da treten wir nicht so oft auf. Obwohl wir eine gute Band sind.

Viele Leute sind regelrecht entzückt, wenn sie erfahren, dass ich es bin, die da Abend für Abend das Einschlaf-Lied singt. Da kann man mal sehen, wie beliebt und bekannt das Sandmännchen eigentlich ist – genauso wie „Die Sendung mit der Maus“ oder „Löwenzahn“ oder andere Kinder-Sendungen.

Streng genommen bin ich ja aus dem Kinderlieder-Alter längst raus. Ich mag Nirvana und die Ärzte, aber auch Beethoven. Eigentlich wäre es keine schlechte Idee, mal eine Punkrock-Version vom Sandmännchen-Lied aufzunehmen. Mal sehen.

Aufgezeichnet von Esther Kogelboom

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