Zeitung Heute : "Ich sollte schleunigst heiraten"

Frau Srbljanovic[Si] Sie haben einmal geschrieben[Si]

Bekannt wurde sie durch ihre Kriegstagebücher, die der "Spiegel" druckte. Für die "Süddeutsche Zeitung" ist die Theaterautorin Biljana Srbljanovic, 31, aus Belgrad eine der "intellektuellen Stimmen ihres Landes". Ihre Stücke "Belgrader Trilogie" und "Familiengeschichten. Belgrad" wurden von Milosevic-Regime abgesetzt - und gleichzeitig im Ausland mit Erfolg aufgeführt. An der Berliner Schaubühne inszenierte Thomas Ostermeier "Supermarket". Die "Frankfurter Allgemeine" feiert die Serbin als "Ausnahmeerscheinung", der "Spiegel" nennt sie einen "Star der Polit-Dramatiker".

Frau Srbljanovic, Sie haben einmal geschrieben, Sie seien ein Mensch, dem die Identität gestohlen wurde.

Es gab Krieg in Bosnien, Krieg in Kroatien, überall Krieg - natürlich verschwindet deine Identität dadurch. Man verliert die Kontrolle über das eigene Leben, jemand anderes entscheidet über Sein oder Nichtsein. Sogar über deinen Namen. Ich wurde nach meinem Nachnamen beurteilt. Srbljanovic ist ein serbischer Name. Wenn ich meinen Namen nenne, glauben die Leute sofort zu wissen, wer ich bin. Dabei ist es der Name meines Vaters. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Ich wurde die junge Dramatikerin aus Serbien, die gegen den Krieg kämpfte. Vor kurzem war ich bei der Premiere von "Supermarket" in Belgien, und im Programmheft lese ich als erstes den Satz: "Biljana Srbljanovic, in Opposition zu Milosevic ..." Ist dieser Mensch so wichtig, dass er immer noch meine Biografie bestimmt?

Wir wollen mit Ihnen darüber reden, was passiert, wenn der Krieg ins eigene Leben tritt. In Ihrem Fall hat er auf eine gewisse Art Ihre Karriere ermöglicht.

Naja, das heißt aber nicht, dass sich deshalb meine Probleme von alleine lösen. Ich reise ja sehr viel, und trotzdem habe ich immer noch Schwierigkeiten, ein Visum zu bekommen. Sie sollten meinen Pass sehen, er ist bunt wie ein Comic: So viele verschiedene Stempel, dass ich jedes Jahr einen neuen brauche. Obwohl ich schon oft in Deutschland war, werde ich bei jeder Einreise wieder gefilzt und muss Fragen nach dem Warum-Woher-Wohin beantworten. Als hätte ich Dope dabei.

Die Grenzbeamten haben Angst vor Ihnen?

Ich könnte ja einen gefälschten Pass haben, für immer hier bleiben wollen und die deutsche Wirtschaft ruinieren. Ich bin ein dunkler Typ, ich habe einen serbischen Pass ...

Aber immerhin keinen Vollbart.

Ich bin eine allein reisende Frau, die sind am gefährlichsten, weil sie Bomben bei sich haben. Die Grenzer denken so: Die lernt einen Typen kennen, der gibt ihr einen Kassettenrekorder mit, in dem eine Bombe steckt, und weil sie Single ist und ein bisschen dumm, nimmt sie den Kassettenrekorder ihres Freundes, der gar nicht ihr Freund ist, sondern ein Terrorist, besteigt das Flugzeug, das daraufhin in die Luft fliegt ... Ich sollte schleunigst heiraten.

Sie haben Milosevic als "Kapitalverbrecher" kritisiert, als er noch an der Macht war: "Für den Schrecken in Kroatien und in Bosnien, im Kosovo und in Serbien selbst ist er verantwortlich." Hatten Sie nie Angst?

Ich habe nur einmal um mein Leben gefürchtet. Ein bekannter Journalist, Slavko Curuvija, wurde auf der Straße erschossen. Zwei Tage vorher hatte ihn eine große Zeitung als Verräter bezeichnet. In derselben Zeitung erschien kurz darauf ein Artikel über mich. Das war der schlimmste Moment. Ich dachte: Oh, Gott, was mache ich jetzt? Andererseits war ich auch stolz, ich war ja in guter Gesellschaft.

Das klingt sehr naiv.

Vielleicht. Ein psychologischer Mechanismus, um Angst abzublocken.

Landsleute haben Sie als "deutsches Schwein" und "Italienerhure" bezeichnet.

Ich werde immer noch beschimpft. Ich gelte immer noch als diejenige, die angeblich die Bombardierung unseres Landes begrüßt hat und für die Nato war - nur weil ich in ausländischen Fernsehsendern und Zeitungen über mein Land geredet habe. Dieses Etikett hat mir die Milosevic-Regierung verpasst, und es klebt an mir. Da kann ich noch so oft erklären, dass ich auch nicht weiß, wieso meine Stücke im Ausland aufgeführt werden, dass mich dort keine geheime Macht fördert, und dass ich gegen die Bombardierung Jugoslawiens war. Ich gebe in Serbien auch keine Interviews mehr, weil es sinnlos ist. Ich gelte dort bei vielen als Verräterin.

Sie haben Serbien trotzdem nicht verlassen.

Ich wollte meine Eltern und meine Freunde nicht zurücklassen. Außerdem sind diese modernen Kriege nicht mit dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen, in dem ganze Städte zerbombt wurden. Es kann passieren, dass man in einem Restaurant sitzt, und eine Straße weiter ist Krieg. Man sieht den Krieg im Fernsehen, aber nicht, wenn man aus dem Fenster guckt.

Wann hat für Sie der Krieg aufgehört?

Das Ende ist klar, es war der 5. Oktober 2000, der Tag, den sie bei uns "Revolution" nennen. Mich interessiert viel mehr die Frage: Wann hat der Krieg angefangen? Ich kann es nicht sagen. Es gab nicht diesen einen Tag oder dieses eine Ereignis. Über Monate und Jahre schlich sich dieses Gefühl ein, dass das ganze Land abstürzt. Und plötzlich liegt man unten, am Boden, und weiß nicht, wann man gefallen ist.

Sprechen Sie von der Phase der Ernüchterung, nach dem Sturm auf das Belgrader Parlament vor anderthalb Jahren?

Ich war am 5. Oktober den ganzen Tag auf der Straße, fast 20 Stunden lang. Ich war erschöpft. Konnte es nicht glauben. Und dann wachst du am nächsten Morgen auf und stellst fest, dass du plötzlich keine Angst mehr hast.

Stattdessen...

Glück. Ich wurde fast hysterisch vor Glück. Ich habe allen Menschen, die mir irgendwann mal begegnet waren, E-Mails geschrieben. Ich wollte jedem zurufen: Alles hat sich geändert! Freiheit! Die Universität, an der ich Gast-Professorin bin, fing einen Monat nach dem 5. Oktober wieder an. Die Wahlen kurz darauf haben es bestätigt: Unsere Leute, die Oppositionsparteien, hatten gewonnen. Von diesem Moment an kehrten die Alltagsprobleme ein, die Phase der Ernüchterung, wenn Sie so wollen: politische Krisen, Probleme zwischen den beiden Fraktionen in der Regierung. Manchmal denke ich heute noch, morgen fliegt der Laden auseinander. Als Milosevic nach Den Haag ausgeliefert wurde ...

wo ihm mittlerweile der Prozess gemacht wird ...

hatte ich das Gefühl, alles könnte kollabieren, weil die Gesellschaft derart zerstritten war.

Laut Umfragen steigt Milosevics Popularität wieder, seitdem der Prozess im Fernsehen übertragen wird.

Und Sie dürfen eines nicht vergessen: Es gibt immer noch Kriegsverbrecher in der Polizei und in der Armee. Es kann immer noch zu Auseinandersetzungen kommen.

Im Nachkriegsdeutschland wurden viele hohe Beamte aus der Nazi-Zeit integriert. Ein höchst umstrittener Prozess, den aber selbst ein damaliger Kritiker wie Egon Bahr heute lobt.

Ich glaube auch, dass man nicht einfach tausende Beamte der alten Bürokratie entlassen kann. Die Proteste wären zu stark. Neulich war die ganze Stadt verstopft, weil die Bankangestellten gegen die Schließung ihrer Banken protestierten. Die Leute sind durchgedreht. Die ausländischen Banken tauchten ja als erste auf im neuen Stadtbild: Schweizer Banken wie Credit Suisse oder die Raiffeisen-Bank. Wenn man irgendwo ein gut beleuchtetes neues Gebäude sieht, ist es mit Sicherheit eine Bank. Vielleicht brauchen wir die auch, weil wir in den letzten zehn Jahren keine normalen Banken hatten: Jeder hat sein Geld daheim gebunkert. Es ist merkwürdig: Jetzt kann man zum ersten Mal sein Geld beruhigt zur Bank bringen, und gleichzeitig machen die einheimischen Pleite.

Sie kommen gerade aus Ihrer zerbombten Heimatstadt.

Sie haben da ein falsches Bild: Nicht alle Gebäude wurden zerstört, aber natürlich die Radiosender, Militär- und Regierungsgebäude im Zentrum, insgesamt vielleicht fünf oder sechs. Sie sind wie Mahnmale. Ich kann nicht mal mehr sagen, wie es davor aussah. Ich erinnere mich nicht.

Muss man sich das so vorstellen, dass inmitten der Innenstadt wie selbstverständlich Ruinen stehen?

Ja, und sie werden stehen bleiben. Es ist zu teuer, sie abzutragen und unmöglich, sie wieder aufzubauen. Sie müssen bedenken, dass Serbien zehn Jahre lang einem Wirtschaftsembargo unterlag. Man sieht überall alte Autos, alte Busse, lauter schäbige, kaputte Sachen. Seit dem Wechsel der Regierung beginnt man mit dem Aufräumen. Es gibt Spenden aus westlichen Ländern, zum Beispiel Busse oder Abfalleimer. Manchmal stehen Container auf den Straßen mit der Aufschrift: "Dies ist eine Spende aus Belgien." Die Busse und Straßenbahnen kommen, so viel ich weiß, aus Basel. Sie sind 30 Jahre alt und fahren prima. Die Stadt ist wie eine Zeitmaschine.

Wie hat sich das Stadtbild noch verändert?

Es gibt überall Schwarzmärkte, viele Menschen leben davon, dass sie Socken und Schokolade verkaufen. Und mitten drin stehen dann diese neuen Max-Mara-Läden, internationale Modeketten. In den Flugzeugen verschieben sie noch immer die Vorhänge - je nachdem wie viele Business-Class-Plätze sie verkaufen. Als ich letzten Monat nach Belgrad geflogen bin, war der Vorhang sehr weit nach hinten geschoben: Nur zehn Plätze Touristenklasse, der Rest war Business. Es scheint also etwas zu passieren.

Und das kulturelle Leben?

Das Gute an der Abschottung der letzten zehn Jahre ist, dass wir noch keine kommerzialisierte Gesellschaft sind, weil wir kein Geld hatten.

Aber die ersten Max-Mara-Läden sind schon da.

Natürlich gibt es Leute, die nur Seichtes wollen. Es hat aber Tradition bei uns, dass relativ viele Leute an intellektuellen Auseinandersetzungen interessiert sind. Es werden endlich wieder Bücher verlegt, neue und gute aus den USA oder Deutschland, die sofort übersetzt werden. Wir haben keine hohen Auflagen, in der Regel 500 oder 1000 Exemplare, denn Bücher sind teuer. Also gehen die Leute in Bibliotheken. Es ist auch ein gutes Zeichen, dass wir ein Rockmusik-Revival erleben. Unter Milosevic gab es nur diesen Schnulzenpop, unterstes Niveau, und nichts anderes, keine einzige Rockband war erlaubt. Jetzt ist da eine neue Generation sehr junger Leute, die sehr gute Musik machen. Popkultur entsteht. Die Witwe des Milizenführers Arkan, die Volkssängerin Ceca, ist kein Bestseller mehr. Die Bands singen übrigens meistens auf Serbisch. Nur wenige Bands benutzen eine Art gebrochenes Englisch. Die Belgrader Szene ist an den Rest der Welt noch nicht wirklich angeschlossen, die Globalisierung nimmt sich hier Zeit.

Und im Privaten? Haben sich nach dem Krieg etwa Freundschaften verändert?

Während der Bombardierungen haben natürlich alle zusammengehalten. Jetzt kümmern sich viele um ihre Karriere. Meine beste Freundin arbeitet mittlerweile für die Regierung, sie ist stellvertretende Kulturministerin. Wenn ich mit ihr telefonieren will, komme ich nie direkt durch. Also haben wir einen Code vereinbart, damit ich überhaupt zu ihr durchgestellt werde. Um mit meiner besten Freundin zu reden!

Ihre Freunde sind jetzt an der Macht, und auch Sie machen Karriere.

Kann sein, ja. Neulich fand ein Festival statt, zu dem auch der Premierminister Djindjic mit seiner Frau kam. Ich kenne ihn ja gut. Wir haben zehn Jahre in der Opposition miteinander zu tun gehabt. Wir stehen also im VIP-Bereich, und der Premierminister sagt "Hallo!". Ich antworte nicht. Und er fragt: "Gehst du mir aus dem Weg?" Ich antworte: Ja, irgendwie schon, weil Sie jetzt Premierminister sind. Ich kann mich nicht daran gewöhnen.

Er hat Sie geduzt, und Sie haben zurückgesiezt?

Ja.

Der Krieg war für Sie lange Zeit eine alltägliche Erscheinung. Wie weit ist er weg von Ihrem heutigen Leben?

Ich habe den Krieg sofort vergessen.

Vergessen? Das geht?

Es war schrecklich, wir waren alle verängstigt, Menschen starben. Ich weiß nicht, aber da muss ein Schalter in meinem Hirn sein, der einfach umgelegt wurde. Wenn Sie mich bitten würden, einen jener Tage zu beschreiben, ich könnte mich nicht mehr erinnern.

Sie wollen sich nicht mehr erinnern.

Vielleicht habe ich es absichtlich vergessen. Ich will auch nicht darüber reden. Es gibt Leute in Belgrad, die sind besessen vom Erzählen, aber die Mehrheit ist wie ich und will nicht darüber sprechen.

Warum nicht?

Es ist nicht, als ob es nie passiert wäre. Vielleicht wird man es nie vergessen, vielleicht wird man nie vergeben können. Es ist nicht leicht, darüber zu sprechen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Als wäre ich leer. Manchmal erinnere ich mich an kleine Dinge, die mich erschrecken, aber dann drehe ich mich um, und sie sind verschwunden.

Ob auf dem Balkan oder im Nahen Osten: Ist Versöhnung zwischen Tätern und Opfern möglich?

Stellen Sie sich bitte vor, in Ihrem Haus leben Leute, die auf den Schlachtfeldern waren, vielleicht jemanden getötet haben, und jetzt leben Sie mit denen. Wie gehen Sie damit um? Wenn ich in Deutschland durch die Straßen laufe und sehr alte Menschen sehe, denke ich, wo war der Typ 1943? Was hat der getan? War er für oder gegen die Nazis? Hat er jemandem geholfen oder nicht? Man fragt sich das im Stillen. Genauso ist es in Belgrad. Du gehst die Straße runter und fragst dich: Was hat der Typ getan? Und vielleicht fragt der sich das gleiche, wenn er mich sieht. Das Misstrauen wird nicht so schnell verschwinden.

Während des Krieges sind tausende Menschen nach Belgrad geflohen. Wie wird mit diesen Flüchtlingen umgegangen?

Die alte Regierung hat sie am Rand der Stadt und in Flüchtlingscamps außerhalb versteckt, aus Angst vor Auseinandersetzungen. Die Bevölkerung der Stadt tauscht sich gerade aus: Einerseits sind 200 000 Belgrader ins Ausland gegangen, und andererseits kamen 400 000 Flüchtlinge aus anderen Regionen zu uns. Manchmal gibt es deshalb Ärger, weil einige alte Belgrader denken: "Meine Kinder haben die Stadt wegen des Krieges verlassen, und ihr nehmt deren Platz ein? Das passt uns nicht!" Deshalb passiert es manchmal auf der Straße, dass Einheimische die Neuen beschimpfen: "You fucking Bosniak!"

Woher kommt dieser Hass?

Aus einer Verzweiflung heraus, denke ich. Auch wenn das überhaupt keine Entschuldigung ist. Neulich kam ich aus New York zurück. Ich liebe New York, ich liebe Amerika! Ich bin gegen den so genannten Anti-Terror-Krieg - aber als ich am Ground Zero stand, habe ich geweint und konnte das Motiv für den Krieg plötzlich viel besser verstehen. Zehn Stunden später war ich im Landeanflug auf Belgrad und sehe unter mir diese zerstörten Brücken. Da habe ich bei mir wieder gedacht: Das ist mein eigenes Land! Was ist mit uns?

Sie vergleichen die Anschläge vom 11. September mit dem Balkan-Krieg? Das ist nicht Ihr Ernst.

Nach der Premiere von "Supermarket" an der Schaubühne gab es ein Essen mit vielen Gästen. Wir unterhielten uns über New York, und ein Skandinavier sagte: Könnt ihr euch vorstellen, dass jemand den Potsdamer Platz bombardiert? Was würdet ihr tun? Ihr würdet doch sofort in den Krieg ziehen, oder nicht? Darauf ich: Belgrad, schon mal von Belgrad gehört? Da ist doch genau das passiert. Einige Leute sagten, das sei nicht das Gleiche. Wieso nicht? Sind wir keine Menschen? Sind unsere Leben weniger wert?

Frau Srbljanovic, was vermissen Sie am meisten in Ihrem Land?

Wir haben 45 Jahre Kommunismus und ein Jahrzehnt Milosevic hinter uns - die Menschen waren nie verantwortlich für sich selbst. Viele haben noch nicht kapiert, dass sich das geändert hat - dass man das Recht auf eine eigene Meinung hat. Und dass der Präsident kein Gott ist, dem man nicht widersprechen darf. Er ist ja nicht mal ein König.

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